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Ferdinand Tönnies Konzeption der Gemeinschaft und ihre Konstruktion in die Gegenwart am Beispiel von Internet-Communitys

Hausarbeit 2009 21 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Grundlage: Ferdinand Tönnies Begriff der Gemeinschaft

3. Definition und Klassifikation von Communitys

4. StudiVZ als Paradebeispiel einer Internet-Community

5. Gegenüberstellung der virtuellen Gemeinschaft und der Gemeinschaft des Geistes
5.1 Der Zugang zu Cybercommunitys
5.2 Gefahren und Chancen der Internet-Community in Abgrenzung zur Freundschaft

6. Community als wahre Gemeinschaft des Geistes in der Moderne?

7. Schlussgedanke

8. Bibliographie

9. Webographie

„Internet baut virtuelle Brücken zu anderen Menschen, zu denen man wohl sonst nie in Kontakt geraten wäre und lässt damit den Erdball klein erscheinen. Wer es wagt diese Brücken physisch-real zu begehen, der muss mindestens mit der Ernüchterung rechnen, dass die Welt wohl doch ein paar »Maus-Klicks« größer ist."1

Horst Graf Yoster

1. Einführung

Der Titel dieser Arbeit lautet „Community [kə’mju:nəti] Gemeinschaft f, Gemeinde f - Ferdinand Tönnies Konzeption der Gemeinschaft und ihre Konstruktion in die Gegenwart am Beispiel von Internet-Communitys“2. Ziel dieser Arbeit ist die Idee der Gemeinschaft, wie der Soziologe Ferdinand Tönnies sie konzipiert hat, aufzugreifen und zu prüfen, ob dieser „alte“ Begriff der Gemeinschaft noch heute aktuell und anwendbar ist. Seine Definition soll auf Internet-Communitys angewendet werden. Die zentrale Frage, die es also zu beantworten gilt, lautet: Kann man (Internet-)“Community“ nach Ferdinand Tönnies mit „Gemeinschaft“ übersetzen?

Diese Fragestellung ist nicht nur medienwissenschaftlich relevant, sondern beinhaltet auch Entscheidendes für die Soziologie: Soziologie versucht „soziales Wesen“ und „Gemeinschaft“ zu definieren. Es gibt heute durch das Internet zahlreiche Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Interaktion zu treten. „Da sich Menschen als soziale und kommunikative Wesen auf diesem Weg unkompliziert und mit globalem Zugriff vernetzen können, wächst die Attraktivität dieser Websites seit ihrem Start ungebremst.“3 So stellt auch die Community eine dieser Möglichkeiten dar, die Menschen nutzen, um miteinander in Kontakt zu treten. Fraglich ist nun, ob man ein Konstrukt wie die Internet-Community in diesen Gemeinschaftsbegriff einbeziehen kann, weil sie ganz anderen Voraussetzungen unterliegt, die in der folgenden Arbeit aufgeschlüsselt werden.

Zur Vorgehensweise: Zunächst soll Tönnies Begriff der Gemeinschaft beleuchtet werden, damit definiert ist, unter welchen Bedingungen der Gemeinschaftsbegriff der Community untersucht werden soll. Dann wird das Phänomen Internet-Community definiert und erklärt und dabei wird auch darauf eingegangen, wer Zugang zu diesen Foren hat und welche Chancen und Gefahren sie im Vergleich zur Freundschaft in sich bergen. In Bezugnahme auf Ferdinand Tönnies wird dann in gezeigt, welche Beziehung zwischen dem Gemeinschaftsbegriff und den so genannten Communitys besteht. Zum Abschluss wird noch ein Ausblick darauf gegeben, in welcher Relation zueinander Freundschaft und Communitys in Zukunft stehen könnten.

2. Grundlage: Ferdinand Tönnies Begriff der Gemeinschaft

Der Soziologe Ferdinand Tönnies wurde am 26.Juli 1855 in Odenswort, Schleswig Holstein, geboren. Er studierte klassische Philologie, Philosophie, Archäologie und Archäologie- Geschichte. Er war Professor an der Universität Kiel und integrierte das Fach Soziologie an deutschen Hochschulen. Zu seinen bedeutsamsten Werken zählen unter anderen „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1.Auflage 1887), „Thomas Hobbes. Leben und Lehre“ (1886) und „Geist der Neuzeit“ (1935). Tönnies starb am 11.April 1936 im Alter von 80 Jahren.4

Zur Definition des Gemeinschaftsbegriffs wird Ferdinand Tönnies Werk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ herangezogen. In dieser Schrift grenzt Tönnies die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft von einander ab. Im Folgenden soll aber nur die Begrifflichkeit der Gemeinschaft im Vordergrund stehen.

Tönnies bezeichnet das reale organische Leben als das Wesen der Gemeinschaft. Gemeinschaft ist für ihn per Definition zwischen allen organischen Lebewesen möglich. Gemeinschaft, also organische Verbindungen, entstehen durch das Mütterliche (Verbindung zwischen Mutter und Kind), den Sexualinstinkt (Verbindung zwischen Mann und Frau), das Geschwisterliche (Verbindungen zwischen Geschwistern) und das Väterliche (Verbindung zwischen Vater und Kind).5

Gemeinschaft kann nach Tönnies Konzeption neben Land, Gau bzw. Mark und dem Dorf drei zentrale Formen annehmen: Verwandtschaft, Nachbarschaft und Freundschaft.

- Unter Verwandtschaft versteht Tönnies die „Gemeinschaft des Blutes“. Diese Gemeinschaft, welche man mit der Familie assoziieren kann, lebt in einem gemeinsamen Haushalt, hat gleiche Interessen und stellt einen Ort der Liebe, des Schutzes und der Geborgenheit dar. Laut Tönnies gehört zu den Charakteristika der Verwandtschaft „der verwandtschaftliche Wille und Geist“6. Kennzeichnend für diese Familie ist eine affektive Bindung, die über den Tod hinaus stabil bleibt. Tote werden als unsichtbare Geister verehrt. Diese Form der Gemeinschaft ist also dauerhaft.

- Nachbarschaft bedeutet für Tönnies „Gemeinschaft des Ortes“. Im Vergleich zur Verwandtschaft ist diese Form der Gemeinschaft nicht dauerhaft: Sie entsteht durch Gewöhnung aneinander und kann auch weiterbestehen, wenn es keine tägliche Interaktion zwischen Nachbarn gibt. Der Kontakt muss aber regelmäßig hergestellt werden, weil Nachbarn sich anderenfalls von einander entfernen. So betont Tönnies an dieser Stelle, dass diese Gemeinschaft des Ortes „in bestimmten Gewohnheiten der Zusammenkunft und heiliggehaltenen Bräuchen ihre Stütze suchen“7 muss. Nachbarn zeichnen sich durch ähnlich gestrickte Charaktere und gleiche Gemeinsamkeiten aus.

- Die stärkste Gemeinschaft ist für Tönnies aber die Freundschaft: Er bezeichnet diese auch als „Gemeinschaft des Geistes“. Sie entsteht weder durch Geburt noch durch Zugehörigkeit in eine örtliche Gemeinschaft, sondern beruht auf Zufall und freier Wahl. Mit der Freundschaft assoziiert er die die Stadt: In dieser sind die meisten Menschen anonym, auch wenn sie Nachbarn sind. Tönnies hat sich für die Stadt entschieden, weil dort viele Menschen aufeinander treffen, die vordergründig keinen Bezug zu einander haben, daher ist die einzige Beziehung, die zwischen ihnen entstehen kann, die Freundschaft oder eben gar keine Beziehung. Tönnies spricht vom geistigen Band der Gemeinschaft, das ständige Interaktionen zwischen den Individuen erfordert. Das Besondere an dieser Form der Gemeinschaft ist, dass „hingegen die geistige Freundschaft eine Art von unsichtbarer Freundschaft, eine mystische Stadt und Versammlung [darstellt], die gleichsam durch eine künstlerische Intuition, einen schöpfenden Willen lebendig ist.“8 Freunde müssen sich um einander kümmern. Anderenfalls verblasst die mentale Verbindung zwischen den beiden Individuen. Freunde haben gemeinsame Interessen, Meinungen und Ziele, woraus ihre geistige Verbundenheit zu einander resultiert.

Diese letzte Form der Gemeinschaft wird als Grundlage für die Analyse der Community dienen. Der Begriff der Gemeinschaft wird im Folgenden nur in seiner Bedeutung als Gemeinschaft des Geistes benutzt. Demnach wird untersucht, welche Art von Freundschaft Communitys erlauben und inwiefern sich diese Community-Freundschaft von realer Freundschaft abgrenzen lässt.

3. Definition und Klassifikation von Communitys

Ziel der Aufgabenstellung ist, herauszufinden, inwiefern die Gemeinschaft des Geistes auf die Community übertragbar ist. Zuerst einmal muss aber der Begriff Internet-Community klar definiert werden. Der Aufgabenstellung zufolge wird das Wort Community aus dem Englischen ins Deutsche mit Gemeinde bzw. Gemeinschaft übersetzt. In den folgenden Ausführungen wird die Begrifflichkeit (reale) Gemeinschaft zum Teil synonym mit dem Wort Internet-Community verwendet. Ob man diese beiden Ausdrücke aber auch inhaltlich gleichsetzen kann, ergibt sich im Verlauf der Analyse.

Die so genannte Internet-Community wird häufig auch als Cybercommunity bezeichnet und es handelt sich dabei um ein Phänomen innerhalb des Web 2.0. „Web 2.0 beschreibt das Phänomen eines veränderten Internet, in dem sich Vielfalt über die Kreativität der vielen Einzelnen definiert. […] Web 2.0 ermöglicht die selbst organisierte Interaktion und Kommunikation der Nutzerinnen und Nutzer durch Herstellung, Austausch und Weiterverarbeitung von Nutzerbasierten Inhalten über Weblogs, Wikis und Social Networks.“9 Die Begrifflichkeit Community wird nun im Sinne der Definition von Howard Rheingold10 und John G. Bruhn11 verwendet. Rheingold charakterisiert die Internet- Plattformen wie folgend: “Virtual communities are cultural aggregations that emerge when people bump into each other often enough in cyberspace. A virtual community is a group of people who may or may not meet one another face to face, and who exchange words and ideas through the mediation of computer bulletin boards and networks”. Bruhn erweitert diese Definition und betont, dass “A group has clear boundaries that determine membership. It is special kind of network whose members are highly interconnected.” Als Beispiel nennt er “a special interest group that has a narrowly defined purpose and attracts members in sharing that interest.”12 Zu den Charakteristika einer Internet-Community gehören also folgende Punkte:

- Sie zeichnen sich durch eine besondere Art und Weise der Kommunikation aus. Es handelt sich nicht um face-to-face-Kommunikation13, sondern um eine virtuelle Verständigung mittels Nachrichten von einem Bildschirm zu einem anderen. Internet und Community-Aktivitäten sind nur möglich, wenn die folgenden technischen Voraussetzungen erfüllt sind: Ein potentieller Kommunikator benötigt einen Internet- fähigen Personal-Computer [oder ein Internet-fähiges Handy; diese Möglichkeit wird an dieser Stelle aber ausgeklammert, weil anderenfalls der Rahmen der Hausarbeit gesprengt werden würde], einen Internet-Anschluss (sei es W-LAN, Modem, o.ä.) und die Fähigkeit, mit einem PC umzugehen. „In besonderer Weise profitieren vom Internet diejenigen, denen ein breites Spektrum an Online-Diensten mit ihren jeweiligen Funktionen, Chancen und Risiken bekannt ist, sowie jene, welche die notwendigen Fertigkeiten mitbringen, um durch eigene Beiträge aktiv an der Netzkommunikation teilnehmen zu können. Die[se] […] Fähigkeiten werden zusammenfassend als Internetkompetenz bezeichnet.“14

- Wie bereits angerissen, handelt es sich um virtuelle Kommunikation, d.h. die beiden Kommunikatoren werden nur durch die Nachrichten, die sie voneinander erhalten und auf den Bildschirmen sehen, verbunden. Rheingold schließt in seiner Definition nicht aus, dass zwischen den kommunizierenden Individuen Interaktionen außerhalb des Cyberspace stattfinden können, betont aber, dass es möglich ist, dass zwei Kommunikatoren nur über das Internet, wie beispielsweise durch Communitys miteinander verbunden sind, und nirgendwo sonst direkt interagieren.

- Die beiden zuerst erläuterten Punkte klassifizieren keine reinen Eigenschaften von Communitys, sondern der Internet-Kommunikation, stellen aber deren wichtige Basis dar. Ein spezielles Merkmal der Cybercommunity ist der Verbund der Kommunikatoren durch ähnlich geartete Interessen und Ziele. Bruhn bringt hier den Begriff der Interessengruppe ins Spiel, die ein grundlegendes Charakteristikum der Internet-Communitys ausmacht. „Networks involve relationships or connections that can cross boundaries. Groups can become networked, for example local groups interested in antique cars can become connected to form a statewide network.“15

[...]


1 Yoster, Horst Graf, http://www.aphorismen.de/display_aphorismen.php (zuletzt gesichtet am Montag, den 30.03.2009)

2 Langenscheidts Universalwörterbuch Englisch-Deutsch, 5.Auflage, Langenscheidt-Verlag, Berlin und München, 2001; Seite 58

3 Meckel, Miriam (2008): Aus vielen wird das Eins gefunden - Wie Web 2.0 unsere Kommunikation verändert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 39/2008, 22.September 2008, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn

4 Bickel, Cornelius: Ferdinand Tönnies. In: Kaesler, Dirk (2006): Klassiker der Soziologie. Band I: Von Comte bis Alfred Schütz, C.H.Beck-Verlag, Münschen, Seite 114-127

5 Tönnies, Ferdinand (1988): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, Neudruck der 8.Auflage von 1935, 2.unveränderte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt, Vgl. Theorie der Gemeinschaft §1, Seite 3

6 Tönnies, Ferdinand (1988): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, Neudruck der 8.Auflage von 1935, 2.unveränderte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt, Theorie der Gemeinschaft §6, Seite 12/13

7 Tönnies, Ferdinand (1988): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, Neudruck der 8.Auflage von 1935, 2.unveränderte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt, Theorie der Gemeinschaft §6, Seite 13

8 Tönnies, Ferdinand (1988): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, Neudruck der 8.Auflage von 1935, 2.unveränderte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt, Theorie der Gemeinschaft §6, Seite 13

9 Meckel, Miriam (2008): Aus vielen wird das Eins gefunden - Wie Web 2.0 unsere Kommunikation verändert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 39/2008, 22.September 2008, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn

10 Rheingold, Howard (*1947), amerikanischer Sozialwissenschaftler

11 Bruhn, John G., Professor für Soziologie an der New Mexiko State University in Las Cruces, New Mexiko Seite 6 von 21

12 Bruhn, John G. (2005): The Sociology of Community Connections, Springer Science+Business Media, New York, Seite 215f.

13 Face-to-face-Kommunikation = Kopräsenz aller Kommunikationsteilnehmer, Visuelle Sichtbarkeit; aus Misoch, Sabrina (2006): Online-Kommunikation. UVK-Verlagsgesellschaft, Konstanz, Seite 62

14 Döring, Nicola (2008): Psychische Folgen der Internetnutzung . In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 39/2008, 22.September 2008, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn

15 Bruhn, John G. (2005): The Sociology of Community Connections, Springer Science+Business Media, New York, Seite 215

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656007982
ISBN (Buch)
9783656007722
Dateigröße
824 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178639
Institution / Hochschule
Universität Trier – Allgemeine Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Klassiker der Soziologie; Internet-Community Ferdinand Tönnies; Gemeinschaft; Theorie; Soziologie

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Titel: Ferdinand Tönnies Konzeption der Gemeinschaft und ihre Konstruktion in die Gegenwart am Beispiel von Internet-Communitys