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Die Schweiz in der Frühbronzezeit

Mit Zeichnungen von Friederike Hilscher-Ehlert

Fachbuch 2011 118 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Die Frühbronzezeit in der Schweiz
Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen

Die geheimnisvolle Totenstätte
Die Rhône-Kultur
von etwa 2200 bis 1600 v. Chr.

Rückkehr an die Seeufer
Die Arbon-Kultur
von etwa 1800 bis 1600 v. Chr.

Graubünden war kein Durchgangsland
Die Inneralpine Bronzezeit-Kultur in der Frühbronzezeit
von etwa 2300 bis 1600 v. Chr.

Anmerkungen

Literatur

Bildquellen

Die wissenschaftliche Graphikerin

Friederike Hilscher-Ehlert

Der Autor Ernst Probst

Bücher von Ernst Probst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der dänische Archäologe

Christian Jürgensen Thomsen (1788-1865) hat 1836 die Urgeschichte

nach dem jeweils am meisten verwendetem Rohstoff in drei Perioden eingeteilt:

Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit.

Vorwort

Rund 700 Jahre Urgeschichte von etwa 2300 bis 1600 v. Chr. passieren in dem Taschenbuch »Die Schweiz in der Frühbronzezeit« in Wort und Bild Revue. Es befasst sich mit den Kulturen und Gruppen, die in dieser Zeitspanne im Gebiet der heutigen Eidgenossenschaft existierten: Rhône-Kultur, Arbon-Kultur und Inner- alpine Bronzezeit-Kultur. Geschildert werden die Ana- tomie und Krankheiten der damaligen Ackerbauern, Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen, Klei- dung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge, Waffen, Haustiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel, ihre Kunstwerke und Religion.

Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch- land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit« (1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Die Schweiz in der Frühbronzezeit« ist Dr. Gretel Gallay, Dr. Albert Hafner und Dr. Jürg Rageth gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat unterstützt haben. Es enthält Le- bensbilder der wissenschaftlichen Graphikerin Frie- derike Hilscher-Ehlert aus Königswinter.

Die Frühbronzezeit in der Schweiz

Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen

Die Frühbronzezeit dauerte in der Schweiz etwa von 2300 bis 1600 v. Chr. Ihr erster Abschnitt, in dem noch weitgehend gehämmerte Metallobjekte hergestellt wurden, wird als ältere Frühbronzezeit bezeichnet. Der zweite Abschnitt dagegen, in dem man bereits massive Bronzeobjekte goss, heißt entwickelte Frühbronzezeit. In der Westschweiz existierte von zirka 2200 bis 1600 v. Chr. die Rhône-Kultur (s. S. 17). Ihre ältere Phase von ungefähr 2200 bis 1800 v. Chr. ist bisher nur durch Grabfunde im Unterwallis und in der Region des Thuner Sees im Berner Oberland belegt. Während der jüngeren Phase von etwa 1800 bis 1600 v. Chr. existierten die westschweizerische Aare-Rhône-Gruppe und die ostfranzösische Saône-Jura-Gruppe.1

Die Funde aus der Zeit zwischen etwa 1800 und 1600 v. Chr. im nordostschweizerischen Mittelland werden der Arbon-Kultur (s. S. 47) zugerechnet. Nach der Altersdatierung von Hölzern aus Seeufersiedlungen im nordostschweizerischen Mittelland zu schließen, sind diese Dörfer erst in der ausklingenden Frühbronzezeit errichtet und bewohnt worden.

Von den Relikten der Rhône-Kultur und der ArbonKultur unterscheiden sich die frühbronzezeitlichen Funde in weiten Teilen des Kantons Graubünden ganz deutlich. Deshalb spricht man dort von der Inneralpinen Bronzezeit-Kultur (s. S. 73). Diese Eigenständigkeit setzte sich auch in der Mittelbronzezeit und teilweise noch in der Spätbronzezeit fort.

Bisher sind aus der ganzen Schweiz etwa hundert frühbronzezeitliche Siedlungsplätze nachgewiesen. Gräber kennt man vor allem aus den Kantonen Wallis und Bern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

GEORG KRAFT,

geboren am 11. März 1894 in Bad Neuenahr, gestorben bei einem Bombenangriff

am 27. November 1944 in Freiburg/Breisgau. Er studierte in Tübingen

und promovierte 1922 in Freiburg/Breisgau. 1926 erfolgte seine Habilitation

in Freiburg/Breisgau,

wo er das Museum für Urgeschichte

der Universität betreute und ausbaute.

Ab 1926 war er staatlicher Denkmalpfleger für Südbaden.

Auf Kraft geht der Begriff Rhône-Kultur zurück.

Die geheimnisvolle Totenstätte

Die Rhône-Kultur

Der Zufall bescherte 1961 der Archäologie im Kanton Wallis eine Sternstunde: Damals stießen

Arbeiter beim Bau einer Wasserleitung in der Avenue du Petit Chasseur von Sitten (Sion) auf eine rätselhafte Totenstätte mit imposanten Großsteingräbern und verzierten Statuenmenhiren. Bei den Ausgrabungen, die von 1961 bis 1972 andauerten, stellte sich heraus, dass an dieser Stelle mehr als 1000 Jahre lang die Menschen verschiedener Kulturen ihre Toten zu Grabe getragen hatten.

Zu den prächtigsten Entdeckungen in dieser Totenstätte gehören die Hinterlassenschaften der jungsteinzeitlichen Glockenbecher-Kultur, die in manchen Gebieten Europas von etwa 2500 bis 2200 v. Chr. existierte. Diese Kultur verdankt den typischen glockenähnlichen Tongefäßen ihren Namen.

Von ebendiesen Glockenbecher-Leuten stammen die Menschen der frühbronzezeitlichen Rhône-Kultur ab, die von etwa 2200 bis 1600 v. Chr. in der Westschweiz und in Ostfrankreich angesiedelt war. In der Totenstätte von Sitten-Petit Chasseur folgen die Bestattungen dieser beiden Kulturen aus unterschiedlichen Zeitaltern der Urgeschichte, nämlich der Stein- und der Bronzezeit, unmittelbar aufeinander.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Verbreitung der Kulturen und Gruppen während der jüngeren Frühbronzezeit (etwa 1800 bis 1600 v. Chr.) in der Schweiz

Den Begriff »Rhône-Kultur« hat 1948 der am Schweizerischen Landesmuseum, Zürich, arbeitende Prähistoriker Emil Vogt (1906-1974) geprägt, ihn da- mals jedoch dem in Freiburg/Breisgau tätigen deut- schen Prähistoriker Georg Kraft (1894-1944) zuge- schrieben, der ursprünglich den Namen Walliser Kul- tur1 benutzte. Andere Prähistoriker dagegen sprachen von der Civilisation rhodanienne2 oder von der Alpi- nen Gruppe3.

Der damals in Freiburg/Breisgau wirkende Prähisto- riker Albert Hafner gelangte in den 1990-er Jahren nach Untersuchungen und dem Vergleich von Funden aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland zu neuen Erkenntnissen über die Rhône-Kultur. Er unterteilte sie 1995 in eine ältere Phase von etwa 2200 bis 1800 v. Chr. und in eine entwickelte Phase von ungefähr 1800 bis 1600 v. Chr.

Die ältere Rhône-Kultur ist aus der erwähnten Glockenbecher-Kultur entstanden. Als charakteristisch für erstere gilt eine einfache Metallurgie, die Experimentierphase genannt wird und meistens gehämmerte Objekte erzeugte. Bisher hat man die ältere RhôneKultur nur anhand von Grabfunden aus dem ThunerSee-Gebiet im Berner Oberland (Thun-Wiler, ThunRenzenbühl) und dem Wallis (Sitten-Petit Chasseur I) archäologisch nachweisen können.

Der in Bern geborene Prähistoriker Christian Strahm, der später an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/ Breisgau in Süddeutschland lehrte, hat 1995 nach den Funden aus der Thuner Gegend die Thuner Gruppe benannt. Letztere Gruppe der älteren Frühbronze- zeit betrachtet er als Übergangsform zur Rhône-Kultur. Aus der älteren Rhône-Kultur ging die entwickelte Rhône-Kultur hervor, für die eine komplexe Bronze- metallurgie und massive gegossene Bronzeobjekte typisch sind. Letztere Phase wurde 1995 von Albert Hafner in eine westschweizerische Aare-Rhône-Gruppe und in eine ostfranzösische Saône-Jura-Gruppe geteilt. Er definierte die Aare-Rhône-Gruppe durch einen einheitlichen Bestattungsritus sowie durch Keramik- und Bronzeinventare.

Die Aare-Rhône-Gruppe war in der Umgebung des unteren Thuner Sees im Berner Oberland, im westli- chen Mittelland zwischen Aare und Genfer See, im Chablais und im Unterwallis verbreitet. In den See- ufersiedlungen am Bieler See, Neuenburger See und Murtensee wurden die östlichsten Elemente der west- schweizerischen Frühbronzezeit gefunden.

Die ostfranzösische Saône-Jura-Gruppe war in Bur- gund und im französischen Jura heimisch. Dort gab es einen ähnlichen Keramikstil und gleiche Bronzeobjekte wie bei der westschweizerischen Aare-Rhône-Gruppe. Sowohl in Ostfrankreich als auch in der Westschweiz bettete man die Toten in gestreckter Rückenlage zur letzten Ruhe. In Ostfrankreich waren jedoch Grabhügel üblich, während in der Westschweiz Flachgräber angelegt wurden.

Vereinzelte besonders reich ausgestattete Gräber und das Aufkommen von Prestigeobjekten aus dem Bereich der in Tschechien, der Slowakei, in Mitteldeutschland und in Niederösterreich nördlich der Donau verbreiteten Aunjetitzer Kultur legen die Entstehung einer sozialen Oberschicht in der Aare-Rhône-Gruppe nahe. Deren Reichtum beruhte vermutlich auf der Kontrolle und Koordinierung der heimischen Erzlagerstätten und der Produktion von Metallobjekten.

Die Bestattung eines Kriegers in der Totenstätte von Sitten-Petit Chasseur I lieferte Anhaltspunkte für die damalige Kleidung, weil bronzene Schmuckstücke teilweise noch zusammen mit Textilresten geborgen werden konnten. Der Genfer Prähistoriker Alain Gal- lay hat die Trageweise der Garderobe, des Schmucks und der Waffen dieser Bestattung beschrieben. Er war einer der Ausgräber nach dem Tod des Lehrers und Prähistorikers Olivier-Jean Bocksberger (1925-1970) aus Sitten, der die Totenstätte als erster von 1961 bis 1969 untersucht hatte.

Der Krieger aus dem Grab 3 von Sitten-Petit Chasseur trug ein großes viereckiges Stoffgewand auf dem Leib. Es war unter die Achselhöhlen gewickelt und wurde von einem Lederriemen, der die beiden oberen Tuch- enden auf dem Rücken verband, zusammengehalten. Darüber lag ein Mantel, der über die Schultern gehängt wurde.

Zur Befestigung des Mantels auf dem Stoffgewand und als Schmuck dienten zwei Bronzenadeln mit aufgerolltem Kopf. Die beiden Nadeln steckten auf der linken und rechten Brustseite. Die linke Nadel wies mit dem Kopf nach oben und mit der Spitze nach unten, bei der rechten war es umgekehrt. Auf den

Zeichnung auf Seite 23:

Bestattung eines bewaffneten und geschmückten Kriegers

in der Totenstätte von Sitten-Petit Chasseur im Kanton Wallis. Er trägt einen nach oben spitz zulaufenden Hut, wie er durch einen gleichaltrigen Fund in Norditalien nachgewiesen ist.

Zeichnung von Friederike Hilscher-Ehlert, K ö nigswinter, für das Buch » Deutschland in der Bronzezeit « (1996) von Ernst Probst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rand des Mantels waren fünf Bronzeblechröhren genäht.

Um den Hals trug der tote Krieger drei Ketten mit Anhängern aus verschiedenen Materialien. An der ersten Kette hing eine kleine walzenförmige Perle aus Bernstein, an der zweiten ein durchbohrter Bärenzahn. An der dritten Kette prangten sechs mit Ringen verzierte Bronzeblechanhänger und drei Röllchen aus Bronze- draht zwischen den mittleren vier Anhängern.

Bewaffnet war der Krieger mit einem Randleistenbeil und zwei Dolchen aus Bronze. Die 24,6 Zentimeter lange, löffelförmige Klinge des Beils lag quer unter dem Kopf des Toten. Der hölzerne Schaft dieser Prunkwaffe ist vermodert. Er hatte vermutlich am Ende eine Gabelung, in der die Klinge befestigt wurde. Die beiden Bronzedolche befanden sich unter den Rippen des Mannes und zwar in einer solchen Höhe, dass sie nicht am Gürtel getragen worden sein können.

Auf einer Zeichnung des Künstlers Serge Aeschlimann, die 1986 in der Publikation »Das Wallis vor der Geschichte« veröffentlicht wurde, trägt der Krieger von Sitten-Petit Chasseur auch einen geflochtenen, nach oben spitz zulaufenden Hut. Zwar ist eine solche Kopfbedeckung im Grab 3 nicht archäologisch belegt, aber durch einen gleichaltrigen Fund in Norditalien nachgewiesen.

Weitere Hinweise auf die Kleidung jener Zeit liegen aus dem Grab 1 von Thun-Renzenbühl im Kanton Bern vor. Dort kamen ein 9,8 Zentimeter langer, bronzener Gürtelhaken und ein 16,6 Zentimeter langes Kopfband zum Vorschein. Bei letzterem handelte es sich um die metallene Versteifung beziehungsweise Zier einer Kopfhaube.

Siedlungen der älteren Rhône-Kultur konnten bisher weder in den inneralpinen Tälern noch im westlichen Mittelland ausfindig gemacht werden. Vermutlich be- fanden sich etliche der Gräber aus jener Phase in der Nachbarschaft von damaligen Dörfern. Die inneralpine Lage der Gräber kann vielleicht mit der Suche nach Kupfererz erklärt werden. Nächstgelegener zeitgleicher Fundpunkt war am westlichen Bodensee das Gräberfeld von Singen am Hohentwiel (Kreis Konstanz) in Süddeutschland.

Aus der Zeit der Aare-Rhône-Gruppe kennt man zahlreiche Siedlungen am Bieler See, Neuenburger See und Genfer See. Häufig verkörpern Keramikfragmente und Bronzeobjekte die einzigen Reste eines ehemaligen Dorfes, während Hausgrundrisse fehlen. Auch abseits der Seen wurden vereinzelte Siedlungsrelikte aus dem westlichen Mittelland und aus dem Unterwallis geborgen. Dagegen ist im Berner Oberland noch nichts dergleichen aufgetaucht.

Als berühmteste Seeufersiedlung der Aare-Rhône- Gruppe gilt die »Station les Roseaux« von Morges4 am Genfer See im Kanton Waadt. Sie wurde 1854 entdeckt, zunächst als »la Grande Cité« und Ende der 1850-er Jahre nach einem nahe gelegenen Schilffeld als »Station les Roseaux« bezeichnet. Der französische Prähistoriker Gabriel de Mortillet (1821-1898) aus Saint-Germain hat 1875 den ersten Abschnitt der Bronzezeit nach diesem

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tauchgrabung des Berner Geologen und Archäologen Karl Adolph von Morlot (1820 - 1867) am 24. August 1854

bei der Ufersiedlung von Morges am Genfer See auf einer von Morlot

erstellten kolorierten Bleistiftzeichnung.

Fundort »Epoque morgienne« genannt. Bei den dort geborgenen Siedlungsresten handelt es sich vor allem um Keramik und bronzene Beilklingen.

Das Ufer des Bieler Sees im Kanton Bern wurde in der ausgehenden Frühbronzezeit von Dörfern gesäumt. Nach Keramikresten und Bronzeerzeugnissen zu schließen, existierten frühbronzezeitliche Seeufer- siedlungen in der Gegend von Nidau, Sutz-Lattrigen, Mörigen, Täuffelen, Lüscherz und Vinelz. Auf der Sankt-Peters-Insel wurden eine tönerne Tasse und ein bronzener Dolch aus der Frühbronzezeit gefunden. Von ehemaligen Höhensiedlungen im Kanton Wallis zeugen Gruben, Steinplattenböden, Pfostenlöcher, Keramikreste und Gräber. Siedlungsgruben kamen auf dem Hügel Heidnischbühl am rechten Ufer der Rhône bei Raron5 zum Vorschein. Die beiden Steinplattenlagen von Sembrancher (Crettaz-Polet6 ) und Saint Léonard (Sur-le-Grand-Pré)7 dienten als Untergrund für die Bretterböden von Behausungen. Der Steinplattenbelag auf dem Hügel Crettaz-Polet von Sembrancher war etwa vier Meter breit, seine genaue Länge ist unbekannt. Des weiteren stieß man in Sembrancher auf Pfostenlöcher von Behausungen. In Saint Léonard wurden außer dem Steinplattenboden auch eine Feuerstelle aus Steinplatten und Reste von Flechtwerk entdeckt.

Keramikreste hat man auf dem Hügel von Lessus bei Saint Triphon und auf dem Crettaz-Polet von Sem- brancher geborgen. Zu Dauersiedlungen in Höhenlage dürften die Friedhöfe von Ayent-les Places und auf der Hochebene von Savièse gehört haben. Dass auch Höhlen zeitweise aufgesucht wurden, verraten Keramikreste in einer Grotte von Lalden im Kanton Wallis. Auf Ackerbau weisen Pflugspuren in frühbronzezeitlichen Schichten von Sitten-Petit Chasseur hin. Sie gelten aber aber nicht als die ältesten Pflugspuren der Schweiz, da solche bereits aus der Jungsteinzeit in den Kantonen Wallis (Heidnischbühl bei Raron) und Graubünden (Chur-Welschdörfli) bekannt sind.

Archäozoologische Untersuchungen in der Seeufersiedlung Morges (»Station les Roseaux«) und in mehreren großen Tongefäßen im Großsteingrab von SittenPetit Chasseur (Dolmen MXI) ergaben, dass in der Frühbronzezeit Schafe, Rinder und Schweine als Haustiere gehalten wurden. Die beliebtesten Haustiere in der Westschweiz waren damals meistens die Rinder, im Wallis dagegen die Schafe.

Nach Angaben des Genfer Archäozoologen Louis Chaix hatten die Schafe im Wallis eine Widerristhöhe von etwa 60 Zentimetern. Äußerlich ähnelten sie der 1960 ausgestorbenen Rasse des Disentis-Schafs aus dem Kanton Graubünden. Bis zur Frühbronzezeit trugen die Schafböcke starke und die Schafe zierliche Hörner, danach kamen erstmals Schafe ohne Hörner vor. Ab der Frühbronzezeit setzte die Nutzung der Schafwolle ein.

Die Rinder im Wallis erreichten laut Louis Chaix eine Widerristhöhe von etwa 1,25 Metern. Sie hatten einen kurzen und breiten Schädel und kleine Hörner. Die Knochen ihres Skeletts sind zierlich und die Glieder wenig entwickelt.

Auf Fischfang deuten bronzene Angelhaken von Lü- scherz-Fluhstation (Kanton Bern) hin. Der als An- hänger getragene Bärenzahn von Sitten-Petit Chasseur und ein Hirschknochen aus der Seeufersiedlung Morges (»Station les Roseaux«) sind Indizien für Jagdaktivitäten. Zum Formenschatz der Keramik gehören Knick- wandtassen, Kalottenschalen, Näpfe und leistenver- zierte Töpfe. Mit Ausnahme der rund- und spitzbö- digen Tassen haben alle anderen Gefäßformen flache Böden. Die eingetieften Verzierungen variieren von Rillen und Kerben über geritzte Dreiecke bis hin zu einfachen Punktstempeln. An plastischen Verzierungen schuf man verschiedene Knubbenformen, Grifflappen und Fingertupfenleisten.

In und neben Gräbern von Sitten-Petit Chasseur ka- men mehrere Töpfe zum Vorschein, die als Opferga- ben gedient haben. Der größte davon ist 52 Zentime- ter hoch, hat einen Mündungsdurchmesser von 30,9 Zentimetern, ist rundum mit elf quer verlaufenden Leisten verziert und in Höhe der viertobersten Leiste mit vier leicht nach unten geneigte Grifflappen verse- hen.

Kupferhaltiger Quarz von Saint Triphon im Wallis, der auf mehr als 1650 Grad erhitzt wurde, belegt den Abbau und die Verarbeitung von Erz. Außer im Wallis wurden vermutlich auch im Berner Oberland schon Kupfer- erzvorkommen ausgebeutet. Das zur Herstellung von Bronze nötige Zinn mußte wohl auf dem Tauschweg beschafft werden. Denkbar wären Importe aus der Toskana, Südengland (Cornwall, Devon), der Bretagne, Nordportugal, Spanien (Galizien), Mitteldeutschland, Tschechien oder Osteuropa.

Die Aare-Rhône-Gruppe pflegte offenbar enge Be- ziehungen zur Aunjetitzer Kultur, die in Tschechien, der Slowakei, in Mitteldeutschland sowie in Nieder- österreich nördlich der Donau verbreitet war und da- mals auf technologischem und wirtschaftlichem Gebiet eine Führungsposition innehatte. Die Aare-Rhône- Gruppe bezog von der Aunjetitzer Kultur vermutlich nicht nur Zinn, sondern übernahm auch deren Ideen und Techniken der Metallurgie und entwickelte diese weiter.

Aufgrund der Kontakte mit der Aunjetitzer Formen- welt könnte - so vermutet Albert Hafner - ein lokales bronzemetallurgisches Zentrum in der Westschweiz entstanden sein. Dessen Erzeugnisse wurden in der Westschweiz und entlang der Rhône in Richtung Südwesten bis nach Südfrankreich abgesetzt. Auf diese Weise gelangten neue Produkte und Ideen nach Südfrankreich.

Die meisten Typen und Formen der Bronzeobjekte dürften selbst angefertigt worden sein. Als typische lokale Bronzeerzeugnisse gelten verschiedene trianguläre Dolche, löffelartige Randleistenbeile und solche mit kreisförmigem Blatt.

Charakteristische Nadelformen waren Rauten- und Flügelnadeln. Weitere kennzeichnende Bronzeobjekte sind Ösenhalsringe und verzierte Kopfbänder. Vollgriffdolche sowie Ösenkopfkopfnadeln wurden nach Vorbildern der erwähnten Aunjetitzer Kultur hergestellt. Komplizierte Stabdolche, Doppeläxte, Nackenknaufäxte und Schaftlochäxte der Aunjetitzer Kultur dagegen stießen in der Westschweiz kaum auf Interesse. Das Aufgreifen bestimmter Aunjetitzer Formen und ihre eigenständige Gestaltung könnte nach Ansicht von Albert Hafner auf die Wünsche einer gehobenen sozialen Schicht in der Westschweiz zurückgehen, die sich am Vorbild der Aunjetitzer Kul- tur orientierte.

Auffälligerweise sind vor allem Prestigewaffen, wie Vollgriffdolche und löffelförmige Randleistenbeile, getauscht worden. Westschweizerische Vollgriffdolche vom Rhône-Typ oder Alpinen Typ und löffelförmige Randleistenbeile wurden im Aunjetitzer Verbreitungsgebiet gefunden. Vollgriffdolche vom Alpinen Typ kennt man auch aus Norditalien. Das Depot von Kläden nahe bei Stendal in Mitteldeutschland enthielt unter anderem westschweizerische Randleistenbeile.

Ein 19,1 Zentimeter langer Dolch von Conthey im Wallis besteht aus vier Teilen: der Klinge, der Griffplatte, dem Griffdorn und dem Griffknauf. Die Teile sind mit Nieten verbunden. Der eigentliche Griff bestand ursprünglich aus organischem Material, das nicht erhalten blieb. Die Klinge dieses Dolches ist mit einem Kreuzmotiv und hängenden Dreiecken verziert.

Nach den 16 Randleistenbeilen aus der Seeufersiedlung Morges (»Station les Roseaux«) wurden die Beile vom Typ Roseaux benannt. Es handelt es sich um bronze- ne Beilklingen von 8,7 bis 15,5 Zentimeter Länge mit spachtelförmiger Schneide und wenig ausgeprägten

Foto auf Seite 33:

Vor 1896 entdeckter Vollgriffdolch mit verzierter Klinge

aus Conthey im Kanton Wallis. Der eigentliche Griff

bestand vermutlich aus organischem Material. Länge 19,1 Zentimeter.

Original im Kantonalen Museum für Archäologie, Sitten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kanten. Sie werden chronotypologisch der Frühbronzezeit zugeordnet.

Die trapezförmigen Randleistenbeile des Typs Neyruz (Neyruz-Beile) haben ihre Bezeichnung nach dem Fundort Neyruz8 im Kanton Waadt erhalten. Ihre Klinge ist flach und ohne Nackenausschnitt.

Ein weiterer berühmter Fundort ist Sigriswil-Rin- goldswil9 im Kanton Bern. Dort wurden elf bronzene Randleistenbeile, die Rohform eines Randleistenbeils, zwei Vollgriffdolche und zwei Lanzenspitzen geborgen. Dieser Fund gilt als eines der bedeutendsten frühbronzezeitlichen Depots der Schweiz.

Eine besonders kostbare Beilklinge lag zusammen mit einem Dolch im Grab eines vermutlich bedeutenden Mannes von Thun-Renzenbühl10 (Kanton Bern). In eine der beiden Flachseiten der etwa 24 Zentimeter langen Beilklinge ist ein Kupferband eingelassen, das man mit viereckigen Nägeln aus hellem, stark silberhaltigem Gold verziert hat.

Die merkwürdigen Stabdolche mit langem Stab aus Holz oder Metall und daran befestigter metallener Dolch- klinge eigneten sich kaum als Angriffs- oder Vertei- digungswaffe. Deswegen werden sie als Würdezeichen oder Zeremonialgeräte gedeutet. In der alten Zihl zwischen Brügg und Orpund im Kanton Bern wurde die 12,5 Zentimeter lange und 4,2 Zentimeter breite Klinge eines Stabdolches gefunden. Sie ist auf der Rückseite gezähnt.

Dass damals aber beileibe nicht alle Geräte aus kost- barem Metall angefertigt wurden, verraten Schaber aus Feuerstein und Bergkristalle unter den Siedlungsresten von Sembrancher (Crettaz-Polet) im Wallis. Mög- licherweise benutzte man zudem verschiedene Kno- chenwerkzeuge und Hammerköpfe aus Hirschgeweih, wie sie in Collombey-Muraz zum Vorschein kamen. Allerdings können letztere Funde ebensogut aus der Jungsteinzeit stammen wie aus der Frühbronzezeit. Schneckengehäuse und Muschelschalen vom Mittel- meer sowie Bernstein von der Ostsee im Verbrei- tungsgebiet der Aare-Rhône-Gruppe gelten als »Im- portartikel«. Auch das Zinn kam - wie erwähnt - von weit her. Auf Tauschgeschäfte über große Entfernun- gen hinweg lassen Beile vom Typ Neyruz schließen, die außerhalb der Westschweiz gefunden wurden. Zwei Neyruzer Beile sind bis in das Gebiet der heutigen nordhessischen Stadt Kassel in Deutschland gelangt. In der Westschweiz produzierte und Aunjetitzer Formen nachempfundene Bronzeobjekte wurden in Süd- frankreich gefunden.

[...]


1 Die Zusammenstellung dieser Übersicht über die Verbreitung und Zeitdauer von Kulturen der Frühbronzezeit entstand mit Hilfe der deutschen Prähistorikerin Gretel Callesen (früher Gallay) aus Nidderau (Hessen), des beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern arbeitenden deutschen Prähistorikers Albert Hafner und des schweizerischen Prähistorikers Jürg Rageth vom Archäologischen Dienst Graubünden, Haldenstein.

1 Der Begriff Walliser Kultur wurde 1927 von dem deutschen Prähistoriker Georg Kraft (1894–1944 aus Freiburg/Breisgau vorgeschlagen.

2 Der Ausdruck Civilisation rhodanienne wurde 1964 von dem Lehrer und Prähistoriker Jean Olivier Bocksberger (1925–1970) aus Sitten geprägt.

3 Der Zürcher Prähistoriker Emil Vogt (1906–1974) hat 1971 eine Unterteilung der Frühbronzezeit in eine alpine Gruppe und in eine Mittellandgruppe vorgeschlagen. Vogt war von 1961 bis 1971 Direktor des Schweizerischen Landesmuseums, Zürich.

4 1854 wurde bei Morges von dem Prähistoriker Frédéric Louis Troyon (1815–1866) aus Lausanne sowie dem Geologen und Archäologen Karl Adolph von 86 Morlot (1820–1867) aus Lausanne eine große Station (»la Grande Cité« genannt) entdeckt.

5 1951 fiel dem Anthropologen und Kantonsarchäologen Marc-Rodolphe Sauter (1914–1983) aus Genf bei einem Ausflug auf dem Hügel Heidnischbühl bei Raron ein Erdschnitt aus der Zeit der Mobilmachung auf, in dem sich urgeschichtliche Feuerstellen und Tonscherben befanden. Vom 14. August bis zum 6. September 1960 und vom 8. Juli bis zum 9. August 1961 wurden dort Ausgrabungen vorgenommen.

6 Die Fundstelle Sembrancher (Crettaz-Polet) wurde von 1983 bis 1986 vom Département d’Anthropologie der Universität Genf untersucht.

7 Die Entdeckungsgeschichte der Fundstelle Saint- Léonard (Sur-le-Grand-Pré) begann damit, dass der Tischler Georg Wolf aus Sitten 1956 im Abraum eines Quarzit-Steinbruches zahlreiche Tonscherben und Knochenreste fand und die zuständige Behörde davon informierte. 1957 bis 1959 grub Marc-Rodolphe Sauter (s. Anm. 5) dort.

8 Die Beile aus Neyruz wurden 1895 unter einem Findling entdeckt, ein Jahr später kam etwa 300 Meter davon entfernt unter einem Hügel ein Steinkistengrab zum Vorschein.

9 Das Depot bei Sigriswil-Ringoldswil wurde im Sommer 1841 auf einer Wiese nach dem Sprengen auf dem Absatz eines hausgroßen Felsblockes etwa 60 Zentimeter unter der Erde gefunden. Als Entdecker gilt ein Bergwerksinspektor namens Beckh. Der Fund wurde in einem Brief des Landammanns und Ge87 schichtsforschers Carl Friedrich Ludwig Lohner (1786– 1863) vom 7. Oktober 1841 an den Zürcher Prähistoriker Ferdinand Keller (1800–1881) erstmals erwähnt. Keller hat 1832 die Antiquarische Gesellschaft in Zürich gegründet.

10 Das Grab eines vermutlich bedeutenden Mannes von Thun-Renzenbühl wurde 1829 entdeckt.

Details

Seiten
118
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656006541
ISBN (Buch)
9783656006596
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178557
Note
Schlagworte
schweiz frühbronzezeit zeichnungen friederike hilscher-ehlert

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Titel: Die Schweiz in der Frühbronzezeit