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Ouologuem - Problematik Ethnologischer Wissensproduktion am Beispiel der Shrobénius-Episode

Hausarbeit 2010 14 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzepte
2.1 Eurozentrismus
2.2 Exotismus

3. Paideuma - Kulturgeschichte

4. Leo Frobenius
4.1 Afrikareisen
4.2 Fabeln, Mythen und Legenden

5. Die Shrobénius-Episode
5.1 Geschichtsverfälschung
5.2 Romantisierung afrikanischer Kultur
5.3 Fabeln, Mythen und Legenden im Roman
5.4 Kontrast zwischen idyllisch und brutal dargestelltem Afrika

6. Schlussfolgerung

7. Bibliographie

1. Einleitung

Historiensaga oder schlicht und einfach nur ein preisgekrönter Roman? Ist es tatsächlich von vorne bis hinten als Plagiat zu lesen? Wie ist das Werk „Le devoir de violence“ von Yambo Ouologuem zu verstehen? Es handelt sich um ein kontrovers diskutiertes Werk, welches zeitweise in Frankreich nach einem Gerichtsverfahren sogar verboten wurde. Der Autor hat sich inzwischen nach Mali zurückgezogen und gibt weder Interviews noch schreibt er weiter auf Französisch. In der folgenden Arbeit sollen verschiedene Konzepte und Anschauungen, die für ein tiefergehendes Verständnis und für eine aktuellere Rezeption der (Kolonial-)Geschichte wie der europäisch geprägte Blickwinkel des Eurozentrismus und der Exotismus erläutert werden. Als Orientierungshilfe kann hierbei das Kapitel „Orientalism“ von Edward W. Said dienen, der sich mit einem ähnlichen Phänomen bezogen auf „den Orient“ beschäftigte.1 Um auf die Frage der Wissensproduktion, insbesondere der ethnologischen Wissensproduktion, näher einzugehen, wird ein Auszug aus „Le devoir de violence“ näher bearbeitet werden, in dem ein deutscher Ethnologe namens Shrobénius mitsamt seiner Familie nach Afrika reist um dort zu forschen. Die Parallele zum tatsächlich existierenden Ethnologen Frobenius ist nicht nur aufgrund des ähnlich klingenden Namens offensichtlich, weshalb auch sie näher herausgearbeitet werden soll. Da die Episode mit dem deutschen Forscher auch sonst aus dem restlichen Roman inhaltlich, sowie wegen der darstellerischen Mittel hervorsticht, verdient sie besondere Aufmerksamkeit.

Grundlegende Begrifflichkeiten, die zum Verständnis und einer differenzierten Betrachtungsweise der dargelegten Inhalte nötig sind, sollen zu Beginn der vorliegenden Arbeit erläutert werden. Soweit möglich, soll versucht werden, jeweils einen Bezug zu Frobenius und seiner ethnologischen Forschung herzustellen, was zum Teil wiederum mit seiner Karikatur Shrobénius im bearbeiteten Roman und mit Kritik an teilweise noch heute vorherrschendem Kolonialdenken in Verbindung gebracht werden kann.

2. Konzepte

2.1 Eurozentrismus

„Die Vorstellung vom ‚barbarischen Neger’ ist eine Schöpfung Europas, die Europa noch bis in den Anfang dieses Jahrhunderts beherrscht hat (Frobenius, 1954: 14).

Bilder einer fremden Kultur oder Nationalität entstehen immer über individuelle Wahrnehmungen, die, gesteuert durch Erfahrungen mit der eigenen Kultur, zwangsläufig durch spezielle Wahrnehmungs-, Wertungs-, und Verhaltensmustern eingefärbt sind (vgl. Gewecke, 1986: 285f). Im eben genannten Zitat von Leo Frobenius wird diese Fehleinschätzung fremder Kulturen erkannt und mit der eigenen Identität erklärt. Scheinbare Erkenntnisse der Besonderheiten anderer Kulturen werden zunächst vom Eigenbild geprägt wahrgenommen und dann über die positive bzw. negative Belegung, oftmals auch über Stereotypen als Wahrheit angenommen, als Wissen gefestigt und verbreitet. Die dabei angenommenen Merkmale der eigenen Kultur werden in der Regel als höher (höher in Bezug auf ihren Wert/ihre Wertigkeit) eingestuft als die der Fremdkultur. Der Eurozentrismus ist als besondere Form des Ethnozentrismus zu betrachten, in dem außereuropäische Kulturkreise vor dem Hintergrund der europäischen Wertvorstellungen und Erwartungen bewertet werden. Gemeinhin wird hierbei Europa als kulturelles Zentrum betrachtet, welches als Maßstab für andere Kulturformen oder Entwicklungsniveaus in Bezug auf Kunst, Technik, Bildung etc. zu sehen sei. Diese einseitige Sichtweise bezieht sich sowohl auf koloniale als auch post-koloniale Zusammenhänge. Wer heute beispielsweise unter www.wissen.de (einem Online-Wissensportal) nach dem Begriff „Europa“ sucht, findet immer noch verdächtig nach Eurozentrismus klingende Erläuterungen: „Europa - Europa ist mit rund 10 Mio. km2 zwar der zweitkleinste Erdteil, war jedoch jahrhundertelang der wirtschaftliche und kulturelle Mittelpunkt der Welt.“ (http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/reisen/europa/index,page=109547 8.html, 16.07.2010).

Auch in Frobenius’ „Kulturgeschichte Afrikas“ finden sich einleitend eurozentristisch eingefärbte Bewertungen des afrikanischen Kontinents, die, wie er feststellt, nie in Frage gestellt wurden. Es wurde beispielsweise die Frage gestellt, was dieser Erdteil der Menschheit je gegeben habe, und es wird beschrieben dass sich bestimmte afrikanische Länder gegenüber der Kultur einem aufsaugenden und austrocknenden Schwamm gleich verhalten würden. Kunstgegenstände wie beispielsweise Schnitzereien von Figuren, Tieren oder Masken werden schlicht und abwertend als Fetisch oder Teufelskunst abgetan. Frobenius betont die zu seiner Zeit vorherrschende negative, abwertende und überlegene Bewertung Afrikas. An einem Beispiel bringt Frobenius den Eurozentrismus auf den Punkt: Er nennt den aus dem Portugiesischen stammenden Begriff Fetisch (von portugiesisch feticeiro) und die dazugehörige Anschauung „eine europäische Fabrikmarke“. Weder den Begriff noch eben dieses Verständnis von Fetischkult oder Ähnlichem habe er selbst jemals bei seinen Reisen in Afrika unter den Einheimischen vorgefunden (vgl. Frobenius, 1954: 11 ff).

2.2 Exotismus

Der Exotismus ist eine bestimmte Form der eurozentristisch geprägten Sichtweise der Welt, die vorwiegend oder ausschließlich die ‚exotischen’ bzw. die positiv bewerteten Aspekte und Stereotypen beachtet. Ein Beispiel hierfür ist etwa der als „edler Wilder“ betrachtete Bewohner anderer Länder.

3. Paideuma - Kulturgeschichte

In der Erforschung der unterschiedlichen Kulturformen, die alle für sich als eigenes Lebewesen zu betrachten sind, unternahm Leo Frobenius ab dem Jahr 1904 mehrere Reisen auf den afrikanischen Kontinent. In diesem Zusammenhang entwickelte er seine bekannte „Kulturkreislehre“, in der er Kultur als „Paideuma (Kulturseele) interpretiert. Kultur ist demnach als eigenständiger Organismus aufzufassen, in dem jede Kulturform in einem eingegrenzten geographischen Raum besteht und wirkt. Somit unterliegen Kulturformen laut Frobenius jeweils eigenen Wachstumsprozessen, die wiederum denen der Menschen entsprechen (vgl. Frobenius, 1925: 40).

Eine Problematik, die mit Frobenius’ Karikatur, der Figur des Shrobénius, in „Le devoir de violence“ ebenfalls überspitzt dargestellt wird, ist die Subjektivität, mit der diese Art von Kulturuntersuchungen vonstatten geht (mehr hierzu in Kapitel 6). Frobenius erkannte diesen Sachverhalt und zitiert hierfür den deutschen Ethnologen und Historiker Heinrich Schurtz: „Man könnte an allem wahren Wert der Arbeiten auf diesem Gebiet verzweifeln. Überall mischt sich das launenhafte Subjektive in die gesetzliche Entwicklung ein. Alles schwankt schillernd in tausend Farben.“ (Frobenius, 1925: 41).

Eine ganz andere Problematik ergibt sich durch die unterschiedliche Verwendung von Begriffen bzw. in verschiedenen Zusammenhängen. Frobenius schreibt, dass die Kulturkreislehre von 1897 ein Fortschritt sei, und zwar durch die Tatsache, dass sie „die Kultur als Subjekt dem Menschen als Objekt gegenüberstellte“ (Frobenius, 1925: 42). Wann ist der Mensch als Subjekt und wann als Objekt zu betrachten? Die afrikanische Bevölkerung wird von europäischen und damit eurozentrisch geprägten Ethnologen direkt als Objekt behandelt, denn sie wird von außen betrachtet und aus dieser Perspektive beschrieben, ebenso wie ihr Charakter, ihre Kultur, ihre Geschichte, ihre Sitten und Bräuche. Grada Kilomba betont bereits in der Einleitung zu ihrem Werk „Plantation Memories“, dass schon das Schreiben selbst eine wesentliche Bedeutung für die Wahrnehmung als Subjekt hat und liefert damit auch ein Stück weit eine Begründung für ihr eigenes Bedürfnis über das von ihr behandelte Thema, Rassismus, zu schreiben.

„The idea that one has to write, almost as a virtual moral obligation, embodies the belief that history can “be interrupted, appropriatet, and transformed through artistic an literary practice” (hooks 1990:152). Writing this book has indeed been a way of transforming because here, I am not the ‘Other’, but the self, not the object, but the subject, I am the describer of my own history, and not the described. Writing therefore emerges as a political act.” (Kilomba, 2008: 12)

Wann beginnt also der Afrikaner selbst seine Geschichte, seine Literatur, seine Wünsche und Vorstellungen, etc. zu formulieren und niederzuschreiben? Wann wird er zum Subjekt und lässt nicht mehr zu, dass andere sein Bild bestimmen?

Auch Frobenius vertritt in seinen Werken die Ansicht, dass sich die afrikanischen Kulturformen nicht eigenständig entwickelt hätten, sondern auf die Einflüsse der asiatischozeanischen Kulturen zurückzuführen seien.

4. Leo Frobenius

Leo Frobenius war der wohl bekannteste deutsche Ethnologe zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er kam über seinen Großvater Heinrich Bodinus zur Ethnologie. Dieser war Leiter des Zoologischen Gartens in Berlin, in dem zur damaligen Zeit nicht nur Tiere, sondern auch Menschen und ihre Kultur ausgestellt wurden.2 Er versuchte ein übergreifendes und umfassendes System aufzustellen, welches die historische Entwicklung der Kulturen erklärt.

[...]


1 Said, Edward W. „Orientalism“ in: Ashcroft, Bill (Hrsg.) (2007). The Postcolonial Studies Reader, Routledge, New York.

2 Besonders bekannt sind in diesem Zusammenhang die zwischen 1870 und 1940 betriebenen „Völkerschauen“ in denen Menschen fremder Völker und Kulturen zur Schau gestellt wurden: z.B.auch in Hagenbecks Tierpark in Hamburg. Vgl. http://einestages.spiegel.de/static/entry/menschen_im_wildgehege/26275/isa_und_habr_auel.html?o=position -ASCENDING&s=0&r=24&a=3612&c=1 (letzter Zugriff am 10.07.2010).

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656007081
ISBN (Buch)
9783656007258
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178582
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Romanisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
ouologuem problematik ethnologischer wissensproduktion beispiel shrobénius-episode

Autor

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Titel: Ouologuem - Problematik  Ethnologischer Wissensproduktion am Beispiel der Shrobénius-Episode