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Gründe für Codeswitching bei verschiedenen Formen von Bilingualismus

Magisterarbeit 2008 132 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Was ist Bilingualismus?
2.1.1 Bilingualismus aus psycholinguistischer Sicht
2.1.2 Verschiedene Formen von Bilingualismus
2.2 Was ist Codeswitching?
2.2.1 Beschreibungsmodelle zur Oberflächenstruktur
2.2.1.1 Das Two-Constraints-Modell
2.2.1.2 Das Matrix-Language-Frame-Modell
2.2.1.3 Muyskens Code-mixing-Typologie
2.2.2. Was ist ein Code?
2.2.3 Die Abgrenzung von Codeswitching und Entlehnung

3. Motive für Codeswitching
3.1. Verschiedene Sprachen für verschiedene Domänen
3.2 Codeswitching als Mittel der Gesprächorganisation
3.2.1 Die Klassifikation von Peter Auer
3.2.2 Weitere Forschung zu Codeswitching zur Gesprächsorganisation
3.3 Zwischen Domäne und Gesprächsstrategie: Das Markiertheitsmodell von Myers-Scotton
3.4 Clynes Entdeckungen am Rande der Soziolinguistik: Triggering und Sprachökonomie
3.4.1 Triggering als psycholinguistischer Auslöser für Codeswitching
3.4.2 Sprachökonomie als Grund für Codeswitching
3.5 Kindlicher Bilingualismus: Codeswitching aus Sicht der Spracherwerbsforschung
3.6 Klassifikation der Gründe für Codeswitching
3.6.1 Zusammenstellungen und Typologien in der bisherigen Literatur
3.6.2 Eigene Einteilung

4. Eigene Untersuchung
4.1 Zielsetzung
4.2 Methode
4.3 Die untersuchten Personen
4.4 Analyse
4.4.1 Ermittlung des zugrunde liegenden Codes
4.4.2 Die Zuordnung von Gründen
4.4.2.1 Zuordnung von Echo-Verhalten
4.4.2.2 Kongruente Lexikalisierung
4.4.2.3 Probleme mit Codeswitching aufgrund eines Adressatenwechsels
4.4.2 Analyse der einzelnen Personen
4.4.3 Zusammenfassung: Die Untersuchungsgruppen im Vergleich
4.5 Mögliche Kritikpunkte

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Das Operieren mit mehr als einer Sprache ist ein Phänomen, das uns heutzutage in unserem Leben ständig und überall begegnet. Oft sind Leute gezwungen, andere Sprachen als ihre Muttersprache zu benutzen, und viele haben gar mehrere Muttersprachen. Auch, dass es beim Umgang mit mehreren Sprachen zu Vermischungen aus Elementen dieser verschiedenen Einzelsprachen kommt, begegnet uns im Alltag immer wieder. Ich selbst nahm das Phänomen zum ersten Mal bewusst wahr, als ich in meiner Grundschulzeit bei einer Klassenkameradin zu Besuch war, deren Familie wenige Jahre zuvor aus Griechenland eingewandert war und die mit ihren Eltern normalerweise Griechisch sprach. Als ihre Mutter sie in die Küche rief und etwas fragte, antwortete meine Freundin etwas Ablehnendes, das zwar eindeutig griechisch war, in dem aber ebenso deutlich das deutsche Wort Käsekuchen vorkam. Bis heute ist mir in Erinnerung geblieben, dass ich mich damals schon fragte, ob es in Griechenland wohl kein Wort für Käsekuchen oder gar überhaupt keinen Käsekuchen gäbe.

In unserem täglichen Leben bekommen wir oft mit, dass Menschen um uns herum in Gesprächen und Texten mehrere Sprachen wechseln oder mischen. Man spricht in diesen Fällen von Codeswitching. Besonders oft tritt dieses, wie in dem oben beschriebenen Beispiel, bei Immigranten auf, die eine andere Muttersprache haben als die übliche Umgangssprache des Landes, in dem sie leben, untereinander aber diese Muttersprache benutzen. Es gibt jedoch verschiedene Formen des Bilingualismus. Als klassischer, bei manchen Forschern gar als einzig „echter“ Bilingualismus gilt der Fall von Sprechern, die von ihrem Vater die eine und von ihrer Mutter die andere Sprache vermittelt bekommen haben, also mit zwei Muttersprachen aufgewachsen sind. Darüber hinaus gibt es aber auch andere Formen der Zweisprachigkeit, die auf unterschiedliche Art und Weise zustande kommen können. Bei allen diesen Formen von Bilingualismus kann es zum Codeswitching kommen.

In der hier vorliegenden Arbeit soll es darum gehen, ob sich die Art des Erwerbs der verschiedenen Sprachen auf das Codeswitching-Verhalten auswirkt. Der Schwerpunkt liegt dabei darauf, wodurch Codeswitching ausgelöst wird, also aus welchen Gründen die Sprecher bei unterschiedlichen Formen von Bilingualismus die Sprache wechseln. In der bisherigen Forschung wurden viele unterschiedliche Gründe für Codeswitching erarbeitet. Oft erwähnt wird z.B. das Verknüpfen von bestimmten Themen mit bestimmten Sprachen (vgl. z.B. Blom & Gumperz 1972 und Poplack 1980), der Einsatz von Codeswitching zur Gesprächsorganisation (vgl. z.B. Gumperz 1982 und Auer 1984) sowie die Tatsache, dass einzelne Ausdrücke, die es in beiden Sprachen gibt oder die als spontane Entlehnung in einem Gespräch gebraucht werden, die Sprecher in die andere Sprache „umschalten“ lassen, ein Phänomen, das sein Entdecker Micheal Clyne als Triggering bezeichnete (vgl. Clyne 1967). Außerdem werden auch die oft als trivial eingestuften Motive Wortfindungs-schwierigkeiten und mangelnde Kompetenz genannt.

Das Problem der bisherigen Forschung zu Gründen für Codeswitching ist jedoch, dass jeder Autor eine bestimmte Sprechergruppe oder sogar einzelne Sprecher nach seinem eigenen Modell und mit Schwerpunkt auf seine eigenen Forschungsinteressen beschrieben hat, jedoch nie der Versuch gemacht wurde, verschiedene Sprechergruppen gezielt miteinander zu vergleichen. Der bisherigen Literatur fehlt eine gemeinsame Basis, aufgrund derer man einen solchen Vergleich anstellen könnte.

In dieser Arbeit soll eine Studie dargestellt werden, bei der genau diese direkte Vergleichbarkeit gegeben sein soll. Dazu wurden Versuchspersonen, die auf unterschied-liche Arten bilingual sind, mit einer einheitlichen Methode nach ihren Gründen für Codeswitching befragt, ohne den Fokus auf eine bestimmte Art von Motiven zu legen. Es handelt sich dabei um drei Versuchsgruppen: erstens in zweisprachigem Elternhaus Aufgewachsene, zweitens Kinder von Migranten, die eine Sprache als die ihrer Eltern und eine als Sprache der Öffentlichkeit gelernt haben, sowie drittens Migranten, die sich im Erwachsenenalter eine neue Sprache aneignen mussten, die dann zur Sprache ihres Alltags wurde. Diese Untersuchung ist eine Pilotstudie, die an einer zunächst nur sehr kleinen Gruppe von Untersuchungspersonen zeigen soll, ob erstens bei den verschiedenen Gruppen überhaupt unterschiedliche Gründe für Codeswitching festzustellen sind, und ob sich zweitens die angewandte Methode eignet, um die tatsächlichen Gründe zu ermitteln. Diese Methode besteht darin, alle Codeswitching-Äußerungen aus einem Korpus von Gesprächen bilingualer Sprecher zu transkribieren und diese anschließend den Sprecher vorzulegen, um die Untersuchungspersonen mithilfe eines standardisierten Fragebogens nach den möglichen Gründen für die von ihnen getätigten Switches zu befragen.

Dabei hat sich gezeigt, dass diejenigen, die mit zwei Muttersprachen aufgewachsen sind, die sie von je einem Elternteil erworben haben, recht häufig und aus sehr vielfältigen Gründen switchen. Insbesondere bei ihnen ist häufig Codeswitching zur Gesprächs-organisation zu finden. Diejenigen, die mit einer Sprache als der ihrer Familie und einer als der ihrer restlichen Umwelt aufgewachsen sind, wechseln innerhalb eines Gesprächs dagegen nur selten die Sprache. Sie bauen lediglich Wörter oder kurze Abschnitte aus einer anderen Sprache ein, wenn sie z.B. etwas zitieren, Wortfindungsschwierigkeiten haben oder durch Triggering dazu gebracht werden. Ein uneinheitliches Bild zeigt sich bei den Migranten. Hier kommt es sowohl vor, dass jemand äußerst selten switcht, nur wenn z.B. durch Eigennamen Triggering auftritt oder er ein Zitat in Originalsprache wiedergibt, als auch, dass jemand mehrmals pro Minute codeswitcht, wobei sehr vielfältige Gründe, von gedanklichen Verbindungen über Triggering und emotionale Betroffenheit bis zur Gesprächsorganisation, eine Rolle spielen.

Wenn man diese Ergebnisse im Vergleich zu der bisherigen Forschung betrachtet, ist vor allem der Einsatz von Codeswitching zur Gesprächsorganisation bemerkenswert. Ursprünglich wurde dieser von Auer und von Gumperz bei Einwanderern und Angehöri-gen bilingualer Minoritäten festgestellt. Die Forschung, die Kinder untersucht, die mit je einer Sprache jeden Elternteils aufgewachsen sind, hat bei diesen dagegen gar keinen derartigen gesprächsstrategischen Einsatz von Codeswitching nachweisen können. Somit zeigt sich, dass dieses Motiv für Codeswitching nicht charakteristisch für eine bestimmte Form von Bilingualismus ist. Dass die Ergebnisse dieser Studie so erheblich von denen der bisherigen Forschung abweichen und dass bei einigen der hier untersuchten Personen trotz gleicher Form des Bilingualismus ein so unterschiedliches Codeswitching-Verhalten festgestellt werden konnte, könnte ein Hinweis darauf sein, dass es vielleicht weniger mit der Form des Bilingualismus, d.h. der Art des Erwerbs der beteiligten Sprachen, zusammenhängt, welche Gründe für Codeswitching bei einem bestimmten Sprecher eine Rolle spielen, als mit anderen Faktoren. Entscheidend ist z.B. sicherlich die bilinguale Sprechergemeinschaft, in der ein Sprecher sich bewegt. Um dies zu bekräftigen oder zu widerlegen, ist jedoch eine breiter angelegte Studie mit einer größeren Anzahl an Unter-suchungspersonen nötig, für die die in dieser Arbeit vorgestellte Untersuchung als Pilotstudie dienen kann. Dabei können sowohl Personen, die auf unterschiedliche Art und Weise bilingual sind, als auch unterschiedliche Sprechergemeinschaften untersucht werden. Insbesondere ein gezielter Vergleich verschiedener Sprechergemeinschaften erscheint sinnvoll, da dies in der bisherigen Forschung versäumt wurde. Die in der Pilotstudie erarbeitete Methode hat sich als sehr gut geeignet erwiesen und ist für solche Folgestudien zu empfehlen.

Diese Arbeit ist wie folgt aufgebaut:

Im zweiten Teil nach dieser Einleitung werden zunächst die Fragen erörtert, was unter Bilingualismus und was unter Codeswitching genau zu verstehen ist, weil es sich um die zentralen Begriffe dieser Magisterarbeit handelt, die einer genauen Definition bedürfen. Dazu wird ein kurzer Überblick über die Forschungsgeschichte und über die Definitionen verschiedener Autoren gegeben. In dem Kapitel 2.2.1 wird auf Beschreibungsmodelle zur äußeren Form von Codeswitching eingegangen und die Modelle von Shana Poplack, Carol Myers-Scotton und Pieter Muysken vorgestellt, die als die relevantesten der Forschungs-geschichte anzusehen sind. Darüber hinaus sind diese Modelle entscheidend, um zu verstehen, was bei verschiedenen Autoren als Codeswitching angesehen wird und was nicht, sowie um Codeswitching von verschiedenen anderen Sprachkontaktphänomenen, wie z.B. Entlehnungen, abzugrenzen. Der Abgrenzung von Entlehnung und Codeswitching ist darüber hinaus ein eigenes Unterkapitel gewidmet.

Im dritten Teil der Arbeit erfolgt ein Überblick über die bisherige Forschung nach Gründen für Codeswitching. Diese hat im Wesentlichen zwei Grundannahmen verfolgt: In den ersten Jahren der Forschung ging man vor allem von Diglossie aus, also davon, dass in bilingualen Gesellschaften die verschiedenen Sprachen für unterschiedliche Zwecke und in unterschiedlichen Situationen benutzt werden. Zu Codeswitching käme es demnach nur dann, wenn verschiedene solcher als Domänen bezeichneten Lebensbereiche, in denen verschiedene Sprachen benutzt werden, sich überschneiden. Diese Forschung begründeten vor allem Blom & Gumperz 1972 und Poplack in den frühen achtziger Jahren.

Ab den achtziger Jahren setzte sich aber die Erkenntnis durch, dass Codeswitching durchaus auch ohne Einfluss dieser Domänen vorkommt und von den Sprechern oft ganz bewusst aus metaphorischen bzw. rhetorischen Gründen eingesetzt wird. Autoren wie Gumperz und Auer entdeckten den Gebrauch von Codeswitching aus gesprächsorganisa-torischen Gründen (vgl. Gumperz 1982 und Auer 1984). Bis heute werden diese beiden Ansätze – die Nutzung von verschiedenen Sprachen für verschiedene Domänen und der Einsatz von Codeswitching als Gesprächorganisation – als die beiden wichtigsten Gruppen von Gründen für Codeswitching angesehen (vgl. Gafaranga 2007). In dieser Arbeit werden die bedeutendsten Werke der Forschungsgeschichte kurz wiedergegeben und die Gründe für Codeswitching, die darin genannt werden, näher betrachtet.

Daneben bezieht diese Arbeit auch Forschung abseits dieser aus der Soziolinguistik stammenden Ansätze mit ein. So werden die von Clyne bereits 1967 dargestellten Gründe Triggering und Sprachökonomie erläutert, die der Psycholinguistik bzw. kognitiven Linguistik zuzuordnen sind. Ein weiteres Unterkapitel widmet sich der Spracherwerbs-forschung, die Gründe von Codeswitching bei kindlichem Bilingualismus untersucht hat. Diese Forschung ist vor allem deshalb interessant, weil nur hier Fälle von Bilingualen, die ihre beiden Sprachen als Muttersprachen der verschiedenen Elternteile gelernt haben, betrachtet wurden.

Abschließend werden in diesem Teil der Arbeit einige Vorschläge für Übersichten und Typologien für Codeswitching-Motive erläutert und versucht, eine eigene sinnvolle Klassifizierung der in der bisherigen Literatur genannten Gründe zu erstellen, die für meine eigene Studie eingesetzt werden kann.

Im vierten Teil der Arbeit wird dann diese eigene, bereits oben kurz vorgestellte Studie mit ihren Ergebnissen dargestellt.

2. Definitionen

Die Kernbegriffe dieser Arbeit, Bilingualismus und Codeswitching, sind in der Sprachwissenschaft durchaus keine allgemeingültig definierten Termini. Vielmehr hat nahezu jeder Autor, der sich mit diesem Themenkomplex beschäftigt, eine eigene Ansicht darüber, was jeweils unter Bilingualismus und unter Codeswitching zu verstehen ist. Aus diesem Grund soll hier zunächst geklärt werden, wie die beiden Termini in dieser Arbeit gebraucht werden. Dazu wird ein kurzer Überblick über die Forschungsgeschichte und über die wichtigsten Aspekte der Bilingualismus- und der Codeswitching-Forschung gegeben.

2.1 Was ist Bilingualismus?

Die Definitionen dafür, wie die wortwörtliche „Zweisprachigkeit“ beschaffen sein muss, damit man von Bilingualismus sprechen kann, reichen so weit auseinander, wie man es sich nur vorstellen kann: Bloomfield fordert 1933 von einem bilingualen Sprecher „native-like control of two languages“ (Bloomfield 1933, S.56), während Haugen 1953 schon denjenigen als bilingual ansieht, der eine sinnvolle komplette Äußerung in einer anderen Sprache von sich geben kann (vgl. Haugen 1953, S.7). Diese extremen Positionen in der frühen Bilingualismus-Forschung, insbesondere Bloomfields Vorstellung von einem balancend, also einem sprachlich ausgeglichenem Bilingualen, lassen sich vor allem darauf zurückführen, dass bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein Zweisprachigkeit negativ bewertet wurde und vor allem in der strukturalistischen Tradition als geradezu gefährlich, als „a threat, a disruption, a malady“ (Muysken 2000, S.1), galt. Man ging davon aus, dass Bilinguale in ihrem Ausdrucksvermögen eher beschränkt seien und keine der Sprachen fehlerfrei beherrschen könnten (also in etwa das Problem eintritt, das man heutzutage teilweise bei Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund feststellt, und als doppelte Halbsprachigkeit bezeichnet). Weisgerber, der davon ausging, dass mit jeder Einzel-sprache ein sprachliches Weltbild einhergeht, das ein Muttersprachler verinnerlicht (vgl. Weisgerber 1962, S.70-72), sah den Aufbau dieses Weltbilds bei zu frühem Erwerb von mehr als einer Sprache behindert. Er empfahl den Erwerb einer Zweit- bzw. Fremdsprache ab frühestens zwölf Jahren, wenn das Weltbild gefestigt sei (vgl. Weisgerber 1962, S.39f und S.63-77). Heutzutage geht die Forschung vom genauen Gegenteil aus, also davon, dass Sprecher von mehr als einer Sprache ein besonders großes sprachliches Repertoire und eine überdurchschnittlich hohe sprachliche Kompetenz haben (vgl. Muysken 2000, S.2). In Kapitel 3.2 dieser Arbeit wird gezeigt, wie dies unter anderem zustande kommt.

Diese negative Bewertung des Phänomens Bilingualismus änderte sich erst langsam. Eine entscheidende Rolle spielten hier die Versuche einiger Sprachwissenschaftler, insbeson-dere Ronjat und Leopold, ihre Kinder, deren Eltern verschiedene Muttersprachen hatten, in beiden Sprachen zu erziehen (vgl. Ronjat 1913 und Leopold 1939-49). Besonders entscheidend war hier Ronjats Entwurf des Prinzips „eine Person – eine Sprache“, bei dem jedes Elternteil in Gegenwart des Kindes (oder zumindest in Interaktion mit ihm) ausschließlich seine Muttersprache benutzt. So kann das Kind eindeutig zuordnen, welche sprachlichen Einheiten zu welcher Einzelsprache gehören.

In der weiteren Forschungsgeschichte wurde eine Definition zwischen den beiden anfangs genannten Extremen gesucht. Mackey beispielsweise betont in den siebziger Jahren, dass es unmöglich ist, festzusetzen, ab wann im Zweitspracherwerb ein Sprecher den Status der Bilingualität erreicht, bzw. dass eine solche Festsetzung völlig arbiträr ist. Er macht Bilingualismus deshalb am sprachlichen Verhalten fest und definiert „bilingualism as the alternate use of two or more languages by the same individual“ (Mackey 1972, S.555), bindet seine Definition also praktisch direkt ans Codeswitching (vgl. Kapitel 2.2 dieser Arbeit).

Nachdem man sich von der Idee verabschiedet hatte, dass jeder bilinguale Sprecher seine beiden Sprachen perfekt beherrschen müsse, kam auch die Frage nach dem Grad des Bilingualismus auf. Einige Forscher schlagen hier vor, zu vergleichen, wie gut jemand beide Sprachen beherrscht, wobei sich die Frage stellt, wie und auf welchen Ebenen diese Kompetenz getestet werden soll. Besonders umstritten ist, ob und inwiefern die Beherrschung der Schriftsprache relevant ist, wenn es darum geht, ob jemand als bilingual einzustufen ist (vgl. Mackey, S. 556f, Romaine 1995, S. 15 und Romaine 1996, S.585).

Entscheidend ist auch, dass bei Forschern wie Mackey Bilingualismus nicht nur die Zweisprachigkeit sondern die Mehrsprachigkeit bezeichnet, eine Verwendung des Ausdrucks, die sich mittlerweile allgemein durchgesetzt hat (vgl. z.B. Grosjean 1995, S.259, Paradis 2007, S.16), auch wenn dies nicht unumstritten ist (vgl. Dewaele 2007, S.106f). Auch in dieser Arbeit wird Bilingualismus als Oberbegriff für Zwei- und für sonstige Mehrsprachigkeit verwendet. Auch wenn die Beherrschung von mehr als zwei Sprachen mit Sicherheit neue Phänomene, auch im Bereich Codeswitching, mit sich bringt, wird darauf hier aus Platzgründen nicht eingegangen. .

Mackeys Auffassung, dass Bilingualismus ein Phänomen des Sprachgebrauchs ist, ist in der heutigen Forschung weit verbreitet. Auer formuliert dies sehr prägnant folgender-maßen: „You cannot be bilingual in your head, you have to use your two or more languages ‘on stage’, in interaction, to show others that and how you can use them“ (Auer 1984, S.7). Aus der Perspektive der Konversationsanalyse führt er die Definition von Bilingualismus zusammen mit der Auffassung von Sacks, in der sprachlichen Interaktion sei man nicht etwa etwas, sondern tue bzw. konstruiere etwas. Sacks drückt dies in Formulierungen wie „doing being polite“, „doing being hesistant“ aus (vgl. Auer 1984, S.7)[1]. In Parallele dazu formuliert Auer die Möglichkeit, dass ein Sprecher „does being bilingual“ (Auer 1984, S.7), wenn er sich so verhält, also in der Konversation seine beiden oder mehreren einzelsprachlichen Repertoires nutzt. Später fordert er, Bilingualismus als “a set of linguistic activities“ (Auer 1988, S.191) anzusehen.

Diesen am sprachlichen Handeln orientierten Definitionen von Bilingualismus schließe ich mich an. In dieser Arbeit wird als bilingual bezeichnet, wer in seinem Alltag zwei oder mehr Sprachen regelmäßig aktiv nutzt, d.h. in beiden Sprachen regelmäßig Gespräche führt oder Texte verfasst. Die Definition ist nicht an einen Grad der Kompetenz gebunden.

2.1.1 Bilingualismus aus psycholinguistischer Sicht

Wie man „im Kopf“ bilingual ist, beschäftigt seit Beginn der Bilingualismus-Forschung die Psycholinguistik. Hier ist man besonders interessiert daran, wie die unterschiedlichen Einzelsprachen im Gehirn gespeichert bzw. voneinander getrennt werden. Lange Zeit großen Einfluss hatte hier Weinreichs Einteilung in „compound“ und „coordinate“ Bilingualismus (Weinreich 1953, S.10). Demnach hängt die Art und Weise, wie die Sprachen im Gehirn organisiert sind, von der Art des Erwerbs dieser Sprachen ab. Bei einem coordinate, bzw. koordinierten Bilingualismus, werden beide Sprachen gleichzeitig und im selben Kontext, also beispielsweise in einem zweitsprachigen Elternhaus, gelernt und sind in einem verbundenen Speicher abgelegt. Koordiniert bilinguale Sprecher haben nach dieser Theorie in ihrem lexikalischen Speicher für ein Konzept eine einzige Repräsentation, der die entsprechenden Wörter aus den verschiedenen Einzelsprachen zugeordnet sind. Compound, also komponierter Bilingualismus entsteht dagegen, wenn die Sprachen unabhängig voneinander und üblicherweise nacheinander gelernt werden, z.B. im klassischen Fremdsprachenunterricht in der Schule. Laut Weinreich werden hierbei die Sprachen unabhängig voneinander gespeichert und bilden unterschiedliche konzeptuelle Systeme, die nicht verbunden sind. Zu jedem Wort hat ein Sprecher danach ein einzelnes, abgetrenntes Konzept, auch bei Wörtern, die die genaue Entsprechung in der jeweils anderen Sprache darstellen. Eine Unterart des komponierten Bilingualismus liegt vor, wenn die Zuordnung eines Konzepts zu einem Wort in der einen Sprache nur über die Repräsentation in der anderen Sprache erfolgen kann, der Sprecher sich seine schwächere Sprache also immer zunächst in die besser beherrschte übersetzen muss, um Äußerungen in der schwächeren zu verstehen (vgl. Weinreich 1953, S.9-11).

Die Fragestellung, ob diese Einteilung tatsächlich zutrifft, beschäftigte die Psycholinguistik lange Zeit, dies konnte jedoch weder nachgewiesen noch zweifelsfrei widerlegt werden. Man geht jedoch heute davon aus, dass es bei zweisprachigen Sprechern statt einem oder zwei drei Speicherorte im Gehirn gibt: einen für die Konzepte und das Weltwissen des Sprechers und je einen für die mentalen Lexika, die damit verknüpft sind. Das Hauptaugenmerk der psycholinguistischen Bilingualismus-Forschung liegt dabei nicht mehr darauf, wie das mentale Lexikon bzw. die mentalen Lexika in sich organisiert sind, sondern darauf, wie die Produktion von sprachlichen Äußerungen abläuft. Im Grunde muss dies bei monolingualen und bei bilingualen Sprechern etwa gleich sein. Zunächst überlegt sich ein Sprecher übersprachlich, was er aussagen möchte, und dann werden die sprachlichen Zeichen ausgesucht, mit denen dies ausgedrückt werden kann, und nach den grammatischen Regeln dieser Sprache zusammengefügt. Ein bilingualer Sprecher kann hier im Gegensatz zu einem monolingualen aus verschiedenen Speichern wählen (vgl. Albert 1998 S.92f und Grosjean 1995, S.260f). Grosjean geht davon aus, dass es bei Bilingualen verschiedene „Betriebsmodi“ der Sprachproduktion gibt. In Interaktion mit monolingualen Sprechern ist der monolinguale Modus aktiviert, in dem nur eine Sprache aufgerufen wird, so dass der Sprecher Äußerungen produziert, die nur Einheiten einer seiner Sprachen enthält, in Interaktion mit anderen Bilingualen ist ein bilingualer Modus aktiviert, in dem z.B. Codeswitching auftreten darf. Allerdings kann es auch im mono-lingualen Modus zu Interferenzen kommen (vgl. Grosjean 1995, S. 261f). Inwieweit die Art des Spracherwerbs mit der Organisation der Sprachen untereinander und dem Zugriff auf sie entscheidend ist, ist in der Psycholinguistik unklar, es ergibt sich aber aus der Forschung, dass zumindest die Kompetenz in den beiden Sprachen, und somit vermutlich auch die Art des Erwerbs, eine Rolle spielt (vgl. Albert 1998, S.94).

2.1.2 Verschiedene Formen von Bilingualismus

Abschließend ist zu Bilingualismus zu sagen, dass es sich dabei keinesfalls um ein sprachliches Rand- oder Minderheitenphänomen handelt. Man geht davon aus, dass mindestens die Hälfe der Weltbevölkerung bilingual ist, und dass in dem Großteil aller Sprachgemeinschaften mehr als nur eine Sprache gesprochen wird. Dies ergibt sich schon allein daraus, dass es etwa dreißigmal so viele Sprachen wie Länder auf der Welt gibt. Und selbst in Ländern oder Gemeinschaften, in denen nur eine Einzelsprache benutzt wird, gliedert sich diese in regionale, soziale und stilistische Varietäten, so dass auch hier die Sprachsituation durchaus nicht homogen ist (vgl. Romaine 1996, S.573).

Es finden sich unterschiedliche Arten von bilingualen Gesellschaften: Weit verbreitet ist Bilingualismus in ehemaligen Kolonien, in denen die Verwaltungssprache und zum Teil die überregionale Verkehrsprache die Sprache der ehemaligen Kolonialherren ist, während in inoffiziellen Kontexten der Gebrauch von indigenen Sprachen vorherrschet. Dies ist zum Beispiel in Indien und in weiten Teilen Afrikas der Fall. Zur Herausbildung einer Lingua franca kann es allerdings auch kommen, ohne dass diese eine Kolonialsprache im eigentlichen Sinne ist (man denke etwa an Swahili). Eine solche Verkehrsprache entsteht einfach dort, wo viele kleine Sprachgemeinschaften einer gemeinsamen Wirtschafts- und/ oder Verwaltungsstruktur angehören. Immer jedoch hat die Benutzung einer Verkehrs-sprache einen hohen Anteil an Bilingualen in der Bevölkerung zur Folge (vgl. Myers-Scotton 1995a, S.34). Teilweise ist es aber auch eine Elite, die sich Zweisprachigkeit als eine Art Luxus und zur Abhebung von der übrigen Gesellschaft erlaubt, wie dies im europäischen Adel des 17. bis 19. Jahrhunderts der Fall war, wo auch in Ländern wie Deutschland oder Russland die Beherrschung des Französischen zum guten Ton gehörte (vgl. Gumperz 1982, S.64). Außerdem kommt es zur Zweisprachigkeit, wenn beispiels-weise für religiöse Zwecke eine andere Sprache benutzt wird als für den täglichen Gebrauch, wie z.B. Hebräisch bei Juden, deren Muttersprache nicht Hebräisch ist, oder Arabisch bei Muslimen, die nicht in einer arabischsprachigen Gesellschaft leben. Bilinguale Gesellschaften finden sich auch dort, wo zwei oder mehr Volksgruppen mit unterschiedlicher Verwaltungssprache in einem Land leben, also z.B. in Belgien, Kanada oder der Schweiz. Obwohl die Gesellschaft hier im hohen Maße bilingual ist, sind es die einzelnen Sprecher häufig allerdings nicht, wenn es keine übergeordnete Verwaltungs-sprache gibt. In einer solchen Situation leben die Sprachgemeinschaften oft relativ unbeeinflusst voneinander nebeneinander (vgl. Mackey 1967, S. 12). Schließlich gibt es klassische Einwandergemeinschaften. In der Bilingualismus- Forschung am meisten betrachtet ist hier sicherlich die hispanische Bevölkerung in den USA, insbesondere die puertoricanischen Einwanderer. Aber auch die türkischstämmige Bevölkerung in Deutsch-land oder die pakistanischen Einwanderer in England sind hier Beispiele. Darüber hinaus kommt Zweisprachigkeit nicht nur in etablierten zweisprachigen Gesellschaften vor. Personen können auch deshalb bilingual sein, weil sie in einem zweisprachigen Elternhaus aufgewachsen sind, oder weil sie (oder ihre Eltern) in ein Land immigriert sind, ohne dort eine größere Gemeinschaft vorzufinden, die ihre Muttersprache teilt. In solchen Fälle spricht man von isolierten Bilingualen.

In dieser Arbeit werden folgende Formen von Bilingualismus unterschieden: 1. Bilingualismus bei Personen, die als Kinder mit zwei Muttersprachen ihrer verschieden-sprachigen Eltern aufgewachsen sind. 2. Bilingualismus bei Mitgliedern einer sprachlichen Minorität. (Dies kann sowohl eine Einwanderergesellschaft als auch eine bodenstämmige Minorität sein.) 3. Bilingualismus bei Kindern von Immigranten ohne sonderlichen Kontakt zu einer etablierten Immigrantengesellschaft, die zuhause die Muttersprache ihrer Eltern lernen. 4. Bilingualismus bei Migranten, die nicht in einer etablierten Immigranten-gesellschaft leben. 5. Elite-Bilingualismus bei Personen, die freiwillig eine Zweitsprache gelernt haben, um z.B. höhere Bildung zu erlangen oder weil sie die Sprache ihres Lebenspartners gelernt haben. Der Terminus elite bilinguals ist von Skutnabb-Kangas übernommen, die damit beispielsweise Kinder beschreibt, die, obwohl ihre Familien zur sprachlichen Majorität des Landes gehören, zu Schulen geschickt werden, in denen eine andere Sprache gesprochen wird (vgl. Skutnabb-Kangas 1984, S.75). Diese Form von Bilingualismus war lange Zeit in Europa verbreitet, als Latein die internationale Sprache der Wissenschaft und der Kirche war, wie auch später, als in Adel und im adelsnahen Bürgertum in vielen europäischen Ländern Französisch zum guten Ton gehörte (s.o.). Heute findet sich Elite-Bilingualität vor allem in Ländern, in denen an den Universitäten und zum Teil auch an den höheren Schulen zumindest teilweise auf Englisch unterrichtet wird. Das ist vor allem in den ehemaligen britischen Kolonien der Fall, aber auch z.B. in Skandinavien nicht unüblich, zumindest was die Universitäten anbelangt. Elite- Bilingualismus kann aber auch dadurch zustande kommen, dass sich jemand aus sonstigen freiwilligen Gründen eine Zweitsprache aneignet, die er im Alltag regelmäßig aktiv nutzt, z.B. wenn er, wie oben angeführt, einen Partner hat, der eine andere Sprache spricht, oder weil er längere Zeit im Ausland gelebt hat und/oder als Lehrer für die Sprache dieses Landes tätig ist.

2.2 Was ist Codeswitching?

„Code-switching is the alternation of two languages within a single discourse, sentence or constituent”, so definiert Shana Poplack es in ihrem Aufsatz Sometimes I’ll start a sentence in Spanish y termino en español, in dessen Titel sie ein perfektes Beispiel für dieses Phänomen liefert (Poplack 1980, S.583). Peter Auer spricht, auf einem abstrakteren Niveau, von „a relationship of contiguous juxtaposition of semiotic systems“ (Auer 1995, S.116), während Joseph Gafaranga „ code-switching, the use of two languages within the same conversation“ (Gafaranga 2007, S.279) als feststehende und geradezu selbstverständliche Definition annimmt. Dieser klaren und einfachen Definition schließe ich mich in dieser Arbeit an und spreche von Codeswitching als dem abwechselnden Gebrauch verschiedener Sprachsysteme innerhalb eines zusammenhängenden Textes oder Gesprächs. Der Wechsel kann dabei zwischen sprachlichen Konstituenten aller Größenordnungen auftreten, also zwischen Gesprächsbeiträgen, Sätzen, Phrasen oder Wörtern ebenso wie zwischen Morphemen eines Wortes.

Aufgrund der negativen Einstellung gegenüber Bilingualismus insgesamt wurde auch diese besondere Eigenschaft bilingualer Sprache lange Zeit als negativ bewertet und gar nicht als eigenes Phänomen betrachtet, sondern als Interferenz abgetan, als Störung, die dadurch auftrat, dass der Sprecher die Sprache, in der er sich gerade verständigen wollte, nicht richtig beherrschte. Weinreich und Haugen beschrieben das Phänomen zwar bereits in den fünfziger Jahren (vgl. Weinreich 1953 und Haugen 1953), doch Weinreich, der das Bild eines „idealen Bilingualen“ hatte, forderte auch, dass bei einem solchen kein Code-switching vorkommt. Nur bei einer veränderten Gesprächssituation, also mit einem anderen Gesprächspartner oder bei einem Themenwechsel, darf solch ein idealer bilin-gualer Sprecher die Sprache wechseln, auf keinen Fall aber innerhalb eines Satzes (vgl. Weinreich 1953, S.73). Dass gerade für Codeswitching, insbesondere für intrasententiales, eine hohe Kompetenz in beiden bzw. allen beteiligten Sprachen nötig ist, wurde damals noch nicht erkannt (vgl. Edel 2007, S.3). Aufgrund dieser Haltung nahm die Linguistik Codeswitching nicht als eigenständige Kommunikationsform wahr und damit auch nicht als eigenständigen Untersuchungsgegenstand. Bahnbrechend für den Wandel dieser Auffassung war dann die Forschung von John J. Gumperz, insbesondere die Untersuchung von Blom & Gumperz aus dem Jahr 1972, in der die beiden das Codeswitching-Verhalten in einem Ort in Norwegen beschrieben, in dem die Anwohner sowohl den dort bodenständigen norwegischen Dialekt als auch die offizielle Landessprache Bokmål regelmäßig und abwechselnd sprechen (vgl. Blom & Gumperz 1972). Dieses Werk bildet einen Startschuss für die Forschung, die sich für die Struktur der komplexen Kommunikationsform Codeswitching interessierte. Es entwickelten sich drei Forschungs-richtungen: Eine soziolinguistische nach Gründen für den Sprachwechsel, die Grundlage für diese Arbeit ist, eine grammatikorientierte, die sich mit der äußeren Form und grammatischen Einbettung von Switches beschäftigte, und eine psycholinguistische (vgl. Myers-Scotton 1995a, S. 46-50). Ein kurzer Einblick in die psycholinguistische Forschung wurde bereits im Kapitel 2.1.2 dieser Arbeit gegeben, eine ebenso kurze Übersicht über die wichtigsten Forscher und Theorien der grammatikorientierten Forschung wird in Kapitel 2.2.1 folgen.

Im Gegensatz zu dem Terminus Bilingualismus besteht bei dem Phänomen des Code-switchings weniger Uneinigkeit bezüglich einer allgemein anerkannten Definition als bezüglich einer einheitlichen Bezeichnung. Von den konkurrierenden Schreibweisen Codeswitching, Code-Switching und Code Switching einmal abgesehen, entwickeln einige Autoren eine Sprechweise, die von der Verwendung von Codeswitching als Oberbegriff für Sprachwechselphänome abweicht. Bei Auer ist der Oberbegriff language alternation (vgl. Auer 1984) oder auch code alternation (vgl. Auer 1995), und auf diesen Ausdruck bezieht sich auch die oben zitierte Definition. Die Alternation lässt sich dann aufteilen in Transfer und Codeswitching. Transfer definiert der Autor als „tied to a particular conversational structure (for instance a word, a sentence, or a larger unit [...])“ (Auer 1984, S.12). Das heißt, dass eine bestimmte Einheit aus einer Sprache in ein Gespräch, das eigentlich in einer anderen Sprache geführt wird, eingebettet ist. Im Unterschied dazu ist Codeswitching in diesem Fall definiert als „tied to a particular point of alternation“ (Auer 1984, S.12), bezeichnet also einen kompletten Wechsel der Sprache, in der ein Gespräch geführt wird.

Eine abweichende Sprechweise findet sich auch bei Muysken. Dieser spricht z.B. meist von code-mixing, das er als Auftreten von Wörtern, Morphemen oder grammatischen Strukturen aus verschiedenen Sprachen innerhalb eines Satzes definiert. Code-switching dagegen ist für ihn „rapid succesion of several languages in a single speach event“ (Muysken 2000, S.1), jedoch offenbar nicht innerhalb eines Satzes. Da Muyskens Forschung sich mit intrasententialen Switches beschäftigt, taucht der Terminus bei ihm kaum auf[2].

Wenn nicht speziell darauf hingewiesen wird, wird in dieser Arbeit der Terminus Codeswitching auch dann, wenn auf jene Autoren verwiesen wird, die ihn anders benutzen, nach der allgemeinen Definition verwendet, die ich oben festgelegt habe. Dabei wird unterschieden zwischen intersententialem und intrasententialem Codeswitching, also Sprachwechsel zwischen einzelnen Sätzen und innerhalb eines Satzes, sowie zwischen Codewechsel und Codemischung. Diese Ausdrücke orientieren sich an den Termini codechanging und codemixing bei Erica McClure (vgl. McClure 1977, S.97f), werden hier jedoch nicht mit diesen gleichbedeutend benutzt. Die Bedeutung ist eher Auers Termine Code-switching und Transfer ähnlich. Bei einem Codewechsel, wie ich ihn definiere, ändert sich die Sprache an einem bestimmten Punkt einer Äußerung oder eines Gesprächs komplett. Vorher wird nur (oder zumindest deutlich überwiegend) die eine Sprache, danach nur (oder zumindest deutlich überwiegend) die andere Sprache gesprochen. Bei Codemischung werden dagegen einzelne Elemente aus einer Sprache in Äußerungen, die eigentlich in einer anderen Sprache formuliert sind, eingebaut. Die Länge dieser Elemente ist dabei nicht festgelegt. Es kann sich um einzelne Morpheme handeln ebenso wie ganze Sätze, z.B. Zitate, die in einen ansonsten in einer anderen Sprache formulierten Text eingebaut werden.

Um umständliche Beschreibungen zu vermeiden, wird darüber hinaus von nun an immer die Sprache, in der das aktuell beschriebe Gespräch begonnen wird, als La und diejenige, die als zweite benutzt wird (in die also geswitched wird) als Lb bezeichnet.[3] Wenn in einem Gespräch mehr als zwei Sprachen aktiv sind, werden diese entsprechend mit Lc, Ld etc. bezeichnet.

2.2.1 Beschreibungsmodelle zur Oberflächenstruktur

Die Definition von Codeswitching bei einzelnen Forschern ist oft gebunden an das jeweilige theoretische Modell, mit dem sie Codeswitching-Verhalten beschreiben. Poplack, die an einer Stelle eine so einfache Definition liefert wie oben zitiert, erkennt an anderer Stelle nur das als „echtes“ Codeswitching an, dass dem von ihr aufgestellten Two-constraints-Modell entspricht, also im Wesentlichen artikulatorisch übergangslos erfolgt und die syntaktische Ordnung beider beteiligten Sprachen nicht verletzt (vgl. Kapitel 2.2.1.1). Auch Myers-Scotton definiert Codeswitching als „the selection by bilinguals or multilinguals of forms from an embedded language (or languages) in utterances of a matrix language during the same conversation” (Myers-Scotton 1995a, S. 4), was auch direkt auf das von ihr vertretene Matrix-Language-Frame-Model zugeschnitten ist. In diesem Kapitel soll deshalb eine kurze Übersicht über die wichtigsten Theorien zur äußeren Form von Codeswitching gegeben werden.

2.2.1.1 Das Two-Constraints-Modell

Die ersten Modelle, mit denen man die Struktur von Codeswitching erfassen wollte, schlagen vor allem Beschränkungen vor, denen Codeswitching-Äußerungen unterliegen. Poplack stellte 1980 als erste zwei syntaktische Beschränkungen auf, die sie anhand eines Korpus von englisch-spanischen Gesprächen puertoricanischer Einwanderer in New York ermittelt hatte: Das free morpheme constraint und das equivalence constraint. Ersteres besagt, dass das Sprachsystem nur zwischen freien Morphemen, nicht aber zwischen zwei gebundenen oder einem freien und einem gebundenen Morphem gewechselt werden kann, also im Wesentlichen nicht innerhalb eines Wortes. Eine Ausnahme für die Beschränkung sieht Poplack lediglich auf phonologischer Ebene (vgl. Poplack 1980, S.585f).

Das equivalence constaint besagt, dass beim Codeswitching weder die syntaktische Ordnung der einen noch die der anderen beteiligten Sprache verletzt werden darf, Switches also nur an solchen Stellen vorkommen können, wo die Oberflächenstruktur in beiden Sprachen parallel läuft (vgl. Poplack 1980, S.586).

Aus diesen beiden Beschränkungen entwickelten Shana Poplack und David Sankoff das Two-Constraints-Modell, das auch als Variation Theory oder Context-Free Grammar bezeichnet wird (vgl. Edel 2007, S.43). In diesem Modell wird zum ersten Mal die Ein-teilung in intersententiales und intrasententiales Codeswitching getroffen. Die Vorschläge zur Struktur von Codeswitching, die dieses Modell macht, beziehen sich auf die intrasententiale Variante, die grundsätzlich grammatisch problematischer ist und höhere Ansprüche an die Kompetenz des Sprechers stellt (vgl. Edel 2007, S.43). Nach diesem Modell ist Codeswitching definiert als „alternate sentence fragments in the two languages, each of which is grammatical by monolingual standards“ (Sankoff, Poplack & Vanniarajan 1990, S.71), die also den beiden Beschränkungen von Poplack entsprechen. Da jedoch die Untersuchung weiterer Korpora ergibt, dass sich nicht alle Bilingualen an diese Beschränkungen halten, die bei Poplacks erster Untersuchungsgruppe zu beobachten sind, fügen Poplack und Sankoff ihrem Modell einige weitere Kategorien hinzu: Die Unterscheidung zwischen flagged und smooth, sowie die Möglichkeit der constituent insertion und des nonce borrowing.

Smooth, also reibungslos, sind solche Fälle von Codeswitching, die sich an das Equivalence Constaint halten, alle anderen sind flagged, also markiert. Poplack und Sankoff gehen davon aus, dass solche flagged Switches zusätzlich von Atempausen, Wiederholungen, metasprachlichen Kommentaren und ähnlichen Signalen begleitet sind, die neben dem Sprachwechsel einen reibungslosen Sprach- bzw. Informationsfluss unterbrechen (vgl. Poplack & Sankoff 1988, S.1176).

Bilinguale übernehmen jedoch auch Einzelwörter aus der Lb, ohne diese durch solche Signale zu kennzeichnen. Da diese häufig nach der Grammatik der La flektiert werden, entsprechen sie dann nicht dem Free Morpheme Constraint. Poplack und Sankoff bezeich-nen solche Fälle als nonce borrowing, also als spontane Entlehnungen. Strukturell verhalten sich diese wie etablierte Lehnwörter, unterscheiden sich aber von jenen dadurch, dass sie nur für bilinguale Sprecher verständlich sind, weil sie nicht dem Wortschatz derjenigen Sprache angehören, in deren Umfeld sie geäußert werden (vgl. Poplack & Sankoff 1988, S.1176). Geswitchte Einheiten, die sich nicht dem Free Morpheme bzw. dem Equivalence Contraint entsprechend verhalten, weisen Poplack und Sankoff an anderer Stelle der Kategorie constituent insertion zu. Diese Einheiten sind intern nach der Grammatik der Sprache organisiert, aus der ihr lexikalisches Material kommt, werden jedoch in einen Satz an der Stelle eingefügt, an der eine entsprechende Phrase der La stehen würde (vgl. Poplack & Meechan 1995, S. 200). Wie lang eine solche Constituent Insertion sein darf bzw. wie lang sie sein muss, um nicht mehr als Nonce Borrowing zu zählen, wird offen gelassen. Daher fällt es in vielen Fällen schwer, zwischen diesen Kategorien zu unterscheiden. Die formalen Kriterien für beide Fälle scheinen die gleichen zu sein: bei beiden wird eingebettetes Material aus einer anderen Sprache morphologisch nicht in die La integriert. Auch der Satzteilcharakter der Constituent Insertion stellt kein sinnvolles Kriterium dar, da auch einzelne Wörter ganze Satzteile bilden können. Auch Poplack und Sankoff selbst rechnen den Fall einer Nominalphrase aus einer SVO-Sprache in einer VSO-Sprache 1988 der einen, 1990 jedoch der anderen Kategorie zu (vgl. Poplack & Sankoff 1988, S.1178f und Sankoff, Poplack & Vanniarajan 1990, S.71).

Diese Ungenauigkeit bildet nur einen der Kritikpunkte, die man gegen das Two-Constraints-Modell vorbringen kann. Das gesamte Modell ist sehr kritisch zu betrachten und wird heutzutage als überholt angesehen. Es ist festzustellen, dass Poplack und Sankoff an vielen Stellen präskriptiv und nicht deskriptiv vorgehen. So ist es vor allem unsinnig, festzulegen, dass als Codeswitching nur solche Fälle angesehen werden, die den einzelsprachlichen grammatischen Regeln beider Sprachen entsprechen, und dann festzu-stellen, dass in dem untersuchten Codeswitching keine Regelverletzungen stattfinden (vgl. Edel 2007, S.49). Ein weiteres Problem des Two-Constaints-Modells ist, dass es lineare Strukturen in den Vordergrund stellt, grammatische Strukturen jedoch meist nicht linear, sondern in hierarchischen Beziehungen organisiert sind (vgl. Edel 2007, S.6).

2.2.1.2 Das Matrix-Language-Frame-Modell

Beim Two-Constraints-Modell liegt die Annahme zugrunde, dass beim Codeswitching die Lexika und Grammatiken beider Sprachen gleichermaßen aktiviert oder sogar zu einer Art Mischgrammatik verbunden sind. Einen anderen Ansatz verfolgt Carol Myers-Scotton, die aufgrund eines bei ihrer jahrelangen Forschung in Afrika zusammengestellten Korpus das Matrix-Language-Frame Modell entwickelte. Grundidee dieses Modells ist es, dass beim Codeswitching stets eine Sprache dominant ist. Daher wird unterschieden zwischen der matrix language (abgekürzt ML) und der embedded language (abgekürzt EL). Mit dieser Hierarchie verbunden ist eine zweite Einteilung, nämlich die aller Morpheme in System-morpheme und Inhaltsmorpheme. Diese Unterscheidung entspricht in etwa der zwischen grammatischen und lexikalischen Morphemen (vgl. Myers-Scotton, 1995b, S.235). Die Systemmorpheme bilden den Rahmen einer sprachlichen Äußerung und geben deren Struktur vor. Da dieser strukturelle Rahmen einem einheitlichen System entspringen muss, können diese Systemmorpheme auch bei Codeswitching nur einer Sprache entstammen, die dann die ML der Äußerung ist. Nur Inhaltsmorpheme können aus der EL eingebaut werden. Eine Ausnahme besteht lediglich für Morpheme, die so eng mit einem Inhalts-morphem verbunden sind, dass sie beim Aufruf des Lemmas entweder versehentlich aufgerufen und mitgeäußert werden, wie z. B. Pluralendungen von Verben, oder zum Lexem gehören und automatisch immer mitaktiviert werden, wie z.B. Partikel von Partikelverben (vgl. Myers-Scotton 1997, S.253f).

Neben diesem Systemmorphemprinzip entsprechen laut Myers-Scotton die Äußerungen, in denen Codeswitching vorkommt, auch dem Morphemfolgeprinzip, das besagt, dass die Wortreihenfolge den Regeln der Matrixsprache folgt, auch wenn hier die syntaktischen Regeln der ML und der EL in Bezug auf die Wortfolge nicht übereinstimmen (vgl. Myers- Scotton 1997, S.83).

Die ML ist nicht über ein ganzes Gespräch festgelegt, sondern kann durchaus auch innerhalb einer Konversation wechseln, ausgelöst zum Beispiel durch einen Themen-wechsel oder eine Änderung der Sprecherkonstellation (vgl. Myers-Scotton 1995b, S. 238, siehe dazu auch Kapitel 3.3 dieser Arbeit).

Innerhalb einer Äußerung sind verschiedene Konstituenten unterscheidbar, die in unterschiedlichem Maße der ML unterliegen. Myers-Scotton unterscheidet hier zwischen ML-Inseln, ML-EL-Konstituenten und EL-Inseln. ML-Inseln sind komplett der Grammatik der Matrixsprache entsprechend gebildet und enthalten auch lexikalisch nur ML-Material. ML-EL-Konstituenten sind ebensolche, die dem Systemmorphemprinzip und dem Morphemfolgeprinzip folgen, und lexikalisch sowohl ML- als auch EL-Material beinhalten (vgl. Edel 2007, S.60f). EL-Inseln sind Konstituenten, die nach den Regeln der EL-Grammatik gebildet werden, und in denen daher auch Systemmorpheme der eingebetteten Sprache vorkommen, die eigentlich geblockt werden müssten. Ausgelöst wird eine solche EL-Insel meist dadurch, dass ein angestrebtes Lemma aus der eingebetteten Sprache kein Äquivalent in der ML hat und daher keine sinnvolle Einbettung mit ML-Morphemen erfolgen kann. Entsprechend muss die gesamte Konstituente in der eingebetteten Sprache formuliert werden (vgl. Myers-Scotton 1995b, S.249). Dabei muss sie nach den Regeln der EL-Grammatik korrekt sein. EL-Inseln können per definitionem nicht aus einzelnen Wörtern bestehen, sondern müssen mindestens zwei Lexemen umfassen, die intern voneinander abhängig sind (vgl. Myers-Scotton 1997, S.138). Auf diese Wiese sind sie klar von solchen Fällen zu unterscheiden, in denen einzelne EL-Wörter innerhalb eines ML-EL-Konstituenten vorkommen.

Entgegen dem Systemmorphemprinzip können einzelne Wörter aus der EL auch ohne Einbettung durch ML-Systemmorpheme in ML-Äußerungen eingebaut werden, und werden dann als bare forms bezeichnet. Diese morphosyntaktisch nicht angepassten Lexeme sind z.B. Infinitive oder Partizipien von Verben an Stellen, an denen eigentlich finite Verbformen stehen müssten. Ob sie mit EL-Affixen versehen sind, spielt dabei keine Rolle (Myers-Scotton 1999, S.215).

In der Praxis zeigen sich durchaus auch Fälle, in denen keine der beiden Ursprungs-sprachen eine so klare Dominanz zeigt, dass sie als Matrixsprache zu identifizieren wäre. Myers-Scotton geht in diesem Fall von einer compound ML, also einer zusammengesetzten Matrixsprache, aus (vgl. Myers-Scotton 1997, S.258). In der zusammengesetzten Matrix-sprache können Systemmorpheme und grammatische Strukturen der eigentlichen EL auftreten, jedoch bleibt auch innerhalb dieser eine der Quellsprachen zumindest quantitativ dominant (Myers-Scotton 1999, S.214). Myers-Scotton geht davon aus, dass dieses Phänomen meist auf mangelnde Kompetenz in der eigentlich angestrebten Matrixsprache zurückzuführen ist, es sich dabei also letztlich um eine Interferenz handelt (vgl. Myers-Scotton & Jake 2000, S.2).

In diesem Punkt ist Myers-Scottons Annahme äußerst fragwürdig und ihre Argumentation zirkulär. Auch angesichts dessen, dass bei Codeswitching mehr als nur eine Sprache System bestimmende Strukturen vorgeben kann, bleibt sie bei der grundsätzlichen Annahmen: „In all contact phenomena, there is always an ML, and there is only one ML at a time [...]“ (Myers- Scotton 1999, S. 214). Und wenn sich doch keine einzelne Sprache ermitteln lässt, aus der alle Systemmorpheme und grammatischen Strukturen stammen, dann muss die Matrixsprache eben zusammengesetzt sein. Kristina Edel fasst dies in ihrer Kritik an Myers-Scottons Modell folgendermaßen zusammen: „Da das Matrix-Language-Frame-Modell darauf basiere, dass nur eine Sprache aktiv sei, kann nur eine Sprache aktiv sein; das gilt auch dann, wenn diese aktive Sprache Merkmale aus zwei Sprachen trägt“ (Edel 2007, S.64), also wenn offensichtlich zwei Sprachen aktiv sind. Es stellt sich hier die Frage, ob nicht vielmehr die Annahme einer Matrixsprache, die die Dominanz über Systemmorpheme und Morphemfolge in Codeswitching-Äußerungen inne hat, nicht auf alle Fälle von Codeswitching zutrifft. Bemerkenswert ist hier auch, dass die Fälle einer zusammengesetzten Matrixsprache als „nicht-klassiches Codeswitching“ (Edel 2007, S.64) bezeichnet werden und durch die Nähe zu inkompetenten Sprechern und vorübergehenden Phänomenen als in einer unbestimmten Form minderwertig dargestellt werden. Stattdessen sollte man eingestehen, dass das Matrix-Language-Frame-Modell zwar die Struktur vieler, aber eben nicht aller Codeswitching-Äußerungen treffend beschreibt, es also kein allgemeingültiges Modell ist, das sich zur adäquaten Beschreibung aller Codeswitching-Äußerungen anwenden lässt.

2.2.1.3 Muyskens Code-mixing-Typologie

Ein Modell, das kein umfassendes Beschreibungsmodell mit festen Beschränkungen und Prinzipien sein will, und daher auch, zumindest bisher, keinen Namen erhalten hat, stammt von Pieter Muysken. Er selbst erklärt dazu: „I do not propose a single ‚model’ of code-mixing, since I do not think there is such a model, apart from the general models provided by grammatical theory and language processing“ (Muysken 2000, S.3). Als Aufgabe seiner Forschung sieht er es vielmehr an, die Erkenntnisse der Soziolinguistik und der Psycho-linguistik über generellen Faktoren der Sprachproduktion auf Codeswitching zu beziehen und mit den Erkenntnissen über dieses zusammenzubringen. Er unterscheidet drei Grundtypen von code-mixing, also intrasententialem Codeswitching (vgl. S.13 dieser Arbeit): insertion, alternation und congruent lexikalization (vgl. Muysken 2000, S.3).

Im Fall von Insertion, also Einfügung, werden Wörter oder größere Konstituenten einer Einzelsprache in Äußerungen in einer anderen Einzelsprache eingesetzt. Die eingefügten Einheiten können dabei unterschiedlichster Art und Umfangs sein, es kann sich um Lexeme jeder Wortart und um auch ganze Phrasen handeln. Generell sind jedoch Inhalts-wörter häufiger als Funktionswörter, und einzelne Lexeme häufiger als längere Konstitu-enten, aber auch feste Wendungen werden gern auf diese Weise eingefügt (vgl. Muysken 2000, S.62f). Bevorzugt treten Substantive und NPs als Insertion auf (vgl. Muysken 2000, S.95). Muysken sieht bei dieser Art von Codeswitching die Verbindung zu Myers-Scottons Matrix-Language-Frame-Modell und spricht hier ebenfalls von einer Matrixsprache, deren Grammatik die Struktur der Äußerungen vorgibt, auch wenn diese Einfügungen aus einer anderen Sprache beinhaltet (vgl. Muysken 2000, S.64 und S. 3). Diese können mit Affixen der Matrixsprache integriert werden, aber auch mit Affixen der Ursprungssprache versehen sein oder, im häufigsten Fall, als bare forms stehen (vgl. Muysken 2000, S.64 und 95). Viele Fälle von Insertion kann man als nonce borrowing, also als spontane Entlehnung, bezeichnen. Die Grenzen zwischen Entlehnung und Codeswitching sind hier fließend (vgl. Muysken 2000, S.89)[4]. Entscheidend für Insertion ist kategorielle Äquivalenz, also z.B. dass das eingefügte Wort bzw. der Kopf einer eingefügten Phrase einer Wortart entspricht, die es auch in der Matrixsprache gibt. Je eher die beteiligten Sprachen über gleiche Kategorien verfügen und je ähnlicher syntagmatische Strukturen wie etwa die Wortfolge sind, desto „glatter“ kann das Codeswitching ablaufen (vgl. Muysken 2000 S.56).

Bei der Alternation werden die Sprachen im Unterschied zur Insertion nicht wirklich miteinander vermischt. Muysken beschreibt Alternation als „stratagy of mixing in which the two languages present in the clause remain relatively separate“ (Muysken 2000, S.96). Das Codeswitching erfolgt hier zwischen unterschiedlichen Konstituenten in einem Satz: Vor dem Switch ist nur die eine Sprache, danach nur die anderen Sprache aktiv und die Bestandteile der Äußerungen sind nach den grammatischen Regeln der jeweiligen Spra-chen gebildet. Die Einheiten sind „non nested“ (Muysken 2000, S.97), das heißt es erfolgt nach einer Einheit in der Lb kein Wechsel zurück in die La. Wenn die erste Sprache wieder auftritt, handelt es sich um einen neuen Switch. Es sind vor allem längere und komplizier-tere Konstituenten, für die Alternation statt Insertion infrage kommt, da, je länger eine Konstituente in der Sprache ist, desto eher die Grammatik der jeweiligen Sprache aktiviert wird (vgl. Muysken 2000, S.97). Der Übergang zwischen Insertion und Alternation ist darum oft fließend. Auch Alternation kann durchaus auch einzelne Wörter betreffen. In seinem Werk von 2000 nennt Muysken Diskurspartikel, Interjektionen und Adverbien als typische Kandidaten für Einzelwort-Alternation, da diese häufig nicht syntaktisch integriert sind (vgl. Muysken 2000, S.97). Später führt er Diskursmarker-Switching allerdings als eigenen Typ von Codeswitching auf, da hier, anders als bei der Alternation, im Grunde keinerlei grammatische Strukturen beteiligt sind (vgl. Muysken 2007, S.321f).

Bei kongruenter Lexikalisierung schließlich werden die beiden Sprachen miteinander vermischt, ohne das eine Matrixsprache zu erkennen wäre: „The languages share the grammatical structure of the sentence, fully or in part. The vocabulary comes from two or more different languages” (Muysken 2000, S.122). Grundsätzlich gibt es für kongruente Lexikalisierung keine Regeln oder Beschränkungen, wie sie für die anderen beiden Strukturtypen genannt werden. Beide bzw. alle beteiligten Sprachen sind gleichzeitig aktiviert und alle Wortarten und alle grammatischen Strukturen können entweder aus der einen oder aus der anderen gewählt werden. Muysken zählt zu dieser Kategorie auch solche Fälle, in denen die Elemente der Grammatik einer Sprache für Äußerungen in einer anderen Sprache, in denen erstere lexikalisch überhaupt nicht in Erscheinung tritt, auf-tauchen (vgl. Muysken 2000, S.145f). Auch Komposita, deren Bestandteile aus unter-schiedlichen Sprachen stammen, werden als kongruente Lexikalisierung angesehen (vgl. Muysken 2000, S.150).

Zu diesem Codeswitching-Verhalten kann es laut Muysken nur kommen, wenn die beteiligten Sprachen einander sehr ähnlich sind. Auslöser für kongruente Lexikalisierung können zum Einen so genannte Diamorphe sein, also homophone Wörter aus beiden Sprachen, die als Trigger für das Codeswitching dienen (vgl. hierzu auch Kapitel 3.4.1 dieser Arbeit). Dies ist vor allem bei nah verwandten Sprachen der Fall, bei denen große Teile des Lexikons ähnlich sind. Zum Anderen kann aber auch strukturelle Äquivalenz auf kategorieller und linearer Ebene der Auslöser sein. Weil eine besonders starke sowohl lexikalische wie auch grammatische Übereinstimmung zwischen verschiedenen Dialekten einer Einzelsprache besteht, findet hier besonders oft kongruente Lexikalisierung statt (vgl. Muysken 2000, S.122f).

Die unterschiedlichen Typen von Codeswitching, die Muysken nennt, sind oft nur schwer voneinander abzugrenzen und gehen oft ineinander über. Dies ist in Muyskens Einteilung, die kein starres Regelwerk sein will, ausdrücklich vorgesehen (vgl. Muysken 2000, S.9f). Im Gegensatz zu anderen Autoren wie Poplack geht er nicht davon aus, aus selbst untersuchten Korpora Beschränkungen ermitteln zu können, die für alle Fälle von Code-switching gelten. Jede Theorie, die auf solchen Beschränkungen basiert, wäre durch ein einziges Gegenbeispiel zu erschüttern. Vielmehr vermutet Muysken, dass für jedes Sprachenpaar und für jede Sprachkontaktsituation eine andere Form des Codeswitchings bevorzugt wird (vgl. Muysken S.221).

Diese Haltung zur strukturellen Beschreibung von Codeswitching ist sicherlich zu teilen, und auch die Einteilung, die Muysken vorschlägt, ist in weiten Teilen sinnvoll. Trotzdem ist kritisch anzumerken, dass kongruente Lexikalisierung eine Sammelkategorie für alles zu sein scheint, was nicht in das Schema entweder für Insertion oder Alternation passt. Das Problematische daran ist, dass Muysken dies nicht als Kriterium angibt, sondern behauptet, bei jedem Fall, den er als zu dieser Kategorie gehörig angibt, sei eine gleichzeitige Aktivierung der mentalen Lexika und Grammatiken beider Sprachen im Spiel, die entweder durch lexikalische Überschneidungen oder lineare syntaktische Äquivalenz ausgelöst wird. Dabei stellt sich als erstes die Frage, ob bei Insertion und Alternation nicht ebenfalls die Produktionsregeln für beide Sprachen aktiviert sein müssen, damit es überhaupt zum Codeswitching kommen kann. Zweitens sind die Fälle, die er als kongruente Lexikalisierung annimmt, sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite sind dies Sätze, in denen das lexikalische Material aus zwei verschiedenen Quellsprachen scheinbar unsystematisch zusammengewürfelt ist, auf der anderen Seite sollen Sätze, in denen Grammatikregeln der einen Sprache auf einen lexikalisch komplett in einer anderen Sprache geäußerten Satz angewendet werden, der gleiche Strukturtyp sein. Muysken zeigt sich unsicher darüber, wie solche Fälle überhaupt zu erklären sind (vgl. Muysken 146f). In vielen Fällen liegt hier sicher einfach eine Interferenz, also ein auf mangelnde Kompetenz zurückzuführender Fehler vor, jedoch werden solche Sätze durchaus auch von Sprechern geäußert, die beide beteiligten Sprachen, oder zumindest die, in der der Großteil des Satzes geäußert ist, perfekt beherrschen. In der neuesten Forschung, etwa bei Edel, wird davon ausgegangen, dass grammatische Strukturen wie lexikalische Einheiten entlehnt werden können. Edel stellt dies beispielsweise an einem Korpus aus Gesprächen spanischer Einwanderer in Deutschland fest (vgl. Edel 2007, S.179-181).

2.2.2. Was ist ein Code?

Wenn man über Codeswitching, also das Wechseln eines Codes, spricht, muss man sich auch darüber klar werden, was man unter einem Code versteht. Die meisten Untersuchungen auf diesem Gebiet sind auf das Switchen zwischen unterschiedlichen Einzelsprachen ausgerichtet, theoretisch können die verschiedenen Codes aber auch Varietäten der gleichen Einzelsprache sein. Einige Forscher, so z.B. Muysken, sprechen sich dafür aus, dass „style shifting“, also Variation, „can be seen as one subtype of code-mixing“ (Muysken 2000, S.123). Auch Myers-Scotton erklärt ausdrücklich, dass Codeswitching zwischen verschiedenen Einzelsprachen ebenso wie zwischen Stilen, Registern oder Dialekten stattfinden kann (vgl. Myers.Scotton 1997, S.3). Zahlreiche Untersuchungen zu Codeswitching befassen sich mit Dialekten bzw. Dialekt und Hochsprache. Als Beispiele seien hier Giacalone Ramat, die sich mit italienischen Dialekten und italienischer Hochsprache beschäftigt, Sgall, der Codeswitching zwischen zwei Varietäten des Tschechischen beschreibt, sowie nicht zuletzt Blom und Gumperz’ Untersuchung zu den Norwegischen Varietäten Ranamål und Bokmål genannt (vgl. Giacalone Ramat 1995, Sgall 1994 und Blom & Gumperz 1972). Insbesondere Giacalone Ramat legt dar, dass bei dem von ihr untersuchten Codeswitching sowohl die gleichen Motive zugrunde liegen als auch die gleichen Oberflächenstrukturen auftreten wie bei Codeswitching zwischen weiter oder gar nicht miteinander verwandten Sprachen. Sie sieht daher Codeswitching als „potentially a universal phenomen“ (Gacalone Ramat 1995, S.60).

Jedoch gibt es, besonders in der frühen Codeswitching-Forschung, auch Gegenstimmen. Labov argumentiert, durch die vielen gleichartigen Elemente in verschiedenen Varietäten einer Einzelsprache gäbe es keine klar erkennbaren Stellen, an denen das Codeswitching ausgemacht werden könnte. Außerdem träten die einzelnen Switches zu dicht hinter-einander auf, als das jedem einzelnen ein Motiv zugeordnet werden könne (vgl. Labov 1972, S.188f.). Muysken, der in den von Labov beschriebenen Fällen kongruente Lexikalisierung sieht, weist dessen Argumente zurück. Gegen letzteres wendet er ein, in der modernen Forschung gehe man nicht mehr von einem Grund für jeden einzelnen Switch aus[5]. Gegen Labovs erstes Argument wendet er ein, dass dies ein praktisches Problem bei der Analyse sei, kein theoretischer Grund für eine grundsätzlich unterschied-liche Klassifizierung (vgl. Muysken 2000, S.125).

Dieses Argument Muyskens ist nur auf den ersten Blick überzeugend. Denn wo die Linguisten keine unterschiedlichen Codes ausmachen können, können es die Sprecher vermutlich auch nicht. Keinesfalls setzen sie bewusst zwei Codes ein, weshalb auch noch heute einige Forscher, so Auer, in einem allmählichen Hinüberwechseln zwischen Dialekt und Hochsprache kein untersuchenswertes Codeswitching sehen (vgl. Auer 1995, S.117). Wenn es um Äußerungen geht, in denen einige Elemente der Standardaussprache und einige der Aussprache des örtlichen Dialekts entsprechen, und in denen sich noch dazu etliche Elemente finden, die keinem dieser beiden Codes eindeutig zuzuordnen sind, so ist immer zu vermuten, dass hier gar nicht zwischen zwei Codes gewechselt wird, sondern die Sprecher sich eines einzigen dritten Codes, nämlich ihrer ganz normalen Umgangssprache, bedienen. Die Dialektologie-Forschung geht nicht von einer einfachen Dichotomie zwischen Dialekt und Hochsprache aus, sondern nimmt verschiedene Schichten an, also im Grunde mehrere Varietäten, die in unterschiedlich starker Ausprägung Elemente des Ursprungsdialekts beinhalten. Die meisten Forscher stellen hier vier Schichten fest, also etwa Standardsprache, Umgangssprache, Verkehrsdialekt und Basisdialekt. Diese unter-scheiden sich hinsichtlich ihrer geografischen Verbreitung und ihrer abnehmenden Anpassung an die Standardsprache. Welche der Varianten die Sprecher wählen, ist meist von der Gesprächssituation abhängig, teilweise aber auch eine Frage der Kompetenz (vgl. Niebaum & Macha 1999, S.7-9). Regionale Umgangssprache und Verkehrsdialekt zeichnen sich gerade dadurch aus, dass in diesen Varietäten Elemente des Basisdialekts und der Hochsprache regelhaft gemischt werden. Im Gegensatz zum Codeswitching wechseln die Sprecher hier jedoch nicht zwischen zwei unabhängig voneinander gelernten Codes spontan hin und her, sondern sie sprechen einen Code, den sie in dieser Form gelernt haben.

Das Benutzen solcher Mischcodes hat nichts damit zu tun, dass es hier um Varianten einer Einzelsprache geht. Es soll betont sein, dass ich mich voll und ganz der oben dargestellten Auffassung von Myers-Scotton, Giacalone Ramat u.a. anschließe, dass zwischen Varietäten einer Einzelsprache Codeswitching ebenso auftreten kann wie zwischen verschiedenen Einzelsprachen. Denn auch das Phänomen von Mischcodes ist nicht auf nah verwandte Varietäten beschränkt. Jede Kreolsprache ist ein Beispiel dafür, dass aus Elementen, die ursprünglich aus verschiedenen Sprachen stammten, eine neue Einzel-sprache hervorgehen kann. Muysken selbst beschreibt solche in bilingualen Gesellschaften entstandenen Mischcodes an anderer Stelle (vgl. Muysken 2007) und Gardner-Chloros weist zu Recht darauf hin, dass alle heutigen Standardsprachen „mixtures in origin“ (Garnder-Chloros 1995, S.69) sind. Es besteht keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen diesen und weniger etablierten Mischcodes. Für jedes Individuum ist das, was es sich bei seinem Erstspracherwerb aneignet, seine Einzelsprache, egal, ob darin von außen Elemente aus verschiedenen Quellsprachen identifiziert werden können (vgl. Gardner-Chloros, S.69). Dadurch kommt es zu Kreolsprachen, aber zu Fällen wie doppelter Halbsprachigkeit oder solchen Phänomenen, wie Clyne sie bei Kindern deutscher Einwanderer in Australien feststellt: Er beschreibt, dass diese englische Wörter wie z.B. friend mit einer deutschen Phonologie aussprechen und in ansonsten monolingual deutschen Sätzen äußern, weil sie es so von ihren Eltern gelernt haben und die Wörter für deutsche Lexeme halten (vgl. Clyne 1967 S.52f). Die Frage ist, ob man so etwas als Codeswitching ansieht oder nicht. In dieser Arbeit wird ein vom sozialen Umfeld gelernter Mischcode ausdrücklich nicht als Codeswitching angesehen. Dafür spricht unter anderem die Frage der Motivierung, die Labov und Muysken thematisieren. Wenn man davon ausgeht, dass hier gar kein Codeswitching, sondern ein von vornherein gemischter Code vorliegt, ist klar, dass nicht für die Wahl jeder sprachlichen Einheit Motive zu finden sind, die den Motiven für Codeswitching entsprechen würden. Wann immer scheinbare Codeswitches auffällig häufig auftreten und für diese keine Motive zu finden sind, ist stets die Frage zu stellen, ob hier tatsächlich ein Codeswitching vorliegt, oder ob der Sprecher alle verwendeten sprachlichen Elemente als Bestandteile eines Codes gelernt hat.

2.2.3 Die Abgrenzung von Codeswitching und Entlehnung

Durch Bilingualismus kommt es zu einem Sprachkontaktphänomen, das eng mit dem Codeswitching verknüpft ist, nämlich zur Entlehnung. Wenn man Codeswitching definie-ren möchte, muss auch die Frage geklärt werden, wie die Beziehung zwischen den beiden Phänomenen beschaffen ist und wie sie sich gegeneinander abgrenzen lassen. Lehnwörter sind im Regelfall sprachliche Einheiten, die aus dem Lexikon einer fremden Sprache stammen, aber auch von monolingualen Sprechern einer anderen Sprache benutzt werden. Dabei ist diesen oft gar nicht bewusst, dass das sprachliche Material ursprünglich aus einer anderen Sprache stammt (vgl. Romaine 1996, S.591). Die Wörter oder Morpheme können in unterschiedlichem Maße in die Sprache, in die sie aufgenommen werden, integriert sein (vgl. Romaine 1995, S.60f). Neben etablierten Entlehnungen, die theoretisch von allen Sprechern einer Sprache benutzt werden können, kommt es bei bilingualen Sprechern jedoch auch oft zu spontanen Entlehnungen, den in der Forschung heiß diskutierten nounce borrowings[6]. Insbesondere Einwanderer übernehmen für viele Dinge, die es in ihrer Herkunftskultur oder in ihrem Herkunftsland nicht gab, die Bezeichnungen, die in den Ländern, in denen sie jetzt leben, üblich sind (vgl. Romaine 1995, S.56f). Aber es kommt bei Bilingualen auch zu wirklich spontaner Entlehnung von Lexemen, ohne dass es in ihrem bilingualen Umfeld gebräuchlich wäre, diese Ausdrücke in der Lb zu benutzen.

Das Problem besteht nun darin, ob man spontane Entlehnungen zu Codeswitching zählt oder nicht. Poplack und Sankoff sind der Meinung: „Borrowing is a very different process from code-switching, subject to different constraints and conditions“ (Poplack & Sankoff 1988, S.1177). Jemand, der spontan entlehnt, greift ihrer Auffassung nach nicht gleich-zeitig auf zwei Sprachsysteme zu, da die grammatischen Strukturen der Äußerung nur aus einer einzigen Sprache stammen. Der Zugriff auf ein anderes Lexikon reicht demnach nicht aus, um einen Sprachsystemwechsel wie beim Codeswitching anzunehmen (vgl. Sankoff, Poplack, & Vanniarajan 1990, S.73). Während Entlehnungen, auch spontane, morphologisch in die Empfängersprache integriert werden, komme es bei echtem Code-switching nicht zu einer morphologischen Integration von fremden Lexemen, weil dadurch das Free Morpheme Constraint verletzt würde. Die strikte Unterscheidung fußt auf der bereits an früherer Stelle dieser Arbeit kritisierten willkürlichen Setzung, nur solche Äußerungen als Code-Switching anzunehmen, die den einzelsprachlichen grammatischen Regeln beider Sprachen entsprechen, und in denen keine Morpheme aus beiden Sprachen zu zweisprachigen Wortformen verbunden werden (vgl. Kapitel 2.2.1.1 dieser Arbeit).

Andere Autoren sehen keinen derartigen Gegensatz zwischen Codeswitching und Entleh-nung. Im Matrix-Language-Frame-Modell, nach dem einzelne Lexeme der EL sehr wohl mit grammatischen Morphemen der ML verbunden auftreten können, kann eine klare Unterscheidung zwischen den beiden Kategorien ohnehin nur sehr schwer getroffen werden. Die morphosyntaktischen Prozesse sind bei Entlehnung und Codeswitching laut Myers-Scotton vollständig identisch. Der Unterschied besteht nur in „different statuses in regard to the mental lexicon of the ML“ (Myers-Scotton 1997, S.5), das heißt, Entlehnun-gen sind im mentalen Lexikon der Empfängersprache gespeichert, während für Codeswitching, zu dem auch spontane Entlehnungen zählen, die Lexika beider beteiligter Sprachen aktiviert sein müssen. Ein Grund, die beiden Phänomene zu unterscheiden, besteht aus Sicht dieser Theorie eigentlich nur, wenn man die Matrixsprache über den quantitativen Anteil der beiden Sprachen in Äußerungen ermitteln möchte. In diesem Fall werden kulturell bedingte Lehnwörter, wie sie oben beschrieben sind, und solche, die in einer bilingualen Gemeinschaft so häufig vorkommen, dass sie etabliert zu sein scheinen, nicht als EL-Material gezählt (vgl. Myers-Scotton 1997, S.68 und S.16).

Auch Muysken sieht den Unterschied zwischen Entlehnung und Codeswitching „not shown to be more than gradual“ (Muysken 2000, S.89). Was Poplack als spontane Entlehnung bezeichnet, fällt nach seinem Modell hauptsächlich in die Kategorie Insertion. Nomen sind die entlehnte Wortart „par excellance“ (Muysken 2000, S.75), durch Alternation können aber auch Verben, Interjektionen und sogar Funktionswörter wie Konjunktionen und Adpositionen entlehnt werden (vgl. Muysken 2000, S.106). Entleh-nung durch kongruente Lexikalisierung kann gar alle möglichen grammatischen Kategorien betreffen (vgl. Muysken, S. 75). Hier zeigt sich Muyskens Haltung zur Grenzziehung zwischen Entlehnung und Codeswitching noch offener als Myers-Scottons, denn nach ihrer Ansicht kann Entlehnung nur Systemmorpheme betreffen, aber keine Funktionsmorpheme und schon gar keine grammatischen Strukturen (vgl. Myers-Scotton 1999, S225).

Gardener-Chloros weist darauf hin, dass der Unterschied zwischen Codeswitching und Lehnwort allein schon deshalb immer graduell sein muss, weil „every loan starts off life as a code-switch, and […] some of these codeswitches gradually become generalised and spread through the community“ (Gardner-Chloros 1995, S.74). Eine Unterscheidung kann also nur auf synchroner Ebene getroffen werden. Diachron besteht auch bei dem etabliertesten Lehnwort, das kein Sprecher mehr als solches ansieht, nur eine graduelle Entwicklung. Aus diesem Grund sind auch die an vielen Stellen vorgeschlagenen Unterscheidungskriterien, wie phonologische Anpassung und morphologische Integration, nicht hinreichend, da sie nur etwas über den Grad der Entwicklung vom spontanen Codeswitching zum etablierten Lehnwort, nicht aber über einen absoluten Status aussagen können (vgl. Gardner-Chloros 1995, S.73). Im Übrigen können auch völlig spontan entlehnte Einzellexeme morphologisch perfekt integriert sein und auch völlig etablierte Lehnwörter ihre ursprüngliche phonologische Form behalten. Von Sankoff und Poplack wird auch das Unterscheidungsmerkmal genannt, dass Lehnwörter eigene, bedeutungs-gleiche Ausdrücke der entlehnenden Sprache verdrängen (vgl. Sankoff & Poplack 1984, S.103f). Aber auch das ist alles andere als ein verlässliches Kriterium, erstens weil ein entsprechender Ausdruck in der entlehnenden Sprache auch als Synonym bestehen bleiben kann, und zweitens Entlehnungen häufig lexikalische Lücken füllen, so dass kein Ver-gleichsausdruck existiert[7] (vgl. Gardner-Chloros 1995, S.73). Wälchi sieht in dem Ersetzen von nativen Ausdrücken durch Wörter aus einer anderen Sprache auch ein spezielles Phänomen, das mit Entlehnung zusammenhängt, jedoch nicht mit dieser gleichzusetzen ist. Er spricht hier von „relexicalisation“ (vgl. Wälchi 2005, zitiert nach Muysken 2007, S.319).

Muysken legt in einer späteren Arbeit dar, dass es vier wesentliche Punkte gibt, in denen etablierte Entlehnungen und spontane Entlehnungen sich strikt unterscheiden, spontane Entlehnungen und „eindeutiges“ Codeswitching sich jedoch gleich verhalten. Dies sind die Zeitliche Tiefe, Grad der Bilingualität, Gradualness[8] sowie Motivation und Variabilität (vgl. Muysken 2007, S.318). Bei etablierten Entlehnungen muss eine lange Zeitspanne des Sprachkontakts, also eine größere zeitliche Tiefe, bestehen, was bei spontanen Entlehnungen und bei Codeswitching nicht der Fall ist. Bei diesen beiden Phänomenen muss dagegen ein gewisser Grad der Bilingualität gegeben sein, was wiederum bei etablierten Entlehnungen nicht der Fall ist. Die Etablierung von Lehnwörtern ist ein gradueller Prozess, während bei spontanen Entlehnungen wie bei Codeswitching keine Gradualness vorliegt. Muysken geht auch davon aus, dass spontanes Entlehnen wie Code-switching von mehr Variablen (z.B. Situation, Gesprächspartner, etc.) abhängt als die Benutzung von etablierten Lehnwörtern. Er nimmt an, dass aufgrund dieser wesentlichen Unterscheidungspunkte der Großteil der Forscher, die sich mit Codeswitching beschäfti-gen, spontane Entlehnungen zu Codeswitching zählen, auch wenn beispielsweise Poplack & Meechan noch 1998 spontane Entlehnungen als „essentially the same thing as other kinds of borrowing“ ansehen (Muysken 2007, S.318f, vgl. auch Poplack & Meechan 1998).

[...]


[1] Auer gibt hier keine nachvollziehbare Quellenangabe.

[2] Zur genaueren Einteilung bei Muysken siehe 2.2.1.3.

[3] Die Abkürzung L (wie Language oder Lingua) wurde statt S (wie Sprache) gewählt, weil S üblicherweise die Abkürzung für „Sprecher“ oder „Speaker“ ist, und hier kein Anlass zur Verwirrung darüber gegeben werden soll, ob die erste benutzte Sprache oder der erste Sprecher gemeint ist. Außerdem wurde die Bezeichnung in Anlehnung an die gebräuchliche Bezeichnung L1 für Muttersprache und L2 für Zweit- bzw. Fremdsprache gewählt.

[4] Zu der Diskussion um die Abgrenzung zwischen Codeswitching und Entlehnung siehe auch Kapitel 2.2.3 dieser Arbeit.

[5] Diese Behauptung ist insofern nicht zutreffend, als sie auf einer von Muysken falsch wiedergegebenen Quelle beruht. Mit dieser Problematik werde ich mich in Kapitel 3.2 dieser Arbeit näher auseinandersetzen.

[6] In der deutschsprachigen Literatur wird dieses Phänomen üblicherweise mit dem Terminus momentane Entlehnung bezeichnet (vgl. Edel 2007, S.47). Da die Forschungsliteratur in diesem Fall jedoch überwiegend englischsprachig ist und spontane Entlehnung eine direkte Übersetzung des dort feststehenden Terminus nounce borrowing ist, werde ich diesen Ausdruck verwenden.

[7] Das Füllen von lexikalischen Lücken ist sogar ein sehr häufiger Grund für das Codeswitching von einzelnen Lexemen, wie in Kapitel 3.5 dieser Arbeit dargelegt wird.

[8] Da es sich bei gradualness um eine schwer zu übersetzende Neuschöpfung handelt, wurde darauf verzichtet, hier eine Übersetzung zu versuchen, und der Ausdruck als fester Terminus übernommen.

Details

Seiten
132
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656008767
ISBN (Buch)
9783656008569
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178700
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
Schlagworte
Codeswitching Code Switching Bilingualismus Deutsch-Niederländisch Soziolinguistik

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Titel: Gründe für Codeswitching bei verschiedenen Formen von Bilingualismus