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Das Modell der "Staatlichen Europa-Schule Berlin"

Hausarbeit 2006 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Erstsprache/Primärsprache
2.2 Muttersprache
2.3 Zweitsprache
2.4 Bilingualismus
2.5 Immersion
2.6 Submersion

3. Staatliche Europa-Schule Berlin
3.1 Das Konzept
3.2 Zusammensetzung der Schülerschaft

4. Wozu benötigt man ein Modell, wie die SESB?
4.1 Voraussetzungen für die Gründung der SESB
4.2 Begründungen und Aufgaben der SESB
4.3 Ziele der SESB
4.4 Probleme und Schwierigkeiten bei der Durchführung des Modells

5. Schluss

1. Einleitung

Der Erwerb einer Zweitsprache verläuft sehr unterschiedlich. Er ist abhängig vom Zeitpunkt des Erlernens der Zweitsprache, der Kompetenz der Erstsprache und der Art und Weise, wie das Kind die Zweitsprache erwirbt. Es existieren in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, inzwischen verschiedene Modelle, wie man Kinder zum Erwerb einer Zweitsprache bringen kann und wie man sie dabei unterstützen kann. In der vorliegenden Hausarbeit wird, nachdem zentrale Begriffe zum Thema Mehrsprachigkeit geklärt wurden, ein solches Modell zum Erwerb einer Zweitsprache vorgestellt, die „Staatliche Europa-Schule Berlin“. Anschließend werden die Voraussetzungen, Begründungen, Ziele und Probleme dieses Modells dargestellt.

2. Begriffsklärung

2.1 Erstsprache/Primärsprache

Die Erstsprache/Primärsprache ist, wie der Name schon sagt, die erste Sprache, die das Kind hört und spricht. Sie ist meist die dominierende Sprache. In seltenen Fällen kann dies auch die nicht zuerst erworbene Sprache sein, wenn z.B. die Eltern mit ihrem Kleinkind in ein anderes Land ziehen und mit dem Kind in der Landessprache sprechen, wird die zuerst erworbene Sprache nicht mehr gebraucht und nach und nach vergessen. Die zweite Sprache wird zur Erstsprache.1 Die Erstsprache stellt ein Bindeglied zu vertrauten und wichtigen Bezugspersonen des Kindes dar. Oftmals wird der Terminus Erstsprache/Primärsprache mit dem der Muttersprache gleichgesetzt.

2.2 Muttersprache

Als Muttersprache wird die Sprache bezeichnet, die die Mutter spricht und die das Kind in der Regel als Erstsprache erwirbt. Beim gleichzeitigen Erwerb zweier Sprachen im Kindesalter, dem bilingualen Erstspracherwerb, bei dem oftmals die Mutter und der Vater in unterschiedlichen Sprachen mit dem Kind sprechen, gäbe es somit eine Mutter- und Vatersprache.2 Daher ist der Terminus Erstsprache/Primärsprache besser geeignet, wenn es darum geht die Sprache(n), die das Kind zuerst gelernt hat, zu bezeichnen.

2.3 Zweitsprache

Die Zweitsprache ist im Unterschied zur Erstsprache/Primärsprache bzw. Muttersprache die Sprache, die als zweite Sprache erworben wird. Die Zweitsprache kann häufig so gut wie die Erstsprache ausgebildet werden. Lewandowsky (1990) unterscheidet „zwischen dem systematisch erworbenen gesteuerten Fremdsprachen­erwerb in der Schule und dem natürlich erworbenen ungesteuerten Erwerb einer zweiten Sprache nach dem Erwerb der ersten Sprache“3, der z.B. notwendig ist in Gesellschaften, die recht klein sind und in denen der Erwerb einer Zweitsprache zur existenziellen Notwendigkeit gehört (z.B. Deutsch in den Kantonen der Schweiz, in denen Schwyzerdeutsch gesprochen wird). Die Zweitsprache ist in der Regel die Landessprache bzw. Unterrichtssprache in schulischen Regelklassen.4 „Bei deutschen Kindern kann die Zweitsprache auch eine Mundart sein als regionale und bevorzugte Alltagssprache im Gegensatz zur überregionalen Standardsprache“.5 Die Unterscheidung zwischen dem ungesteuerten Erwerb der Zweitsprache und dem gesteuerten Erwerb der Fremdsprache ist von großer Bedeutung, denn der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Zweitsprache erworben und die Fremdsprache erlernt und auch oft wieder verlernt wird.6 Deshalb kann bei Schülerinnen, die die Fremdsprache in der Schule lernen, vorausgesetzt werden, dass sie die Schriftsprache ihrer Erstsprache altersgemäß beherrschen. Bei Schülerinnen, die eine Zweitsprache lernen, kann dies nicht automatisch vorausgesetzt werden.7

2.4 Bilingualismus

Der Begriff Bilingualismus stammt von den lateinischen Begriffen bi = zwei und lingua = Sprache. Bilingualismus bezeichnet die Fähigkeit zwei Sprachen zu gebrauchen, also die Zweisprachigkeit. Oftmals wird der Terminus Bilingualismus gleichbedeutend mit Mehrsprachigkeit verwendet. Nicht klar definiert ist, ob die beiden Sprachen gleichwertig sind oder die eine dominiert und besser beherrscht wird bzw. werden kann als die andere. Bloomfield (1933) bezeichnet einen Menschen als bilingual im Sprachgebrauch, wenn er „beide Sprachen jeweils wie ein entsprechender Muttersprachler beherrscht“8. Für zweisprachige bzw. bilinguale Menschen bedeutet die Zweisprachigkeit in zwei Sprachen zu denken und zu fühlen.

2.5 Immersion

Immersion wird abgeleitet von dem lateinischen Begriff immergere = eintauchen. Die Immersion zielt auf ein „Eintauchen“ in eine neue Sprache ab, um diese parallel mit der Erstsprache zu gebrauchen und diese gemäß der Erstsprache zu beherrschen. Immersion ist eine Form von Zweitspracherwerb, die in der Schule pädagogisch und didaktisch gut durchdacht und vorbereitet angeboten wird.9 Dieses Vermittlungs­verfahren wird als Immersions-Programm bezeichnet. Die Erst- und Zweitsprache werden gleichwertig gefördert, wobei eine „klare und strikte Trennung der zwei Sprachen innerhalb der Schule“10 stattfindet. Zunächst wurde das Programm in Deutschland „für einsprachig aufgewachsene besonders leistungsstarke Schüler konzipiert“11. Two-way-immersions-Programme verfolgen dasselbe Ziel allerdings werden hier zwei Sprachgruppen zusammen unterrichtet, z.B. Schülerinnen mit der Erstsprache Italienisch und Schülerinnen mit der Erstsprache Englisch sollen in derselben Klasse beide Sprachen fließend sprechen, lesen und schreiben lernen. Solch ein Programm wird unter anderem an der Staatlichen Europa-Schule in Berlin angeboten.

2.6 Submersion

Submersion ist eine Form von Zweitspracherwerb, bei dem die SchülerInnen, die nicht die Landessprache als Erstsprache beherrschen, in Regelklassen mit der Landessprache eingeschult werden. Sie erhalten keine spezifische sprachliche Förderung in der Unterrichtssprache, die für sie Zweitsprache ist und werden beim Erwerb der Zweitsprache weitgehend sich selbst überlassen. Deshalb wird das Modell auch als „Swim-or-sink-Modell“12 bezeichnet. Submersion trifft häufig auf Schülerinnen „aus zugewanderten Sprachminderheiten“13 zu, da hier „keine schulische Alternativen zur Verfügung stehen, die auch Unterricht in der Muttersprache als Sprache des kulturellen Erbes anbieten“14.

3. Staatliche Europa-Schule Berlin

3.1 Das Konzept

Mit Beginn des Schuljahres 1992/93 wurde in Berlin die Staatliche Europa-Schule Berlin (SESB) gegründet. Die SESB stellt ein Spracherwerbskonzept für zweisprachige Immersions-Programme dar, d.h. sie will ein „gemeinsame^] Lernen und Lehren in zwei Sprachen mit Kindern und Lehrern verschiedener Muttersprachen“15 möglich machen.

Das Programm wird an insgesamt 1616 verschiedenen Schulstandorten in Berlin mit verschiedenen Sprachkombinationen praktiziert. Schülerinnen mit der Erstsprache Deutsch, Englisch, Russisch, Französisch, Spanisch, Türkisch, Griechisch, Portugiesisch, Polnisch oder Italienisch erlernen jeweils eine Zweitsprache. Die Klassen bestehen jeweils zur Hälfte aus Schülerinnen mit der Erstsprache Deutsch und Schülerinnen mit einer der anderen Sprachen als Erstsprache, je nachdem, welche Sprachkombination an der entsprechenden Schule angeboten wird. Oft ist es allerdings schwer die Kinder diesen Gruppen eindeutig zuzuordnen, wobei bei der Zuordnung die Nationalität keine Rolle spielt, sondern lediglich die von den Schülerinnen gesprochene(n) Sprache(n).

Auch das Lehrpersonal an einem SESB-Standort wird so ausgewählt, dass die Hälfte der Lehrerinnen Deutsch als Erstsprache spricht und die andere Hälfte die an dem jeweiligen Standort angebotene Partnersprache als Erstsprache spricht. „Gefordert ist, dass jede[(r)] Lehrer[in] die jeweilige Partnersprache sehr gut beherrscht, den Kindern also ein lebendiges Vorbild für Bilingualität bietet.“17 Die Lehrkräfte stammen meist aus dem Land, in dessen Sprache sie an der Schule unterrichten. Die meisten davon haben auch schon praktische Erfahrung im Schuldienst ihres Heimatlandes gesammelt. Dies stellt eine große Bereicherung für die pädagogische Arbeit in der SESB dar, da somit Fachkräfte für verschiedene pädagogische Konzepte vorhanden sind, die versuchen] können Aspekte des jeweiligen Konzeptes in das Konzept der SESB einzubauen.18

Der zweisprachige Unterricht wird von einer so genannten Vorklasse, in der ein(e) Vorklassenlehrerin und ein(e) Sprachlehrerin die Kinder spielerisch auf die Einschulung vorbereiten, bis hin zum Abitur angeboten.

Der Schriftspracherwerb erfolgt in der ersten Klasse zunächst in der Erstsprache, in der zweiten Klasse dann auch in der Zweitsprache. Während diesen Stunden werden die Kinder somit nach ihrer Muttersprache getrennt unterrichtet. „Andere Unterrichtsfächer werden sprachlich aufgeteilt: Mathematik wird vorwiegend in Deutsch unterrichtet, Sachkunde in“19 der jeweiligen Zweitsprache. „in diesen Unterrichtsstunden lernt die Klasse gemeinsam.“20 Ab der 5. Klasse lernen die Schülerinnen dann Englisch als Fremdsprache.21 „Diese Form eines bilingual organisierten Unterrichts wird mit dem Begriff ,Partnersprachenunterricht’ bezeichnet und betont damit eine Abgrenzung gegen einen früh beginnenden Fremdsprachenunterricht.“22 Außerdem macht dieser Begriff deutlich, dass „es sich hier konzeptionell um zwei gleichberechtigte, gleichwertige und auch im gleichen Umfang benutzte Sprachen handelt“23.

Das Motto der SESB lautet: „Miteinander lernen, voneinander lernen, füreinander lernen.“ Dies zeigt sich vor allem darin, dass im Unterricht nicht nur auf den Erwerb einer Zweitsprache Wert gelegt wird, sondern auch darauf, dass die Schülerinnen die Kulturen ihrer Mitschülerinnen kennen lernen, vor allem natürlich die Kulturen der Länder/des Landes, in dem die jeweilige Partnersprache gesprochen wird. Dies geschieht z.B. indem Eltern eines Schülers/einer Schülerin in den Unterricht kommen und die Kultur ihres Landes vorstellen.

Es gibt allerdings keine Schule, in der ausschließlich nach dem Konzept der SESB unterrichtet wird. Das Konzept wird an so genannten Standorten unterrichtet. An diesen Schulen existieren sowohl Regelschulklassen als auch SESB-Klassen.

[...]


1 vgl. Günther2004, S. 32.

2 vgl. Siebert-Ott 2003, S. 30.

3 Günther 2004, S. 34.

4 vgl. Söhn 2005, S. 6.

5 Günther 2004, S. 33.

6 vgl. ebd, S. 43.

7 vgl. Belke 2005, S. 33.

8 Günther 2004, S. 36f.

9 vgl. Zydatiß 2000, S. 38f u. Siebert-Ott 2003, S. 34.

10 Eser-Davolio 2001, S. 70.

11 Siebert-Ott 2003, S. 34.

12 Landesinstitut für Schule und Weiterbildung 2001, S. 55.

13 Siebert-Ott 2003, S. 34.

14 ebd, S. 34.

15 Sukopp 1998, S. 7.

16 Am Orde 2005.

17 Stotzka 1998, S. 89.

18 vgl. Doyé 1997, S. 176f.

19 BerlinerZeitung 1995.

20 ebd

21 vgl. ebd u. Am Orde 2005.

22 Sukopp 1998, S. 7.

23 Stotzka 1998, S. 92.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656005469
ISBN (Buch)
9783656004998
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178470
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
Schlagworte
modell staatlichen europa schule berlin Zweisprachigkeit DaZ Zweitsprache

Autor

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