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Fernsehproduktion in einem Theaterstück: Intermedialität und Intertextualität im Drama von Albert Ostermaier „The Making Of. B-Movie“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 26 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Besonderheit der Medien ‚Literatur‘, ‚Theater‘, ‚Film‘ und ‚Fernsehen‘ im Einzelnen und im Vergleich
2.1 Das Verhältnis der Medien vor ihrem historischen Hintergrund
2.2 Begriffliche Unterschiede: Möglichkeiten und die Mängel
2.3 Die Masse und das Individuum: Bildung versus Unterhaltung
2.4 Literatur als verbindendes Moment zwischen Film und Theater
2.5 Unterscheidungsmomente zwischen Theateraufführung und Film
2.6 Weitere Gemeinsamkeiten zwischen ‚Theater‘, ‚Film‘ und ‚Fernsehen‘
2.7 Die Bedeutung der Theateraufnahme für das Fernsehen
2.8 Aus der Sicht des Außenstehenden: Die Identifikation des Publikums

3. Die Intermedialität innerhalb eines Mediums und die Beziehung zwischen den Hauptfiguren
3.1 Die Authentizität der Figur Brom und der Vergleich mit den Expressionisten
3.2 ‚Film‘ und ‚Theater‘ bei Brecht und Ostermaier
3.3 B-Movie

4. Liebesmotivik
4.1 Die sexuelle Beziehung zwischen Andree und Silber
4.2 Die von Silber geschaffene Kreatur
4.3 Die Eskalation im Kampf

5. Todesmotivik
5.1 Die mythologische Bedeutung
5.2 Beginn und Ausgang der Rivalität zwischen ‚Theater‘ und ‚Fernsehen‘

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung der Beziehung zwischen den Medien Fernsehen und Theater sowie Literatur und Film im Theaterstück von Albert Ostermaier „The Making Of. B-Movie“. Zunächst soll genauer auf die Beziehung zwischen den Medien im Einzelnen und im Vergleich eingegangen werden. Ferner wird der historische Hintergrund untersucht. Es soll unter anderem die Bedeutung von Theater und Fernsehen für Kultur und die Bildung erörtert werden. Sjaak Onderlinden vertritt den Standpunkt, dass das „Drama Ostermaiers […] nicht auf ein Massenpublikum ausgerichtet [ist] […].“[1] Im Hinblick darauf werden die Begriffe „klassisch“ und „massenorientiert“ diskutiert. Dabei soll die Wirkung der Medien auf die Öffentlichkeit und die Identifikation des Publikums mit den dargestellten Figuren in den jeweiligen Medien geprüft werden.

Das vorliegende Drama wird auch als „Komposition“[2] bezeichnet. Es soll analysiert werden, in welchem Zusammenhang die Bezeichnung „Komposition“ mit dem vorliegenden Drama steht. Es wird an Primärtextbeispielen zu zeigen sein, wie Albert Ostermaier mit den Mitteln der Montage verschiedener Medien wie Theater, Film und Fernsehen aber auch Texte arbeitet. Als ein zentraler Intertext dient das Theaterstück von Bertolt Brecht „Baal“.

Es soll zunächst das Besondere der jeweiligen Medien untersucht werden. In ihrer Gegenüberstellung wird beleuchtet, inwiefern sich die Medien gegenseitig verändern. Dabei wird eine genaue Unterscheidung aller betroffenen Medien von Bedeutung sein. Folglich soll nachgeprüft werden, ob die Beziehung zwischen den Medien als Symbiose angesehen werden kann oder ob ein Konkurrenzkampf zwischen ihnen besteht.

Die Beziehung zwischen den Hauptfiguren soll als Parallele zu der Beziehung zwischen den oben genannten Medien aus verschiedenen Perspektiven beobachtet und analysiert werden. Es soll der Idee nachgegangen werden, dass die Helden eine stellvertretende Funktion für Medien Theater und Fernsehen im Stück erfüllen. Diesbezüglich soll die letzte Szene des vorliegenden Stücks in Betracht gezogen werden. In der letzten Szene des vorliegenden Stücks bringt eine Figur eine andere um, dementsprechend lautet die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit wie folgt: Was bedeutet der Ausgang des zu analysierenden Theaterstücks für die Beziehung zwischen Fernsehen und Theater?

2. Die Besonderheit der Medien ‚Literatur‘, ‚Theater‘, ‚Film‘ und ‚Fernsehen‘ im Einzelnen und im Vergleich

Dem Vergleich der Medien ‚Literatur‘, ‚Theater‘, ‚Film‘ und ‚Fernsehen‘ liegt der Gedanke zu Grunde, dass sich in Albert Ostermaiers Theaterstück „The Making Of. B.-Movie“ diese vier Medien überschneiden: „In seinem […] Werk spielt bei Ostermaier die intertextuelle Verarbeitung von Weltliteratur, sei sie nun lyrisch, dramatisch oder filmisch, eine überragende Rolle.“[3]

Der vorliegende Primärtext soll zunächst als eine literarische Gattung, nämlich als Drama in Betracht gezogen werden. Das Drama soll als eine verbindende Gattung zwischen den Medien Literatur und Theater dienen. Das heißt, das vorliegende Drama schafft nicht nur eine Beziehung zwischen Theater, Film und Fernsehen, sondern auch um das Verhältnis zwischen Literatur und Film. Das Verhältnis zwischen Literatur und Film wird von Manfred Pfister durch die Bezeichnung des Films „als [eine] Form, in der Strukturelemente dramatischer und narrativer Texte einander überlagern“[4], hergestellt. Aus dieser Überlegung heraus, wird der Vergleich zwischen Film und Literatur zunächst allgemein und anschließend anhand des vorliegenden Primärtextes „The Making Of. B.-Movie“ unternommen.

2.1 Das Verhältnis der Medien vor ihrem historischen Hintergrund

Die Entstehung der Literatur wird in der vorliegenden Arbeit im Zusammenhang mit der Entstehung der Schrift betrachtet. Nach Walther J. Ong ist die „früheste Schrift […] 6000 Jahre alt.“[5] Die erste Filmvorführung gelingt den Brüdern Lumière 1895.[6] Das Aufkommen der Literatur oder des Schreibe- und Leseprozesses liegt also weit vor dem Aufkommen des Films. Demnach befindet sich das „ältere“ Medium der Literatur aus der allgemeinhistorischen Sicht in einer etablierten Position gegenüber dem Aufkommen des Mediums Film.

Das Medium Theater hat eine vergleichbar lange Geschichte wie das Medium der Literatur, denn schon „die Höhlenbilder der Steinzeitmenschen verraten frühe Formen des theatralen Spiels“[7]. Zudem existiert die Meinung, dass man „das Theater [auch] als Urkunst der Menschheit, die alle anderen Künste in sich birgt, sehen [könnte].“[8] Die europäische Theatergeschichtsschreibung datiert die Anfänge des Theaters mit 500 v. Chr.[9] Die Anfänge des Fernsehens sind dagegen mit dem Jahr 1884 zu datieren.[10] Das Medium Fernsehen versteht sich jedoch nicht als ein unabhängiges, vom Medium Film vollkommen getrenntes Medium[11]:

Bis heute hat der Versuch, Fernsehen aufgrund seiner Funktion einheitlich zu definieren und damit abzugrenzen gegenüber dem älteren Bruder Film […] zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt […].[12]

Die oben aufgeführten Vergleiche aus der historischen Sicht zeigen, dass sich die Medien in der Datierung ihrer Anfänge unterscheiden. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang ergibt, lautet: Gibt es einen Rückgang der Popularität eines Mediums gegenüber dem anderen aufgrund der unterschiedlichen Entstehungsgeschichte im Hintergrund? Das soll nun am Beispiel des Rückgangs des Literaturkonsums und der aufkommenden Popularität des Films untersucht werden.

Es lässt sich parallel zu dem Aufkommen des Medium Film ein Rückgang an Lesefreude in der Öffentlichkeit feststellen. So spricht Anton Kaes von einer gewissen „Literaturmüdigkeit“ in der Mitte der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Es soll also einen gewissen Verlust an Sprachlichkeit Anfang des 20. Jahrhunderts gegeben haben.[13]

Die Beziehung zwischen Sprache und Bild zu Beginn des 20. Jahrhunderts weist eine Tendenz auf, die ausführlichen schriftlichen Berichte durch Bilder zu ersetzen. Der Textanteil schrumpft und an dessen Stelle kommt das Bild. Eine Erklärung dafür ist „die größere Authentizität und stärkere Identifikation als eine noch so detaillierte Beschreibung“[14]. Ferner wird Verknappung des sprachlichen Gebrauchs mit der Flucht des Industriearbeiters in die Kinosäle mit der Stummfilmvorstellung erklärt.[15] Bedeutet dies also, exemplarisch betrachtet, dass die Zuwendung des Publikums zum Medium Film „auf Kosten“ von Leselust kompensiert worden ist? Anton Kaes nennt in dreifacher Ausführung die Gründe für den Rückgang des Literatur- beziehungsweise Bücherkonsums der Bevölkerung. Der erste Grund ist, dass „das mittlere und gehobene Bürgertum“[16], das die „kulturtragende Schicht“ darstellt, durch die Inflation wirtschaftlich geschwächt gewesen ist.[17] Der zweite Grund liegt darin, dass die zum Proletariat herabgestiegenen Selbständigen keine Produktionsmittel besitzen.[18] Bei dem dritten Grund handelt es sich um die durch den Ausbau der Bürokratie entstandene Angestelltenschicht, die ebenso mit geringen finanziellen Mitteln ausgestattet ist.[19] Dadurch ist eine Massenkultur entstanden, die dem Lesen „den amerikanischen Produktimport“ vorzieht.[20]

Es lässt sich zudem eine gegenseitige Beeinflussung zwischen der Literatur der Jahrhundertwende und dem Aufkommen des Films feststellen:

Das Hervortreten des Visuellen charakterisiert auch die Literatur der Jahrhundertwende. Bücher und Zeitschriften des Jugendstils und Expressionismus werden durch Druck und Illustrierung „bildlich“ gemacht […].“[21]

Es kann also festgehalten werden, dass es einen Rückgang in Hinsicht auf die Popularität eines Mediums gegenüber dem anderen gibt. Es ist ein Rückgang des Literaturkonsums nach dem Aufkommen des Films zu verzeichnen. Die Gründe dafür haben einen wirtschaftlichen Ursprung, jedoch keinen historischen.

Auch gibt es auf der anderen Seite Gemeinsamkeiten und Einflussnahmen innerhalb der Gegenüberstellung von Literatur und Bild. Das Beispiel der Einbeziehung des Bildhaften und des Visuellen in ein Textprodukt dient als ein Charakteristikum für die Jahrhundertwende. Dieses Beispiel dient auch als Zeichen dafür, dass die Medien von einander profitieren oder eine auf Vorteil beruhende Beziehung aufweisen.

2.2 Begriffliche Unterschiede: Möglichkeiten und Mängel

Nach der Definition von Encyclopædia Britannica bedeutet der Begriff „klassisch“ soviel wie „serving as a standard of excellence: of recognized value“[22]. Laut der Definition des Brockhaus wird das Prädikat „klassisch“ unter anderem als „mustergültig“ oder „vorbildhaft“ umschrieben.[23] Der Begriff „Literatur“ wird in der Forschungsliteratur unter anderem als „klassisches Medium“[24] bezeichnet. Demnach wird dem Medium Literatur die Rolle des „Mustergültigen“ oder „Vorbildhaften“ zugeschrieben.

Der Begriff „Kino“ oder „Film“ hingegen wird in der Forschungsliteratur als „Prototyp der kommerzialisierten Massenkultur“[25] charakterisiert. Auch für die vorliegende Arbeit ist die nähere Untersuchung dieses Phänomens von Bedeutung, denn:

Albert Ostermeier’s The Making of B.-Movie (1999) also focuses on the influence of the mass media, depicting the career of a nobody who becomes famous due to a cleverly conducted media campaign.[26]

Wie lässt sich nun das „klassische“ Medium mit dem Medium der „Massenkultur“ verbinden? Bei der Beantwortung dieser Frage erweist es sich als hilfreich, die Entwicklung des Films in Verbindung mit Sprache und Literatur einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Diese verläuft in folgenden Stufen: vom Stummfilm zum Stummfilm mit Texttafeln und Filmerklärern, dann entsteht der Film mit Ton.[27] Beim Film mit Ton werden während eines Dialogs anfangs die Hintergrundgeräusche ausgeblendet, später entstehen Filme mit Hintergrundgeräuschen.[28] So werden Bild und Sprache miteinander kombiniert.[29] Dennoch wird eine „Schwäche“ des Films darin gesehen, dass im Film nicht alles ausschließlich durch das Mittel der Sprache ausgedrückt wird.[30] Dadurch, dass ein Film nicht alles durch Mittel der Sprache ausdrücken kann, „veraltet“ ein Film schneller, wenn beispielsweise der technische Fortschritt in einem phantastischen Film dargestellt werden soll, so wird er von unserer Gegenwart bald überholt.[31] Besonders erkenntlich aber zeige sich der „Mangel“ des Films durch eine Literaturverfilmung: Monika Reif ist der Meinung, dass die Kritik in den Romanen oft in ihren Verfilmungen verloren geht.[32]

Der Versuch einer Verbindung zwischen Literatur und Film, zwischen dem „klassischen“ Medium und dem Medium der „Massenkultur“ zeigt problematische Aspekte einerseits und die Besonderheit oder Einmaligkeit des jeweiligen Mediums andererseits.

[...]


[1] Onderlinden, S.: Intertextualität ist alles. S. 308.

[2] Krausser, H.: Vorwort. S. 10.

[3] Onderlinden, S.: Intertextualität ist alles. S. 312.

[4] Pfister, M.: Das Drama. S. 48.

[5] Ong, W. J.: Oralität und Literalität. S. 10.

[6] Vgl. Paech, J.: Literatur und Film. S. 1.

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Theater#Geschichte_des_Theaters (10.10.2006).

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Theater#Geschichte_des_Theaters (10.10.2006).

[9] Balme, C.: Einführung in die Theaterwissenschaft. S. 35.

[10] Buchert, Steffen: http://www.w-akten.de/themaderwoche/deutschland-tv.phtml (10.10.2006).

[11] Zu der Rolle des Spielfilms im Fernsehen vgl. Irmela Schneider, S. 11.

[12] Moser, D.: Vom Fernsehen und vom Bücher Lesen. S. 142. Aus dieser Feststellung heraus werden in der vorliegenden Arbeit Film und Fernsehen überwiegend als zwei eng miteinander verknüpfte Medien behandelt.

[13] Vgl. Kaes, A.: Kino-Debatte. S. 20.

[14] Kaes, A.: Kino-Debatte. S. 20.

[15] Vgl. ebd.

[16] Ebd., S. 17.

[17] Vgl. Kaes, A.: Kino-Debatte. S. 17.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd., S. 20.

[20] Vgl. ebd.

[21] Ebd.

[22] Vgl. http://www.britannica.com/dictionary?book=Dictionary&va=classic&query=classic (10.10.2006).

[23] Vgl. http://www.brockhaus.de/brockhaussuche/index.php?forcetop=1&rd=/suche/abstract.php%3 Fshortname%3Db15%26artikel_id%3D30373000%26verweis%3D1 (11.10.2006) oder Brockhaus. Die Enzyklopedie in vierundzwanzig Bänden. 20., überarb. und aktualisierte Auflage. 12. Bd. KIR-LAGH. Leipzig [u.a.]: Brockhaus 1996. S. 58.

[24] Kaes, A.: Kino-Debatte. S. 11.

[25] Vgl. ebd ., S. 13.

[26] Haas, B.: A Star is Born. S. 222.

[27] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Stummfilm (11.10.2006).

[28] Vgl. Reif. M.: Film und Text. S. 167.

[29] Ebd., 169.

[30] Vgl. ebd., S. 164.

[31] Vgl. ebd ., S. 172.

[32] Vgl. ebd ., S. 171.

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656003175
ISBN (Buch)
9783656003366
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178355
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
3,0
Schlagworte
fernsehproduktion theaterstück intermedialität intertextualität drama albert ostermaier making b-movie“

Autor

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Titel: Fernsehproduktion in einem Theaterstück: Intermedialität   und Intertextualität im Drama von Albert Ostermaier „The Making Of. B-Movie“