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Social Networking. Vom Vorteil schwacher Beziehungen und dem Einfluss des Internets auf soziale Netzwerke

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 27 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung und Aufbau der Arbeit

2. Soziale Netzwerke und die Netzwerkgesellschaft
2.1. Das Konzept des sozialen Netzwerkes
2.2. Die wichtigsten Merkmale sozialer Netzwerke
2.3. Manuel Castells Begriff der Netzwerkgesellschaft

3. Praktiken und das zentrale Motiv des Networking
3.1. Das Begriffskonstrukt des Networking und typische Praktiken
3.2. Vermehrung von Sozialkapital als zentrales Motiv des Networking

4. Soziale Netzwerke und das Internet
4.1. Merkmale der computervermittelten Fernkommunikation
4.2. Der ‚Computerrahmen’ und seine Kommunikationsregeln

5. Einfluss des Internet auf soziale Beziehungen und Netzwerke
5.1. Veränderung von bestehenden sozialen Beziehungen durch das Internet
5.2. Die Entwicklung von neuen Beziehungen über das Internet
5.3. Merkmale sozialer Netzwerke bei computervermittelter Kommunikation

6. Quellenangaben

1. Einleitung und Aufbau der Arbeit:

Ungefähr 50,47Mio. Menschen in Deutschland nutzen heutzutage das Internet1 in all seinen Formen und Ausprägungen. Das entspricht über 60% der deutschen Gesamtbevölkerung und die Zahlen sind weiterhin stark steigend. Die Entwicklungs- und Adoptivzyklen in diesem Bereich sind im Vergleich zu anderen erfolgreichen Technologien wie dem Fernseher oder dem Telefon geradezu rasant. Die Internettechnologie hat sich in der letzten Dekade als eine der einflussreichsten technologischen Entwicklungen entpuppt, welche bestimmte Bereiche des gesellschaftlichen zum Teil radikal umstrukturiert hat. Besonders im Dienstleistungs- sektor sind Dinge wie Online-Banking, Online-Broking oder der Online-Versand zu alltäglichen Erscheinungen geworden und sind immer mehr dabei ihre nicht virtuellen Pendants zu verdrängen.

Zur Zeit erlebt das Internet wieder einmal eine Hochphase und neben Schlagwörtern wie Web2.0 oder Weblogs tauchte in den vergangen Jahren vor allem der Begriff des ‚Networking’ bzw. des ‚Social Networking’ immer wieder auf. Der Begriff des ‚Networkings’ tritt zunehmend an die Stelle von solch negativ belegten Wortschöpfungen wie „Seilschaften“ oder „Vetternwirtschaft“ und wird nicht nur auf geschäftlicher Ebene mehr und mehr praktiziert.

Im Grunde genommen ist mit „Networking“ „das zielgerichtete Ausbauen des persönlichen sozialen Netzwerks durch das Kennenlernen bisher unbekannter Personen und die regelmäßige Pflege dieser gewonnen Kontakte gemeint.“2 Durch die stetig steigende Bedeutung des Mediums Internet kommt es auch dazu, dass immer mehr Networking-Prozesse online ablaufen. Social Networking Websites wie StudiVZ3 oder openBC/Xing4, verzeichnen gigantische Nutzerzahlen. Alleine StudiVZ konnte nach eigenen Angaben innerhalb eines Jahres nach Launch bereits über 1 Million registrierte Nutzer verzeichnen. Gepaart mit ca. 10.000 neuen Anmeldungen pro Tag.5

Oben genannte Websites bieten die Möglichkeit durch die Visualisierung von Kontakten das soziale Netzwerk eines Individuums darzustellen. Angelehnt an das „Small World Phenomenon“ von Stanley Milgram6, nach dem einzelne Mitglieder sozialer Netzwerke alle über nur wenige Schritte miteinander verbunden sind, bieten sie im Gegensatz zum Blick ins reguläre Adressbuch die Möglichkeit auch die Kontakte 2., 3. oder höheren Grades eines Netzwerkmitgliedes aufzuzeigen. So sollen das knüpfen zusätzlicher Kontakte und das erweitern des persönlichen Netzwerks vereinfacht und gefördert werden.

Im Gegensatz zu Weblogs die sowohl in der Wissenschaft, als auch in den Medien, während der letzten Jahren für viel Aufsehen gesorgt haben, ist über die Nutzung und Auswirkungen von Social Networking Websites und Networking im Allgemeinen, speziell im soziologischen Bereich, kaum etwas veröffentlicht worden. Aus diesem Grunde soll diese Arbeit auf der Basis von Florian Renz Veröffentlichung „Praktiken des Social Networking“ und unter Heranführung weiterer verwandter Werke zum Thema Netzwerke und Internetkommunikation, eine Übersicht und eine Grundlage für das Arbeiten mit dem noch recht ‚jungfräulichen’ Thema des Social Networking geben.

Nach der Klärung der grundlegenden Begrifflichkeiten und Theorien zum Thema Netzwerke, Networking und Beziehungsstärken, soll die Arbeit sich mit den bestimmenden Strukturen von sozialen Netzwerken im Online-Bereich auseinander setzen. Dazu werden grundlegende Unterschiede zwischen computervermittelter Kommunikation und Face-To-Face-Kommunikation aufgezeigt und der daraus resultierende Rahmen für soziale Netzwerke im Internet betrachtet.

Darauf folgend soll der Einfluss des Internet auf bereits bestehende Beziehungen, sowie auf die Generierung neuer Kontakte herausgearbeitet werden.

Abschließend werden noch einmal die Merkmale sozialer Netzwerke bei computervermittelter Kommunikation und deren Unterschiede zu regulären sozialen Netzwerken aufgezeigt.

2.Soziale Netzwerke und die Netzwerkgesellschaft:

Dieses Kapitel soll erst einmal dazu dienen, das grundlegende Konzept des sozialen Netzwerkes, sowie dessen wichtigsten Merkmale und den Begriff der ‚Netzwerkgesellschaft’ zu klären.

2.1. Das Konzept des sozialen Netzwerkes:

„Der Begriff des Netzwerks wird rein formal definiert als ein abgegrenztes Set von Knoten und ein Set der für diese Knoten definierten Kanten.“7

Soziale Netwerke stellen eine besondere Form von Netzwerken dar, in denen Akteure und Akteursgruppen die Knotenpunkte bilden und die Kanten die Beziehungen und Relationen beschreiben, die diese verbinden.

In der netzwerkanalytischen Forschungstradition liegt der Fokus nicht auf dem einzelnen Individuum an sich, sondern vielmehr auf den Relationen zwischen den einzelnen Individuen eines Netzwerkes. Sie beschäftigt sich mit den Strukturen eines Netzwerks und deren Auswirkung auf das Handeln des Einzelnen, dessen Handlungsoptionen wiederum durch die Strukturen des Systems in das es eingebettet ist geprägt sind.

Somit kann das Netzwerk als ein allumfassendes Strukturierungsprinzip angewandt werden. Damit kann diese Forschungstradition den Versuch beschreiben, den Konflikt zwischen Forschungen auf der Mikroebene und auf der Makroebene in der Soziologie zu schließen.8

Bereits bei den soziologischen Klassikern wie Emile Durkheim oder Georg Simmel finden sich netzwerktheoretische Ansätze.9 Nach Durkheim z.B. ist die gesellschaftliche Ordnung nur durch das Kollektivbewusstsein und die daraus resultierende Solidarität, welche gemeinsam als Bindemittel fungieren, möglich.

In einfachen Gesellschaften werden die Menschen vorwiegend im familiären Bereich aufgrund von gemeinsam geteilter Lebensart und Vorstellungen von der ‚mechanischen Solidarität’ zusammengehalten. In den modernen Gesellschaften hingegen werden die Menschen durch die voranschreitende Arbeitsteilung und Spezialisierung auch außerhalb ihrer Verwandschaftsbeziehungen zunehmend von einander abhängig. Es bildet sich eine Solidarität die auf Kooperation und Zusammenhalt ausgerichtet ist. Durkheim nennt dies die ‚organische Solidarität’.

Damit beschreibt bereits Durkheim die Zunahme und Veränderung der Relationen der Individuen untereinander und die daraus resultierenden Veränderung im Kollektivbewusstsein der Gesellschaft.

Ebenso erkennt auch Simmel die Veränderung von Beziehungen bei zunehmender Modernisierung. Die Individualität eines Individuums wird parallell zur Zunahme der Anzahl und der Differenzierung sozialer Kreise zu denen ein Individuum gehört immer ausgeprägter, da es sich mehr und mehr der Idealform eines einzigartigen Schnittpunkts dieser Kreise nähert.

Man kann also eine relative Abnahme multiplexer Beziehungen gegenüber einer relativen Zunahme von uniplexen Beziehungen beobachten. Mit der zunehmenden Modernisierung findet also ein Wandel statt von festeren Beziehungen in nur wenigen eng gestrickten Netzwerken, hin zu weniger starken Relationen, die in diversen weniger engmaschigen Netzwerken eingebettet sind.10

Somit wäre auch die steigende Praktizierung und Relevanz von Networking, sowie schwachen Beziehungen eine Bestätigung für diese Thesen.

2.2. Die wichtigsten Merkmale sozialer Netzwerke:

Um soziale Netzwerke klarer definieren zu können lohnt es sich die Beschreibungsmerkmale sozialer Netzwerke etwas genauer anzusehen. Folgend Merkmale führt Berry Wellmann in „Die elektronische Gruppe als Netzwerk“11 als die wichtigsten an:

Dichte:

Je mehr Mitglieder eines Netzwerkes untereinander in direktem Kontakt stehen, desto höher ist die Dichte. Je weniger direkte Kontakte bestehen, desto offener und lockerer ist ein Netzwerk strukturiert.

Eine vollständige Verknüpfung aller Kontakte lässt sich in den meisten Fällen nur in sehr kleinen Netzwerken realisieren. Von daher sprechen die meisten Forscher schon ab einer Realisierung von zwei Drittel der möglichen Kontakte von einem ‚dichten’ Netzwerk.

Abgrenzung:

Das Ausmaß der Abgrenzung wird bestimmt durch den Anteil der Bindungen, die nur innerhalb des beobachteten Netzwerkes erfolgen. Stark abgegrenzte Gruppen weisen einen sehr hohen Anteil an Verknüpfungen innerhalb des eigenen Netzwerkes auf, während nur wenige Individuen solch einer Gruppe Kontakt nach außen und zu anderen Netzwerken haben.

Bei lose abgegrenzten Netzwerken liegt der Fokus weniger auf der eigenen Gruppe und viele Akteure haben Kontakt zu Nichtmitgliedern.

Reichweite:

Eine wirklich einheitliche Definition für das Maß der Reichweite gibt es laut Wellman nicht. Das Maß beschreibt die Summer der Faktoren Heterogenität und Größe des Netzwerkes, wobei die zugrunde liegende These, dass mit steigender Teilnehmerzahl auch die Heterogenität des Netzwerkes zunimmt, nicht als absolute Regel, sondern eher als Faustregel verstanden werden sollte.12 Dichtere und abgegrenztere Netzwerke werden meistens auch über eine geringere Reichweite verfügen, während solche mit großer Reichweite die Verfügbarkeit von neuen Ressourcen begünstigen.

Ausschließlichkeit:

Das Maß der Ausschließlichkeit wird beschrieben durch die Anzahl von verschiedenen Personen zwischen denen Interaktion stattfindet. So ist die Ausschließlichkeit in offenen und locker strukturierten Netzwerken weitaus geringer, da die Akteure eine höhere Auswahl an Handlungspartnern haben, während z.B. in abgeschiedenen Dörfern die Anzahl dieser meist relativ gering ist.13

Soziale Kontrolle:

Soziale Kontrolle bezieht sich auf das Ausmaß der Beeinflussung von Beziehungen und Kontakten eines Individuums durch äußere Faktoren. In Gruppen mit hoher Dichte und Abgegrenztheit wird soziale Kontrolle meist durch Gruppenzwang oder ranghöhere Mitglieder ausgeübt, welche in einer starken Beziehung zum Individuum stehen. Da in locker und offen strukturierten sozialen Netzwerken auch die Verbindungen untereinander schwächer ausgeprägt sind, ist auch der Einflussfaktor der sozialen Kontrolle weitaus geringer.

Bindungsstärke:

Das Ausmaß der Stärke von Bindungen ist ein Konglomerat aus den Größen soziale Nähe, Freiwilligkeit, Multiplexität und Kontakthäufigkeit. In Bezug auf Granovetters „The strength of weak ties”14 stellt Wellman fest, dass eine hohe Bindungsstärke zwar mehr soziale Unterstützung bietet, aber auch schwache Bindungen ebenso wichtig sein können. Diese bieten nämlich aufgrund ihres schwachen Charakters die Möglichkeit auch unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft zu verbinden und somit einen Zugang zu neuen Informationsquellen und anderen Ressourcen bereitstellen.15

Aufgrund der fehlenden Reichweite können in dichten und stark abgegrenzten Netzwerken kaum schwache Bindungen entstehen, so dass diese meist von starken Beziehungen dominiert werden. Im Gegensatz dazu variieren in offenen und locker strukturierten Netzwerken die Bindungsstärken weitaus stärker, da dort in der Regel eine höhere Freiwilligkeit herrscht.

Es lässt sich schlussendlich feststellen, dass die sechs oben genannten Merkmale stark voneinander abhängig sind. Auf Basis dessen bildet Kunze zwei gegensätzliche Idealtypen, zwischen denen in der Praxis jede mögliche Ausprägung denkbar ist.

[...]


1 Siehe: http://www.internetworldstats.com/stats9.htm , Stand 24. April 2007

2 Renz, Florian: „Praktiken des Social Networking“, Verlag Werner Hülsbusch, 1.Auflage 2007, S.9

3 http://www.studivz.net

4 http://www.xing.de

5 Vgl.: http://www.presseportal.de/story.htx?nr=901222 , Stand 24. April 2007

6 Milgram, Stanley: „The small-world problem“, in: Psychology today, 1967:5, S.62-67

7 Jansen, Dorothea: „Einführung in die Netzwerkanalyse: Grundlagen, Methoden, Anwendungen.“, Opladen, 2003, S.13

8 Vgl.: Ebd.

9 Vgl.: Mikl-Horke, Gertraude: „Soziologie: historischer Kontext und soziologische Theorie-Entwürfe.“ Oldenbourg R. Verlag GmbH, 4.Auflage 1997 und Münch, Richard: „Soziologische Theorie. Band 1, Grundlegung durch die Klassiker“ Campus Fachbuch, 1.Auflage 2002

10 Vgl.:Münch, Richard; Schmidt, Jan: „Medien und sozialer Wandel“ in: Jäckel, Micheal: „Lehrbuch der Mediensoziologie“, Opladen 2005, S.201-218

11 Wellman, Berry: „Die elektronische Gruppe als Netzwerk.“ In: Thiedeke, Udo (Hrsg.): „Virtuelle Gruppen.“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2.Auflage 2002, S.134-167

12 Vgl.: Vgl.: Renz, Florian: „Praktiken des Social Networking“, Verlag Werner Hülsbusch, 1.Auflage 2007, S.20

13 Vgl.: Wellman (2002), S.151

14 Granovetter, Mark: „The strength of weak ties.“, University of Chicago Press, 1973

15 Vgl.: Wellman (2002), S.155

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Titel: Social Networking. Vom Vorteil schwacher Beziehungen und dem Einfluss des Internets auf soziale Netzwerke