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Ausbildung zum Depressions-Berater

Das Handbuch zur Ausbildung

Fachbuch 2011 70 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel I: Depressionen - Ursachen, Diagnose, Symptome, Erscheinungsformen
Was ist eine Depression?
Die Ursachen
Die Symptome
Die Formen
Symptome im Pubertats- und Jugendalter
Therapieformen
Unterscheidung der Psychopharmaka

Kapitel II: Tipps fur Angehorige

Kapitel III: Denkfehler bei depressiven Patienten

Kapitel IV: Gesprachsfuhrung in der Beratung
Ziele und Ergebnisse unterscheiden

Kapitel V: Entspannungstechniken fur die Angehorige
Autogenes Training
Literatur

Kapitel VI: Ressourcenaktivierung mit der bilateralen Stimulation
Ressourcenaktivierung bei Angehorigen/Einsatz der bilateralen Stimulation zu Ressourceninstallation

Bilaterale Stimulation

Therapie-Tools

Literatur

Vorwort

Depression kannjeden Menschen treffen - objung oder alt, Frau oder Mann, selbst Kinder und Jugendliche konnen von der Krankheit betroffen sein. Obwohl Depression die haufigste psychische Erkrankung ist, wissen die meisten Menschen nur unzureichend daruber Bescheid.

Das Buch ist als Lehrbuch fur die Ausbildung zum „Depressionsberater“ konzipiert.

Die Ausbildung wird von mir an den Deutschen Paracelsus Schulen angeboten und soll den zukunftigen Beratern das Bild der Erkrankung, Diagnosemoglichkeiten, Behandlungsformen und verschiedene Tolls fur die Beratungspraxis vermitteln.

In Mittelpunkt der Ausfuhrungen steht der Begleiter, der Angehorige und nicht der depressive Mensch. Viele Angehorige und Freunde wissen nicht, wie sie sich einem Depressiven gegenuber verhalten sollen. Sie fuhlen sich unsicher und hilflos, wollen Beistand leisten und dem Kranken nicht noch zusatzlich zur Last fallen. Zudem furchten sie sich vor den Beleidigungen, dem Schmerz, der Trauer und der Einsamkeit des Depressiven.

Manchmal wissen Angehorige aber auch gar nicht, dass eine Depression vorliegt.

Die Angehorigen andern ihr Verhalten und Gefuhle wie Wut, Angst, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit oder eine Mudigkeit und entwickeln innere Leere.

Sie wissen nicht, was sie fur den Kranken tun konnen, wie sie die soziale Beziehung zu dem Erkrankten aufrechterhalten.

Wie soll man sich bei Selbstmorddrohungen verhalten?

Auf die Ressourcen-Arbeit wird in diesem Buch besonders viel Wert gelegt. In der Beratung ist es besonders wichtig, den ganzen Menschen in seiner korperlichen, seelischen, kulturellen, biografischen und geistig-religiosen Dimension zu betrachten und davon auszugehen, dassjeder Mensch eine Fulle von Kraften, Fahigkeiten, Moglichkeiten und Chancen hat, die von ihn selbst, aber auch von anderen Menschen gefordert, aktiviert und geweckt werden konnen.

Die in dem Buch vorgestellten Techniken sind ressourcen- und salutogenetisch orientiert: Man geht von der Ganzheit des Betroffenen aus und orientiert sich an den Starken und Fahigkeiten des Klienten.

Im Fokus stehen nicht nur die krankhaften Erscheinungen,Symptome, Mangel, Konflikte, Ursachen fur die Krankheit, Leiden oder Defizite (Pathogenese), sondern die Freude, Fahigkeiten, Krafte, Ressourcen und Moglichkeiten (Salutogenese).

Diese Sichtweise mochte ich den Betroffenen, Kollegen und Lesern vermitteln als eine Alternative im Umgang und bei der Beratung von Betroffenen und Angehorigen.

In diesem Handbuch finden die Menschen, die als Berater den Angehorigen und Betroffenen zur Seite stehen, folgende Themen vorgestellt:

- Depressionen - Ursachen, Diagnose, Erscheinungsformen, Symptome
- Depressionen bei Frauen
- Depressionen bei Mannern
- Depressionen bei Kindern und Jugendlichen
- Depressionen bei alteren Menschen
- Arztwahl (Welche Fachleute konnen bei Depressionen weiterhelfen?)
- Wer sollte einen Psychiater/Nervenarzt bei depressiven Storungen aufsuchen?
- Behandlungsformen
- Therapieformen
- Gesprachsfuhrung in der Beratung
- Denkfehler bei Depressionen
- Selbsthilfe bei Depressionen
- Tipps fur Angehorige
- Entspannungstechniken fur Angehorige und Betroffene
- Ressourcen-Arbeit mit Angehorigen und Betroffenen

Die Notwendigkeit einer fundierten Ausbildung

Es ist wichtig, dass in der Beratung die Klienten im Zentrum der Bemuhungen stehen.

Fur die Klienten selbst ist es auch von grofier Bedeutung, dass die Berater bereit sind Neues zu erlernen, ihre Fahigkeiten zu erweitern und mit innovativen Methoden zu experimentieren.

Aufierdem ist es fur die Klienten sicherlich auch von Vorteil, wenn die Berater, an die sie sich wenden, in den Methoden, mit denen sie arbeiten, eine fundierte Ausbildung erhalten haben.

Nach einem bekannten chinesischen Sprichwort ist es besser, einem Hungrigen das Fischen beizubringen, als ihm einen Fisch zu geben.

Ebenso halte ich es fur besser, dass diejenigen, die mit Depressiven und deren Angehorigen arbeiten wollen, eine fundierte Ausbildung absolviert haben, als ihnen Schritt fur Schritt ein Buch auszuhandigen.

Dieses Handbuch soil also auch nur als Erganzung zur Ausbildung verstanden werden.

Das Buch enthalt viele praktische Ubungen. Damit Sie spater in der Beratung auf sie zuruckgreifen konnen, legen Sie sich am besten einen Ordner an, in dem Sie die Ubungen einheften. Dafur empfehlt es sich, die Ubungen am PC abzutippen und auszudrucken.

Ich wunsche Ihnen, dass Sie aus diesem Buch Wissen, Inspirationen und wertvolle Tipps fur Ihre eigene Praxis ziehen konnen.

Anmerkung zum Buch: Umgang mit Personalpronomen

Um schwerfallige Ausdrucke wie ,,er oder sie“ zu vermeiden, habe ich versucht den Gebrauch des weiblichen und mannlichen Personalpronomens sowie mannlicher und weiblicher Personenbezeichnungen im Buch einigermafien gleichmafiig zu gewichten.

Wenn im Buch von „PatientIn“ die Rede ist, wird im medizinischen Kontext gesprochen, im beraterischen Kontext habe ich die Bezeichnung „KlientIn“ gewahlt.

Danksagung

Allen, die an der Entstehung dieses Buches beteiligt waren, ein herzliches Dankeschon!

Insbesondere gilt mein Dank meinem Mann Christian Budna, der das Projekt - genau wie alle meine Projekte - mit Vorschlagen und Geduld begleitet hat.

Kapitel I: Depressionen - Ursachen, Diagnose, Symptome, Erscheinungsformen

Depression bedeutet herabdrucken (lat. deprimere).

Die Depression ist eine Erkrankung, die nicht nur einzelne Personen betrifft.

Im Gegenteil: Inzwischen sind in Deutschland Millionen Menschen von der Erkrankung betroffen, indem sie einmal depressive Phasen erlebt haben oder sogar regelmafiig erleben mussen.

Bei der Entstehung bzw. beim Ausbruch der Erkrankung sind das Alter, das Geschlecht und der soziale Status nicht entscheidend. Es gibt keine Population, die vor der Erkrankung „geschutzt“ ist. Sowohl Frauen als auch Manner, Studenten und Schuler, Selbststandige und Arbeitslose, Alt und Jung sind von der Erkrankung betroffen. Die Studien zeigen, dass inzwischen 50 % der deutschen Bevolkerung Kontakt mit Depressionen hatten: entweder als Angehorige oder Freund. 20 % der Bundesburger sind von der Erkrankung selbst betroffen (vgl. Lieb/Frauenknecht/Brunnhuber: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie, S. 150).

Die Untersuchungen zeigen uberraschenderweise, dass die westlichen Gesellschaften im Vergleich zu Landern der Dritten Welt deutlich haufiger von Depressionen betroffen sind. In vielen armen Landern sind Depressionen kaum zu verzeichnen.Wenn man bedenkt, dass es den Menschen in westlichen Gesellschaften deutlich besser geht als denen in der Dritten Welt, kommt man zu der Erkenntnis, dass die Ursachen fur die Entstehung der Erkrankung nicht nur in aufieren Faktoren zu suchen sind.

Was ist eine Depression?

Die Depression kann man als eine moglicherweise todliche Krankheit bezeichnen, die immer ernst zu nehmen ist. Das zeigt uns die Zahl der Todesfalle unter den Erkrankten: Mehr als 10 % der schwer an Depression erkrankten Menschen begehen Selbstmord.

(vgl. Koeslin: Psychiatrie und Psychotherapie fur Heilpraktiker)

Wie schon am Anfang erwahnt, leitet sich das Wort Depression vonNiederdrucken ab. Viele andere Worte konnen auch den Zustand bei einer Depression zutreffend beschreiben. Dazu gehoren neben niedergedruckt sein u. a. traurig sein, die Hoffnung verloren haben, pessimistisch, abgeschlagen und kraftlos sein. Aber hier ist auch grofie Vorsicht geboten: Nur weil man die Gefuhle bei sich verzeichnen kann, leidet man nicht automatisch an einer Depression.

Ein Mensch besitzt eine unglaubliche Vielfalt an Gefuhlen - sowohl positive, starkende Gefuhlen als auch hin und wieder negative Emotionen. Das ermoglicht es ihm, das Leben in der vollen Brandbreite wahrzunehmen. Es ist also vollig normal, dass wir uns in verschiedenen Situationen argern, zornig sind oder uns sehr freuen.

Sehr viele Faktoren wie zum Beispiel soziale Beziehungen, Partnerschaften, Familie, Arbeit sowie Umgebung haben grofien Einfluss auf unsere Stimmungslage. Also ist Arger eine normale und sogar zutreffende Reaktion, wenn unsjemand z. B. das Auto beschadigt hat. Es ist normal, wenn wir zornig sind, weil in der Arbeit nicht alles so „glatt“ lauft, oder uns sehr uber einen Erfolg freuen.

Hunger und Durst, Stress, Mudigkeit und Krankheiten konnen die Stimmung auch negativ beeinflussen.

Wenn man also eine depressive Verstimmung in Verbindung mit den oben genannten Faktoren verspurt, handelt es sich mit Sicherheit nicht um eine Depression. Diese Stimmung wird durch die Faktoren verursacht und verschwindet nach der Beseitigung des Auslosers wieder. Die menschliche Psyche verfugt uber ein Informationsverarbeitungssystem, das uns normalerweise solche negativen Umstande verarbeiten lasst. Untersuchungen belegen sogar, dass solche „gesunden“ Stimmungsschwankungen notwendig sind, um einen Unterschied zwischen guter und schlechter Stimmung zu erkennen, und dadurch fur eine Ausgeglichenheit und gesunde Psyche sorgen. Man kann auch sagen, dass man sich erst, wenn man merkt, dass es ein Tief gibt, auf die Hohen freuen kann.

Depression = affektive Storung

Affekt = Stimmungslage, lat. Affectus = Gemutsverfassung

Bei affektiven Storungen handelt sich um Erkrankungen, die mit einer Storung des Affekts einhergehen. Diese konnen sich in zwei entgegengesetzten Richtungen manifestieren: als Manie (griech. Wahnsinn, Sucht) oder Depression.

Affektive Storungen werden in der Literatur auch als affektive Psychosen bezeichnet und konnen entweder monopolar oder bipolar verlaufen. Bei einer monopolaren Storung schlagt die Stimmung des Erkrankten in eine Richtung aus - entweder in Richtung Manie oder in Richtung Depression. Bei bipolaren Verlaufen wechseln sich depressive und manische Phasen ab. Ein Drittel der Erkrankungen verlaufen monopolar, wobei rein manische Verlaufe mit 5 % relativ selten zu verzeichnen sind.

Auch die Dauer der Pause zwischen den Krankheitsepisoden kann sehr stark variieren und kann zwischen einigen Wochen (selten nur Tagen) bis zu einigen Monaten betragen. In 60 % der Falle dauern die Phasen weniger als drei Monate.

Der Verlauf bipolarer Storungen ist in der Regel schwerer als bei monopolaren Depressionen, das heifit, es treten mehr Episoden auf. Patienten mit bipolaren Storung sind insgesamt langere Zeit depressiv als manisch. Auch altere Patienten und solche mit schwerer familiarer genetischer Belastung zeigen eine ungunstige Prognose.

Die Lebenspravalenz (Chance, in seinem Leben an einer affektiven Storung zu erkranken) betragt 20­25 %. Die Storung beginnt in der Regel (aber nicht nur! siehe Kapitel Depressionen bei Kindern und Jugendlichen) im Erwachsenenalter zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr (vgl. Koeslin: Psychiatrie und Psychotherapie fur Heilpraktiker).

Statistisch gesehen sind Frauen etwa doppelt so haufig betroffen, wobei Manner eine hohere Dunkelziffer aufweisen. Man geht davon aus, dass 15 % aller Manner und 24 % aller Frauen im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken. Somit gehort die Depression zu den haufigsten Krankheiten in Deutschland. Die WHO schatzt Depressionen sogar schwerwiegender als Herzerkrankungen oder Diabetes ein. Daran kann man auch erkennen, wie schwer eine Depression tatsachlich fur die Betroffenen ist und wie gefahrlich die Erkrankung sein kann.

10-15 % der Erkrankten unternehmen Schatzungen zufolge einen Selbstmordversuch, wenn die Krankheit nicht behandelt wird.

Depression ist allgemein erklart eine psychische Storung, die mit

- trauriger Verstimmung,
- gedruckter, pessimistischer Stimmungslage,
- Niedergeschlagenheit,
- Antriebsminderung,
- leichter Ermudbarkeit,
- Angst und Suizidneigung

einhergeht (nach Peter 2004).

Altere Definitionen unterscheiden zwischen einer endogenen und neurotischen Depression. Die Unterscheidung soil nach ICD-10 aufgegeben werden, ist aber noch sehr haufig in der Fachliteratur zu finden und somit fur die Praxis relevant (Koeslin, Psychiatrie und Psychotherapie fur Heilpraktiker).

Die Ursachen

Die genauen Ursachen fur die Entstehung der Erkrankung sind nicht bekannt. Man spricht bei der Entstehung von einem multifaktoriellen Geschehen, das heifit, dass man annimmt, dass viele verschiedene Faktoren bei der Entstehung der Krankheit beteiligt sind.

Vieles spricht auch dafur, dass die Depression eine Krankheit der Neuzeit ist. Grund dafur ist, dass die tagliche Belastung in unserer modernen Gesellschaft zunehmend hoher wird. Als belastende Faktoren treten immer haufiger

- Arbeitslosigkeit,
- Stress im Beruf,
- Stress in der Freizeit,
- verandertes Familienleben

auf.

Das alles sind Faktoren, die einen Ausbruch der Depression begunstigen konnen. Zu diesen Stressfaktoren kommt auch immer haufiger hinzu, dass die Menschen dem Stressfaktor mit Alkohol-, Drogen- und Medikamentenkonsum entgegenwirken wollen. Die so ,,selbst verordnete Antistress-Therapie“ kann sich sehr negativ auf die Psyche auswirken.

Nicht zu verachten ist auch, dass der naturliche biologische Rhythmus immer mehr missachtet wird.

Schon die Entdeckung und Nutzbarmachung der Elektrizitat ermoglichte den Menschen nachts wach zu bleiben, z. B. um zu arbeiten. Insgesamt hat die moderne Technik die Verschiebung des Lebensrhythmus moglich gemacht.Wenn man zuruckblickt, sind fruher die Menschen mit Sonnenaufgang aufgestanden und mit Sonnenuntergang ins Bett gegangen. Dies ist schon seit Langem nicht mehr der Fall. Das Verhalten bewirkt die Verschiebung der inneren Uhr, was mittlerweile auch als ein Faktor zur Entstehung der Depression angesehen wird. Da es allerdings schon in der Antike Berichte uber Depressionen gibt, mussen noch andere Ausloser fur die Erkrankung bestehen.

Zu den moglichen Ursachen von Depressionen zahlen:

- Genetische Faktoren: Die Befunde aus der Zwillingsforschung belegen eindeutig eine genetische Veranlagung. In den Familien, in denen Depressionen haufig auftreten, ist das Krankheitsrisiko am hochsten.
- Storungen der Neurotransmission: Bei an der Depression erkrankten Menschen ist ein veranderter Haushalt von Botenstoffen feststellbar. Botenstoffe sind fur die Weiterleitung von Nervenimpulsen verantwortlich. Bei depressiven Patienten herrscht ein Mangel an Noradrenalin und Serotonin. Neue Theorien gehen davon aus, dass bei den Erkrankten eine Dysbalance verschiedener Neurotransmitter stattfindet, wobei auch Veranderungen im Bereich der Rezeptoren eine Rolle spielen konnen.
- Chronobiologische Faktoren: Bei einem kleinen Teil der Erkrankten liegen Storungen der
biologischen Rhythmen vor. Hierzu gehoren Depressionen, die zu bestimmten Jahreszeiten auftreten (v. a. im Herbst und Winter) und gut auf eine Lichttherapie ansprechen.
- Korperliche Erkrankungen und Medikamente: Zu den Erkrankungen zahlen M. Parkinson, hirnorganische Erkrankungen, Schilddrusenerkrankungen, HIV, Erkrankungen der Leber, dauernde Schmerzen und Krankheiten, die das Aussehen des Erkrankten betreffen, wie zum Beispiel eine schwere Akne, Schuppenflechte oder korperliche Behinderungen. Medikamente wie Kortison, die Pille, Beta-Blocker und Antibiotika konnen ebenso die Entstehung der Depression begunstigen. In diesem Fall wird eine organisch bedingte affektive Storung diagnostiziert.
- Kritische Lebensereignisse („Life events“) lassen sich haufig als Ausloser finden.
- Verlust und Verlustangste: Menschen haben an sich und an die Umwelt bestimmte Erwartungen. Wenn diese Erwartungen nicht erfullt werden konnen, reagieren Menschen sehr unterschiedlich. Manche kampfen gegen das Schicksal an, andere fallen in eine tiefe Krise. Diejeweilige Reaktion hangt von den individuellen Lebenserfahrungen und Lebenseinstellungen ab. Es ist nachgewiesen, dass die Depressionen von den negativen Einstellungen zu sich selbst, der Zukunft und der Situation gefordert werden. Die Menschen, die dann spater unter Depressionen leiden, bewerten solche Situationen als ausweglos, sie fuhlen sich machtlos, als Versager. Wenn solche Menschen die Arbeit verlieren, glauben sie, dass sie nie wieder eine Arbeit finden werden, beim Verlust eines Partners glauben sie, nie wieder eine Beziehung haben zu konnen. Sie haben die Tendenz, sich in solchen Situationen aus der Umwelt zuruckzuziehen und sich sozial zu isolieren.
- Storungen in der Kindheit: Gewalt in der Familie, durch standige Erniedrigungen gestorter Selbstwert, Isolation von der Aufienwelt, wenig soziale Kontakte sowie Ablehnung durch die Eltern und Bestrafung durch Liebesentzug konnen dazu fuhren, dass Kinder depressiv werden. Eine schlechte Kindheit kann aufjeden Fall als Grundstein einer depressiven Erkrankung angesehen werden, die daraus resultierenden Storungen konnen anhalten und im Erwachsenenalter eine Depression verursachen.
- Traumatische Faktoren: Darunter sind die schmerzlichen Erfahrungen, die der Mensch im Verlauf des Lebens zwangsweise erfahren muss, wie zwischenmenschliche Krankungen, schwere Unfalle, schwere Verluste (z. B. Elternteil), aber auch erlebte finanzielle Not, Konflikte in der Familie, soziale Isolation, Scheidung und Partnerverlust, Krankheit, Stress, Missbrauch.

Solche Erfahrungen werden vom Gehirn gespeichert und konnen in ahnlichen Situationen wieder aufgerufen werden. Das kann in manchen Fallen der Ausloser einer Depression sein (vgl. Koeslin: Psychiatrie und Psychotherapie fur Heilpraktiker).

Die Symptome

- Depressive Verstimmung: Antriebsminderung, Antriebslosigkeit, traurige Verstimmung, ,,Gefuhl der Gefuhllosigkeit“, Bewegungsarmut, emotionale Unbeteiligtheit, Gefuhlsarmut, Sinn- und Hoffnungslosigkeit, schwere Schuldgefuhle, „sich ausgebrannt und wie versteinert fuhlen“.
- Angstliche Grundstimmung: existenzielle Angst.
- Suizidgedanken: bis hin zu akuter Suizidalitat, 10-15 % der Erkrankten sterben an Suizid.
- Wahnerleben: (relativ selten) mit folgenden Wahnthemen: Schuldwahn, Krankheitswahn,
Armutswahn, nihilistischer Wahn (Nichtigkeit- und Kleinheitswahn).
- Vitalsymptome: Mudigkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Druckgefuhle auf der Brust mit Schwierigkeiten beim Durchatmen, Libidoverlust.
- Schlafstorungen: Einschlafstorungen, Durchschlafstorungen, morgendliches Fruherwachen (haufiges und sehr spezifisches Symptom).
- Denkhemmung oder Grubelneigung: formale Denkstorungen, d. h., Storungen des Denkablaufs.
- Hals-, Nasen-, Ohrenbereich: das Gefuhl, einen Fremdkorper, Klofi im Hals zu haben, der Hals fuhlt sich wie verschnurt an, Druckgefuhl auf den Ohren, Ohrengerausche (ahnlich wie Tinnitus), Schmerzen in den Ohren, schlechteres Horvermogen (ohne korperlich nachweisbare Ursache).
- Kreislauf: Schwindelanfalle, das Gefuhl, ,,weiche Knie“ zu haben, ein erhohter Blutdruck ohne korperlich nachweisbare Ursache.
- Kopf- und Nackenbereich: diffuse Schmerzen oder Druck,Verspannungen im Schulter- oder Nackenbereich.
- Magen-Darm-Beschwerden: Ubelkeit, Brechreiz, Erbrechen, Blahungen, Sodbrennen, Magendruck, sehr haufig tritt Verstopfung auf, aber auch Durchfall ist moglich.
- Vegetatives Nervensystem: Hitzewallungen oder Kalteschauer, Zittern, Erroten, kalte Hande und Fufie, ubermafiige Temperaturempfindlichkeit (schnell zu kalt oder zu warm), Blutdruckschwankungen.
- Zahnbereich: haufige Zahnschmerzen ohne erkennbare Ursache, das Gefuhl, dass das Gebiss nicht richtig sitzt, nachtliches Zahneknirschen oder Zahnezusammenbeifien (vgl. Lieb/Frauenknecht/Brunnhuber: Intensivkurs PsychiatrieundPsychotherapie, S. 150-163).

Wie erlebt die Umwelt die depressive Menschen? Welchen Eindruck machen depressive Menschen auf die anderen?

- Depressive Menschen sprechen sehr haufig leise, monoton, langsam und klingen eintonig.
- Sie weisen wenig Mimik und Gestik auf, haben einen ernsten Gesichtsausdruck, wirken erstarrt oder verbissen.
- Der geminderte Antriebt zeigt sich in der Bewegung depressiver Menschen: kraftlos, schleppend oder unmotiviert.
- Die Korperhaltung ist nach vorn gebeugt, die Schultern hangen.
- Oft ziehen die Betroffenen den Kopf ein und sehenjammerlich aus.
- Depressive Menschen machen den Anschein, als ob sie sich uber nichts freuen konnen.

Stimmungen depressiver Menschen

- Depressive Menschen fuhlen sich bedruckt, traurig, verzweifelt.

- Sie haben einen anhaltenden Leidensdruck.
- Sie haben Minderwertigkeitskomplexe.
- Sie sind angstlich, verspuren Angst vor dem Leben.
- Sie sind hoffnungslos, haben das Gefuhl der Hilfslosigkeit.
- Sie haben ein starkes Gefiuhl, sich verkriechen zu wollen.
- Sie verspuren den Wunsch, nicht mehr aufzuwachen, finden alles sehr belastend und anstrengend.
- Sie haben negative Gedanken und Sichtweisen.
- Sie verspuren starke Schuldgefiuhle und Hemmungen, fiuhlen sich stark blockiert.
- Sie finden die eigene Existenz, das Leben sinn- und hoffnungslos.
- Sie haben sehr wenig Selbstvertrauen, das Selbstwertgefiuhl schwindet zunehmend.
- Sie leiden unter Interessenverlust, geben Hobbys und Aktivitaten auf.
- Sie verspuren oft innere Unruhe und Gefuhllosigkeit.

Die Symptome einer Depression sind allgemein sehr vielfialtig und von der Form der Depression abhangig. Nicht alle Symptome mussen gleichzeitig aufitreten, sie konnen zeitweilig da sein und dann wieder verschwinden. Eine Depression ist eine Erkrankung des gesamten Menschen. Sie ist zwar eine Krankheit der Psyche, kann aber auch deutliche korperliche Auswirkungen haben.

Die Formen

Die nachfiolgenden Depressionsfiormen unterscheiden sich sowohl nach den Ursachen wie auch nach Verlaufsformen.

Endogene Depression: Fur diese Form der Depression ist - im Gegensatz zu der ,,neurotischen Depression44 - charakteristisch, dass die Krankheit nicht durch aufiere Faktoren ausgelost wird, sondern praktisch „von innen heraus“ entsteht. Die genauen Ursachen fur die Entstehung der endogenen Depression sind nicht bekannt, man geht aber heute davon aus, dassjede Depression sich sowohl aufigrund biologischer als auch psychologischer Faktoren entwickelt. Die endogene Form der Depression ist ein schwere Form der Depression, sie muss von einem Facharzt fur Psychiatrie und nicht selten stationar und pharmakologisch behandelt werden.

Neurotische Depression: Die Bezeichnung orientiert sich an psychoanalytischen Konzepten und so ist die Depression als Folge eines verdrangten neurotischen Konfliktes zu sehen. Fur eine neurotische Depression lasst sich haufiig ein Ausloser in Form eines Ereignisses finden. Im Vergleich zu den endogenen Depressionen verlaufien die neurotischen Depressionen milder, es treten kaum Wahnsymptome und Suizidalitat auf.

Melancholie: Wird als Synonym fur schwere Formen der endogenen Depression verwendet.

Zyklthymie: Ist eine leichte Form der afifiektiven Erkrankung mit andauernder Instabilitat und leichten depressiven sowie manischen Phasen.

Dysthymie: Ist eine leichte, eher chronische als episodische Form der Depression, wurde firuher als „neurotische“ Form der Depression bezeichnet. Die Kriterien der depressiven Episode nach ICD-10 werden nicht erfiullt. Die von Dysthymie betrofifienen Patienten fiuhlen sich oft mude, schlafien schlecht, sind unzufirieden, bewaltigenjedoch ihr tagliches Leben.

Rapid-Cycling Depression: Bedeutet ubersetzt „schnell wechselnd44. Damit wird eine Form der depressiven Erkrankung bezeichnet, die mit mehr als vier manischen und/oder depressiven Phasen pro Jahr einhergeht.

Lavierte Depression: Bei dieser Form der Depression uberwiegen und uberdecken korperliche Symptome zum Teil die Depression. Man konnte sagen, dass die Krankheit sich getarnt hat und als solche

(Depression) schwer zu erkennen ist. Im Vordergrund stehen Symptome wie

- Kopfschmerzen,
- Ruckenschmerzen,
- Verstopfung,
- Unterleibsschmerzen.

Die Diagnose der Depression ergibt sich durch aktives Nachfragen, depressive Symptomatik soil explizit erfragt werden. Besonders wichtig sind sogenannte Zirkadianebesonderheiten (Tagesschwankungen) und die fast nie fehlenden Schlafstorungen.

Wochenbettdepression: Depressive Symptome entwickeln sich nach Geburt des Kindes. Die Mutter hat das Gefuhl, dass sie der Versorgung des Kindes und damit zusammenhangenden Aufgaben nicht gewachsen ist.

Erschopfungsdepression: entsteht nach langjahriger seelischer Dauerbelastung.

Spatdepression: Entwickelt sich nach dem 45. Lebensjahr.

Gehemmte Depression: Aktivitat und korperliche Bewegung sind bei dieser Form der Depression stark vermindert. Im Extremfall kann sich Stupor (Erstarrung) entwickeln.

Agierte Depression: Wird umgangssprachlich „Jammerdepression“ genannt. Die betroffenen Personen sind korperlich extrem unruhig, angstlich und klagend. Bei dieser Form besteht ein sehr hohes Suizidrisiko!

Depression als Nebenwirkung von Medikamenten: Einige Medikamente wie

- Medikamente fur Herz- und Kreislauferkrankungen,
- Blutdruck senkende Medikamente,
- die Pille,
- manche Antibiotika

konnen Depressionen verursachen. In diesem Fall bildet sich eine Depressionjedoch nach dem Absetzen des Medikaments nach einigen Tagen oder Wochen zuruck (vgl. Lieb/Frauenknecht/Brunnhuber: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie, S. 150-169 und Koeslin: Psychiatrie und Psychotherapie fur Heilpraktiker, S. 91-101).

Depression bei Frauen/Depression in den Wechseljahren: Als Wechseljahre bezeichnet man den Zeitraum, in dem durch Hormonveranderungen die Frau nach und nach ihre Fruchtbarkeit verliert.

Diese Phase beginnt nach dem 40. Lebensjahr oder spater. Circa 30-40 % der Frauen in den Wechseljahren leiden an mehr oder weniger starken Depressionen mit nachfolgender Symptomatik:

- Reizbarkeit,
- Stimmungsschwankungen,
- Hoffnungslosigkeit,
- Schlafstorungen,
- verminderte Leistungsfahigkeit,
- vermindertes Gedachtnis.

Die genaue Ursachen einer Depression in den Wechseljahren sind bisjetzt noch nicht bekannt. Auch hier geht man davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenkommen mussen, um eine Depression auszulosen. Die hormonellen Faktoren spielen eine grofie Rolle, nicht zu vergessen ist aber auch, dass in dieser Phase des Lebens Frauen oft einige Verluste erleben und verarbeiten mussen. Dazu gehoren

- der Auszug der Kinder aus dem Haus,
- Verlust alterer Verwandter,
- Arbeitsplatzverlust,
- Verlust der Fruchtbarkeit.

Interessanterweise ist Letzteres auch bei Frauen, die keinen Kinderwunsch mehr haben, ein schwerwiegender Faktor. Ein anderer wichtiger Punkt ist das Nachlassen der eigenen Energie: Die Sachen, die einem bisjetzt ganz leicht fielen, benotigen plotzlich viel mehr Aufmerksamkeit und Energieaufwand. In dieser Lebensphase beginnen viele Frauen, generell uber das Leben bzw. den Lebensabend nachzudenken.

Depression bei Mannern: Frauen leiden haufiger an Depressionen als Manner. Aber auch wenn Manner weniger oft betroffen sind, werden sie allgemein fur das starker gefahrdete Geschlecht gehalten. In den letzten Jahren stand das Thema „Depression“ in der Offentlichkeit deutlich mehr in Verbindung mit Frauen. Neueste Untersuchungen zeigenjedoch, dass wesentlich mehr Manner an Depression erkranken als bisher gedacht. Obwohl die Erkrankung bei alteren Mannern am gefahrlichsten ist, stellt man in der letzten Zeit immer mehr Erkrankungen beijungen Mannern fest. Dennoch sind wie schon erwahnt altere Manner deutlich mehr gefahrdet, insbesondere allein lebende und kranke. Die Manner begehen wesentlich haufiger Selbstmord, wenn sie an einer Depression leiden. Auch wenn Manner dies nicht zugeben wollen, belasten sie Faktoren wie Verluste, Trennung, Arbeitslosigkeit genauso wie dies bei Frauen der Fall ist. Allerdings zeigen die Studien, dass es bei Mannern eine gewisse Schwelle zu geben scheint, ab der eine Depression entstehen kann. Mit anderen Worten gesagt mussen bei Mannern einige Faktoren zusammenkommen, damit es zum Ausbruch einer Depression kommen kann. Dann bekommen aber die Betroffenen schnell das Gefuhl, dass alles ausweglos und das Leben sinnlos ist.

Auch die Ursachen der Depression bei Mannern unterscheiden sich von den Ursachen bei Frauen:

- Sucht,
- korperliche Probleme,
- soziale Probleme

werden bei Manner als Ausloser haufig benannt.

Manner erleben die Depression anders als Frauen. Frauen haben eine Tendenz, aus Stress Depressionen zu entwickeln, Manner entwickeln haufig erst eine andere Erkrankung, wie zum Beispiel:

- Bluthochdruck,
- Herz-Kreislauferkrankungen,
- Erkrankungen der Herzgefafie.

Man geht davon aus, dass es wesentlich mehr Depressionen bei Mannern gibt, als es die offiziellen Zahlen zeigen (D.B.G.D. 2009, Dilling/Reimer: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie, 2006)

Depression bei Sucht: Oft findet man Depressionen bei abhangigen Menschen. Es ist sehr haufig nicht moglich zu ermitteln, ob die Depression oder die Sucht als Erstes da war. Viele Menschen, die unter Depressionen leiden, versuchen die damit verbundenen negativen Gefuhle wie Angst, Schuld, Traurigkeit, Unruhe mit Tabletten, Alkohol oder anderen suchtig machenden Substanzen zu „therapieren“. Es kommt auch vor, dass dies am Anfang sogar funktioniert. Allerdings tritt bald eine sogenannte Toleranzentwicklung auf, dass heifit, es werden immer grofiere Mengen dieser Stoffe benotigt, um den gewunschten Effekt zu erreichen. Die Dosis wird stets erhoht und so entwickelt sich eine Abhangigkeit. Auch andere Verlaufe sind moglich: Aus der Sucht kann sich eine Depression entwickeln. Wichtig ist, dass, um eine depressive Storung zu behandeln, es naturlich notig ist, das Suchtmittel komplett abzusetzen (D.B.G.D. 2009).

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Das Thema „Depression bei Kindem und Jugendlichen“ ist oft noch ein Tabuthema bzw. ist es mit Mythen und sehr vielen Fragen verbunden. Dabei zeigen die Untersuchungen, dass leichte depressive Verstimmungen bis hin zu schweren depressiven Storungen zu den haufigsten psychischen Erkrankungen gehoren, unter denen Kinder und Jugendliche leiden. Bisjetzt gibt es in der ICD-10 keine Kriterien fur Kinder und Jugendliche, es gelten formal also die Erwachsenenkriterien. Dabei kann sich die Depression bei Kindern und Jugendlichen sehr unterschiedlich manifestieren. Die Symptomatik ist abhangig vom Alter und der Entwicklung.

Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, steigt bei Jugendlichen gegenuber Kindern an:

- Bei Kindern im Vorschulalter liegt die Haufigkeit bei ca. 1 Prozent,
- im Grundschulalter sind weniger als 2 Prozent der Kinder betroffen.
- Aktuell leiden 3-10 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren unter einer Depression (D.B.G.D. 2009).

Depressive Symptomatik bei Kindern und Jugendlichen

Haufig zeigen sich die depressiven Symptome im Kindes- und Jugendalter nicht in einer melancholischen Grundstimmung mit Traurigkeit, Interessenlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Grubeln oder Antriebslosigkeit, sondern sind hinter korperlichen Symptomen, hinter krankhafter Unruhe oder Aggressionen verborgen.

Zudem kommt auch hinzu, dass viele Symptome der Depression schwer von den Bestandteilen normaler jugendlicher Entwicklung zu unterschieden sind. So sind Jugendliche oft

- zu Tode betrubt,
- gereizt,
- verschlossen,
- gelangweilt oder grublerisch,
- mit sich und der Welt unzufrieden.

Die Grenzen zwischen normaler Entwicklung und depressiver Symptomatik sind fliefiend - und darin besteht die Schwierigkeit einer eindeutigen Diagnose. Dies fuhrt haufig dazu, dass Depressionen im Jugendalter oft nicht oder erst sehr spat erkannt werden. Dabei ist es sehr wichtig, eine Depression bei Kindern und Jugendlichen fruh zu erkennen. Wenn Depressionen unerkannt bleiben, ist das Kind in der Entwicklung gestort und kann sein Potenzial nicht voll nutzen. Die Erkrankung als solche zu erkennen, ist also ein entscheidender Schritt bei der Bewaltigung der Depression. Dabei spielen die Eltern, Angehorige, Freunde und Lehrer sehr wichtige Rollen.

Aber an welchem Punkt wird aus normalem „auffalliges“ Verhalten? Wenn sich eine uberdauernde Stabilitat der altersbezogenen Symptomatik uber mehrere Wochen und Monate zeigt, ohne dass es zu einer Restabilisierung kommt, handelt es sich nicht mehr um „normale“ alterstypische Veranderungen oder eine nachvollziehbare vorubergehende Reaktion auf eine aufiere Belastung (z. B. Verlustsituation), sondern moglicherweise um eine Depression (vgl. Depression im Kinder- und Jugendalter, Ch. Neumann, H. Reicher 2009, D.B.G.D. 2009)

Zusatzlich zu den altersbezogenen Symptomen konnen Angehorige und Bekannte auf folgende Alarmzeichen achten:

- Ruckzug von Hobbys und alterstypischen Aktivitaten,
- extremer Leistungsabfall in der Schule,
- extreme Veranderungen in Verhalten und Aussehen,
- Weglaufen von Zuhause,
- Alkohol- und Drogenmissbrauch,
- Selbstisolierung von Familie und/oder Gleichaltrigen.

Es ist grundsatzlich wichtig, mit Kindern und Jugendlichen, die auffalliges Verhalten zeigen, ein Gesprach zu suchen und bei der Ablehnung eine weitere Gesprachsbereitschaft zu zeigen oder andere Personen zu suchen, die mit dem Kind sprechen konnten.

Depressive Symptomatik bei Kindern und Jugendlichen (nach Fux 2005, D.B.G.D. 2009, Petermann 2002):

Depressive Symptome bei Kleinkindern (1-3 Jahre)

- vermehrtes Weinen, wirken traurig,
- ausdrucksarmes Gesicht,
- erhohte Reizbarkeit, Irritabilitat,
- essen schlecht,
- Schlafstorungen (Ein- und Durchschlafstorungen oder ubergrofies Schlafbedurfnis),
- uberanhanglich, konnen schlecht alleine sein,
- selbststimulierendes Verhalten: Schaukeln des Korpers, exzessives Daumen lutschen, genitale Manipulation,

- Teilnahmslosigkeit, Spielunlust.

Depressive Kleinkinder zeigen zudem haufig eine Entwicklungsverzogerung. Sie lernen spater laufen und sprechen, entwickeln geringere grob- und feinmotorische Geschicklichkeit und auch kognitive Fahigkeiten konnen sich langsamer entwickeln.

Symptome im Vorschulalter

Depressive Symptome bei Kindern im Vorschulalter (3-6 Jahre)

- trauriger Gesichtsausdruck,
- verminderte Gestik und Mimik, psychomotorische Hemmung,
- leicht irritierbar, stimmungslabil, auffallig angstlich,
- mangelnde Fahigkeit, sich zu freuen,
- Teilnahmslosigkeit und Antriebslosigkeit, introvertiertes Verhalten,
- vermindertes Interesse an motorischen Aktivitaten,
- innere Unruhe und Gereiztheit zeigen sich in unzulanglichem/kontaktarmem, aber auch aggressivem Verhalten,

- Ess- und Schlafstorungen,
- erste Vorformen typisch „erwachsener“ Symptome: Aufierung der Annahme, dass keiner mit ihnen spielen wolle, keiner sie liebe und keiner Zeit fur sie habe.

Symptome beijungeren Schulkindern

Depressive Symptome bei jungeren Schulkindern (6 bis ca. 12 Jahre)

In diesem Alter treten die psychischen Symptome der Depression in den Vordergrund, die Kinder sind niedergeschlagen, resigniert und angstlich.

Zudem kann es zu

- verbalen Berichten uber Traurigkeit,
- Denkhemmungen wie Konzentrationsschwierigkeiten und Gedachtnisstorungen,
- Schulleistungsstorungen,
- Zukunftsangst, Angstlichkeit,
- unangemessenen Schuldgefuhlen und unangebrachter Selbstkritik,
- psychomotorischer Hemmung,
- Appetitlosigkeit,
- (Ein-)Schlafstorungen,
- suizidalen Gedanken

kommen.

Symptome im Pubertats- und Jugendalter

Depressive Symptome im Pubertats- und Jugendalter (13-18 Jahre)

Korperliche Symptome:

- psychosomatische Beschwerden (Kopfschmerzen), Gewichtsverlust,
- Ein- und Durchschlafstorungen (haufig auch ubermafiiges Schlafbedurfnis).

Im Vordergrund stehen die psychischen Symptome:

- vermindertes Selbstvertrauen (Selbstzweifel),
- Apathie, Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel,
- Stimmungsanfalligkeit,
- rhythmische Schwankungen des Befindens,
- Leistungsstorungen,
- Gefuhl, den sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, Gefahr der Isolation, des sozialen Ruckzugs,
- Anstieg der Suizidgedanken und -versuche.

Im Jugendalter verandert sich das Verhaltnis depressiverjunger Manner zujungen Frauen etwa zu 1:2.

Sollten die Eltern nach einem Gesprach den Eindruck bekommen, dass das Kind unter einer Depression leidet, sollten sie unverzuglich einen Arzt aufsuchen, denn die Diagnose kann und muss durch eine Fachperson erfolgen.

Der Arzt muss mogliche korperliche Ursachen fur die Symptomatik ausschliefien (z. B. Schilddrusenfunktionsstorung). Es ist wichtig, einen Facharzt fur Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzusuchen. Nur die erfahrenen Diagnostiker sind zusatzlich darin geschult, mit der bei Jugendlichen haufig beobachteten Verleugnungstendenz und moglicherweise grofien Schamgefuhlen hinsichtlich der depressiven Symptomatik umzugehen.

Bedeutung der Fruherkennung von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen:

Eine Depression fruh zu erkennen ist wichtig, um das akute Leid der Kinder und Jugendlichen zu lindern. Dazu kommen auch folgende Faktoren:

- Depressive Jugendliche erleben sich als unbeliebt und haben wenig Freunde.
- Gleichzeitig konnen krankheitsbedingte negative Auswirkungen auf die altersgemafie Weiterentwicklung (Zuruckfallen in fruhere Stufen der Entwicklung oder Fehlentwicklungen) verhindert werden.

Zudem haben depressive Kinder und Jugendliche ein erhohtes Risiko, auch als Erwachsene an einer Depression zu erkranken und in soziale und berufliche Anpassungsprobleme zu geraten.

Ursachen

Ahnlich wie bei Erwachsenen gibt es bei einer Depression eines Kindes/Jugendlichen psychosoziale und neurobiologische Aspekte, die bei der Krankheitsentstehung eine Rolle spielen.

Ursachen konnen

- fruhkindliche Erfahrungen sein, die sich auf die Personlichkeitsentwicklung auswirken,
- biologische /genetische Faktoren,
- Storungen des Hirnstoffwechsels oder der Stresshormone.

Auch bei Kindern und Jugendlichen gibt es Depressionen, die ohne erkennbare aufiere Ursache auftreten, aber auch depressive Episoden mit situativem Ausloser. Dies konnen

- kritische Lebensereignisse sein, z. B. der Tod eines Elternteils oder Geschwisterkindes,
- Missbrauch und Vernachlassigung durch ein Elternteil,
- die Scheidung der Eltern,
- altersspezifische Ereignisse aufierhalb der Familie: Verlust von Freunden, Liebeskummer, Misserfolge und Krankungen.

Die Erlebnisse konnen fur manche Jugendliche zum Ausloser einer depressiven Episode werden.

Aber nichtjedes Kind erkrankt in Verbindung mit diesen Erlebnissen. Es gibt bestimmte Schutzfaktoren, wie

- stabile familiare Beziehungen,
- ein guter Freundeskreis,
- Personlichkeitsfaktoren wie Selbstvertrauen, Konfliktfahigkeit und Optimismus. (D.B.G.D. 2009)

Bei Kindern und Jugendlichen ist genau wie bei Erwachsenen zu beachten, dass es sich hier um eine Erkrankung, nicht um ein personliches Versagen handelt. Die von Depressionen betroffenen Kinder sind krank und brauchen Hilfe - sie sind nicht aggressiv, faul oder schlecht erzogen.

Sie wollen auch nicht so sein, wie sie sind. Man sollte auch nicht an den eigenen elterlichen Fahigkeiten zweifeln, sondern man muss Hilfe in Anspruch nehmen.

Grundsatzlich ist die erste Anlaufstelle fur Eltern meist der Kinder- oder Hausarzt, der das Kind und die Familie schon langer kennt und Veranderungen einordnen kann. Der Kinder- oder Hausarzt wird das Kind ggf. zum Spezialisten weiterleiten.

Das konnten ein Kinderpsychiater und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut sein sowie Erziehungs- und Familienberatungsstellen, die fur die Behandlung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen besonders qualifiziert sind.

Wichtig ist es, dass Eltern kranker Kinder immer in die Behandlung miteinbezogen werden.

Die Behandlung einer Depression kann folgende Interventionen umfassen:

- Alters- bzw. entwicklungsadaquate Aufklarung des Kindes/Jugendlichen sowie der Eltern uber die Depression,
- Interventionen in der Familie (ggf. einschliefilich Familientherapie) zur Verminderung der Symptomatik, Beziehungsklarung,
- Aufklarung und Beratung des/der Klassenleiters/Klassenleiterin bzw. des/der Erziehers/Erzieherin und ggf. Intervention in der Schule,
- sowohl in ambulanter Behandlung als auch in Kliniken gibt es psychotherapeutische Behandlungsmoglichkeiten,
- auch bei Kindern und Jugendlichen kann abhangig vom Schweregrad der Depression eine Behandlung mit Medikamenten sinnvoll und notwendig sein. Die Behandlung muss unbedingt von einem kinderpsychiatrisch erfahrenen Kinderarzt vorgenommen werden.

(nach Fux 2005, D.B.G.D. 2009, Petermann 2002, Neumann, Reicher 2009):

Stationare Behandlung depressiver Kinder und Jugendlicher:

Viele Kinder und Jugendliche konnen bei Depressionen ambulant behandelt werden.

Bei folgenden Merkmalen sollte allerdings ein stationarer Aufenthalt in Betracht gezogen werden:

- nach einem Selbsttotungssversuch oder bei akuter Suizidgefahr,
- bei Bedarf einer kontrollierten medikamentosen Behandlung,
- bei selbstschadigenden Tendenzen,
- bei mangelnden Ressourcen in der Familie bzw. in der Schule oder besonders ungunstigen psychosozialen Bedingungen,
- bei besonders schwer ausgepragten komorbiden Storungen,
- bei unzureichendem ambulanten Therapieeffekt.

Suizide bei Kindern und Jugendlichen

Depression und Suizidalitat sind Phanomene, die oft zusammen auftreten. Wahrend Suizide im Kindesalter eher selten sind, nimmt ab dem Alter von 15 Jahren die Suizidrate kontinuierlich zu. Die Selbsttotung gehort zu den haufigsten Todesursachen im Jugendalter. Insgesamt besteht bei Depression ein 7- bis 20-fach erhohtes Risiko eines Suizides und ein 12- bis 15-fach erhohtes Risiko eines Suizidversuches (nach Fux 2005, D.B.G.D. 2009).

Jungen haben im Vergleich zu Madchen ein dreimal so hohes Suizidrisiko. Ein erhohtes Risiko besteht auch dann, wenn Suizide oder Suizidversuche in der Familie oder im Freundeskreis bereits vorgekommen sind (Modellcharakter) und bei Jugendlichen, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben.

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Details

Seiten
70
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656006732
ISBN (Buch)
9783656007234
Dateigröße
817 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178592
Note
Schlagworte
depressionen-berater Beratung Therapie

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Titel: Ausbildung zum Depressions-Berater