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Der Wille zum Leben in Arthur Schnitzlers Novelle „Sterben“

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Novelle „Sterben“ - Handlung, Erzählweise und Symbole
2.1. Erzähltechnik und Erzählperspektive
2.2. Die Fenster - und Lichtthematik
2.3. Die Kapiteleinteilung und die Jahreszeiten

3. Die Problemfelder
3.1. Das Rollenverhältnis
3.2. Das Ärzteverhalten
3.3 Keine Ästhetik des Sterbens

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

In den Beziehungen zwischen Menschen

gibt es so wenig einen Stillstand

wie im Leben des einzelnen.

Es gibt Beginn, Entwicklung, Höhepunkt,

Abstieg und Ende […].

Was am tiefsten in der menschlichen

Natur steckt, ist doch die Angst

vor der Vernichtung.

1. Einleitung

Für Arthur Schnitzler verfügt einzig die Literatur über das Potenzial als „das sprachliche und intellektuelle Medium“, das „Chaos der Singularität“ der zu beschreibenden Welt, wahrheitsgetreu und anschaulich darzustellen, so Wolfgang Riedel. Schnitzler, der ursprünglich Mediziner und somit ein Vertrauter der Naturwissenschaften war, lehnt die auf „Abstraktion und Generalisierung“ beruhenden Wissenschaften generell ab. Der Dichter Schnitzler konzentriert sich in seinen Texten auf konkrete „Einzelerscheinungen“, um so seine „strikt empirisch verstandene Realität“ zu verdeutlichen. Trotz „Theoriefeindlichkeit und Systemskepsis“ verfolgte Schnitzler mit einer „produktiven Inkonsequenz“ seine eigene Theorie, die sich nicht nur in seiner Motivwahl „Liebe und Tod“ widerspiegelt, sondern auch in seiner oft gewählten Form - der Novelle. In ihr könne unkompliziert, erfahrungsorientiert und lebensnah erzählt werden.

Um Wirkung erzielen zu können, greift Schnitzler immer wieder auf Menschen mit einem „ganz bestimmten existentiellen Habitus“ zurück. Der “'impressionistische Mensch“' ist der Prototyp in Schnitzlers Werken. Einerseits ist er bezeichnend für die Epoche Ende des 19. Jahrhunderts in Wien, andererseits aber auch ein Typus, den er mit „spürbare[r] Betroffenheit“ schildert und an deren Schicksal er Anteil nimmt und so ein „Mit-Leiden“ der Rezipienten ermöglicht. Er beschreibt das Wien seiner Zeit, „ihre Gesellschaftsstruktur und [...] Moralität“, ebenso wie die „zeitenthobenen Bedingungen menschliche[r] Existenz“, die er in

die o.g. Themenkomplexe involviert.

Im Gegensatz zu Freuds Dualismus, der Mensch würde von einem Lebens- sowie einem Todestrieb regiert, sieht Schnitzler die dominierenden Gegenpole in Liebe und Hass. Beides sind Lebenstriebe, denn auch im Hass gegen den Anderen steckt, wie in der Liebe ein „Wille zum Leben“. „Wie es hysterische Liebe gibt, so gibt es auch hysterischen Haß, […].“ Diese beiden elementaren Überlebenstriebe und deren Erschütterung führt Schnitzler in der Novelle „Sterben“ aus.

Schnitzlers Frühwerk „Sterben“ (1892), erstmals erschienen in der Frankfurter Rundschau 1894, ist keine „bloße Krankengeschichte eines jungen Mannes“, nicht eine Geschichte über den Bedeutungsgewinn des Lebens durch den Tod, sondern auch „die Geschichte einer Liebesbeziehung“, quasi ein „Anti-Tristan“ wie William H. Rey es nannte. Es ist die „Zerstörung eines Mythos“, in dem der Tod nicht mehr einer „romantischen Glorifizierung“ unterliegt; der Tod ist „ungeistlich[er]“, das Sterben quälend und die Angst vor dem Tod übermächtig.

Die vielschichtigen Auslegungen, die diesen „langsamen und zermürbenden Verfallsprozeß“ begleiten, werden in dieser Hausarbeit analysiert. Wie entwickeln sich die Rollenmuster der drei Hauptfiguren Felix, Marie und Alfred. Kann in Schnitzlers Novelle noch von einer Ästhetik des Sterbens, die zur Zeit der Jahrhundertwende häufig beschrieben wurde, gesprochen werden? Inwieweit ist das Verhalten der behandelnden Ärzte zeittypisch? Psychologische sowie philosophische Verweise werden in den vorher genannten Kapitel berücksichtigt.

Eine Handlungszusammenfassung, sowie Schnitzlers spezielle Erzähltechnik gibt einen einführenden Überblick.

2. Die Novelle „Sterben“ - Handlung, Erzählweise und Symbole

Der zentrale Gedanke in Schnitzlers erster längerer Erzählung „Sterben“ ist die „Verkettung“ von Liebe, Tod und dem „Willen zum Leben“. Die Novelle liest sich wie ein Experiment - die Falldiagnose eines Naturwissenschaftlers, deren Protagonisten „Versuchspersonen“ sind. Minimierte äußere Geschehnisse und typisierte Hauptfiguren, die „weder sozial noch persönlich individualisiert“ werden, lassen einen klaren Blick in die Innenwelt der Beteiligten zu.

Im Mittelpunkt steht der todgeweihte Felix - der seinem verheißendem Namen nicht gerecht wird - seine Geliebte Marie und als Nebenfigur Alfred; Felix' Freund und Arzt. Scheinbar nur ein Jahr gemeinsame Lebenszeit bleibt den Liebenden, in dem sie „verschiedene psychologische Stadien der Konfrontation mit dem Tod“ durchleben. Der anfänglich spontan geäußerte Wunsch Maries, mit Felix sterben zu wollen, kehrt sich allmählich bis zum Ende der Erzählung um. Sie entwickelt den unbedingten Wunsch, weiter leben zu wollen. Marie und Felix entfernen sich innerlich stetig voneinander. Harmonie zwischen den Liebenden ist partiell vorhanden, schwindet jedoch, je schwächer Felix wird. Sein Tod bedeutet die endgültige Trennung.

2.1. Erzähltechnik und Erzählperspektive

So schlicht diese Handlungszusammenfassung ist, so raffiniert und facettenreich ist „Sterben“ durch Schnitzlers besondere Erzählverfahren. Der konstante Wechsel zwischen „zusammenfassende[n] Bericht des auktorialen Erzählers“, des inneren Monologs und der erlebten Rede, wird der „Kampf des Bewußtseins mit dem Unterbewußten […] und [den] Untiefen der menschlichen Seele“ nachfühlbar. Die folgenden Gedankengänge Maries, in erlebter Rede, die eine Genesung von Felix noch in Aussicht stellen, machen dies deutlich.

Sie lauschte seinen Atemzügen. Nun war es ja so viel als gewiß: jede Stunde brachte ihn der Heilung näher. […] O, wie schön war es doch zu leben! Und ihr ganzes Leben war er, nur er. Ach, nun hatte sie ihn wieder, sie hatte ihn wieder, und auf immer hatte sie ihn wieder! (118)

Diese unmittelbare Erzählweise bindet Schnitzler kunstvoll in seine ansonsten konventionelle Erzählweise mit ein. Wobei der erste Satz im üblichen Präteritum wiedergegeben wird. Darauf folgt, ohne einleitende Inquit-Formel, Maries erlebte Rede. Die Subjektivität der Empfindungen wird anhand ihrer Ausrufe „O“, „Ach“ und „Nun“ und der dreimaligen Wiederholung, nun habe sie ihn wieder, verstärkt. Der Erzähler verschwindet nun ganz hinter seinen Figuren und lässt den Leser mit den spontan geäußerten Gefühlen allein. Je unmerklicher dies geschieht, um so mehr wird der Leser affiziert - er identifiziert sich gar mit den Erzählfiguren. Noch spürbarer gelingt dies mit dem inneren Monolog. Obwohl der Erzähler mit einem Satz in Maries Gedankenwelt einführt, erwirkt die zusätzlich gewählte Zeitform des Präsens eine intensivere Wirkung des Mitfühlens.

Für ihre Gedanken wollte sie deutliche Worte finden, die sie innerlich aussprechen konnte. Ich bin bei ihm, weil ich ihn liebe. Ich bringe kein Opfer, denn ich kann ja nicht anders. Und was soll nun werden? Wie lange wird es noch dauern? Es gibt keine Rettung. – Und was dann? – Was dann? (149)

Eine weitere Variante verwendet Schnitzler, wenn er „Bewußtseinszustände“ wie „phantasieren, träumen“ oder „konzentrationsunfähig[e] […] Momente“ wiedergibt, die in den Figuren scheinbar unwillkürlich entstehen. So verkraftet der immer schwächer werdende Felix die Reise von Salzburg zurück nach Wien nur noch liegend; seine Gedanken können keine „scharfen Umrisse“ mehr finden.

Ob wohl auch Leute vom Sängerfest im Zuge sind? ... Ich bin nur müde, ich bin gar nicht krank. Es sind viel Kränkere im Zuge als ich ... Ach, tut die Einsamkeit wohl ... […] Ja, Zeit und Raum, was wissen wir davon! ... Das Rätsel der Welt, – wenn wir sterben, lösen wir es vielleicht … [...] ... Ein Volkslied ... ein russisches ... eintönig ... sehr schön ... (139)

Die Punkte kennzeichnen, wie zerrissen seine Gedanken und Gefühle sind. Schnitzler vollzieht hier einen „fließenden Bewußtseinsstrom“, den er später in den Werken „Lieutenant Gustl “ (1900) und „Fräulein Else“ (1924) perfektioniert. Die anfänglichen Dialoge zwischen Marie und Felix werden vermehrt durch die erlebte Rede bzw. „(innere) Monologe“ ersetzt. „Isolierung und Einsamkeit“ der Liebenden zueinander, die immer seltener direkt kommunizieren, werden durch diese Stilmittel offenkundig. Obwohl der Leser von Felix' nahendem Tod, der Titel „Sterben“ sagt es bereits, ausgehen muss, übernimmt er zeitweilig durch die erlebte Rede Zweifel an der Prognose und Hoffnung der Protagonisten.

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656004639
ISBN (Buch)
9783656005186
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178438
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für neuere deutsche und europäische Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Literaturwissenschaft Anthropologie Schnitzler Novelle Sterben

Autor

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Titel: Der Wille zum Leben in Arthur Schnitzlers Novelle „Sterben“