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Das christliche Menschenbild und sein Einfluss auf die Politik

„Inwiefern spiegelt sich das christliche Menschenbild in der Politik der CDU in den Jahren 1949 bis 1969 innerhalb der Bundesrepublik Deutschland wieder?“

Bachelorarbeit 2009 43 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung – Das Menschenbild im säkularen Staat

2. Das christliche Menschenbild
2.1. Die Würde des Menschen und die Ebenbildlichkeit Gottes
2.2. Die Freiheit und die Verantwortung des Menschen
2.3. Nächstenliebe und Soziale Gerechtigkeit – Das Prinzip der Solidarität und Subsidiarität
2.4. Die Ziele und Maßstäbe eines christlich geprägten Lebens
2.5. Zusammenfassung

3. Das Menschenbild der CDU
3.1. Das christliche Menschenbild in der Politik der CDU
3.2. Die historischen Wurzeln der CDU
3.3. Die Entwicklung der CDU zur Bundespartei – Erfolg, Krisen und Konflikte
3.4. Rekonstruktions-und Wiederaufbaupolitik in den Jahren 1949 bis 1953
3.5. 1954 bis 1961 – Die Jahre der Ausbauphase und der Wahlklientelpolitik
3.6. Die Modernisierung der Gesellschaft ab 1962
3.7. Exkurs: Die Grund- und Menschenrechte
3.8. Die Politik der CDU – christlich, demokratisch, konfessionsübergreifend

4. Das christliche Menschenbild als Politikgrundlage der CDU
4.1. Die Grundwerte christlicher Politik
4.2. Die CDU – Im Spannungsfeld zwischen christlichem Menschenbild und politischer Realität
4.3. Die Soziale Marktwirtschaft
4.4. Christliche Politik im säkularen Staat der Bundesrepublik Deutschland
4.4.1. Die Ehe- und Familienpolitik
4.4.2. Die Schulpolitik
4.5. Fazit

5. Ergebnis und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abstract zur Bachelorarbeit

Schriftliche Erklärung

1. Einführung – Das Menschenbild im säkularen Staat

Der Begriff des Welt- bzw. des Menschenbildes ist ein vielschichtig gebrauchter und breit angelegter Terminus, welcher den Menschen in seiner Entwicklungsgeschichte stets begleitete. Die Beantwortung der Fragestellungen nach der Definition, der Bestimmung und dem Sinn des menschlichen Daseins stehen hier im Mittelpunkt der Betrachtung. Das Weltbild, welches unser Verhalten gegenüber anderen Gemeinschaftsmitgliedern maßgeblich bestimmt, wurde seit der Antike in einem starken Umfang von den gesellschaftlichen bzw. historischen Entwicklungslinien geprägt und unterlag folglich vielfältigen inhaltlichen Veränderungen im Verlauf der Geschichte. Somit besitzt jede Epoche ihr eigenes Bild vom Menschen.1

Die Suche nach identitätsstiftenden Grundsätzen und Grundlagen, welche durch das Menschenbild geschaffen und legitimiert werden, hat bis in die heutige Zeit nichts an seiner Aktualität verloren. Gerade die Politik des 21. Jahrhunderts muss sich mit Fragestellungen, wie der terroristischen Bedrohung und der damit einhergehenden neuen Macht der Religion, dem Verhältnis von Staat und Kirche in einer säkularisierten2 Gesellschaft, der drängenden Reform von den sozialen Sicherungssystemen und der Neuausrichtung von Familienpolitik, der Einschränkungen von wirtschaftlicher Macht- und Handlungsoptionen für Unternehmen im Angesicht der Weltwirtschaftskrise oder auch mit der Frage nach der Definition des Menschen im biotechnologischen Zeitalter und den damit verbundenen Diskussionen um eine mögliche Stammzellenforschung zur verbesserten medizinischen Versorgung der Allgemeinheit auseinandersetzen. Eine mögliche Grundlage für die Beantwortung dieser aufgezeigten Herausforderungen kann sich auf der Basis des christlichen Menschenbildes stützen.

Jedoch erscheint eine christlich orientierte Politik in unserer heutigen modernen Gesellschaft, in welcher sich der religiöse Wertekanon und das politische Handeln scheinbar unvereinbar gegenüberstehen, veraltet. Die Besinnung auf bestimmte Grundwerte im Zeitalter einer stetig zunehmenden mitleidslosen und egoistischen Politikauffassung ist allerdings unabdingbar. Eine Verantwortungsethik mit Gottesbezug und eine christliche Wertorientierungen scheinen hier der Ausweg, um den schleichenden Zerfall der Solidargemeinschaft entgegenzuwirken.3

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Sowohl die Neudefinition von Werten und Normen als auch die Suche nach identitätsstiftenden Grundsätzen, welche in der Lage waren, die deutsche Gesellschaft nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und der damit einhergehenden bedingungslosen Kapitulation des Nationalsozialistischen Reiches im Jahr 1945 zusammenzuhalten, stellten insbesondere in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland einen essentiellen Bestandteil der Politik dar. Da sich die Gründungsväter der CDU nicht wie die Repräsentanten anderer Parteien auf vorangegangene Parteitraditionen der Weimarer Republik berufen konnten, versinnbildlichte die Gründung der CDU im Jahr 1945 in den verschiedenen Gebieten Deutschlands und das damit verbundene Programm diesen politischen Neuanfang.4

Innerhalb der Bundesrepublik Deutschland vertritt die CDU eine an christlichen Werten und Normen orientierte Politik. Bereits der Name: „Christlich-Demokratische Union“ symbolisiert die Verbundenheit des Politikverständnisses mit der christlichen Weltanschauung. Die christliche Demokratie versucht mit Hilfe von religiösen Prinzipien das Zusammenleben in der Gesellschaft zu regeln und sieht sich somit als Verfechter einer Politik aus christlicher Verantwortung. Jedoch traten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland große Schwierigkeiten hinsichtlich der Verwirklichung von christlichen Normen und Werten im praktischen politischen Handeln auf.5

Die Fragestellung, die in diesem Zusammenhang aufgeworfen wird, spiegelt sich durch die Problematik, wie es überhaupt möglich ist, Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes bzw. auf dem Begriff des „Christlichen“ im heutigen säkularen Staat zu legitimieren und aus welchen Gesichtspunkten sich eine Politik des christlichen Glaubens mit der Weltanschauungsneutralität unseres Verfassungsstaates verträgt, wieder. Das daraus resultierende Spannungsverhältnis zwischen der christlichen Weltanschauung und der pragmatischen Politik steht im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen. Insbesondere die Auslegung des biblischen Menschenbildes durch die CDU und die Bedeutung der darin enthaltenden christlichen Werte und Normen auf die praktische Politik der CDU spielt für die Beantwortung dieser Thematik eine wesentliche Rolle.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich auf der Grundlage dieser Überlegungen mit der Fragestellung: „Inwiefern spiegelt sich das christliche Menschenbild in der Politik der CDU

in den Jahren 1949 bis 1969 innerhalb der Bundesrepublik Deutschland wieder?“

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Dieser Zeitraum wurde gewählt, weil er im Besonderen die Anfangsjahre einer Partei, welche maßgeblich die Politik in der neugegründeten Bunderepublik Deutschland bestimmte, darstellt. Im Menschenbild der frühen CDU spiegelt sich sowohl das Neue als auch das traditionelle Denken dieser Partei wieder. Auf diese Weise kann die Entstehung der CDU und der Einfluss ihres christlichen Parteiprogramms auf das deutsche Politikgeschehen mit der Gründungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland vergleichend behandelt werden.

Der Hauptteil dieser Arbeit fokussiert sich auf die Erörterung des Einflusses von christlich-religiös geprägten Werten und Normen auf das Politikverständnis der CDU in den Jahren 1949-1969 bezüglich der Verwirklichung des christlichen Menschenbildes innerhalb der deutschen Gesellschaft. Um eine zufrieden stellende Antwort auf diese Problematik zu erhalten, wird zunächst sowohl auf das christliche Menschenbild als auch auf die Parteiprogramme der CDU und die daraus resultierende Politik in den Jahren 1949 bis 1969 detailliert eingegangen. Schwerpunktmäßig werden hier die einzelnen Dimensionen des christlichen Menschenbildes, welche durch die Würde des Menschen, die Ebenbildlichkeit Gottes, die Verantwortung des Menschen für sein Handeln und durch die Nächstenliebe symbolisiert werden, hervorgehoben.

Im Anschluss werden zunächst einführend die historischen Grundlagen der Parteigründung der CDU aufgegriffen, um anschließend die Gesetzgebung der CDU in den Jahren 1949-1969 im Hinblick auf die Errichtung einer Sozialen Marktwirtschaft und die Ausgestaltung der Ehe- Familien- und der Schulpolitik bewerten zu können. Hauptsächlich wird hier somit die Sozial- und Wirtschaftspolitik der CDU geprüft. Die Außenpolitik findet nur dann Erwähnung, insofern diese für oben genannte Bereiche Auswirkungen entfaltet hat.

Nachfolgend liegt die gesonderte Betrachtung auf dem Spannungsverhältnis von christlicher Politik hinsichtlich ihrer Verwirklichung innerhalb eines säkularen Staates, um auf dieser Grundlage das christliche Menschenbild als Politikgrundlage genauer beurteilen zu können. Im Speziellen werden sowohl Übereinstimmungen als auch Gegensätzlichkeiten zwischen der Politik bzw. dem Politikverständnis der CDU und der christlichen Weltanschauung herausgearbeitet. In diesem Kontext wird die Parteipolitik der CDU am Beispiel der Sozialgesetzgebung und der sozialen Marktwirtschaft mit den Anforderungen des christlichen Menschenbildes verglichen, um infolgedessen die Vereinbarkeit des christlichen Menschenbildes mit der praktischen Politik der CDU abschließend differenziert beurteilen zu können. Mit dieser Erörterung ist der Ausgangspunkt für eine kritische Beantwortung der Fragestellung nach dem Einfluss des christlichen Menschenbildes auf die Politik der CDU in den Jahren 1949 bis 1969 innerhalb der Bundesrepublik Deutschland geschaffen.

Um eine Überfrachtung dieser Arbeit zu vermeiden, werden die beiden Schwesterparteien: CDU und CSU in den nachfolgenden Betrachtungen zusammenfassend dargestellt. Auf eine explizite Erläuterung der politischen Grundsätze und Leitlinien der CSU wird verzichtet, da die Gründungsgeschichte, das Politikverständnis, die -ziele und die -inhalte der CSU unweigerlich mit jener der CDU verbunden sind. Beide stellen interkonfessionelle Parteien, in denen die Grundsätze eines christlich-demokratisch geprägten Rechtsstaates vertreten werden, dar. Die abweichende Bezeichnung ist lediglich dem relativen Unabhängigkeitsstreben innerhalb Bayerns verschuldet.6 In diesem Zusammenhang findet ebenso keine gesonderte Betrachtung von katholischen und evangelischen Strömungen statt. Weiterhin wird lediglich auf die Bundespolitik bzw. auf das gesamtdeutsche Politikverständnis der CDU eingegangen. Sowohl die Entwicklungen in der sowjetischen Besatzungszone und der daraus hervorgetretenen Deutschen Demokratischen Republik als auch die Einflüsse des christlichen Menschenbildes auf die Politik in anderen europäischen Staaten werden nicht geprüft.

Um der aufgezeigten Fragestellung gerecht zu werden, ist sowohl eine vielschichtige als auch breit gefächerte Primär- und Sekundärliteratur erforderlich. Im Besonderen findet hier das Werk von Marcus Holz: „Christliche Weltanschauung als Grundlage von Parteipolitik“7, in welchem der Autor die Politik der CDU- Regierung innerhalb der Jahre 1945 bis 1950 aus dem Gesichtspunkt des christlichen Menschenbildes beschreibt, Beachtung. Die Primärliteraturangabe wird nicht nur durch die Schrift von Diana de Pay: „Sind die Ziele der christlichen Ethik mit den Zielen der Sozialen Marktwirtschaft vereinbar?“8, sondern ebenso durch die Veröffentlichung von Wulf Schönbohm: „Die Geschichte der CDU“9, vervollkommnet. Desweiteren wird in dieser Arbeit auf die Aufsatzsammlung von Hans Zehetmair: „Politik aus christlicher Verantwortung“10, in welcher die Politik der CDU im Kontext zu den Werten und Normen des christlichen Menschenbildes gesetzt wird, Bezug genommen.

Neben diesen symbolisiert die Bibel innerhalb der christlichen Gemeinschaft, ein wichtiges Instrument, an welchem sich das Handeln und Leben der Menschen orientiert. Dieses, bereits

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seit mehreren Jahrtausenden bestehende Dokument, wird sowohl im „Katechismus der Katholischen Kirche“11 als auch im „Kompendium der Soziallehre der Kirche“12 aufgegriffen und durch grundlegende Aussagen zum christlichen Menschenbild bzw. zur Stellung des Menschen in der Gemeinschaft ergänzt. Daher sind auch diese beiden Quellen im Besonderen geeignet, um im Folgenden das christliche Menschenbild und die daraus resultierenden Anforderungen für den einzelnen Menschen aufzuzeigen. Desweiteren stützt sich diese Arbeit auf die Programme, Dokumentationen und Publikationen der CDU in den Jahren 1949 bis 1969.

Hauptsächlich wird hier somit Literatur aufgegriffen, welche noch von keinen subjektiven Statements anderer Autoren behaftet ist und demzufolge unverfälscht die politische Situation innerhalb der CDU wiederspiegelt. Die methodische Grundlage für die Anfertigung dieser Arbeit ist die Textanalyse, der oben aufgeführten Schriften. Die aufgeführte Sekundärliteratur dient dem Quellenachweis und stellt eine fächerübergreifende Ergänzung im Hinblick auf die Bearbeitung der aufgeführten Thematik dar.

2. Das christliche Menschenbild

„Grund, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen ist die menschliche Person und muss es sein.“13

Dieses Zitat stellt deutlich den Eigenwert des menschlichen Individuums als Subjekt heraus. Der Mensch darf folglich niemals als bloßes Mittel zum Zweck missbraucht werden, sondern er stellt allzeit den Selbst-bzw. Endzweck jeglichen Handelns dar.

Diese christliche Auffassung des Menschen als Person und Wesen Gottes widersprach jedoch nicht nur den antiken und mittelalterlichen Herrschaftsvorstellungen, sondern auch den Grundsätzen späterer Ideologien wie dem Nationalsozialismus oder dem Kommunismus. Auch das heutige kapitalistische Denken wird zunehmend vom Bild des „homo oeconomicus“, dessen Handeln am Kosten-Nutzen-Kalkül ausgerichtet ist, bestimmt. Der Mensch in unserer heutigen modernen Gesellschaft ist somit scheinbar zeitlebens der Gefahr ausgesetzt, in Situationen wie der Altersarmut zu geraten, durch welche er nicht mehr in der Lage ist, eine Leistung in Form von Steuern oder Arbeit für die Gesellschaft zu erbringen.14

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Die Lehren des Christentums, welche bindende Verhaltensgrundsätze innerhalb des christlichen Menschenbildes darstellen, tragen in einem hohen Maße dazu bei, dass jedem Bürger ein Anrecht auf ein menschenwürdiges Dasein insbesondere im Alter, bei Behinderung oder bei Krankheit zuteil wird. Das christliche Menschenbild charakterisiert den Menschen als ein selbstbestimmtes Kulturwesen, welches seine Entscheidungen und Handlungen frei von jeglicher Bevormundung treffen kann. Jedoch muss der Mensch gegenüber Gott und seinem Gewissen Rechenschaft für sein Verhalten ablegen. Die Freiheit des Menschen ist daher unweigerlich mit dem Begriff der Verantwortung verbunden.15

Diese christliche Verantwortlichkeit jedes einzelnen Menschen erschließt sich aus seiner Gottesebenbildlichkeit und der daraus resultierenden menschlichen Würde, der Fähigkeit Verantwortung zu tragen und der Begabung soziale Gerechtigkeit, welche im Besonderen durch die Nächstenliebe und die Überwindung von egoistischen Denken bzw. Handeln gekennzeichnet wird, zu verwirklichen.16

Im Folgenden werden diese Elemente der christlichen Verantwortung, auf dessen Grundlage das christliche Menschenbild beruht, näher erörtert.

2.1. Die Würde des Menschen und die Ebenbildlichkeit Gottes

„Die Würde des Menschen wurzelt in seiner Erschaffung nach Gottes Bild und Ähnlichkeit.“17

Dieser angeführte Ausspruch bringt die absolute Unverzichtbarkeit der menschlichen Würde als Resultat seiner Gottesebenbildlichkeit zum Ausdruck und versinnbildlicht infolgedessen die Grundlage des christlichen Menschenbildes.

Das christliche Menschenbild definiert den Menschen als ein nach Gottes Ebenbild und Gleichnis geschaffenes Wesen. Er ist ein „imago dei“. Diese Gottesebenbildlichkeit initiiert die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und ist untrennbar mit der Würde des Menschen verbunden.18

Der universale Charakter dieser, dem Menschen von Gott geschenkten Gütern, verweist deutlich auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau innerhalb der Heiligen Schrift. Beide

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besitzen die menschliche Würde, aus welcher die gleichen Rechte und Pflichten entstehen. Die Einheit und Gleichwertigkeit von Mann und Frau ist somit ein essentielles Merkmal innerhalb des christlichen Menschenbildes.19 Aus diesem gottesähnlichen Wesen lassen sich ebenfalls der selbstbestimmte Geist, die Vernunft und der freie Wille des menschlichen Individuums begründen. Diese besondere Stellung verpflichtet den Menschen jedoch, sein soziales Verhalten an den Maßgaben und Vorstellungen von Gott auszurichten. Sein gesamtes Leben und Handeln ist daher an Gott gebunden. Die Menschenwürde macht demgemäß das Menschsein aus und impliziert die Gleichheit der Menschen untereinander.20

Sowohl die Menschenwürde als auch die Gottesebenbildlichkeit sind substanzielle Merkmale des Menschen. Insbesondere die Menschenwürde stellt ein universelles, unveräußerliches, unverjährbares, vorpositives, individuelles und moralisches Recht dar.21

Auf der Grundlage dieser Betrachtungen betreffs der Würde und der Gottesebenbildlichkeit des Menschen werden im Folgenden die Freiheit und die Verantwortung des Menschen, welche untrennbar mit dem menschlichen Wesen und der christlichen Weltanschauung verbunden sind, dargestellt.

2.2. Die Freiheit und die Verantwortung des Menschen

„Durch seine Freiheit soll der Mensch in Wahrheit und Güte wachsen und reifen. Die Freiheit erreicht dann ihre Vollendung, wenn sie auf Gott, unsere Seligkeit, ausgerichtet ist.“22

Diese Worte stellen deutlich die von Gott gegebene Handlungsfreiheit jedes einzelnen Menschen heraus. Innerhalb des christlichen Menschenbildes entfaltet der Freiheitsbegriff eine große Bedeutung für das menschliche Zusammenleben.23

Jedoch wird der Mensch in dieser Freiheit durch göttliche Gebote und Normen eingeschränkt. Im Besonderen das Gewissen, welches das vom Schöpfer gegebene Gehör für göttliche Gebote darstellt, ist das Symbol für diesen normativen Anspruch jedes einzelnen Menschen.24

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Das Gewissen, welches diesen Verantwortungsbegriff bestimmt, folgt der „Goldenen Regel des Zusammenlebens“:

„Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch.“25

Obwohl die Erbsünde den Menschen in dieser Wahrnehmung göttlicher Eingebung negativ beeinträchtigt, stellt das Gewissen dennoch einen belangvollen Maßstab und eine Richtlinie für das menschliche Handeln, im Sinne Gottes, dar. Die Freiheit des Menschen ist folglich stets an den christlichen Lehren, welche von Gott geschaffen wurden und sich im menschlichen Gewissen wiederspiegeln, gebunden. Vor diesen Instanzen muss der Mensch Verantwortung für sein Handeln übernehmen und seine Lebensweise an ihren Normen messen lassen.26

Der christliche Glaube veranschaulicht daher die Grundlage jeglicher menschlicher Selbstbestimmung und den Ursprung für ein verantwortungsvolles Leben im Sinne von Gottes Geboten.27

2.3. Nächstenliebe und Soziale Gerechtigkeit – Das Prinzip der Solidarität und Subsidiarität

Nachdem in den vorangegangenen Betrachtungen auf die Ebenbildlichkeit Gottes, auf die Menschenwürde, auf die Freiheit des Menschen und auf die damit verbundene Verantwortungspflicht des Menschen für sein Handeln genauer eingegangen wurde, steht im Anschluss die Nächstenliebe im Mittelpunkt der Darstellung. Im Besonderen wird hier auf das Prinzip der Solidarität und der Subsidiarität eingegangen.

Aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und der damit einhergehenden persönlichen Beziehung des Menschen zu Gott ergibt sich der Auftrag nach der gegenseitigen Nächstenliebe und der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit innerhalb der christlichen Gemeinschaft. Die Schaffung eines Systems, welches ein menschenwürdiges Dasein für alle Gesellschaftsmitglieder ermöglicht, trägt somit die Erfüllung von Gottes Anspruch in sich.28

„Am vollständigsten wird das Gemeinwohl in jenen politischen Gemeinschaften verwirklicht, die das Wohl der Bürger und der kleineren Gemeinwesen schützen und fördern, ohne das allgemeine Wohl der Menschheitsfamilie zu vergessen.“29

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Die Grundelemente innerhalb der christlichen Soziallehre werden durch das Solidaritäts- und das Subsidiaritätsprinzip, welche dem Wohl der gesamten Gemeinschaft dienen, dargestellt. Der Solidaritätsbegriff umfasst die Verantwortung und die Aufopferungsbereitschaft des Einzelnen für das Allgemeinwohl ohne Berücksichtigung von persönlichen Interessen. Das Subsidiaritätsprinzip hingegen sichert dem Bürger ein von der Allgemeinheit zur Verfügung gestelltes Existenzminimum, wenn dieser nicht mehr in der Lage ist sich selbst zu versorgen, zu.30

„Eine übergeordnete Gesellschaft darf nicht so in das innere Leben einer untergeordneten Gesellschaft dadurch eingreifen, daß sie diese ihrer Kompetenzen beraubt. Sie soll sie im Notfall unterstützen und ihr dazu helfen, ihr eigenes Handeln mit dem der anderen gesellschaftlichen Kräfte im Hinblick auf das Gemeinwohl abzustimmen.“31

Der Mensch soll durch diese dargestellten Sozialprinzipien zu Selbst- bzw. Eigenständigkeit und zum verantwortungsbewussten Handeln im Sinne von christlichen Normen erzogen werden. Aufgaben, welche der individuelle Mensch bzw. die kleinere Gemeinschaftseinheit zu leisten im Stande ist, werden jedoch nicht von der nächst größeren Institution übernommen.32/33 Es wird somit kein totaler Versorgungsstaat, welcher eine Abhängigkeit des Bürgers zum Staat implizieren würde, geschaffen. Auf diese Weise beschränken das Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip die staatliche Macht und schützen sowohl die persönliche Freiheit als auch die Individualität des Menschen.33

Demzufolge bleibt zusammenfassend festzuhalten, dass die christliche Weltanschauung eine Gesellschaft fordert, welche vom Solidaritäts- und Subsidiaritätsgedanken der Menschen untereinander und von der gegenseitigen Unterstützung der einzelnen Bürger geprägt ist. Das

Wesen der christlichen Gemeinschaft ruht also einerseits auf dem Freiheitsbegriff, welcher untrennbar mit der Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber Gott verbunden ist und andererseits auf dem Solidaritäts- bzw. Subsidiaritätsprinzip, dessen Erfüllungspflicht sich aus

der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen und der damit einhergehenden Bindung an Gott herleitet.34

[...]


1 Vgl. Müller, Gerhard (Hrsg.), Theologische Realenzyklopädie, Bd. XXII, Berlin u.a. 1992, 458/459.

2 Der Begriff Säkularisierung meint die Trennung von Religion und Staat innerhalb der Gesellschaft. Der moderne Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland identifiziert sich mit keiner Religion, sondern vertritt eine weltanschauliche Neutralität, in welcher sowohl die positive als auch die negative Religionsfreiheit durch das Grundgesetz garantiert wird. Vgl. Lübbe, Hermann, Säkularisierung. Geschichte eines ideenpolitischen Begriffs, 3. Aufl., Freiburg 2003, 134-157.

3 Vgl. Möller, Horst, Hanns Seidels christliches Menschenbild als Grundlage politischen Handelns; in: Zehetmair, Hans (Hrsg.), Politik aus christlicher Verantwortung, 1. Aufl., Wiesbaden 2007, 85-95.

4 Vgl. Schönbohm, Wulf, Die Geschichte der CDU. Programm und Politik der Christlichen Union Deutschlands seit 1945, Bonn 1985, 7-9.

5 Vgl. Seidel, Hanns, Weltanschauung und Politik. Ein Beitrag zum Verständnis der Christlich-Sozialen Union in Bayern, München 1960, 12.

6 Vgl. Schönbohm, Wulf, Die Geschichte der CDU. Programm und Politik der Christlichen Union Deutschlands seit 1945, Bonn 1985, 28-32.

7 Vgl. Holz, Marcus, Christliche Weltanschauung als Grundlage für Parteipolitik. Eine Analyse des genuin Christlichen in der frühen CDU/CSU (1945-50) aus der Betrachtung des christlichen Menschenbildes und seiner ideengeschichtlichen Hintergründe, Dissertation, München 1992.

8 Vgl. Pay, Diana de, Sind die Ziele der christlichen Ethik mit den Zielen der Sozialen Marktwirtschaft vereinbar?, Freiberg 1998.

9 Vgl. Schönbohm, Wulf, Die Geschichte der CDU. Programm und Politik der Christlichen Union Deutschlands seit 1945, Bonn 1985.

10 Vgl. Zehetmair, Hans (Hrsg.), Politik aus christlicher Verantwortung, 1. Aufl., Wiesbaden 2007.

11 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche. Neuübersetzung aufgrund der Editio typica Latina, München 2003.

12 Vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 2. Aufl., Freiburg u.a. 2004.

13 GS 25, 1.

14 Vgl. Marx, Reinhard/ Wulsdorf Helge, Christliche Sozialethik. Konturen – Prinzipien – Handlungsfelder, Paderborn 2002, 280/281.

15 Vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 2. Aufl., Freiburg u.a. 2004, 112-114.

16 Vgl. Holz, Marcus, Christliche Weltanschauung als Grundlage für Parteipolitik. Eine Analyse des genuin Christlichen in der frühen CDU/CSU (1945-50) aus der Betrachtung des christlichen Menschenbildes und seiner ideengeschichtlichen Hintergründe, Dissertation, München 1992, 121-134.

17 Katechismus der Katholischen Kirche. Neuübersetzung aufgrund der Editio typica Latina, München 2003, 457.

18 Vgl. GS 1, 28.

19 Vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 2. Aufl., Freiburg u.a. 2004, 118-121.

20 Vgl. Rauscher, Anton (Hrsg.), Christliches Menschenbild und soziale Orientierung, Köln 1993, 14-18.

21 Vgl. Höver, Gerhard, Menschenrechte; in: Eicher, Peter (Hrsg.), Neues Handbuch Theologischer Grundbegriffe, Neuausgabe, München 2005, 52-60.

22 Katechismus der Katholischen Kirche. Neuübersetzung aufgrund der Editio typica Latina, München 2003, 463.

23 Vgl. Elert, Werner, Die Lehre des Luthertums im Abriss, Erlangen 1978, 3.

24 Vgl. Holz, Marcus, Christliche Weltanschauung als Grundlage für Parteipolitik. Eine Analyse des genuin Christlichen in der frühen CDU/CSU (1945-50) aus der Betrachtung des christlichen Menschenbildes und seiner ideengeschichtlichen Hintergründe, Dissertation, München 1992, 36/37.

25 MT 7, 12.

26 Vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 2. Aufl., Freiburg u.a. 2004, 112-114.

27 Vgl. Hirsch, Emanuel, Christliche Rechenschaft, Neuausgabe, Tübingen 1989, 296.

28 Vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 2. Aufl., Freiburg u.a. 2004, 134-137.

29 Katechismus der Katholischen Kirche. Neuübersetzung aufgrund der Editio typica Latina, München 2003, 498.

30 Vgl. Baumgartner, Alois/ Korff, Wilhelm, Sozialprinzipien als ethische Baugesetzlichkeiten moderner Gesellschaften. Personalität, Solidarität und Susidiarität; in: Korff, Wilhelm u.a. (Hrsg.): Handbuch der Wirtschaftsethik Verhältnisbestimmung von Wirtschaft und Ethik, Bd. I, Gütersloh 1999, 225-237

31 Katechismus der Katholischen Kirche. Neuübersetzung aufgrund der Editio typica Latina, München 2003, 493

32 Vgl. Baumgartner, Alois, Solidarität; in: Heimbach-Steins, Marianne (Hrsg.), Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch, Bd. I Grundlagen, Regensburg 2004, 283-292

33 Vgl. Bohrmann, Thomas, Subsidiarität; in: Heimbach-Steins, Marianne (Hrsg.), Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch, Bd. I Grundlagen, Regensburg 2004, 293-301.

34 Vgl. Dietz, Berthold/ Frevel, Bernhard, Sozialpolitik Kompakt, 1. Auflage, Wiesbaden 2004, 63.

Details

Seiten
43
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656011170
ISBN (Buch)
9783656010319
Dateigröße
838 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178843
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Theologie und Ethik
Note
1,5
Schlagworte
Würde des Menschen Solidarität Subsidiarität Politik der CDU Ebenbildlichkeit Gottes Katechismus der Katholischen Kirche Kompendium der Soziallehre der Kirche

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Titel: Das christliche Menschenbild und sein Einfluss auf die Politik