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Zu: Georges Perec – „Un cabinet d’amateur“

Die Kunst der Täuschung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Georges Perec
2.1. Zur Biographie
2.2. Zur Bibliographie

3. Un cabinet d’amateur
3.1. Das Werk
3.2. Die Motive

4. Die Kunst

5. Schlussbemerkung

Tabellen

Quellen

Anhang

1. Einleitung

„Worte zu dem zu finden, was man vor Augen hat - wie schwer kann das sein. Wenn sie dann aber kommen, stoßen sie mit kleinen Hämmern gegen das Wirkliche, bis sie das Bild aus ihm wie aus einer kupfernen Platte getrieben haben.“

(Walter Benjamin)

Im Rahmen des Hauptseminars „Kunst- und Schreibprozesse im Roman“ beschäftigte mich das Thema der Darstellung von Kunstobjekten im Roman. Es interessiert mich dabei besonders, auf welche Art die Kunst dargestellt wird. Ein Gemälde zu beschreiben, anstatt es mit eigenen Augen zu sehen scheint fast unmöglich, ebenso wie es nicht möglich ist, den Text eines Liedes niederzuschreiben, um Melodie und Rhythmus erfassen zu können. Die im Seminar vorgestellte Literatur beweist, dass es nicht vollkommen unmöglich sein muss. Es gibt viele verschiedene Arten, Kunstobjekte in Schriftform darzustellen. Ich werde im Folgenden eine davon vorstellen.

Un cabinet d’amateur von Georges Perec scheint auf den ersten Blick eine wahllos zusammengestellte Anhäufung von Bildbeschreibungen ohne Zusammenhang zu sein. Perec fügt aber geschickt Elemente aus anderen Medien ein und verwendet verschiedene Erzählstile, um den Ablauf interessant zu gestalten.

Diese Elemente machen das Buch zu einem spannenden Objekt der Forschung. Die Frage der Authentizität und die sehr bedeutende Frage „was ist Kunst?“, stellt sich ebenfalls bei der Lektüre des Romans. Mein Anliegen ist es, die intermedialen Beziehungen und die komplexe Frage nach Kunst oder Fälschung, die dieses Buch stellt, aufzuklären und ein möglichst umfangreiches Bild über die verworrenen Strukturen des fiktiven Kunstkabinetts zu liefern

2. Georges Perec

2.1. Zur Biographie

George Perec wurde am 7. März 1936 als Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen in Paris geboren. Während des zweiten Weltkrieges verschwand Perecs Mutter, sein Vater starb an den Verletzungen aus dem Krieg. Dass Perec auf diese Weise schon früh seine Eltern verlor, beeinflusste auch seine späteren Werke. Er nimmt in W ou le souvenir d’enfance konkreten Bezug auf diese speziellen Erinnerungen aus seiner Kindheit. Aber er wurde schon bald in eine neue Familie aufgenommen. Seine Tante und sein Onkel adoptierten ihn.

Nach seiner verkürzten Zeit in der französischen Armee heiratete er Paulette Petras. Diese Verbindung wird wichtig in Hinblick auf das Klappenbild des Buches Un cabinet d’amateur. Denn eine Bekannte von Paulette, Isabelle Vernay-Levèque, fertigte ein Gemälde an, das sie „un cabinet d’amateur“ nannte. Das Bild auf dem Cover des Buches ist eine Nachahmung dieses Gemäldes.

Im Jahr 1967 trat Perec der Künstlergruppe OuLiPo[i] bei. Die Mitgliedschaft in diesem Kreis von Autoren, die ihren Werken spezielle formelle Zwänge auferlegten – wie beispielsweise der Verzicht auf einzelne Buchstaben oder Laute – und die Bekanntschaft mit vielen zeitgenössischen Größen, beeinflusste Perecs Arbeit eindeutig.

Als 1978 der Roman La Vie mode d' emploi den Prix Médicis[ii] gewann, verschaffte dies Perec den nötigen Erfolg und die finanziellen Mittel, um sich ganz auf seine Arbeit als Autor zu konzentrieren.

Nach mehreren Jahren in Australien, wo er eine Dozentenstelle innehatte, erkrankte er an Lungenkrebs, nachdem er viele Jahre hindurch starker Raucher gewesen war.

Im März 1982 starb der Autor, der oft als einer der wichtigsten Nachkriegsautoren bezeichnet wird, an den Folgen des Krebses.

2.2. Zur Bibliographie

Georges Perecs Bibliographie liefert ein sehr umfangreiches Bild über die Arbeit eines Autors, der sowohl mit Wortwitz und Esprit, aber auch mit Melancholie und Illusion umzugehen weiß. Hier soll nun ein kleiner Teil davon wiedergegeben werden.

Sein erster Roman, Les Choses, wurde 1965 mit dem Prix Renaudot[iii] ausgezeichnet. Dies war zwar ein guter Anfang in das Schriftstellerleben, erbrachte aber leider nicht den erhofften finanziellen Erfolg.

Die Einflüsse des Künstlerkreises OuLiPo, dem er 1967 beitrat, werden an seinem 1969 erschienen Roman La disparition offensichtlich. In diesem Roman verzichtet er vollkommen auf den Buchstaben „e“.

Ein gegensätzliches Werk hierzu stellt die 1972 verfasste Novelle Les revenentes dar. Sie ist ein experimentelles Werk, in dem der Buchstabe “e” der einzige Vokal ist, der verwendet wird.

Das letzte hier genannte Werk ist ein Palindrom, das Perec in Form eines Briefes an „EDNA D’NILU“ verfasste. Der Brief umfasst mehr als 1300 Wörter. Von der Anschrift bis zur Unterschrift hin ist der Brief vollständig rückwärts lesbar.

Diese kleine Auswahl aus den Werken Georges Perecs soll die Vielfältigkeit seiner Arbeit hervorheben, keinesfalls aber die Werke in irgendeiner Form wertend eingrenzen. Allein aus Platzgründen ist es nicht möglich all seine Werke, ob Romane, Filme oder Tonbandaufnahmen, vorzustellen.

3. Un cabinet d’amateur

Der Titel des Romans, Un cabinet d’amateur, bedeutet übersetzt ungefähr „Ein Kunstkabinett“, bezeichnet also eigentlich eine private oder, selten, öffentliche Sammlung verschiedenster Kuriositäten oder Kunstwerken, wie man sie seit dem 14. Jahrhundert bei adeligen und gebildeten Bürgern, oder solchen, die es sein wollten, vorfinden konnte. Solche „Wunderkammern“, meist aus der Spätrenaissance, wurden erst im 19. Jahrhundert von spezialisierten Museen abgelöst, die die Bestandteile der Wunderkammern in einzelne Bereiche gliederten und in ordentlicher Form ausstellten.

Der Roman selbst ist auch ein wenig wie ein Kunstkabinett. Es werden seltsame Ereignisse und eine große Sammlung von fiktiven oder realen Kunstwerken vorgestellt. Zwar wird deren Echtheit anfangs nicht angezweifelt. Aber am Ende erklärt der Autor selbst, es sei alles Fälschung – die Gemälde in der Handlung – und Fiktion – die Handlungen und Gemälde im Roman. Die allgemeine Verwunderung über diese Art Erzählung entspricht genau der Bedeutung und dem Zweck eines Kunstkabinetts: das bewundern kurioser Objekte, die Verwunderung, die der Betrachter angesichts der zahllosen Raritäten und künstlerischen Objekten empfindet.

3.1. Das Werk

1979 schrieb Georges Perec den Roman Un cabinet d’amateur. Die Inspiration zu diesem Werk obliegt zwar der bloßen Vermutung, könnte aber ein Bild von Isabelle Vernay-Levèque sein, deren gleichnamiges Gemälde auch als Vorlage für den Einband des Buches dient. Diese Vermutung liegt nahe, da sich eine Verbindung zwischen Georges Perec und Isabelle Vernay-Levèque herstellen lässt. Denn die Künstlerin war eine Bekannte von Perecs Frau, Paulette Perec.

Der Roman handelt von dem Gemälde Ein Kunstkabinett (s. Bildanhang) sowie dessen Besitzer, Hermann Raffke. Das Kunstwerk bestimmt sowohl den Titel, als auch die Struktur des Romans.

„»Das Bild stellt einen großen, rechteckigen Raum ohne sichtbare Türen und Fenster dar, dessen drei sich dem Betrachter darbietende Wände ganz mit Gemälden bedeckt sind. [...]«“ [iv]

Ein Kunstkabinett wurde von dem deutsch stämmigen, in Amerika lebenden Künstler Heinrich Kürz auf Wunsch des Kunstliebhabers und Sammlers Hermann Raffke angefertigt. Das Bild sollte den neuen Mittelpunkt seiner Kunstsammlung darstellen, die er über viele Jahre hinweg in der gesamten Welt auf Auktionen ersteigerte.

Das Gemälde wird ausgestellt und entwickelt sich zu einem Publikumsmagnet. Dabei stellt es auf den ersten Blick „nur“ den Sammler Raffke in einem Sessel vor einer Auswahl seiner Sammlung sitzend dar. Aber: Mittelpunkt der dargestellten Werke auf dem Gemälde ist das Gemälde selbst. So wird es in sich selbst potenziert. Es vervielfältigt sich mindestens fünffach. Jede Version ist dabei ein klein wenig anders als die eigentliche Version des Gemäldes. Den Betrachtern fallen im Laufe der Zeit immer mehr Abweichungen in den einzelnen Wiederholungen auf. So integrierte der Künstler beispielsweise in die verschiedenen Versionen der dargestellten Werke die gesamte Familie Hermann Raffkes.

[...]


[i] Abkürzung von L' Ou vroir de Li ttérature Po tentielle (franz. "Werkstatt für Potentielle Literatur")

[ii] Der Prix Médicis ist ein französischer Literatur- Preis, der jedes Jahr im November verliehen wird. Er wurde 1958 von Gala Barbisan und Jean- Pierre Giraudoux gegründet. Verliehen wird der Preis an solche Autoren, deren Talent noch nicht von ihrem Ruhm eingeholt wurde.

[iii] Der Prix Renaudot (auch "Prix Théophraste Renaudot" genannt) ist ein Literaturpreis, der 1925 von zehn Kunstkritikern erfunden wurde, die auf die Verkündung der Ergebnisse für den Prix Goncourt warteten. Er wird an Autoren vergeben, die sich als herausragende Prosaautoren der französischen Sprache hervorheben. Der Preis ist zwar nicht offiziell mit dem Prix Goncourt verbunden, gilt aber sozusagen als Ergänzung zu diesem, da er am selben Tag und am selben Platz vergeben wird. Im Restaurant “Drouant” in Paris am ersten Dienstag im November.

[iv] Georges Perec: Ein Kunstkabinett; Carl Hanser Verlag, 1989; S. 15

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656004707
ISBN (Buch)
9783656005247
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178424
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Georges Perec Kunstkabinett Kunst Literatur Fälschung

Autor

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