Lade Inhalt...

Unterricht in jahrgangsgemischten Lerngruppen

Welcher Faktoren bedarf es zum Gelingen von Unterricht in altersheterogenen Lerngruppen?

Seminararbeit 2010 16 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Reformpädagogische Tradition des Lernens in altersheterogenen Gruppen

3 Altersgemischtes Lernen aus heutiger Sicht
3.1 Heutige Schulmodelle zum „Altergemischtes Lernen“
3.1.1 Das Eingangsstufenmodell
3.1.2 Das Vierklassen-Modell
3.1.3 Das Reformmodell
3.1.4 Das reduzierte Jena-Plan-Modell
3.1.5 Das Strukturmodell der Jena-Plan-Schule in Jena
3.2 Begründungsfelder für das Lernen in altersgemischten Gruppen
3.2.1 Pädagogische Aspekte
3.2.2 Didaktische Aspekte
3.2.3 Soziale Aspekte
3.2.4 Pragmatische Aspekte
3.3 Zusammenfassung förderlicher Faktoren

4 Fazit

5 Quellen

1 Einleitung

„Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere eine Schule. Das Curriculum bestand aus Rennen, Klet- tern, Fliegen und Schwimmen, und alle Tiere wurden in allen Fächern unterrichtet. Die Ente war gut im Schwimmen, besser sogar als der Lehrer. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Fach so schlechte Noten hatte, musste sie nachsitzen und den Schwimmunterricht ausfallen lassen, um das Rennen zu üben. Das tat sie so lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war.(…) Der Adler wurde als Problemschüler angesehen (…).Das Eichhörnchen war Klassenbester im Klet- tern, aber sein Fluglehrer ließ seine Flugstunden am Boden beginnen, anstatt vom Baumwipfel herun- ter.(…) Am Ende des Jahres hielt ein abnormaler Aal, der gut schwimmen und etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als Schulbester die Schlussansprache.“ (Bönsch 1997, S.233)

Die Aussage der, von Manfred Bönsch verfassten, Fabel „Das Konzept individueller Unterschiede“ ähnelt der heutigen Situation in vielen deutschen Klassenzimmern. Alle Schüler[1] gleichen Jahrgangs werden zu Klassen zusammengefasst und nach den selben Curricula unterrichtet. Es wird gefordert, dass alle zur selben Zeit die selben Lernziele erreichen.

Als Folge dessen sind schlechte Noten, Schulversagen und Sitzenbleiben zu nen- nen, deren daraus resultierende Schwierigkeiten Schüler oft ein Leben lang beglei- ten.

Für Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts ist vielerorts kaum Platz in der Stundentafel vorgesehen.

Bildungsstandards legen fest, was die Kinder einer Jahrgangsklasse zum Schuljahresende gelernt haben sollen. Durch einheitliche Tests wird abschließend überprüft, ob alle die vorgeschriebenen Ziele und somit das Klassenziel erreicht haben. Jedoch weisen nicht alle Schüler die selben Lernausgangslagen und Lernvorrausetzungen auf. Deshalb ist jeder, der aus unterschiedlichsten Gründen den Anforderungen nicht entspricht, ein Verlierer dieses Systems.

Es scheint, als ob gerade der Versuch, durch altershomogene Jahrgangsklassen, eine zu große Differenz der Lernausgangslagen von Schülern zu verringern, dieses vorliegende Dilemma noch vergrößert, anstatt eine befriedigende Lösung zu erzielen. Demnach wäre der mögliche Schlüssel zur Lösung dieses Problems, die Schaffung einer Lernumgebung, in der jeder Schüler sein Lerntempo und seine Lernziele selbst bestimmen und verwirklichen kann; in der nicht der Geburtsjahrgang die Zuordnung zu einer bestimmten Gruppe darstellt; in der Kinder unterschiedlichen Alters, aber gleicher Lernausgangslagen zusammen lernen und forschen können; in der Sitzen bleiben durch verschieden lange Verweildauer in der Lerngruppe unnötig wird, Was sich hier, beinahe wie eine, nur auf dem Papier konstruierte, Zukunftsvision an- hört, ist längst keine Utopie mehr. Es ist vielmehr der, aus reformpädagogischen Strömungen entstandene und bereits erprobte, Grundgedanke funktionierenden Ler- nens. Eine Vielzahl von Anhängern dieser Idee fordert deshalb seit Jahren vehement und durch erfolgreiche Schulversuche überzeugt, die Einführung von altersgemisch- ten Lerngruppen an allen Schultypen. Ihren Grundsätzen folgend, ist Altersheteroge- nität die natürliche und notwendige Antwort auf Erkenntnisse und Überzeugungen kindgemäßen Lernens. Kinder lernen ihren Ansichten zufolge vor allem durch das Lernen voneinander und durch gegenseitige Hilfestellungen. Nicht der Geburtsjahr- gang gibt die Lerngeschwindigkeit vor. In altergemischten Gruppen bekommt ein Kind die Zeit, die es benötigt, um gewisse Ziele zu erreichen.

Die Idee ist jedoch nicht nur ein Konstrukt überzeugter Reformpädagogen.

Auch laut den, 1997 von der Kultusministerkonferenz (KMK), beschlossenen „Empfehlungen zum Schulanfang“ soll die Schuleingangsphase integrativ, d.h. jahrgangsübergreifend, gestaltet werden.

Aufgrund dieses Beschlusses änderten bereits einige Bundesländer ihre Schulgeset- ze bezüglich der Einschulung, z.B. Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Bremen (vgl. Ellinger/Koch, 2007). Dennoch ist vielerorts nach wie vor die Jahr- gangsklasse das vorherrschende System in der deutschen Schullandschaft. Vielleicht lassen sich künftig noch mehrere Bundesländer und Schulen von den Vor- zügen des Konzepts „Altersmischung in Lerngruppen“ überzeugen, um damit weitere natürliche Lernumgebungen entstehen zu lassen, die dann von jedem einzelnen Kind aktiv mitentwickelt und gestaltet werden können und zwar in der von ihm benötigten Zeit und mit den von ihm ausgesuchten Lernpartnern und -materialien.

Im Folgenden soll nun zuerst auf die geschichtliche Einordnung des Lernens in al- tersgemischten Gruppen eingegangen werden. Im Anschluss gibt es eine Vorstellung konkreter Umsetzungen verschiedener Modelle an einzelnen Schulen in Deutsch- land. Des Weiteren werden Aspekte altersgemischten Lernens aus heutiger Sicht erläutert. Damit wird auch auf die Bedeutung dieser Unterrichtsform eingegangen. Abschließend werden förderliche Faktoren in einer Zusammenfassung anschaulich gemacht.

2 Reformpädagogische Tradition des Lernens in altershe- terogenen Gruppen

Das Unterrichten in jahrgangsübergreifenden Gruppen ist zwar ein, aktuell neu the matisiertes, jedoch aus pädagogischer Sicht, nicht völlig neues, reformpädagogisches Anliegen. Die Grundidee, die hinter dem weiten Feld der Altersmischung im Schulleben steht, ist ein „Lernen durch Verschiedenheit“.

Als bekannteste Begründer und Verfechter dieses Konzeptes sind die Reformpädagogen Berthold Otto, Maria Montessori und Peter Petersen zu nennen. Obwohl sich bei allen z. T. völlig unterschiedliche Begründungen für das Lernen in jahrgangsgemischten Gruppen finden, besteht ihr zentraler pädagogischer Gedanke darin, durch altergemischte Lerngruppen die Differenz zwischen den Kindern als Motor für soziales und sachbezogenes Lernen zu nutzen.

Hauptanliegen aller war es demnach, herauszustellen, dass Heterogenität vor allem lernfördernd sei und nicht, wie lange Zeit angenommen wurde, möglichst durch die Bildung von Jahrgangsklassen verhindert werden muss.

Berthold Ottos (1859-1933) Idee war es, eine Art „Gesamtunterricht“ einzuführen, an dem alle Schüler einer Schule teilnehmen. Sein Ziel war es, trotz einer immensen Altersspanne der Kinder und Jugendlichen von bis zu 12 Jahren, gemeinschaftliche Diskussionen über Probleme oder gar philosophische Themenstellungen anzuregen, so dass jeder daraus etwas für seine eigene Entwicklung und sein Lernen mitneh- men kann. Dazu wendet er die „natürliche Methode“ an, die an die familiäre Lebens- situation der Kinder anknüpft und sich ähnlich gestaltet wie der Austausch zwischen Kindern (auch Geschwistern untereinander) und Eltern (vgl. Laging, 1995/2007).

Maria Montessori (1870-1952) war der Überzeugung, dass Lernen am günstigsten in Gruppen stattfinden kann, die drei Altersjahrgänge umfassen. Ihr war es in erster Linie wichtig, ein „Band des sozialen Lernens“ zwischen den Kindern herzustellen, in dem gegenseitige Hilfe eine zentrale Rolle einnimmt:

„Kinder verschiedenen Alters (helfen sich) untereinander (…); die Kleinen sehen, was die Größeren tun und bitten sie um Erklärungen, die diese ihnen gerne geben“ (Montessori 1973, 203).

Durch die Altersmischung wird ganz von selbst, gewollt differenziert und individuali- siert. Jedes Kind bekommt seine eigenen Aufgaben, die den Prinzipien der freien Arbeit entsprechen (z.B. Wochenplanarbeit, Freiarbeit,…). Jedoch kann es sich un gehindert und frei am Arbeiten und Lernen anderer, auch bereits älterer, Kinder beteiligen und dadurch seinen eigenen Wissensdurst stillen. Neues Wissen kann es sich so, durch die Hilfestellung anderer Kinder seiner Lerngruppe aneignen. Genau aus diesen Gründen lautet der Leitsatz der Montessori-Pädagogik auch „Hilf mir, es selbst zu tun!“ (vgl. Laging, 1995/2007).

Der Reformpädagoge Peter Petersen (1884-1952), der das Konzept des Jena-Plans (erstmals 1927) entworfen hat, sieht besonders die Nichtversetzung am Schuljahres- ende als ein Kernproblem des deutschen Schulsystems und baut deshalb sein Kon- zept auf der Bildung von altergemischten Stammgruppen auf. Diese Gruppen umfas- sen immer drei Jahrgänge und zeichnen sich dadurch aus, dass jeweils zum Schul- jahresende etwa ein Drittel der Schüler die Stufe verlässt, in eine neue Stufe auf- steigt und dafür ein Drittel neuer Schüler hinzukommt. Der Rest der Gruppierung bleibt weiterhin in einer bereits vorgeordneten Sozialstruktur zusammen, in die die neuen Schüler langsam hineinwachsen.

„Die drei Jahrgänge verhalten sich zueinander wie Lehrling, Geselle und Meister; auf jeden Fall entsteht eine solche Innengliederung jeder Gruppe, dass jener Vergleich zu Recht besteht“ (Petersen 1980, 38).

Den bekannten Wochenstundenplan schafft Petersen ab und ersetzt ihn, durch Arbeit der gesamten Stammgruppe im gemeinsamen Sitzkreis, in Kleingruppen oder Einzelarbeit. Die Klassenräume werden zu so genannten „Schulwohnstuben“ umfunktioniert, in denen das Mobiliar beweglich ist.

Pädagogik bedeutet für Petersen „Erziehung zur Gemeinschaft durch die Gemeinschaft“. Das pädagogische Konzept Peter Petersens basiert dabei auf vier Säulen: Gespräch, Spiel, Arbeit, Feier; welche in gleichen Anteilen den Unterricht strukturieren, dabei aber genügend Freiräume für ein selbstständiges Tätigwerden der Schüler lassen (vgl. Laging 1995/2007.).

[...]


[1] Um im Folgenden eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten, wurde jeweils nur die männliche Form verwendet.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656009719
ISBN (Buch)
9783656010388
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178829
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg – Sonderpädagogik
Note
1,5
Schlagworte
unterricht lerngruppen welcher faktoren gelingen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Unterricht in jahrgangsgemischten Lerngruppen