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Die Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus

Eine Darstellung anhand von Max Frischs Drama „Andorra“

Seminararbeit 2008 17 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Pierre Bourdieus Sozialisationstheorie - Eine Darstellung am Beispiel des Stückes „Andorra“
2.1 Pierre Bourdieu
2.1.1 Leben und Werk
2.1.2 Die Sozialtheorie
2.2 Andorra
2.2.1 Entstehungsgeschichtlicher Hintergrund des Dramas
2.2.2 Anwendung der bourdieuschen Sozialisations- theorie auf das Stück

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was war zuerst? Das Ei oder das Huhn? Sind Frauen sensibler als Männer? Und wenn ja, warum? Schwierige Fragen, die im übertragenen Sinne den Kern der Sozialtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu darstellen. Anhand umfangreichen empirischen Materials hat dieser die Mechanismen erforscht, welche das Wahrnehmen, Denken und Handeln des Einzelnen sowie auch des Kollektivs orientieren und aufzuzeigen versucht, wie sich dies konstitutiv auf die Struktur der jeweiligen Gesellschaft auswirkt.

Diese Arbeit soll ein Versuch sein, durch die Erläuterung und anschauliche Darstellung der bourdieuschen Sozialisationstheorie anhand Frischs gesellschaftskritischen Dramas „Andorra“ erneut darauf aufmerksam zu machen, dass die Phänomene, Klasse bzw. soziale Position und das ihr entsprechende Verhalten, Aussehen etc. sich gegenseitig bedingen und konstituieren und den Absolutheitsanspruch so mancher gesellschaftlicher Mythen und (Wert-)Vorstellungen zu nivellieren. Denn es gibt unzählige Stereotypen und Vorurteile, die auf dem Aussehen, der Herkunft und auch der religiösen Orientierung einer Person beruhen und unsere Wahrnehmung gravierend beeinflussen. Sie verdichten sich zu einem komplexen Konstrukt darüber, was als „normal“ angesehen wird. Alles, was dem nicht entspricht, wird diskriminiert, obwohl die „Andersartigkeit“ nur in den gesellschaftlichen Mythen besteht. Sie können einen so starken Einfluss auf das diskriminierte Individuum ausüben, dass es zur Identifikation mit sich selbst keinen anderen Weg sieht, als die Rollenerwartungen, die seine Umwelt an es richtet, letztlich zu erfüllen und ihnen so ihre scheinbare Legitimität verschafft.

Ich werde zunächst kurz auf Leben und Werk Bourdieus eingehen, um darzulegen, um seine Arbeit in einen größeren wissenschaftlichen Rahmen einzubetten. Sodann werde ich eine Skizze der Sozialisationstheorie anfertigen um diese schlussendlich auf Max Frischs (1911-1991)[1] Stück „Andorra“ anzuwenden und anhand dessen anschaulicher darzustellen. Vor diesem letzten Schritt nehme ich eine zeitgeschichtliche Einordnung des Dramas vor, um meine Ausführungen leichter nachvollziehbar zu machen. Erwähnt sei an dieser Stelle noch kurz, dass der Anspruch dieser Arbeit weniger ein literaturwissenschaftlicher, denn ein pädagogischer sei, dessen primäres Ziel die anschauliche Darstellung der Theorie und nicht die lückenlose Analyse des dazu herangezogenen Textes ist. Von einer umfassenden Synopsis des durchaus populären Dramas werde ich deshalb absehen.

2. Pierre Bourdieus Sozialisationstheorie - Eine Darstellung am Beispiel des Stückes „Andorra“

2.1 Pierre Bourdieu

2.1.1 Leben und Werk

Pierre Bourdieu wurde am 01. August 1930 in Denguin/Frankreich geboren.[2] Der Sohn einfacher Leute besuchte das elitäre „École Normale Supérieure“ in Paris, dem eine beeindruckende akademische Karriere folgte, die in einer Professur am „Collège de France, [dem] angesehensten französischen Forschungsinstitut“[3] in den Jahren 1982-2002 kulminiert. Als sein Hauptwerk gilt sein 1979 erschienenes Buch “Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“, in welchem Bourdieu in Anlehnung an Marx und Weber eine Theorie sozialer Schichtung entwirft.[4] Er, der vehementer Verfechter des Strukturalismus war, zeichnet darin anhand umfangreichen empirischen Materials nach, inwiefern das Denken, Wahrnehmen und Handeln sozialer Akteure von ihrer Position innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen determiniert ist und diese wiederum hervorbringt. Bourdieu kritisiert außerdem, dass die Wissenschaft, welche die einflussreichste Determinante bei der Hervorbringung sozialer Strukturen darstellt, diese Macht zu ihren eigenen Zwecken missbraucht, anstatt sie zum Wohle der gesamten Gesellschaft einzusetzen.[5] Bourdieus Hauptaugenmerk liegt also auf kulturell vermittelten Handlungsmustern, weswegen seine Forschung der Kultursoziologie zuzuordnen ist. Größter Kritikpunkt an der makroperspektivischen Sozialtheorie Bourdieus, deren Gültigkeit er selber als universell ansah[6], ist jener, seine Untersuchungen beschränkten sich zu sehr auf die französische Gesellschaft[7] und ließen kulturelle Unterschiede außen vor. Ihm wird zudem oftmals vorgeworfen, seine Theorie sei zu deterministisch, was im Folgenden zu untersuchen sein wird. Pierre Bourdieu starb am 23. Januar 2002 in Paris an den Folgen einer Krebserkrankung.[8]

2.1.2 Die Sozialtheorie

Bourdieus Sozialtheorie setzt sich im Wesentlichen aus den drei Theorien bezüglich dessen, was er „Habitus“, „Feld“ und „Kapital“ nennt, sowie den Modellen des sozialen Raums und der sozialen Klassen zusammen, die nachfolgend erläutert werden soll. Da all jene miteinander korrespondieren und sich teilweise überschneiden bzw. gegenseitig bedingen, mag es dabei zu Dopplungen kommen.

Laut Bourdieu ist jeder Mensch, d.h. jeder „soziale Akteur“ durch inkorporierte individuelle und kollektive Erfahrungen geprägt. Und zwar einerseits gesellschaftlich, da er als soziales Wesen im wechselseitigen Austausch mit seinem Umfeld d.h. seinen Mitmenschen steht, aber auch historisch im Sinne „vergessener Geschichte“, die seine (oder der Gesellschaft) Vorfahren inkorporiert und unbewusst an ihre Nachfolger weitergegeben haben.[9] Daraus ergibt sich ein System von weitestgehend unbewussten Dispositionen, die in Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata das manifestieren, was Bourdieu den „Habitus“ nennt.[10] Dieser dient dem Individuum zur Orientierung in der sozialen Welt und ist als Erzeugungsmodus verschiedener Formen sozialer Praxis Grundlage des „sozialen Sinns“, der dem Akteur hilft, in den verschiedenen Aktionsfeldern über Angemessenheit und Unangemessenheit von Handlungen zu urteilen.[11] Er funktioniert nach Bourdieu „‚mit der automatischen Sicherheit eines Instinkts’, also jenseits aller expliziten Überlegungen und Reflexionen“[12], ja manifestiert sich in einer „körperlichen Hexis“ sogar in der Physiognomie eines Menschen, bedingt seine Körperhaltung, seine Art, sich zu bewegen oder zu artikulieren.[13] Der Habitus seinerseits ist dabei bestimmt durch die Verinnerlichung der jeweiligen Position, welche der soziale Akteur im gesellschaftlichen Gefüge einnimmt und beinhaltet somit auch immer „klassenspezifische Faktoren“.[14] Der Habitus ist also sowohl „modus operandi“ d.h. strukturierende Struktur als auch „opus operatum“, also strukturierte Struktur.[15] Die habituellen Dispositionen reproduzieren folglich diejenigen sozialen Bedingungen, deren Produkt sie selber sind. Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle allerdings, dass der Habitus lediglich „die Grenzen möglicher und unmöglicher Praktiken festlegt, nicht aber die Praktiken an sich.[16] Innerhalb dieser Grenzen bleibt dem Individuum Raum für Variationen. In der gleichen sozialen Klasse kann sich der Habitus der Akteure folglich (begrenzt) verschiedenartig gestalten, was von den Angehörigen dieser Klasse als Individualität wahrgenommen wird.[17] Es sind also verschiedene „Praxisformen“ möglich.[18] Der (Klassen-)Habitus ist außerdem kein statisches, immer gleich bleibendes System sozialer Dispositionen, sondern als „Produkt einer Geschichte […] ‚in unaufhörlichem Wandel begriffen’“.[19] Dieser findet primär in Krisensituationen statt, wenn sich der bisherige Habitus als ineffektiv und überholt herausstellt.[20]

Um nun genauer verstehen zu können, inwiefern sich der Habitus auf den Alltag eines jeden Individuums auswirkt und wie er sich darin manifestiert, ist es nötig, sich den gesellschaftlichen Rahmen, in dem dies stattfinden, genauer anzuschauen, womit wir beim Modell des „sozialen Raumes“ und der „sozialen Klassen“ angelangt wären. Ersteren definiert Bourdieu als einen „Raum objektiver sozialer Positionen“[21], in welchem sich die sozialen Ungleichheitsverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft darstellen. Er entwirft dieses Modell anhand eines Achsenkreuzes, dessen Vertikale das so genannte “Kapitalvolumen“ bezeichnet, d.h. die Summe allen ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals, welches ein Individuum oder eine Klasse innehat.[22] Die Horizontale hingegen benennt er als „Kapitalstruktur“, d.h. „das relative Verhältnis der Kapitalarten zueinander.“[23] Auch die „soziale Laufbahn“ eines Individuums oder einer Klasse ist Kriterium zur Bestimmung seiner Position im sozialen Raum. Es handelt sich dabei um die Frage nach der Tendenz zum sozialen Auf- oder Abstieg der Akteure. Das Konstrukt dieses so entstehenden „sozialen Raumes“ basiert auf der Auswertung umfassenden empirischen Materials über „Einkommensverhältnisse, Berufsqualifikation, soziale Herkunft usw. [in der französischen] Gesellschaft der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre“[24], besitzt also großen Realitätsbezug.

[...]


[1] Peter Pfützner. Erläuterungen zu Max Frisch. Andorra. Stück in zwölf Bildern. 8.

[2] Portrait – Pierre Bourdieu. http://www.suhrkamp.de/autoren/autor.cfm?id=535 (25. März 2008).

[3] Franzjörg Baumgart. Theorien der Sozialisation. Erläuterungen, Texte, Arbeitsaufgaben. 199.

[4] ders., 199.

[5] ders., 199.

[6] Markus Schwingel. Pierre Bourdieu zur Einführung. 21.

[7] ders., 103.

[8] Portrait – Pierre Bourdieu. http://www.suhrkamp.de/autoren/autor.cfm?id=535 (25. März 2008).

[9] Schwingel, 62.

[10] ders., 62/63.

[11] ders., 63.

[12] ders., 64.

[13] Pierre Bourdieu. Die feinen Unterschiede. 309.

[14] Schwingel, 66.

[15] Bourdieu, 281.

[16] Schwingel, 69.

[17] ders., 72.

[18] Bourdieu, 278.

[19] Schwingel, 66.

[20] ders., 80.

[21] ders., 106.

[22] ders., 107.

[23] Schwingel, 107.

[24] ders., 107.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656003823
ISBN (Buch)
9783656005278
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178409
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Schlagworte
sozialisationstheorie pierre bourdieus eine darstellung frischs drama andorra

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