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Informelles Lernen in Lernprozessen von Erwachsenen

Seminararbeit 2008 18 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Informelles Lernen in Lernprozesse von Erwachsenen
2.1 Formelles, nonformales und informelles Lernen – Versuch einer Begriffsbestimmung
2.2 Formen informellen Lernens
2.2.1Erfahrungslernen
2.2.2 Implizites Lernen
2.3 Erfahrungswissen, Kompetenzentwicklung und reflexive Handlungsfähigkeit
2.4 Orte informellen Lernens in Lernprozessen von Erwachsenen
2.4.1 Lernen im Alltag
2.4.2 Lernen im Prozess der Arbeit

3. Fazit

1. Einleitung

Die Globalisierung ist in vollem Gange. Angestellte großer Unternehmen arbeiten über nationale Grenzen hinaus. Der Arbeitsplatz ist dabei oft das eigene Zuhause. Feste Arbeitszeiten werden zur Ausnahme, wenn die wichtigsten Vereinbarungen in kontinentübergreifenden Telefonkonferenzen geschlossen werden, wobei den zeitlichen Unterschieden gerecht zu werden ist. Mit Hilfe neuer Kommunikationsmedien wie des Internets sind wichtige Informationen nahezu jederzeit von überall aus verfügbar. Diese Entgrenzung und Technologisierung ermöglicht also in zunehmendem Maße den Zugang zu bisher verschlossenen Wissenspools. Sie sorgt dafür, dass unsere Gesellschaft sich zusehends mehr in Richtung einer Wissens- und Informationsgesellschaft entwickelt, die mit anderen Ländern Tag und Nacht um das beste Wissen zum besten Zeitpunkt kämpft.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn diese Umstände sich auch im Bereich der Bildung, der schließlich eine der Grundlagen des Wissenserwerbs darstellt, niederschlagen. Die Teilnahme an den international vergleichenden PISA-Studien, die Einführung von Studiengebühren, die Debatte um Elite-Universitäten sowie die endgültige Ablösung der alten Studienabschlüsse durch das international anerkannte Bachelor/Master-System sind Anzeichen diesen Trends. Deutschland rüstet auf, um im Kampf um die Weltspitze konkurrenzfähig zu bleiben. Deshalb wird seit einigen Jahren auch hierzulande vermehrt Augenmerk auf das Phänomen des „informellen Lernens“ gelegt, das beispielsweise in den USA schon seit längerer Zeit Beachtung findet. Denn in einem Zeitalter, wo das Verfallsdatum von Wissen immer schneller näher rückt und (lebenslanges) Lernen die vorherrschende Lebensform darstellt, wird in wachsendem Maße nach alternativen Lernformen gesucht, die den Anforderungen der heutigen Lebens- und Arbeitswelt, gerecht werden.[1] Das „informelle Lernen“, das zumeist unbewusst und nicht intendiert vonstatten geht, scheint hierfür die Lösung zu sein, da es gegenüber dem formellen Lernen weitaus zeit- und kostenökonomischer ist und so maßgeblich zur Wettbewerbsfähigkeit moderner Unternehmen beiträgt.

In dieser Arbeit werde ich mich deshalb mit verschiedenen Aspekten dieser Lernform in Hinblick auf die Erwachsenenbildung befassen. Da sich die Forschung bis heute nicht darüber einig ist, was sich genau hinter dem Begriff des „informellen Lernens“ verbirgt, werde ich zunächst versuchen, eine zufrieden stellende Definition desselben – in Abgrenzung von formalem und nicht-formalem Lernen – zu finden. Sodann werde ich mit der Untersuchung des Erfahrungslernens und des impliziten Lernens auf die beiden dominanten Phänotypen informellen Lernens zu sprechen kommen, um im Anschluss darzustellen, welche Umgebungen potentielle Lernorte für informelle Lernprozesse bei Erwachsenen darstellen.

2. Informelles Lernen in Lernprozessen von Erwachsenen

2.1 Formelles, nonformales und informelles Lernen – Versuch einer Begriffsbestimmung

Um den Begriff des informellen Lernens genauer zu fassen zu können, erscheint es sinnvoll, zunächst auf die Begrifflichkeiten „formelles“ und „nonformales Lernen“ einzugehen und ersteren schließlich davon abzusetzen. Diese Unterscheidung erfolgt hier – wie auch ansonsten üblich[2] – vor allem in Hinblick auf die jeweilige Organisationsform.

Unter „formellem Lernen“ versteht die Pädagogik gemeinhin das Lernen innerhalb von Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen[3], welches die „Vermittlung festgelegter Lerninhalte und Lernziele in organisierter Form“[4] beabsichtigt. Das zu Lernende wird dabei zumeist von einem Spezialisten des jeweiligen Gebietes didaktisch-methodisch aufbereitet, ist also fremdgesteuert[5], während die Lernziele und das zu ihrem Erreichen nötige Curriculum für die Lernenden von Beginn an ersichtlich ist.[6] Formelles Lernen ist in hohem Maße theoretisch und kontext- bzw. praxisfern ausgerichtet. Derartige Lernprozesse schließen mit einem Zertifikat oder einer Bescheinigung, die Lernergebnisse sind also messbar.[7] Typische Beispiele für diese in sich geschlossene Art des Lernens sind Seminare, Workshops oder auch das sogenannte „Structured Learning on the Job“.[8]

Eine Definition der Lernkategorie des „nonformalen“ oder auch „nicht-formalen Lernens“ hingegen, erweist sich als schwieriger und weniger scharf konturiert. Einige Wissenschaftler, unter ihnen Peter Dehnbostel, begnügen sich mit eine Zweiteilung in formelles und informelles Lernen, fassen also die nicht-formelle Form als Unterkategorie des letzteren.[9] Dabei erscheint die Erweiterung um eine dritte Lernkategorie als durchaus sinnvoll, umfasst der Begriff des informellen Lernens ansonsten doch so viele verschiedene Aspekte, dass seine Definition ungenau und schwammig zu werden droht. So definieren z.B. die Kommission der Europäischen Gemeinschaften und auch Günther Domen[10] das nicht-formale Lernen hauptsächlich darüber, dass es – im Gegensatz zum formellen Lernen – in der Regel außerhalb von Bildungsinstitutionen stattfindet und nicht mit der Zertifizierung des Gelernten abgeschlossen wird.[11] Wie jenes ist es dabei jedoch durchaus zielgerichtet und kann sowohl selbst- als auch fremdorganisiert – in Form von beispielsweise Tenniskursen, Fahrschulbesuchen oder auch Kochkursen[12] – ablaufen. In non-formalen Lernenprozessen wird zudem häufig auf formelle Lernmaterialien wie z.B. Lehrbücher oder -kassetten zurückgegriffen.[13]

Auch bei der Definition des informellen Lernens sind sich die Wissenschaftler bisher nicht einig. Allen Ansätzen gemeinsam sind allerdings einige Merkmale, die hier dargestellt werden sollen. Wesentliche Eigenschaft des informellen Lernens ist dabei, wie schon beim nonformalen Lernen, dass dieses überwiegend außerhalb von Bildungseinrichtung vonstatten geht[14] und nicht zur Zertifizierung und Validierung führt.[15] Es bezeichnet vielmehr „Lernprozesse im Bereich der täglichen Erfahrung und in der Auseinandersetzung mit der Umwelt, […] die zu einer Aneignung von Wissen und Fähigkeiten führen.“[16] Informelles Lernen findet also in fast allen denkbaren Lebenssituationen auf alle möglichen Weisen statt – bei der Arbeit, in der Familie, durch Konversation und Beobachtung, durch Nachahmung, als Resultat von Erfolgen sowie Misserfolgen u.v.m.[17]. Das informelle Lernen folgt also keinem festgelegten Lehrplan und wird nicht von einem vorgebildeten Spezialisten vermittelt.[18] Es ist vielmehr ein spontanes, hochgradig kontextgebundenes Lernen in der Praxis, das sich aus „Arbeits- und Handlungserfordernissen“[19] ergibt und dessen Lernergebnis Resultat realer „Situationsbewältigung und Problemlösung“[20] ist. Die Lernprozesse unterliegen hier der Kontrolle des Lernenden, ihr Erfolg ist von dessen persönlicher Motivation abhängig. Außerdem findet informelles Lernen freiwillig statt und kann sowohl intendiert als auch komplett unbewusst und beiläufig geschehen.[21] Es macht nach allgemeiner Auffassung etwa 70% allen menschlichen Wissenserwerbs aus.[22]

Das informelle Lernen wird gemeinhin in zwei verschiedene Unterformen eingeteilt, nämlich einerseits das sogenannte „reflexive Erfahrungslernen“, dem das „implizite Lernen“ gegenübersteht.[23] Beide Formen sollen im Folgenden näher erläutert werden.

2.2 Formen informellen Lernens

2.2.1 Erfahrungslernen

Als Teil des informellen Lernens definiert sich das Erfahrungslernen zunächst selbstverständlich über die zuvor geschilderten Charakteristika informeller Lernformen. Was aber verbirgt sich genau hinter diesem Begriff und inwiefern unterscheidet sich das Erfahrungslernen vom ihm gegenübergestellten impliziten Lernen? Nach einer Definition von Günther Dohmen bezeichnet Erfahrungslernen „das direkte Verarbeiten von Primärerfahrungen [aus allen Lebensbereichen] zu jeweils handlungs- und problemlösungsrelevantem Wissen.“[24] Primärerfahrungen bezeichnen dabei all diejenigen Erfahrungen, welche dem Lernenden persönlich widerfahren. Ihnen gegenüber stehen die sogenannten „Sekundärerfahrungen“, Erfahrungen anderer, die bereits zu „fertigem Wissen“[25] aufbereitet wurden. Kennzeichnend für das Erfahrungslernen ist, dass Erlebnisse über Reflexion bewusst verarbeitet werden um so zur Erkenntnis zu gelangen.[26] Dies kann nur geschehen, wenn „Erfahrungen anschließen an bereits […] erarbeitete Wissenszusammenhänge.“[27] ein Grundstock an bekannten Selbst- und Fremderfahrungen ist also unabdingbar, die Biographie des Individuums entscheidet über Glücken oder Scheitern des Lernens über Reflexion in der jeweiligen Situation.[28] Neben dieser ist außerdem ausschlaggebend für die aktive Verarbeitung von Erfahrungen und Handlungen, dass diese nicht Teil von Routinen und Automatismen sein dürfen, „sondern in Probleme, Herausforderungen und Ungewissheiten eingebunden sind“[29], da hauptsächlich so der Anstoß zur aktiven Lösungssuche über Reflexion gegeben wird. Auch die Lernumgebung und ihre Gestaltung tragen maßgeblich zu Erfolg und Umfang des Erfahrungslernens bei. So bieten manche Umgebungen dem Individuum mehr Chancen zum Erwerb neuen Wissens als andere, worauf unter 2.3 genauer eingegangen werden soll.

[...]


[1] Claus J. Tully (Hrsg.). Lernen in flexibilisierten Welten. Wie sich das Lernen der Jugend verändert. 16.

[2] Katrin Winkler und Heinz Mandl, „Kognitions- und lernpsychologische Zugänge zum informellen Lernen.“ In: Künzel, Klaus (Hg.): Informelles Lernen – Selbstbildung und soziale Praxis

[3] Bernd Overwien, „Informelles Lernen – zwischen ökonomischen Interessen und selbstbestimmtem Lernen.“ In: Künzel, Klaus (Hg.): Informelles Lernen – Selbstbildung und soziale Praxis. 14.

[4] Peter Dehnbostel, „Informelles Lernen in betrieblichen und arbeitsbezogenen Zusammenhängen.“ In: Künzel, Klaus (Hg.): Informelles Lernen – Selbstbildung und soziale Praxis. 146.

[5] Dieter Kirchhöfer, Informelles Lernen in alltäglichen Lebensführungen. Chancen für die berufliche Kompetenzentwicklung. 38.

[6] ders., 146.

[7] Overwien, 14.

[8] Dehnbostel, Informelles Lernen in betrieblichen und arbeitsbezogenen Zusammenhängen 147.

[9] Peter Dehnbostel, Gabriele Molzberger und Bernd Overwien. Informelles Lernen in modernen Arbeitsprozessen dargestellt am Beispiel von Klein- und Mittelbetrieben der IT-Branche. 30ff.

[10] Sebastian Wurm. Informelles Lernen. Ein Überblick. 16ff.

[11] Winkler, 47/48.

[12] Overwien, 11.

[13] Hans G. Bauer, Michael Brater, Ute Büchele, Hilmar Dahlem, Anna Maurus und Claudia Munz. Lernen im Arbeitsalltag. Wie sich informelle Lernprozesse organisieren lassen. 145.

[14] Winkler, 48.

[15] Dehnbostel, Informelles Lernen in modernen Arbeitsprozessen, 31.

[16] ders., 48.

[17] Madhu Singh. „Social Recognition of Informal Learning in Different Settings and Cultural Contexts.“ In: Künzel, Klaus (Hg.): Informelles Lernen – Selbstbildung und soziale Praxis. 96.

[18] Overwien, 11.

[19] Dehnbostel, Informelles Lernen in betrieblichen und arbeitsbezogenen Zusammenhängen 146.

[20] ders.,146.

[21] Overwien, 8-10.

[22] Kirchhöfer, 38.

[23] Winkler, 48.

[24] Günther Dohmen. Das informelle Lernen. Die internationale Erschließung einer bisher vernachlässigten Grundform menschlichen Lernens für das lebenslange Lernen aller. 27.

[25] Wurm, 26.

[26] Wurm, 20.

[27] Wurm, 26.

[28] Kirchhöfer, 86.

[29] Dehnbostel, Informelles Lernen in modernen Arbeitsprozessen, 33.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656003830
ISBN (Buch)
9783656005285
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178408
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,7
Schlagworte
informelles lernen lernprozessen erwachsenen

Autor

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Titel: Informelles Lernen in Lernprozessen von Erwachsenen