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Die Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg

Überlegungen zu einem (Medien-) Ereignis und seiner medienwissenschaftlichen Relevanz

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Gliederung:

1. Einführung

2. Definitionen

3. Spezifika des Medienereignisses
3.1. Ausschöpfung des technisch-technologischen Potentials
3.2. Das Kontroverse im Medienereignis
3.3. Auswirkungen des Medienereignisses auf den Journalismus
3.4. Medienereignisse generieren öffentliche Meinung und Diskussion

4. Schlussgedanke

5. Bibliografie

1. Einführung

Verteidigungsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein „Betrüger“1, „Schwindler“2, „Lügenbaron“3 - ein Aufschrei ging durch die Presse, als Ende Februar dieses Jahres öffentlich wurde, dass der CSU-Politiker offenbar in seiner Dissertation4 plagiiert hatte. Die Plagiatsaffäre um zu Guttenberg schnellte auf der Medienagenda sofort an die Spitze. Auslöser der Affäre war, dass Internetnutzer auf einer Website, dem sogenannten „GuttenPlag Wiki“5, die Doktorarbeit des Ministers auf Fehler, falsche Zitate und abgeschriebene bzw. kopierte Textstellen untersucht und dabei festgestellt hatten, dass es sich bei den meisten Passagen um Plagiate handelte. Die Presse prangerte alsdann die Urheberrechtsverletzungen an, was den Rücktritt des Ministers, eine Untersuchung durch die Universität Bayreuth und ein strafrechtliches Verfahren nach sich zog. Im Laufe der folgenden Monate wurden weitere Plagiate von Politikern aufgedeckt; in den Medien, der Wissenschaft und der Gesellschaft entbrannte ein Diskurs über den Ehrenkodex in der Wissenschaft und den Stellenwert des Doktorgrades an sich. Angesichts der medialen Auseinandersetzung mit dem Thema handelt es sich bei der "Copygate"6 -Affäre um ein mustergültiges Medienereignis. Im Zuge des Medienechos wurde aus einer Affäre ein Diskurs; gleichzeitig etablierten sich im Internet immer mehr Portale, in denen Nutzer Jagd auf unsaubere Doktorarbeiten machten. Welche Charakteristika dieses Medienereignis aufweist und worin seine Relevanz für die Medienwissenschaft besteht, soll diese Abhandlung zeigen.

2. Definitionen

Bevor das Medienereignis analysiert wird, muss der Terminus zuvörderst erklärt werden. Friedrich zufolge sind Medienereignisse „Schlüsselereignisse, die einen Prozess gesamtgesellschaftlicher Kommunikation [auslösen]“7. Da „die Thematisierung kultureller Problemlagen an Schlüsselereignisse geradezu gebunden“8 scheint, können Ereignisse erst dann zu einem Medienereignis werden, wenn sie einen bestimmten gesellschaftlichen Nerv treffen. Dayan und Katz ordneten das Medienereignis medienwissenschaftlich als „telecommunication genre“9 ein. Zwar konzentrierten sich die Autoren dabei auf das Medium Fernsehen, ihr Verständnis von Medienereignissen und die Analyse dieser lassen sich allerdings auf die mediale Berichterstattung grundsätzlich übertragen. Ein solches Ereignis durchbricht alltägliche Routinen und stellt etwas Außergewöhnliches in der Medienberichterstattung dar.10 Medienereignisse „mark the passing of an era“11 oder den Beginn einer neuen, und „[enthrall] very large audiences“.12

Dayan und Katz diskutieren den Begriff „Medienevent“13, welcher speziell auf den Eventcharakter eines Ereignisses eingeht und seine Verarbeitung bzw. Inszenierung als Event in der Berichterstattung thematisiert, z.B. in Form von exklusiver Live-Berichterstattung. Dieser Charakter lässt sich an der Plagiatsaffäre zwar weniger genau festmachen. Nichtsdestoweniger handelt es sich dabei um ein Medienereignis, denn der Event-Charakter ist nicht das entscheidende Kriterium, das entscheidende ist vielmehr, dass die Plagiatsaffäre medial großes Aufsehen erregte, ein Diskurs entstand und das Web 2.0 dabei eine wichtige Rolle übernahm und auch letzteres in den Medien thematisiert wurde. Da sich diese Arbeit mit einer Plagiatsaffäre beschäftigt, soll der Begriff des Plagiats in aller Kürze erklärt werden. Laut Weber bedeutet Plagiat „die Ausweisung fremden geistigen Eigentums als eigenes“.14 Dem zufolge handelt es sich um ein Plagiat, „wenn eine überwiegende syntaktische Deckungsgleichheit mit einem bereits existierenden Text nachzuweisen [ist], die im in Frage stehenden Text nicht kenntlich gemacht wurde [siehe Abbildung 1]. Plagiatoren ersetzen mitunter Wörter, tauschen Reihenfolgen aus oder ändern Schreibweisen um.“15 Gut sichtbar ist dies in Abbildung 1: Diese zeigt die Auswertung der Dissertation, die Nutzer im GuttenPlag Wiki erstellten; dass die Arbeit größtenteils aus Plagiaten besteht, ist deutlich erkennbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Quelle: Wikia 2011.

Weiterhin soll der Terminus „Wiki“ erläutert werden, der bereits bei der Bezeichnung GuttenPlag Wiki gefallen ist: „Ein Wiki ist eine webbasierte Software, die es allen Betrachtern einer Seite erlaubt, den Inhalt zu ändern, indem sie diese Seite online im Browser editieren. Damit ist das Wiki eine einfache und leicht zu bedienende Plattform für kooperative Arbeiten an Texten und Hypertexten.“16 Das wohl bekannteste Wiki ist Wikipedia.org.

3. Spezifika des Medienereignisses

Nachdem die Erkenntnisse aus dem GuttenPlag Wiki an die Öffentlichkeit gelangten, überschlug sich die Berichterstattung regelrecht, sodass eine ungeheure Dynamik entstand: Die Diskussion über den Rücktritt, der Rücktritt des Ministers selbst und die Aufdeckung weiterer Plagiate. Eine genaue Analyse dieser Dynamik soll in dieser Arbeit allerdings ausgespart bleiben, vielmehr geht es um kennzeichnende Eigenschaften. Die Spezifika des Medienereignisses „Copygate“ sollen anhand ausgewählter Thesen herausgearbeitet werden, die Dayan und Katz in ihrer Monographie „Media Events. The Live Broadcasting of History“ (1992) aufgestellt haben.17

3.1 Ausschöpfung des technisch-technologischen Potentials: „The power of these events lies, first of all, in the rare realization of the full potential of electronic media technology.”

Aus medienwissenschaftlicher Sicht muss man den Zusammenhang zwischen Medienereignis und „technological determinism“18 betrachten. Die Plagiatsaffäre wurde dadurch zum Ereignis, dass Nutzer ein Wiki zur Aufdeckung eines Plagiats verwendeten und dies in der Presse thematisiert wurde. Die These von Dayan und Katz verliert im Zeitalter des Web 2.019 ihre Gültigkeit, alldieweil das Medienereignis erst durch das volle Ausschöpfen der technischen Möglichkeiten, sprich der Nutzung des Wikis, entstand und eben nicht aufgrund einer „rare realization of the full potential of electronic media technology“. Fraglich ist an dieser Stelle allerdings, wie viel Einfluss dieser Technikdeterminismus tatsächlich hat. Die spezielle Kommunikationstechnologie Wiki (mit Konzentration auf die Plagiatsfindung) beeinflusste zwar, aber änderte nicht grundsätzlich soziale Strukturen, sprich den Alltag der Menschen, schließlich gab es eine solche Anwendung schon vorher, siehe Wikipedia. Es entstand lediglich ein Diskurs. Sicherlich lässt sich nicht leugnen, dass eine Innovation in der Medientechnik und der Verbreitung von Information als Einschnitt oder Zäsur in der Mediengeschichte20 ein Medienereignis sein kann, wie dies beispielsweise beim Buchdruck oder beim Aufkommen des Internets der Fall war. Beim Plagiatswiki handelt es sich allerdings eindeutig nicht um eine solche Zäsur.21

3.2 Das Kontroverse im Medienereignis: Gut oder böse, schwarz oder weiß? “Where social science sees long-run deterministic processes, journalism prefers heroes or villains [...].”

Diese These fokussiert die Berichterstattung. Schließlich kann man ein Medienereignis auch aus dem Blickwinkel der Medienkritik betrachten. Die Medien haben sich selbst beobachtet, indem sie eine Selbstreflexion über ihr Verhalten in ihrer Berichterstattung vornahmen.22 Bei der Selbst-Thematisierung wurde den Medien einerseits eine „Hetzjagd“23 auf den Politiker vorgeworfen.24 Aus zu Guttenberg wurde in der Presse „Googleberg“25 der Bösewicht. Andererseits konnte man in den Medien aber auch Ausprägungen von Kampagnenjournalismus26 feststellen, wie z.B. bei der Bild-Zeitung, die zur Unterstützung zu Guttenbergs Umfragen veröffentlichte, die zeigten, dass das deutsche Volk trotz des Betrugs hinter dem Plagiator steht.27 Offenbar betrieben die Medien in der Abbildung des Diskurses Schwarz-Weiß-Malerei, indem sie den Plagiator - Dayan und Katz zufolge - als „hero“ oder „villain“, also als Helden oder Bösewicht in Szene setzten.

[...]


1 dpa/dapd/Reuters/omi/ws 2011.

2 Krause 2011.

3 Friederichs 2011.

4 Freiherr zu Guttenberg 2009.

5 Wikia 2011.

6 Beller/Steinmann 2011.

7 Friedrich 2008: 8.

8 Friedrich 2008: 9.

9 Dayan/Katz 1992: Preface vii.

10 vgl. Dayan/Katz 1992: 1.

11 vgl. Dayan/Katz 1992: 12.

12 ebd.

13 vgl. Dayan/Katz 1992: 5.

14 Weber 2009: 45.

15 ebd.

16 Ebersbach/Glaser/Heigl 2005: 10.

17 Dayan/Katz 1992: 15.

18 Dayan/Katz 1992: 16.

19 O’Reilly 2004: 15.

20 vgl. Dayan/Katz 1992: 12.

21 Dayan/Katz 1992: 22.

22 vgl. Luhmann: 1997: 7f.

23 Beller 2011.

24 vgl. Schünemann 2011.

25 Bild.de 2011

26 vgl. Boenisch 2007.

27 vgl.Bild.de 2011.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656006978
ISBN (Buch)
9783656006947
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178631
Institution / Hochschule
Universität Trier – Medienwissenschaft: Print/ Online
Note
1,7
Schlagworte
Medien Plagiat; Karl-Theodor zu Guttenberg; Medienwissenschaft; Medienereignis; Ereignis; Plagiatsaffäre; Doktorarbeit; Dissertation; Kommunikation; Politik; politische Kommunikation; Verteidigungsminister

Autor

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