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Das Motiv der Phantastik im Kunstmärchen "Der blonde Eckbert" von Ludwig Tieck

Das Motiv der Phantastik

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Motiv der Phantastik
2.1 Verwirrung von Figurenidentitäten durch Vermischung von Traum und Wirklichkeit
2.1.1 Eckbert - Bertha
2.1.2 Das Inzestmotiv bei Eckbert und Bertha
2.1.3 Alte - Walther - Hugo
2.1.4 Alte - Vogel - Hund

3. Fazit

1. Einleitung

Das im Jahr 1796 entstandene Kunstmärchen Der blonde Eckbert von Ludwig Tieck hat von allen Phantasus-Märchen den größten Rezeptionserfolg und bringt nach wie vor eine Vielzahl an Deutungsversuchen hervor. Demnach übt dieses Kunstmärchen noch immer eine Faszination aus, die bis heute anhält.[1] Der blon­de Eckbert hebt sich deutlich von den Volksmärchen ab, in denen es vordergrün­dig um einen Helden geht, der sich aus einer Gefahrenlage befreit und am Ende mit Glück und Reichtum belohnt wird. In diesem Kunstmärchen hingegen domi­nieren Gewalt, Wahnsinn und Tod.[2] Ein glückliches Ende gibt es nicht. Der Ti­telheld Eckbert wird am Ende wahnsinnig und muss einsehen, dass er sein Leben in völliger Einsamkeit verbracht hat. Seine Gattin Bertha stellt sich als Halb­schwester heraus. Welche Figuren sind am Schicksal Eckberts und Berthas betei­ligt und wie wirken diese aufeinander? Im ersten Schritt möchte ich auf das Mo­tiv der Phantastik eingehen, das das Ausgangsmotiv für diese Analyse darstellt. Daraus ergibt sich das Kernthema, nämlich die Vermischung von Traum und Wirklichkeit. Zentral und auffällig ist in diesem Zusammenhang die Verwirrung der Figurenidentitäten, auf die ich im Hauptteil konkret eingehe. Die Konstella­tionen Eckbert - Bertha, Alte - Walther - Hugo und Alte - Vogel - Hund werde ich ausführlich darstellen. Darüber hinaus möchte ich auf die Inzest­Konstellation von Eckbert und Bertha eingehen. Durch die Heirat der beiden macht sich Eckbert unwissentlich schuldig und büßt dafür am Ende mit dem Tod. Der Inzest kann somit als Ursache für den Untergang bezeichnet werden. Kann demnach Bertha als Auslöser für die Katastrophe betrachtet werden? Da­rauf bezogen möchte ich die Figurenkonstellationen der Alten näher herausarbei­ten. Sie weiß darüber Bescheid, dass Eckbert und Bertha Halbgeschwister sind, behält jedoch dieses Wissen für sich und verhindert die Heirat der beiden nicht. Hätte das tragische Ende demnach verhindert werden können? Diese Analyse stellt einen Versuch zur Aufklärung des Wahnsinns und Todes Eckberts - unter genauerer Betrachtung der einzelnen Figuren - dar.

2. Das Motiv der Phantastik

Das Phantastische ist zu einem Zentrum der Poetik geworden: „[...] alles poeti­sche muss mährchenhaft seyn. [...] (Novalis II, 691).“[3] Im Gegensatz zum Mär­chen weist die Ordnung im Kunstmärchen Brüche auf, ist irritierend und ambiva­lent.[4] Die Irritation wie auch Ambivalenz zeigen sich am deutlichsten in der Verwirrung der Figurenidentitäten durch die Vermischung von Traum und Wirk­lichkeit.

2.1. Verwirrung von Figurenidentitäten durch Vermischung von Traum und Wirklichkeit

2.1.1 Eckbert - Bertha

Eckbert und Bertha sind verheiratet und haben keine Kinder. Beide wissen nicht, dass sie miteinander verwandt sind. Das erklärt auch ihre Kinderlosigkeit. Auf­fällig ist, dass ihre Namen im jeweils anderen Namen enthalten sind: Eckbert - Bertha. Beide Figuren sind demnach, allein durch ihren Namen, miteinander verbunden. Zudem sind sie Halbgeschwister, was durch die Namensähnlichkeit unterstrichen wird. Auch ihr Schicksal, das des Todes, teilen sie am Ende: Bertha wird sterbenskrank, als sie bemerkt, dass Walther den Namen des Hundes, der ihm eigentlich unbekannt sein müsste, ausspricht. Eckbert verfallt am Ende dem Wahnsinn, weil er die Wahrheit über Bertha und sich erfährt und stirbt. Betrach­tet man zuerst Berthas Erzählung über ihre Kindheit (S. 127- 140)[5], so fällt auf, dass diese ungefähr zwei Drittel des gesamten Kunstmärchens ausmacht: „Es ist eine mündliche Erzählung, die zum schicksalhaften Ereignis für alle Beteiligten wird.“[6] Ein wichtiges Element ist in diesem Zusammenhang das „Motiv der Ver­schachtelung, der Geschichte in der Geschichte.“[7] Berthas mündlich vorgetrage­ne Biografie, also die Binnenerzählung, nimmt Einfluss auf die Rahmenerzäh-
lung, denn Eckbert „trägt die Schuld seiner Frau über ihre Vergangenheit hinaus selbst in der Gegenwart weiter.“[8] Die Vergangenheit Berthas, die in ihrer Erzäh­lung dargestellt wird, ist gekennzeichnet durch Armut und Gewalt. Geboren ist sie in einem Dorf als Tochter einer armen Hirtenfamilie. Ihr Verhältnis zu ihrem Vater ist überschattet von Gewalt: Er straft sie „auf die grausamste Art“.[9] Da­raufhin läuft Bertha von zu Hause weg. Ab hier wird ihre Flucht aus der Realität hinein in eine Phantasiewelt deutlich. Sie wird von der Alten aufgenommen, ob­wohl sie „kaum noch erwartet, eine neue Heimat zu finden an einem Ort, der in der Rückerinnerung zu einem ‘Paradies’ wird.“[10] Bertha erfährt die „Waldein- samkeit“[11], die sie von ihren Qualen aus der Realität erlöst. Erst an diesem wun­dersamen Ort erschließt sich Bertha die Welt und ihre Realität, „während zuvor im Bereich normaler Lebenspraxis ‘Welt’ nicht erkennbar wurde.“[12] Phantasie und alltägliches Leben verschmelzen miteinander und werden zu Berthas Wirk­lichkeit. Darüber hinaus wird Berthas Verwirrung, während ihrer ersten Nacht bei der Alten, deutlich: Bertha gelingt es nicht zwischen Traum und Wachzu­stand zu unterscheiden: „[...] daß es mir immer nicht war, als sei ich erwacht, sondern fiele ich nur in einen andern noch seltsamem Traum.“[13] Doch wie jedes Paradies birgt auch dieses eine Versuchung, die zum Sündenfall führt: „Wunder­bare Geschichten“[14] eröffnen Bertha die Vorstellung und Sehnsucht nach dem „schönsten Ritter von der Welt“[15]. Die Sehnsucht nach geschlechtlicher Liebe keimt in ihr auf. Zudem erfährt sie den Wert von Materiellem. Hier wird die Versuchung deutlich, der Sündenfall. Denn Bertha lernt nicht zufällig von der Alten lesen. Durch das Wissen, das Bertha durch Bücher erlangt, erfährt sie von dem hohen Wert der Edelsteine und Perlen, die der Vogel jeden Tag legt. Der Wunsch nach einem schönen Ritter und danach ihren Eltern mit dem Vogel Reichtum zu bescheren, werden so groß, dass sie den Vogel stiehlt und mit ihm
in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Dort angekommen, muss sie feststellen, dass ihre Eltern bereits gestorben sind. Demzufolge hat sich ihre Wirklichkeit fundamental verändert. Festzuhalten ist also, dass Bertha, in dem Moment, als sie zurück in ihr Dorf gelangt, wieder zurück zu sich selbst kommt. Die Gewalt, die sie in ih­rer Kindheit von ihrem Vater erfahren hat, gipfelt in der Tötung des Vogels, wel­cher Bertha an ihre Schuld, nämlich den Diebstahl, erinnert. Ihre Schuld bezahlt sie am Ende mit dem Tod. In Form von Walther, der niemand anderes ist als die Alte, verwirrt er Bertha, indem er ihr den Namen des Hundes nennt, den sie na­mentlich in ihrer Erzählung nicht erwähnt hat. Festzuhalten ist also, dass Bertha, im Gegensatz zu Eckbert, nicht wahnsinnig wird. Es ist das „Entsetzen über die­se unbegreifliche Vertraulichkeit“[16], an der sie erkrankt. Ihre Phantasien über ein Leben voller Reichtum und Liebe zerplatzen. Zurück bleiben ihr schlechtes Ge­wissen und die Erinnerung an ihre Schuld. „Den Empfindungen rettungslosen Verstricktseins in ein unbegreifliches Schicksal ausgesetzt, stirbt sie.“[17] Sie er­fährt niemals die Wahrheit über Walther und ihren Ehemann. Dieses Schicksal wird Eckbert zu teil, der am Ende „wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden [liegt].“[18] Eckbert ist eher unscheinbar. Er ist „von mittlerer Größe“[19] und ist mit „seinem blassen eingefallenen Gesichte“[20] eine unauffällige Erscheinung. Kenn­zeichnend für ihn ist „eine gewisse Verschlossenheit, eine stille zurückhaltende Melancholie.“[21] Auch bei ihm lassen sich Verwirrungszustände erkennen, da „ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie ein seltsames Märchen, als wie ein wirklicher Lebenslauf erschien.“[22] Eckbert kann also, genau wie seine Frau, Traum und Wirklichkeit nicht voneinander unterscheiden. Diese Verwir­rung ist mit der Verwirrung von Figurenidentitäten stark miteinander ver- knüpft.[23] Diese beiden Formen der Verwirrung weisen eine „Logik des Wider­spruchs [auf], derzufolge eine Szene zugleich Traum und Erlebnisrealität und eine Figur gleichzeitig sie selbst und eine andere sein kann [,..].“[24]

[...]


[1] Vgl. Kreuzer, Ingrid: Märchenform und individuelle Geschichte. Zu Text- und Handlungsstruk­turen in Werken Ludwig Tiecks zwischen 1790 und 1811. Göttingen: Vandenhoeck und Rup­recht 1983. S. 157.

[2] Vgl. Thalmann, Marianne: Das Märchen und die Moderne. Zum Begriff der Surrealität im Mär­chen der Romantik. Hrsg. von Fritz Ernst. Stuttgart: W. Kohlhammer 1961 (= Urban-Bücher Band 53). S. 55.

[3] Kremer, Detlef: Romantik. Lehrbuch Germanistik. 3., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Metzler 2007. S. 187.

[4] Vgl. ebd. S. 189.

[5] Vgl. Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert. In: Schriften in zwölf Bänden. Hrsg. von Manfred Frank, Paul Gerhard Klussman, Ernst Ribbat, Uwe Schweikert und Wulf Segebrecht. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1985 (= Band 6).

[6] Giese, Armin: Die Phantasie bei Ludwig Tieck. Ihre Bedeutung für den Menschen und sein Werk. Phil. Diss. masch.: Hamburg 1973. S. 204.

[7] Ebd.

[8] Neubner, Thomas: Das Paradies ist längst zerstört! Der Zerfall des Raum-Zeit-Kontinuums als erzählerisches Stilmittel. Eine werkimmanente Interpretation unter sozialpsychologischen Ge­sichtspunkten am Beispiel der Biografie der Bertha in Ludwig Tiecks Werk „Der Blonde Eck­bert“. In: Mauerschau 1/2010. Raum und Zeit. Fachzeitschrift Germanistik. Rhein-Ruhr: Univer­sitätsverlag 2010. S. 82.

[9] Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert. S. 128.

[10] Giese, Armin: Die Phantasie bei Ludwig Tieck. S. 205.

[11] Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert. S. 132.

[12] Ribbat, Ernst: Ludwig Tieck. Studien zur Konzeption und Praxis romantischer Poesie. Kron­berg/Ts.: Athenäum 1978. S. 142.

[13] Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert. S. 133.

[14] Ebd. S. 134.

[15] Ebd. S. 135.

[16] Giese, Armin: Die Phantasie bei Ludwig Tieck. S. 207.

[17] Ebd. S. 208.

[18] Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert. S. 146.

[19] Ebd. S. 126.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Ebd. S. 143.

[23] Vgl. Kremer, Detlef: Romantik. S. 192.

[24] Ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656009757
ISBN (Buch)
9783656011484
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178815
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Schlagworte
motiv phantastik kunstmärchen eckbert ludwig tieck

Autor

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