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Die Krise der Städte und ethnisch-kulturelle Ausgrenzung

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problembereiche in deutschen Städten

2. Ländervergleich am Beispiel marginalisierter Wohnviertel
2.1 Türkische Einwanderer in Wilhelmsburg, Hamburg
2.1.1 Leben mit der Prekarität
2.1.2 Ausländerfeindlichkeit in öffentlichen Institutionen
2.1.3 Versuch der Hyperintegration
2.1.4 Flucht in den Islam
2.2 Jugendliche Außenseiter der Gesellschaft in La Courneuve, Paris
2.2.1 Territoriale Stigmatisierung- Folgen der Desintegration
2.2.2 Jugenddelinquenz
2.2.3 Institutionalisierte Illusion oder organisatorische Dichte?
2.3.4 Ethisch-kulturelle Konflikte oder heterogenes Miteinander?
2.3 Rassentrennung in der South-Side, Chicago
2.3.1 Diffamierung des Ghettos
2.3.2 Öffentliche Gewalt
2.3.3 Rückgang der öffentlichen Hand

3. Gemeinsamkeiten der Exklusion - die Verantwortung trägt die Regierung

Literaturverzeichnis

1. Problembereiche in deutschen Städten

In Deutschland nimmt die Angst der möglichen ‚Ghettoisierung‘ gewisser Stadtteile oder ganzer Städte rapide zu. Zwar kann die Bundesrepublik, oder andere westeuropäische Länder, nicht an- satzweise mit den wirklichen Ghettos in den USA verglichen werden, jedoch wird auch hier die Problematik mit der Zeit gravierender. Man kann inzwischen in zwei Problemgebiete aufgliedern: einerseits konzentrieren sich soziale Probleme in bestimmten Stadtvierteln und verstärken sich somit, andererseits geht die Bevölkerungszahl in vielen Städten extrem zurück. Beide Problembe- reiche begründen sich „mit dem ökonomischen Wandel“ (Häußermann, H. (2005): Umbauen und Integrieren - Stadtpolitik heute. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 3/2005, S.3), welcher sich seit mehr als über 20 Jahren vollzieht. Das Problem sind die Städte, welche durch die Industrie einen wahren Aufschwung erlebten, jetzt jedoch den Rückgang der industriellen Fertigung nicht mit Arbeitsmöglichkeiten, in anderen Sektoren, ausgleichen können. „Hohe Arbeitslosigkeit, stei- gende Sozialausgaben, abnehmende Kaufkraft und sinkende Steuereinnahmen führen dort zu ei- ner dramatischen Finanzkrise, die diesen Städten jeglichen Handlungsspielraun genommen hat.“ (ebd.) Die Zukunftsprognose für die betroffenen Städte ist düster. Gerade die neuen Bundesländer sind besonders betroffen, da dort so gut wie keine qualifizierte Arbeit zu bekommen ist, wandern die jungen Leute in Maßen ab. Das große Problem hierbei ist, dass die Abwanderung nicht durch Zuwanderung von Immigranten kompensiert wird, wie es in westlichen Städten der Fall ist - somit wird die Durchschnittsbevölkerung immer älter. „Wohnungen stehen leer, und die Infrastruktur muss an eine kleinere, ältere Bewohnerschaft angepasst werden. Das kostet viel Geld, so dass für längere Zeit hohe Kosten von weniger Einwohnern getragen werden müssen.“ (ebd.)

Ob in ganzen Städten oder vereinzelten marginalisierten Stadtvierteln - die Probleme im sozialen Bereich wachsen stetig und überall. Im Folgenden werde ich nun drei typische ‚benachteiligte‘ Stadtquartiere genauer beleuchten, die landesspezifischen Probleme hervorheben und schließlich die Gemeinsamkeiten der Exklusion aufführen. Meine Beispiele sind Wilhelmsburg in Hamburg und seine türkischen Einwanderer, La Courneuve in Paris und die gesellschaftliche Randposition der Jugendlichen und als Drittes: South Side in Chicago und das Prinzip der strikten Rassentren- nung in Ghettos.

2. Ländervergleich am Beispiel marginalisierter Wohnviertel

2.1 türkische Einwanderer in Wilhelmsburg, Hamburg

Nicht erst durch aktuelle Debatten mit und über Thilo Sarrazin sind türkische Immigranten, oder auch allgemein alle Gastarbeiter, ein schwieriges Thema in Deutschland. Integration wird von bei- den Seiten, Türken und Deutschen (auch mit diesem Wortlaut wieder eine klare Trennung zwi- schen beiden Gruppen), beleuchtet. Der Göttinger Professor Tibi, zum Beispiel, gilt als anerkannter Islam-Experte: ist in der Türkei geboren, hat habilitiert, lehrt an einer deutschen Universität und schreibt Bücher. Selbst diese, dem ersten Anschein nach, völlig integrierte Existenz droht dem Scheitern. Professor Tibi empfindet sich als „Gastarbeiter niedrigster Stufe“ (Pohlmann, S. (2006): Muslime in Deutschland. Gastarbeiter niedrigster Stufe. Spiegel Online. Stand 26.01.2011). 30 Jah- re Berufserfahrung können ihn nicht mehr davon abstimmen, aus Deutschland wegzuziehen, da er es in dieser langen Zeit nicht geschafft hat, sich heimisch zu fühlen. Laut Angaben des Professors wurden ihn aufgrund seiner Herkunft von Anfang an Steine in den Weg gelegt.

„Tibi verkündet seinen Wechsel zu einem brisanten Zeitpunkt. Denn während er sich als Opfer der mangelnden Integrationsfähigkeit Deutschlands personifiziert, wird zeitgleich in Berlin die erste ‚Deutschen Islam-Konferenz‘ vorbereitet. Sie soll ein wichtiger Schritt in Sachen Integrationspolitik sein. Denn die 3,2 Millionen Muslime in Deutschland sind nicht einheitlich organisiert.“ (ebd.)

Warum findet ein Zuwanderungsland wie Deutschland keine Möglichkeit das Thema Integration für alle Seiten akzeptabel zu gestalten? Welche Gründe tragen zu der Kluft zwischen ‚Einheimischen‘ und Immigranten bei? Anhand des Beispiels Wilhelmsburg, einem Stadtteil Hamburgs, versuche ich nun einigen Fragen auf den Grund zu gehen.

2.1.1 Leben mit der Prekarität

Marginalisierung und Prekarität bilden oft einen Kreislauf, dem nur schwer zu entkommen ist. Durch leicht lösbare Beschäftigungsverhältnisse, niedriges Einkommen und Unsicherheit liegt es auf der Hand, sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu fühlen - eigentlich nicht mehr ganz Teil der Gesellschaft zu sein. Zur Exklusion tragen objektive Kriterien, wie „Arbeitslosigkeit, Sozial- hilfeabhängigkeit, Wegfall von Sozialleistungen, institutionelle und politische Diskriminierung et cetera“ (Tietze, N. (2006): Ausgrenzung als Erfahrung. Islamisierung des Selbst als Sinnkonstruktion in der Prekarität. In: Bude/ Willisch (Hrsg.): Das Problem der Exklusion. Hamburg, S. 3) bei. Aber auch, dass aus Erfahrung entstandene Gefühl nicht dazu zu gehören, verstärkt diesen Prozess enorm. Das Schwierige daran ist, dass die Gesellschaft in ein ‚Drinnen‘ und ‚Draußen‘ zerfällt, was sich nicht mehr vereinbaren lässt. (Vgl. ebd.: 147) Nicht nur gesellschaftlich betrachtet, sondern auch persönlich, gibt es viele kulturelle Unterschiede. Innerhalb der türkischen Familien gibt es oftmals konträre Positionen: „die Sozialisation in einer aus der Türkei eingewanderten Familie und andererseits der unerfüllte Wunsch nach sozioökonomischer Autonomie“ (ebd.: 148).

Viele türkische Bewohner in Wilhelmsburg leben in prekären Arbeitsverhältnissen oder sind ar- beitslos. Meist ist es eine Art sozialer Zwang, Teil eines Unternehmens der Familie zu sein. „Die Beschäftigung im Sektor des Ethnic Business [Hervorheb. Im Original], die eine gewisse Nähe zur Arbeitswelt aufrechterhält, ist in den Augen vieler junger Erwachsener der zweiten Generation türkischer Immigranten mit dem Gefühl sozialer Ausgrenzung verbunden.“ (ebd.: 150) Der Ein- druck, am Rande der deutschen Gesellschaft zu stehen, somit auch an deren Arbeitsmarktes und die Verpflichtung der Familie, bestätigen förmlich die erfahrene Exklusion der Einwanderer.

2.1.2 Ausländerfeindlichkeit in öffentlichen Institutionen

„Das Gefühl, Opfer von Ausländerfeindlichkeit am Arbeitsmarkt zu sein, verstärkt sich durch den Eindruck, mit sozialen Problemen seines Wohnortes, zu denen jeder Hamburger eine Distanz sucht, identifiziert zu werden“ (ebd.: 151). Die Stigmatisierung des Wohnviertels ist eine weitere Sprosse der Leiter zur Exklusion. Sollen sich die Immigranten ihrem Wohnort zugehörig fühlen, zeigen dass sie heimisch geworden sind? Oder müssen sie aus einer Art gesellschaftlichem Zwang heraus, das Viertel ebenfalls ablehnen und sich für ihre Herkunft schämen? Aus der Diskriminie- rung des Wohnortes, ergibt sich eine institutionelle Marginalisierung, die bereits in der Schule oftmals deutlich wird. Erfahrungen von ausländischen Jugendlichen bestätigen, dass von Grund auf eher wenig erwartet wird. Es wird bei einem türkischen jungen Mann leichtfertig angenom- men, er sei eh nur für eine Lehrstelle geeignet, das Gymnasium lohne sich bei ihm nicht wirklich. „Wird das Scheitern im schulischen System als Folge eines auferlegten Status erlebt, dann scheint jede Eigeninitiative sinnlos“ (ebd.: 154). Die ausweglose Situation deprimiert, demotiviert und baut einen Frust auf, der es fast unmöglich macht, diese Lage zu ändern.

Zur Stigmatisierung und Diskriminierung kommt die politische Ausgrenzung hinzu. Türkische Einwanderer, ohne deutsche Staatsbürgerschaft, sind in keiner Weise befugt am deutschen politischen Leben teilzunehmen.

„Wird der Antrag auf Einbürgerung abgelehnt, wird häufig der politische Ausschluss aus der Gesell- schaft zum Kern der Ausgrenzungserfahrung. Urbane und institutionelle Diskriminierung sowie die ungleiche Behandlung auf dem Arbeitsmarkt werden dann als Folge eines ungerechten, rassistischen politischen Systems erlebt.“ (Tietze, N. (2006): S. 155)

Anders als in anderen Ländern „bleibt in Deutschland mit dem ius sanguinis [Hervorheb. Im Origi- nal] gewissermaßen ein individualrechtlich fixiertes ‚deutsches Gruppenrecht‘ und damit die juris- tische Diskriminierung für Einwanderer erhalten, solange sie nicht eingebürgert sind“ (Loch, D. (1998): Soziale Ausgrenzung und Anerkennungskonflikte in Frankreich und Deutschland. In Heit- meyer u.a. (Hrsg.): Die Krise der Städte. Frankfurt/ Main, S. 292). Eine Art Schutzmechanismus macht, aufgrund der Ausweglosigkeit, politische Partizipation bei den meisten Jugendlichen völlig unwichtig. Es werden andere Möglichkeiten der Teilnahme an der deutschen Gesellschaft gesucht.

2.1.3 Versuch der Hyperintegration

Ein, in sich konträrer, Ausweg scheint die aktive Teilnahme an der Konsumwelt in Deutschland. Mode und Styling zeugen, von außen betrachtet, für die Integration der Jugendlichen. Die Stagna- tion auf politischer Ebene auf der einen Seite, das Profilieren der eigenen Person in Discos auf der anderen Seite. Meist scheint es wichtiger, in die Disco hineingekommen zu sein, als sich für die nächste Wahl auch nur ansatzweise zu interessieren; auf diesem Wege versuchen sich die jungen Menschen eine Art Selbstbestätigung zu holen. Leider findet sich auch in der Freizeit eine Spaltung zwischen Deutschen und Türken: viele Diskotheken verfolgen die Türpolitik: ‚keine Ausländer‘.

„Die Selbstinszenierung durch Mode und Freizeit verweist auf eine Hyperintegration in die Konsum- gesellschaft, die in einem scharfen Kontrast zu den subjektiven Beschreibungen eines Ausgegrenzt- Seins aus dem wirtschaftlichen, urbanen und politischen Leben der Bundesrepublik steht“ (Tietze, N. (2006): S. 157).

Wie oben schon angesprochen bildet die Kontroverse hierbei, dass die finanziellen Mittel bei den meisten nicht vorhanden sein können, um sich den gewünschten Lebensstil zu finanzieren. Diese kann man sich folglich nur aus legaler, aber eben auch illegaler Arbeit beschaffen. Hierbei entsteht das Problem der sozialen Ausgrenzung, da viele Beziehungen durch das ‚Rumhängen‘ auf öffentlichen Plätzen aufrechterhalten werden - was nicht mehr möglich ist, wenn man einer geregelten Arbeit nachgeht. „Der Bezugspunkt ihrer Vorstellung von Teilhabe an der Gesellschaft ist im Kern das Leben eines Erwachsenen mit eigener Wohnung und eigenem Einkommen, das einen selbstbestimmten Konsum ermöglicht.“ (Tietze, N. (2006): S. 159)

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Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656007593
ISBN (Buch)
9783656007814
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178588
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,3
Schlagworte
krise städte ausgrenzung

Autor

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