Lade Inhalt...

Bedeutung in diachroner Perspektive - Metaphern und ihre Auswirkungen auf den Wortschatz

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 21 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Themenstellung

B. Bedeutung in diachroner Perspektive - Metaphern und ihre Auswirkungen
I. Theoretische Grundlagen
I.1. Grundlagen des Bedeutungswandels
I.2. Bedeutungserweiterung
I.3. Grammatikalisierung
I.4. Metaphern
I.5. Polysemie
I.6. Pragmatische Aspekte
I.7. Lexikalisierung
II. Untersuchungsteil
II.1. Einzelne polyseme Substantive aus dem Wortfeld Malware
II.2. Diachrone Semantik einzelner Gradpartikeln
II.2.1. Gradpartikeln der deutschen Gegenwartssprache
II.2.2. Betrachtung der Gradpartikeln sehr, ganz und überhaupt

C. Zusammenfassung und Auswertung
I. Zusammenfassung der wichtigsten theoretischen Thesen
II. Auswertung der Untersuchungen
II.1. Auswertung der Analyse der Gradpartikeln sehr, ganz und überhaupt
II.2. Auswertung der Analyse der polysemen Substantive aus dem Wortfeld Malware

Literaturverzeichnis

A. Themenstellung

Die historische Semantik wurde als Teilbereich der historischen Linguistik lange Zeit vernachlässigt. In den letzten Jahren haben aber insbesondere Fritz 2006 und Keller/Kirschbaum 2003 zur Erforschung dieses Gebietes beigetragen (vgl. Nübling 2008: 109).

Gerd Fritz bietet nach einer theoretischen Einführung einen Überblick über semantische Entwicklungen von Vertretern einzelner Wortarten (vgl. Fritz 2006).

Den Bedeutungswandel von Adjektiven zeigen Keller und Kirschbaum anhand zahlreicher Beispiele auf und veranschaulichen so den von ihnen dargestellten Überblick über die Formen und Prinzipien des Bedeutungswandels. Die beiden Autoren arbeiten insbesondere heraus, welche Entwicklungen expressiv-evaluativen Adjektiven widerfahren (vgl. Keller/Kirschbaum 2003: 53 ff.).

Die der Verfasserin am wichtigsten erscheinenden theoretischen Fakten zur historischen Semantik, vor allem zur Bedeutungsübertragung, sollen im ersten Abschnitt dieser Hauptseminararbeit zusammengefasst werden. Da der deutsche Wortschatz u.a. aufgrund technischer Neuerungen und deren Konsequenzen ständig erweitert wird, lohnt es sich, zu untersuchen, anhand welcher Strategien diese Wortschatzlücken gefüllt werden. In dieser Hauptseminararbeit wird die zuvor theoretisch vorgestellte Entstehung von Polysemien am Beispiel ausgewählter Substantive aus dem Bereich ÄComputer, Internet und Handy“ aufgezeigt. Da dies eine linguistische Arbeit ist, werden Begriffe aus anderen Fachbereichen laiengerecht definiert. Es werden Fälle konstruiert, in denen Polysemien zu Missverständnissen - und damit zur Infragestellung der Nützlichkeit des polysemen Substantivs - führen könnten.

Während Substantive eine in der Forschung ausgiebig untersuchte Wortart darstellen, fand die Partikel in der Linguistik lange Zeit wenig Beachtung. Mittlerweile existieren Arbeiten zu einigen Unterkategorien der Partikeln; nach wie vor mangelt es jedoch an Untersuchungen zur Bedeutung und Entstehung der Gradpartikeln, die unter anderem auch ‚Intensivpartikeln‘ oder ‚Gradadverbien‘ genannt werden (vgl. Hentschel 1998: 119).

Vielen Gradpartikeln, deren Wurzeln in Adjektiven liegen, widerfahren häufig umfangreiche semantische Veränderungen, deren Entwicklungswege aufgedeckt bzw. bewusst gemacht werden können. Elke Hentschel reißt in ihrem Aufsatz ÄDie Emphase des Schreckens: furchtbar nett und schrecklich freundlich“ das Thema der sprachenübergreifenden Tendenz zur Verstärkung positiver Eigenschaften anhand negativer Attribute an. In dem Aufsatz wird lediglich auf die Verstärkung positiver Eigenschaften eingegangen (s. Hentschel 1998).

Um einerseits den Vorgang der Grammatikalisierung exemplarisch zu erläutern und andererseits die Forschungslücke der Gradpartikeln etwas zu füllen, soll der zweite Teil des Untersuchungsteils dieser Seminararbeit diesem Gebiet gewidmet sein. Dabei sollen einzelne Gradpartikeln betrachtet und deren Entwicklungsgeschichten rekonstruiert werden.

B. Bedeutung in diachroner Perspektive - Metaphern und ihre Auswirkungen

I. Theoretische Grundlagen

I.1. Grundlagen des Bedeutungswandels

Bedeutungen sind weder naturgegeben noch ein für allemal fixiert, sondern stellen eine Ägeronnene“ Welterfahrung und Weltsicht der Sprechenden dar (vgl. Nübling 2008: 109). Wenn sich Dinge in dieser Welt verändern, entstehen neue Bedeutungen, die Entsprechungen auf der Ausdrucksseite benötigen.

Zudem verändern sich Bedeutungen ständig durch neue Kontexte, in denen ein Wort gebraucht wird (vgl. ebd.). Auf diese Weise kann die Sprechergemeinschaft den Bedeutungswandel - und somit das semantische Repertoire einer Sprache - anhand ihrer alltäglichen Entscheidungen im Umgang mit der Sprache ‚aktiv‘ gestalten.

Dabei ist es jedoch nicht das Ziel von Sprachnutzern einen Wandel zu bewirken; sie beabsichtigen ihn nicht und bemerken ihn nicht einmal (vgl. Keller/Kirschbaum 2003: 10). Neuerungen können etwa durch spontane Assoziation, durch gezielte Schließung von Wortschatzlücken, durch unbeabsichtigt falsche Ausdrucksweisen oder durch Missverständnisse auf der Hörerseite entstehen (vgl. Fritz 2006: 41). Zur Veranschaulichung dessen, wie Bedeutungswandel funktioniert, wird in der Literatur häufig das Bild der Trampelpfade herangezogen: ÄEiner hat eine innovative Idee […], die anderen finden diesen […] Gebrauch attraktiv und machen ihn bei nächster Gelegenheit nach“ (Keller/Kirschbaum 2003: 127). Empirisch gelingt es jedoch meist nicht, die ursprüngliche innovative Äußerung und den Erstverwender ausfindig zu machen (vgl. Fritz 2006: 38). Nach der innovativen Verwendung eines Ausdrucks in einem neuen Kontext muss der Ausdruck aus dem ÄPool von Varianten“ (ebd.) selektiert und daraufhin konventionalisiert und verbreitet werden (vgl. ebd.), um bei entsprechend lange andauernder Verwendung Eingang in die Wörterbücher zu finden.

I.2. Bedeutungserweiterung

Bei der Bedeutungserweiterung Äwerden semantische Merkmale abgebaut, womit sich die Anwendbarkeit des Wortes erweitert“ (Nübling 2008: 110). Der Ausdruck ÄBedeutungserweiterung“ ist jedoch, wie Andreas Blank erläutert, missverständlich; man müsse von einer ÄBezeichnungserweiterung“ sprechen, da das Bezeichnungsvermögen, also die Bedeutungsextension erweitert würde (vgl. Blank 1997: 201, zit. n. Grzega 2004: 74). Eine terminologische Änderung bei einem derart verbreiteten Begriff wie dem der Bedeutungserweiterung sei jedoch aus Verständigungsgründen nicht sinnvoll (vgl. ebd.).

Der Weg der Bedeutungserweiterung wird oft beschritten (vgl. Nübling 110), häufiger als der der Bedeutungsverengung (vgl. Grzega 2004: 75). In manchen aktuell gebräuchlichen Wörtern ist noch die ursprüngliche Semantik ihrer bedeutungserweiterten Verwandten konserviert, etwa die alte Bedeutung ‚Gerichtssache, Streit‘ des Wortes Sache in dem Wort Widersacher (vgl. Nübling 2008: 111).

I.3. Grammatikalisierung

Nicht nur lexikalische Wörter können in ihrer Bedeutung erweitert werden; im Zuge von Grammatikalisierungsprozessen lassen sich auch semantische Verallgemeinerungen beobachten, die als Verblassung, Ausbleichung oder Entkonkretisierung bzw. Abstraktion bezeichnet werden (vgl. Nübling 2008: 110). In solchen Fällen Ätritt das ursprüngliche Lexem langfristig in den Dienst der Grammatik, etwa als Funktionswort innerhalb grammatischer Konstruktionen“ (Nübling 2008: 110). Allgemein betrachtet bezeichnet man als ‚Grammatikalisierung‘ einen ÄSprachwandelprozess, in dessen Verlauf eine autonome lexikalische Einheit allmählich die Funktion einer abhängigen grammatischen Kategorie erwirbt“ (Bußmann 2008: 242) bzw. einen Ähistorischen Prozeß, in dem manche lexikalische Elemente Funktionen übernehmen, die sonst (auch) grammatische Morpheme haben […] (Fritz 2006: 99). Dieser Prozess ist Äpragmatisch motiviert“ (Molnir 2002: 13); die Grammatikalisierung resultiert also aus nicht-wörtlichen Bedeutungsaspekten. Bei diesem semantischen Wandel wird Äeine Zeichenform A mit der ‚eigentlichen‘ Bedeutung ‚a‘ auf einen anderen Bedeutungsbereich angewendet“ und hat die Aufgabe, Äeine zweite, ‚übertragene‘ Bedeutung ‚b‘ auszudrücken“ (Diewald 1997: 42, zit. n. Molnár 2002: 12).

Damit stellt die Grammatikalisierung einen Transfer von einem konkreten konzeptuellen Bereich zu einem abstrakten bzw. weniger konkreten dar; ein steigender Abstraktionsgrad ist deshalb eine Begleiterscheinung der Grammatikalisierung (vgl. Molnár 2002: 12). Metaphern oder Metonymien können als wichtige Wegbereiter der Grammatikalisierung betrachtet werden.

I.4. Metaphern

Das meistgenutzte Verfahren semantischer Neuerungen besteht in der

Bedeutungsübertragung, die durch den Einsatz von Metaphern geschieht.

Metaphern Äsind sprachliche Bilder, die auf einer Ähnlichkeitsbeziehung zwischen zwei Gegenständen bzw. Begriffen beruhen, d. h. aufgrund gleicher oder ähnlicher Bedeutungsmerkmale findet eine Bezeichnungsübertragung statt“ (Bußmann 2008: 434). Der Hörer wird aufgefordert Äetwas im Lichte von etwas anderem zu sehen, das einem völlig anderen Bereich angehört“ (Keller/Kirschbaum 2003: 58). Metaphern vermitteln den Eindruck von Vertrautheit bei unvertrauten Gegenständen, erlauben Beschreibungen, die reich an Assoziationen sind (vgl. Fritz 2006: 43) und stellen ein Äprobates Mittel auffälliger Rede“ (ebd.) dar.

In der Alltagssprache finden sich viele Metaphern, derer wir uns gar nicht mehr bewusst sind, da es sich um Ätote“ Metaphorik handelt; die bekanntesten Beispiele dafür sind etwa das Tischbein oder der Fingerhut. Die Metaphorik solcher Wörter kann jedoch durch bewussten Umgang mit der Sprache wieder neu belebt werden. Was allerdings nicht stirbt oder verblasst, sind die Deutungssysteme, die den abgeleiteten Einzelmetaphern zugrunde liegen; diese Muster bleiben auch dann produktiv, wenn einzelne Vertreter ihre Metaphorik verloren haben (vgl. Burkhardt 2003: 18, zit. n. El Bitawy 2004: 83); es werden von den Sprachnutzern weiterhin nach gleichem System neue Metaphern erzeugt.

Sonderfälle der Metapher stellen die expressiv-evaluativen Adjektive, auch inhärent intensivierte Ausdrücke genannt, dar (Beispiele: wahnsinnig, toll): Diese unterscheiden sich von Wertadjektiven dadurch, dass sie neben einer deskriptiven Bedeutungskomponente auch eine expressive Bedeutungskomponente aufweisen, die auf der emphatischen Ebene zur Gradabstufung dient (vgl. Keller/Kirschbaum 2003: 49). Auf diese Weise kann der Sprecher den Hörer emotional beeinflussen. Ein Teil dieser expressiv-evaluativen Adjektive erfährt einen übermäßig häufigen Gebrauch zum Zweck der Intensivierung von anderen Adjektiven, sodass sie sich im Laufe der Zeit zu Gradpartikeln entwickeln und damit vor allem an Bedeutungsintensität und Flektierbarkeit einbüßen.

Da Metaphorik eine ÄQuelle für lexikalische Neubildungen ist, wobei die >>übertragene<< Bedeutung entweder zusätzlich zu der urspr. Bedeutung tritt […] oder die alte Bedeutung teilweise oder ganz verdrängt […]“ (vgl. Bußmann 2008: 434), wird das betreffende Wort übergangsweise oder - falls die Verwendungsbereiche nicht zu eng beieinander liegen und die lexikalische Ambiguität daher nicht stört - dauerhaft polysem.

I.5. Polysemie

Unter Polysemie versteht man einen ÄTyp lexikalischer Ambiguität, bei der ein Ausdruck mehrere Bedeutungen aufweist, denen ein gemeinsamer Bedeutungskern zugrunde liegt“ (Bußmann 2008: 538). Im Unterschied zur Homonymie sind polyseme Ausdrücke etymologisch miteinander verwandt, haben also eine gemeinsame Wurzel (vgl. ebd.)

Sollten die Einsatzbereiche des polysemen Wortes nicht ausreichend voneinander distanziert sein, wird das mehrdeutige Wort in einer seiner Bedeutungen vermieden, da die Sprecher dann Missverständnisse erwarten, die sie umgehen wollen. Dies führt dazu, dass eine Bedeutungsvariante in ihrer Verwendung eingeschränkt wird und schließlich ganz aus der Sprache verschwindet (vgl. Keller/Kirschbaum 2003: 101). Meistens geht die neutrale Bedeutung verloren, wenn sich eine evaluative Bedeutung etabliert (vgl. Keller/Kirschbaum 2003: 108).

I.6. Pragmatische Aspekte

Wird ein Ausdruck erstmalig in einem fremden Kontext gebraucht, dann ist auf der Hörerseite ein aktiver Schlussprozess notwendig: Ein Sprecher tätigt eine Äußerung, und der Hörer bemerkt, dass diese Äußerung nicht wörtlich gemeint sein kann, da sie sonst keinen Sinn ergäbe. Der Hörer denkt darüber nach, ob der Sprecher den - für Nicht-Linguisten freilich nicht namentlich bekannten, aber aus Gründen der Rücksicht, der Höflichkeit und der einfachen Verständigung als selbstverständlich vorausgesetzten von Paul Grice verfassten Prinzipien, nämlich dem Kooperationsprinzip und den Konversationsmaximen, widerspricht:

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656010043
ISBN (Buch)
9783656010715
Dateigröße
841 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178761
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
bedeutung perspektive metaphern auswirkungen wortschatz

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Bedeutung in diachroner Perspektive - Metaphern und ihre Auswirkungen auf den Wortschatz