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Essen und gefressen werden

Das Motiv des Essens in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dämonen im Märchen
2.1 Der Wolf
2.2 Die Hexe
2.3 Die Stiefmutter

3. Grausamkeit im Märchen
3.1 Von dem Machandelboom
3.2 Menschen werden gegessen
3.3 Menschen werden geopfert
3.4 Protagonisten werden bestraft

4. Hunger und Armut im Märchen
4.1 Der Hunger
4.2 Warum Essensschilderungen in Hungersnot?
4.3 Essen und Schuldgefühle
4.4 Die Märchenträger

5. Hänsel und Gretel
5.1 Zum Inhalt
5.2 Verzweiflung führt zu Grausamkeit – Hunger führt zur Verzweiflung
5.3 Lüge als Rettung?
5.4 Die Hexe, die Mutter, die Magersucht

6. Schreck und seine Wirkung auf das Kind
6.1 Gefühle als Grundbausteine
6.2 Das Gefühl der Angst

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

Als Kinder haben wir Märchen gehört und unsere Fantasie hat uns erlaubt, alles anzunehmen, was dort geschildert wurde. Wir haben uns keine Gedanken darüber gemacht, was und warum Märchen so sind, wie sie sind. Als Ziel für diese Arbeit habe ich den Bereich des Essens in Kinder– und Hausmärchen von Brüdern Grimm gewählt, um herauszufinden, warum Phänomene wie Essenschilderungen oder das Gefressenwerden dort überhaupt Platz gefunden haben.

Als Erstes schildere ich die im Märchen am meisten auftauchenden Märchenfiguren, die durch ihre Grausamkeiten oder auch nicht, besonders hervorstechen. Der Wolf, die Hexe und die Stiefmutter waren meine Favoriten in dieser Arbeit.

Das Thema der Grausamkeit im Märchen ließ sich nicht umgehen, weil dieser Bereich auch heute noch von den Märchenforschern und Kinderpsychologen am meisten diskutiert wird und verdient, meiner Meinung nach, auch in dieser Arbeit erwähnt zu werden. Solche Märchen wie Von dem Machandelboom erschrecken uns mit ihren von uns als grausam geglaubten Inhalten – ob dem so ist, wird in dieser Arbeit kurz dargestellt.

Um am Thema Essen zu bleiben, untersuche ich das Hunger–Motiv mit allen seinen Erklärungen und Rechtfertigungen. Und fand, letztendlich, dass einige Situationen im Märchen Hänsel und Gretel einiges dazu beitragen können.

Am Ende meiner Arbeit beschäftige ich mich mit den Wirkungen solcher Märchen auf die Kinder, wobei von ihren Gefühlen der Angst ausgegangen wird.

2. Dämonen im Märchen

Wenn wir uns die Figuren im Märchen genauer ansehen, fällt deutlich auf, dass in seinem Dämonenkatalog viele unterschiedliche Gestalten vorkommen. Wir haben es meistens mit Hexen, Riesen, Zwergen, gefährlichen Tieren, weiterlebenden Toten und dem Teufel zu tun.[1] Wobei jede Gestalt natürlich unterschiedlich charakterisiert wird.

Die Zwerge, zum Beispiel, werden oft als Helfer der Menschen dargestellt. Sie ziehen sich nicht beleidigt zurück, wenn man sie entlohnt, wie es in der Sage öfters der Fall ist, sondern sie erwarten den gegenseitigen Dienst des Menschen oder entlohnen den Menschen für den siebenjährigen Dienst in der Unterwelt mit dem in Gold umgewandelten Kehrdreck, der auch dann fairerweise Gold bleibt (z. B. KHM 100: Des Teufels rußiger Bruder ).

Die Gestalt eines Riesen dagegen wird im Märchen fast immer als das eines überlisteten Dummen geschildert. Ein Riese soll zum Beispiel in einem Wettkampf Wasser aus einem Stein drücken, wobei sein Gegner nur einen Käse zerdrückt (z. B. KHM 20: Das tapfere Schneiderlein ), was dazu führt, das Märchen als humorvoll zu bezeichnen.[2] Aber auch als menschenfressend kommen die Riesen vor.

Bemerkenswert ist die Darstellung des Teufels im Märchen. Denn schon von seinem Namen her lässt der Teufel uns an nichts Gutes denken, aber im Märchen ist er ein Kerl, mit dem man durchaus reden kann. Dies ist für den sagengläubigen Menschen zum Beispiel, empörend. So auch die oft vorkommenden Pakte, die der Held im Märchen zu schließen hat, letztlich zum Erfolg des Helden führen. Denn wie uns bekannt ist, jeder, der sich mit dem Teufel verbündet, buchstäblich als verdammt gilt.

Wie der Riese wird auch der Teufel im Märchen ständig überlistet, und zwar, noch ehe die Zeit für den Kontrakt abgelaufen ist. Gelegentlich überlistet der Held ihn sogar mit Hilfe von dessen eigener Großmutter (z. B. KHM 125: Der Teufel und seine Großmutter ). Diese Einstellung des Märchens gegenüber von Christen als böse bezeichnete Gestalt verleiht, meiner Meinung nach, den traditionellen Teufelsglauben eine Nuance von Verspottung. Röhrich meint dazu: „Das Märchen lächelt zuweilen so sehr über den Teufelsglauben (…), dass es dem Satan sogar gewisse Achtungserfolge gönnt.“

Genauso auch die Darstellung des Teufels als Richter im Märchen. Dort wagt diese Märchenfigur sogar, soziale und moralische irdische Missstände zu korrigieren: Er dingt sich z. B. drei brave Handwerksburschen, um einen Verbrecher zu überführen und für sich zu gewinnen. Er lässt sie sogar nicht im Stich, als sie unschuldig in die Patsche geraten und befreit sie aus der Hand des Henkers (KHM 120: Die drei Handwerksburschen ).[3] Aber auch von Menschenfleisch sind die Teufelsfiguren im Märchen nicht abgeneigt. Denn im KHM 29: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren steht er als menschenfressendes Ungeheuer da.

Nun, wie ich aufzuzeigen versuchte, sind die dämonischen Märchengestalten nicht immer dämonisch als solche. Vielmehr weisen sie naive und arglose Züge auf. Wenn wir es mit einem Riesen zu tun haben, dann wird er überlistet, wenn mit ein paar Zwergen, dann mit guten uneigennützigen Helfern, wenn mit einem Teufel, dann als gerechte Richter. Dies hat, meiner Meinung nach, damit zu tun, dass das Märchen sich mit einem sittlichen Chaos zu beschäftigen vermag und das Ziel hat, zu einer sittlichen Ordnung zu gelangen. Auch das jedes Mal gute Ende eines Märchens trägt dazu bei.

2.1 Der Wolf

Die Figur des Wolfes hat eine zweifache Darstellung im Märchen. Meistens, da der Wolf als Tier auch real vorhanden ist, wurden unsere Märchen von den erzählten Wolfsgeschichten angeregt und beeinflusst. Und hierzu wird sowohl von den bösen Wölfen, als auch von den zahmen erzählt.

Von grimmigen Wölfen wurde einst viel erzählt, zum Teil Realistisches, zum Teil Fantastisches.[4] Der Zürcher Kalender vom 1800 berichtet zum Beispiel von einem Mädchen, das vom Wolf in den Wald und in seine Höhle geschleppt wurde, oder im Tagebuch von Joachim von Watt von 1530 steht, dass die Wölfe Menschen und Vieh böse angefallen hatten.[5] Aber man hat auch die Erfahrung mit einem zahmen Wolf gemacht und lernte sogar sie willfährig zu machen. So weiß man heute von Wölfen, die den Wagen zogen, geraubte Tiere zurückbrachten oder als Holzträger arbeiteten.[6]

Folglich, auch im Märchen hat der Wolf diese Zweiwertigkeit. Dort kennen wir ihn einst als gefährlich, da er das arme Rotkäppchen und seine Großmutter verspeist, oder die armen sieben Geißlein verschlingt, ein andermal kennen wir ihn als Helfer, der dem Helden als Reittier dient und ihm viele Dienste erweist.

Aber bekannt ist die Tatsache, dass die Kinder früher und auch wohl jetzt, wenn man ihnen die Grausamkeit der Wolfsschilderung in aller Pracht präsentiert, sich eben eher mit Geschichten von wilden Wölfen erschrecken lassen. Väter und Mütter schildern die Wölfe ihren Kindern oft mit großen, angsterfüllten Augen, damit die erzieherische Wirkung der Geschichte ihren Punkt trifft.[7]

2.2 Die Hexe

Ein weiterer Vertreter des Bösen in Märchen ist neben dem Wolf auch die Hexe. Für die Hexe ist es typisch, dass sie übernatürliche Kräfte besitzt, die sie zur Zauberei befähigen.

Die Herkunft dieser Figur ist sehr alt: Erste Erfahrungen mit den Zauberinnen haben schon die Griechen gemacht, dann natürlich auch die Römer und die alten Germanen. Bei allen diesen Völkern, in ihrem Volksglauben, gab es Frauen, die aus Bosheit ihre Zauberkunst zum Schaden anderer auszuüben schienen.[8]

Das Wort Hexe verbreitete sich erst seit dem 13. Jahrhundert sehr intensiv. Die Nuance der Zauberei aber hat die im 15. Jahrhundert aufkommende Hexenverfolgung zunichte gemacht. Geblieben war die Vorstellung von der Hexe als einer Schadenzauberin, die nachts ausfliegt und Kräuter sammelt. Als Wald-Frau oder Waldgeist kann sich die Hexe in ein beliebiges Tier verwandeln und bevorzugt daher die Katze als ihren Liebling, in die sie sich auch ständig verwandeln kann.[9]

Das Märchen hat diese altertümlicheren Hexenvorstellungen bewahrt. Hier ist die Hexe sogar ein dämonisch–kannibalisches Wesen mit großer Zauberkraft, dessen äußere Erscheinung meist als missgebildete Menschengestalt gedacht wird.[10] Ihre Zaubermittel sind stärker, denn sie kann die Helden zu Stein (KHM 60: Die zwei Brüder ) oder in einen Baum (KHM 123: Die Alte im Wald ) verwandeln. Das Gift, das sie gemischt hat, lässt das Pferd tot hinfallen (KHM 22: Das Rätsel ).[11]

2.3 Die Stiefmutter

Nach der Meinung von Maria Tatar, gibt es in den Kinder- und Hausmärchen drei Arten von Menschenfressern. Die erste Gruppe sind die wilden Tiere und Ungeheuer, zu der zweiten Gruppe gehören gesellschaftliche Außenseiter mit Räubern und Wegelagerer und die dritte Gruppe bilden die Frauen, mit ihren Rollen als Hexen, Köchinnen und Stiefmüttern.[12]

Stiefmütter verkörpern, abgesehen von wenigen Ausnahmen, in allen Märchen die Herkunft des Bösen: Allein die Bezeichnung „Stiefmutter“ verleiht einer Figur das Etikett der Boshaftigkeit . Man kann getrost behaupten, dass die Formulierung „böse Stiefmutter“, die sich fast wie eine feststehende Redewendung anhört, ein Pleonasmus ist.[13]

In Grimms Märchen sind Stiefmütter keine richtigen Hexen, aber besitzen durchaus Eigenschaften, sich in alte und zerbrechliche Frauen zu verwandeln, damit die naive Heldin sie in das Haus lässt oder sich mit den vergifteten Äpfeln beschenken lässt (KHM 53: Schneewittchen ). Meistens sind es deutlich hervortretende Gestalten, die der Heldin ihre leiblichen Mutter ersetzen müssen, dies aber nicht wollen, sei es aus Eifersucht über die Schönheit der Heldin oder aus Liebe zu ihren eigenen Töchtern.

Nicht zu übersehen ist die Tatsache, dass es sich bei den Helden um die Stieftöchter handelt, wohl deswegen, weil die jungen Frauen geduldig das Leiden ertragen.

Die Handlung in Stiefmütter – Märchen ist oft, sodass das Kind oder die Kinder, deren leibliche Mutter gestorben ist, die Opfer einer grausamen rachsüchtigen Stiefmutter werden. Sie behandelt sie oft sehr brutal, sodass die Kinder aus dem Zuhause fliehen oder sie nörgelt an deren Vater so lange, bis die Kinder letztendlich verbannt werden. Die, die es schaffen geduldig ihre Gemeinheiten zu ertragen, werden zu Küchendiener im eigenen Hause.[14]

Oft steigert sich die Handlung bis zu den Mordplänen der Stiefmutter. Um das ihr fremde Kind endlich loszuwerden, sieht sie keinen anderen Ausweg, außer, dass sie es tötet. So zum Beispiel in Brüderchen und Schwesterchen (KHM 11) gelingt es der Stiefmutter, ihre Steiftochter zu töten oder in wie in Die zwölf Brüder (KHM 9) sie töten zu lassen.

Doch am guten Ende ist zu erkennen, dass auch die bösen Stiefmütter mal besiegt werden können. Das Märchen bedient sich, um das Ende der Diktatur der Stiefmutter stärker zu betonen, einer sehr anschaulichen und schrecklichen Art und Weise ihren Untergang zu beschreiben. Sie werden ertränkt, zu Asche verbrannt, von wilden Tieren in Stücke gerissen oder in ein Gefäß mit kochendem Öl und Giftschlangen gesetzt.[15]

[...]


[1] Vgl.: Röhrich, L. 2001, S. 17

[2] Vgl.: ebd., S. 20

[3] Vgl.: Röhrich, L. 2001, S. 21

[4] Vgl.: Schaenda, R. S. 392

[5] Vgl.: ebd., S. 391

[6] Vgl.: ebd., S 393

[7] Vgl.: ebd., S. 394

[8] Vgl.: Brunner Ungricht, G. S. 36

[9] Vgl.: ebd.

[10] Vgl.: ebd.

[11] Vgl.: Röhrich, L. S. 18

[12] Vgl.: Tatar, M. 1990, S. 198

[13] Vgl.: ebd., S. 198

[14] Vgl.: ebd., S 203

[15] Vgl.: Tatar, M. S. 206

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656135746
ISBN (Buch)
9783656138617
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178627
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Märchen Brüder Grimm

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Titel: Essen und gefressen werden