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Klassiker des Proletarischen Films der Weimarer Republik: Propaganda und Realität

Seminararbeit 2011 54 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Der Proletarische Film

Mutter Krausens Fahrt ins Glück

Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Arbeiterschaft und Arbeiterkulturen in der Weimarer Republik

Die Sozialfaschismusthese

Das Lumpenproletariat

Lebens- und Wohnverhältnisse der Arbeiter in der Weimarer Republik und ihre Darstellung in den Filmen

Die Anhänger der marxistischen Parteien– Arbeitersolidarität in Krisenzeiten?

Die junge, starke, kommunistische Frau und fortschrittliche Männer

Kommunisten und der Paragraph

Die Rotsportler – Soldaten der Revolution?

Politische Bildung

Alkohol & Nikotin

Fazit: Die KPD Basis - spießbürgerliche Revolutionäre

Literaturangaben

Vorwort

Der Proletarische Film der Weimarer Republik war eine Antwort auf den „bürgerlichen“ Film. Einer unrealistischen Glitzerwelt sollte er das wahre und zumeist sehr harte und von finanziellen Nöten gekennzeichnete Leben der Arbeiterklasse entgegensetzen . Dieses Genres bedienten sich linke Organisationen, Gewerkschaften und auch die Arbeiterparteien SPD und KPD. In dieser Arbeit möchte ich mich dem ersten und dem bekanntestem Proletarischem Film widmen: „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929) und „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ (1932). Beide Filme stehen der KPD nahe und in beiden wird a) das Leben der Arbeiterklasse in der Weimarer Republik dargestellt und b) die klassenbewusste, revolutionäre Arbeiterschaft der kleinbürgerlich denkenden Arbeiterschaft gegenübergestellt. Ich möchte nun einerseits untersuchen, ob die Darstellung der Lebensbedingungen der Arbeiter in den Filmen der Realität nahe- kommt und andererseits, ob das Verhalten und Denken der kommunistischen Arbeiter, das in den Filmen gezeigt wird, realistisch ist.

Waren Hegel und Marx lesende Arbeitersportler die Regel? Gab es die jungen, starken, kommunistischen Frauen tatsächlich? Lebten die Arbeiter in engen, nassen Wohnungen? Zwang die finanzielle Not sie dazu, „Schlafburschen“ aufzunehmen oder sich zu prostituieren?

Waren die Kommunisten im Denken wirklich so viel fortschrittlicher als Sozialdemokraten? Wurde die Gleichberechtigung der Frau in der heimischen Stube gelebt? Dieses sind Fragen, denen ich in meiner Arbeit auf den Grund gehe.

Zu Beginn stelle ich die Filmgattung des „Proletarischen Films“ vor. Im Anschluss werde ich die beiden Filme beschreiben, die ich in meiner Arbeit untersuche: „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ und „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“. Anschließend werde ich Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Filme herausarbeiten. Dann möchte ich kurz die unterschiedlichen Arbeiterkulturen in der Weimarer Republik darstellen. Ein Kapitel widme ich der Frage danach, ob die in den beiden Filmen propagierte Arbeitersolidarität tatsächlich ausgeübt wurde. Ich stelle dann kurz die Sozialfaschismusthese vor, die die „Feindschaft“ zwischen den Arbeiterparteien KPD und SPD verfestigte. Diese ist besonders in „Kuhle Wampe“ von Relevanz. Mein Hauptaugenmerk richte ich im Folgenden auf wichtige Aspekte in den Filmen: In beiden spielen starke, junge, kommunistische Frauen eine wichtige Rolle: Doch wie sah es in der Realität der Weimarer Republik aus?

Ich beschäftige mich mit der Einstellung der kommunistischen Arbeiterschaft gegenüber weiteren Themen, die in den Filmen von Bedeutung sind: zum Paragraphen 218, zur Sexualmoral, zum Geschlechterverhältnis, zum Arbeitersport und zum sogenannten „Lumpenproletariat“. Auch ihrem Leseverhalten und ihrer Einstellung zu Alkohol und Nikotin möchte ich nachgehen. Im Fazit möchte ich darlegen wie sich die kommunistische Basis im Denken von ihrer Führung unterschied und hierfür Gründe benennen.

Der Proletarische Film

Die KPD hatte das Medium Film lange Zeit ignoriert und erst spät sein revolutionäres Potential zur Beeinflussung der Massen erkannt. 1927 wurde auf dem 11. Parteitag der KPD zur „Roten Kulturkampffront“, zur kulturellen Einheitsfront gegen Kultur und Schulreaktion, aufgerufen. Dem bürgerlichen Film wurde vorgeworfen gesellschaftliche Probleme zu verschleiern und chauvinistisches Gedankengut zu propagieren. Die Arbeiterparteien, linke Organisationen und Gewerkschaften wollten dem bürgerlichen Film nun eigene Filme entgegensetzen.

Der „Proletarische Film“ war durch den russischen Revolutionsfilm beeinflusst und hatte zum Ziel, die Missstände der Arbeits- und Lebensbedingungen des Proletariats aufzuzeigen und zur solidarischen Arbeiterbewegung aufzurufen.

Die beiden Filme, die Gegenstand meiner Arbeit sind, “Mutter Krause“ und „Kuhle Wampe“ wurden von der Prometheus Film Verleih & Vertriebs GmbH produziert.

Diese war von Mitgliedern der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) 1926 gegründet worden. Die Prometheus stand, wie die IAH auch, der KPD nahe.

Willi Münzenberg, Produktionschef bei der Prometheus, schrieb bereits 1925: „Die Dienstbarmachung und Ausnutzung des Films als Werbemittel und zur Unterstützung der Aufklärungsarbeit in den proletarischen Massen ist die dringendste und unmittelbare Aufgabe der kommunistischen Agitation und Propaganda.“

Die Prometheus war mit einem Startkapital von 10.000 Reichsmark gegründet worden (zum Vergleich: Die UFA verfügte über ein Startkapital von 25 Millionen Reichsmark). Einer der ersten Filme der die schlechten Lebensbedingungen des deutschen Proletariats in der Weimarer Republik aufzeigte, war der Dokumentarfilm „Ums tägliche Brot - Hunger in Waldenburg“ aus dem Jahr 1928.

Dieser Film bestand aus einer Mischung aus dokumentarischen und gespielten Szenen, die die Nöte des Proletariats zum Ausdruck brachten. Die Regie führte hier Piel Jutzi, der ein Jahr später auch die Regie von „Mutter Krause“ übernahm.

„Unsere Filme müssen mindestens so interessant und aufregend sein wie diese [bürgerliche Filme] und vor allem begeisternd […] Klassenbewusstsein und Kampfeslust weckend“, hatte der Künstler Bela Balasz gefordert.

„Mutter Krause“ ist ein Stummfilm und wurde im Winter 1929/30 zu einem Erfolg bei Presse und Kinobesuchern. Er erzählt die Geschichte einer Arbeiterfamilie und stellt dar, wie unterschiedlich die verschiedenen Charaktere mit ihrer Not umgehen. Einer vereinzelt, der andere sucht den Ausweg in der Kriminalität. Dem wird der solidarische Kampf der kommunistischen Arbeiter für eine Revolution gegenübergestellt. „Kuhle Wampe“ ist der wohl bekannteste Proletarische Film. Der Tonfilm kam im Jahr 1932 in die Kinos. Auch hier wird der solidarische Kampf der Kommunisten als Antwort auf Obrigkeitshörigkeit und Vereinzelung gegeben. In beiden Filmen werden Bilder von kommunistischen Demonstrationen gezeigt.

Auch die SPD, von der KPD-Führung als Sozialfaschisten bekämpft, hatte Filme der Gattung „Proletarischer Film“ gedreht, so etwa 1929 den Film „Brüder“, der den Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896 zum Thema hatte. „Brüder“ ist eine Ausnahme des Proletarischen Films. Im Gegensatz zu den meisten Proletarischen Filmen, so auch „Mutter Krause“ und „Kuhle Wampe“ sowie anderen Werken der Literatur und des Films aus der Phase der Neuen Sachlichkeit, spielt „Brüder“ nicht in der Zeit, in der er gedreht wurde, sondern im Kaiserreich am Ende des 19. Jahrhunderts.

1930 wurde der Film „Lohnbuchhalter Kremke“ gedreht. Hier zeigen sich deutliche Parallelen, sowohl zum früher gedrehten „Mutter Krause“ als auch zum später gedrehten Film „Kuhle Wampe“, auch wenn hier ein Angestellter im Mittelpunkt steht und nicht das Industrieproletariat.

Der Film zeigt, wie ein Lohnbuchhalter an seinem Leben in der Zeit der Weltwirtschaftskrise verzweifelt und schließlich Selbstmord begeht.

Reinhold Happel und Margot Michaelis schreiben: „Den Abschluss des Films bildet die Darstellung eines Demonstrationszuges als Ausdruck des gemeinsamen Handelns von Arbeitern für die Forderung nach Arbeit und damit als Alternative […] zur Handlungsweise des Kremke.“ Neben dem Suizid ist hier also noch das gemeinsame Motiv eines Demonstrationszuges als Symbol für Arbeitersolidarität zu finden, welches in beiden der Filme, die Gegenstand meiner Arbeit sind, auch eine zentrale Rolle spielt. Die Filme der von der KPD als „Sozialfaschisten“ diffamierten SPD ähnelten den eigenen also sehr.

Die Gattung des Proletarischen Films endete mit der Weimarer Republik und dem Verbot der Filme durch die Nationalsozialisten.

Mutter Krausens Fahrt ins Glück

„Mutter Krause“ gilt als der erste große Proletarische Film.

Er wurde 1929 von der Prometheus Film GmbH gedreht. Regie führte Piel Jutzi.

Ästhetisch knüpft er an die Werke Heinrich Zilles an, der die Berliner Arbeiterschaft in seinen Fotos realistisch portraitiert hatte: „Der Film ist bewusst als Zille-Film konzipiert und stellt - kurz nach Zilles Tod am 9.8.1929 - quasi eine Ehrung seiner Verdienste für das Proletariat dar.“

Dass sich „Mutter Krause“ stark an Heinrich Zille anlehnt, passt ins Bild. Zille war nicht nur bekennender Kommunist, er übte auch deutliche Kritik an der SPD, deren Änhänger er zuvor gewesen war. In Anspielung auf die Zustimmung der SPD zu Krieg und Kriegskrediten sagte er: „Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr Sozialist. Seit 1914 nicht mehr. Seitdem die Kommunisten das sagen und verfolgen, was früher die Sozialisten tun wollten, aber nicht getan haben, bin ich Kommunist.“

„Mutter Krause“ sollte auch eine Art Gegenstück zu den „bürgerlichen“ Zille-Filme sein, die in den zwanziger Jahren modern waren. In der Zeit nach Weltkrieg und Inflation und vor der Weltwirtschaftskrise erlebte die Weimarer Republik einen kleinen wirtschaftlichen Aufschwung und höheren Wohlstand. Besonders in dieser Zeit war es in den bürgerlichen Zille-Filmen üblich, die Not des Arbeitermilieus zu verklären und zu romantisieren. Dies führte u.a. auch zu Zille-Bällen, auf denen sich das Bürgertum in Lumpen hüllte, um zu feiern.

„Mutter Krause“ spielt im „roten Wedding“, einem Viertel Berlins, in dem die kommunistische Arbeiterschaft besonders stark vertreten war. Die Hauptdarsteller des Films sind Mitglieder linker Theatergruppen, Nebenrollen wurden von Arbeitern aus dem Wedding übernommen. Die Uraufführung fand am 30.12.1929 im Alhambra Kino in Berlin statt. In einer Filmkritik in der „Berlin am Morgen“ stand: „Man sah Bilder von so eindringlicher Wirkung, Originalaufnahmen vom Wedding von einer bisher nie gezeigten Echtheit, dass man an die besten Bilder der Russen-Filme denken muss.“

Der Film handelt von der Arbeiterwitwe Krause, die mit ihren erwachsenen Kindern Erna und Paul zusammenlebt. Diese beiden sind arbeitslos. Lediglich Mutter Krause verdient mit dem Austragen von Zeitungen Geld. Um die Haushaltskasse aufzubessern, hat Mutter Krause ein Zimmer der Wohnung an den „Schlafburschen“, seine „Braut“, eine Prostituierte, und deren Kind untervermietet.

Als Mutter Krause ihren Sohn bittet, das von ihr eingenommene Zeitungsgeld bei ihrem Chef abzuliefern, vertrinkt dieser das gesamte Geld in der Kneipe. Mutter Krause droht nun nicht nur ihre Arbeit zu verlieren, sondern auch ins Gefängnis zu müssen, da sie nun das Zeitungsgeld nicht bei ihrem Chef abliefern kann. Der „Schlafbursche“ überzeugt Paul, mit ihm einen Einbruch in einem Juweliergeschäft zu begehen, damit Paul das Geld für seine Mutter bezahlen kann. Hierbei werden die beiden von der Polizei ertappt und festgenommen.

Parallel hierzu will Erna versuchen durch Prostitution an Geld zu kommen, kann sich, bereits in der Wohnung des Freiers, aber nicht dazu durchringen und ergreift die Flucht. Auf der Suche nach ihrem Freund Max gerät sie in eine Demonstration der kommunistischen Arbeiter. Hier erfährt sie, dass der solidarische Kampf des Proletariats der Ausweg aus den schweren Lebensumständen ist und nicht Prostitution wie bei der „Braut“, Kriminalität wie bei ihrem Bruder und dem „Schlafburschen“ oder Vereinzelung wie bei ihrer Mutter, die sich schließlich aus Verzweiflung das Leben nimmt.

Die Produktionskosten für „Mutter Krause“ betrugen 60.000 RM und lagen somit deutlich unter den durchschnittlichen Produktionskosten eines Filmes Ende der zwanziger Jahre, die sich auf 175.000 RM beliefen. Im Gegensatz zu „Kuhle Wampe“ fiel „Mutter Krause“ nicht durch die Filmzensur. Jedoch wurde bei der Aufführung in einigen Kinos die Demonstrationssequenz durch schnelleres Abspielen ihrer Wirkung beraubt und zudem mit Marschmusik unterlegt.

Der Film erhielt gute Kritiken und war ein finanzieller Erfolg. Der Schreiber Durus, der KPD – Zeitung „Die Rote Fahne“, zeigte sich begeistert von „Mutter Krause“: „Das Milieu vom Wedding wird mit größter Lebensechtheit, ohne jede Schminke, ohne jede Retusche, mit revolutionärer Konsequenz filmisch gestaltet.“ Auch in der Zeitung „Berlin am Morgen“, die von Willi Münzenberg verlegt wurde, der ja auch „Mutter Krause“ produziert hatte, war eine gute Filmkritik zu lesen, jedoch mit einer deutlichen Einschränkung: „Die Handlung des Films, die in ihrer besonderen Schlichtheit noch eindrucksvoller, noch erschütternder gewesen wäre, wenn sie nicht bisweilen ins Kolportagenhafte oder ins Sentimentale abglitte […] eine unnötige Konzession an ein kleinbürgerliches Publikum“

Hiermit kritisierte der Autor genau das, was Balasz gefordert hatte: Nämlich einen Film, der die politische Botschaft in eine spannende Geschichte einbaut. Margot Michaelis schreibt von einer „einfühlenden, lebensnahen Gestaltung menschlicher Schicksale und Konflikte“. Auf genau diese „bürgerlichen Elemente“ sollte Bertolt Brecht in „Kuhle Wampe“ verzichten.

Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?

Der Film „Kuhle Wampe“ aus dem Jahr 1932 ist der bekannteste „Proletarische Film“.

„Kuhle Wampe“ heißt im Berliner Dialekt so viel wie „leerer Bauch“. Der Zeltplatz „Kuhle Wampe“, der im Film vorkommt, existierte tatsächlich am Rande Berlins.

Das Drehbuch stammte von Bertolt Brecht, Ernst Ottwalt und Slatan Dudow. Letzterer übernahm auch die Regie. Die Hauptrollen spielten Hertha Thiele und Ernst Busch. Die Filmmusik schreib Hanns Eisler. Sein „Solidaritätslied“ ist im Film mehrfach zu hören. Die Dreharbeiten zu „Kuhle Wampe“ fanden unter starkem Zeitdruck statt. Die Produktionsfirma Prometheus war in finanziellen Schwierigkeiten und ging kurz vor Beendigung der Dreharbeiten insolvent. Der Film wurde daher von der Produktionsfirma „Praesens Film“ fertiggestellt. Die Dreharbeiten wurden mehrfach durch die SA behindert und daher von Mitgliedern der KPD bewacht.

In Deutschland wurde „Kuhle Wampe“ zunächst aufgrund seiner Kritik an der deutschen Justiz und der Kirche verboten. Nach Protestkundgebungen wurde der Film schließlich doch freigegeben, einige Szenen blieben jedoch zensiert. „Kuhle Wampe“ wurde von den Kritikern proletarischer und auch vieler bürgerlicher Zeitungen größtenteils wohlwollend aufgenommen und als Kunstwerk angesehen. Auch beim Publikum wurde der Film ein großer Erfolg. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde „Kuhle Wampe“ 1933 als einer der ersten Filme verboten.

Der Film besteht aus vier Teilen, die alle durch Musik getrennt sind. Im ersten Teil „Ein Arbeitsloser weniger“ nimmt sich der junge Arbeiter Kurt, Bruder der Protagonistin Anni, das Leben, da er an seiner Arbeitslosigkeit und der Kritik des Vaters, der ihn als faul beschimpft, verzweifelt. Im zweiten Teil wird die Familie per Gerichtsurteil aus der Wohnung exmittiert und zieht auf den Zeltplatz „Kuhle Wampe“. Anni wird schwanger von Fritz, der sie aber nicht heiraten möchte. Da es „sich so gehört“, willigt er schließlich doch in eine Heirat ein. Bei der Verlobungsfeier betont er erneut, dass er nur heirate, da ihm nichts anderes übrig bleibe. Anni verlässt daraufhin die Feier und zieht zu ihrer Freundin und Arbeitskollegin Gerda. Im dritten Teil nimmt Gerda Anni zu ihrem Arbeitersportverein mit. Mit den anderen Mitgliedern bereiten die beiden ein Arbeiterfest vor. Zu diesem nehmen die Frauen auch Fritz mit, der vom Elan der klassenbewussten Arbeiter mitgerissen wird (beim Sportfest sagt Fritz zu Anni: „Du kannst schon Recht haben“). Im vierten Teil findet in der Straßenbahn eine Diskussion zwischen Bürgern und Arbeitern über die Weltwirtschaft statt, die mit dem Ausspruch Gerdas endet, dass diejenigen die Welt ändern werden, denen sie nicht gefällt. Im Anschluss marschieren Arbeiter in einen Tunnel. Zu hören ist das Solidaritätslied.

Die ersten beiden Teile kann man als Analyse der schwierigen Lebensumstände der Arbeiterklasse in der Zeit der Weltwirtschaftskrise betrachten. Die Teile drei und vier bieten Lösungsansätze: Solidarität der Arbeiterklasse und kritische Analyse der bestehenden Verhältnisse.

Brecht übertrug in „Kuhle Wampe“ seine Prinzipien des Epischen Theaters auf das Kino. Der Film hat keine durchgehende Handlung. Es gibt keine vielschichtigen Charaktere, die beim Zuschauer Gefühle erzeugen sollen. Der Rezipient soll nicht auf emotionaler, sondern auf geistiger Ebene angesprochen werden. Statt sich in die Handlung „einzufühlen“ soll er zu kritischem Denken angeregt werden. Beim Tischgespräch im ersten Teil wird nicht über Persönliches, sondern ausschließlich über die politische und ökonomische Lage des Landes und der Familie gesprochen. Auch der Suizid von Annis Bruder wird emotional nicht aufgegriffen.

In dem konkreten künstlerischem Abbild muss das „Typische“ das Wesentliche der Wirklichkeit erkennbar werden, das heißt, das im Kunstwerk dargestellte Einzelne – eine konkrete Person, Situation, Prozess etc. soll das Allgemeine erfassen und somit die Abstraktion (Verallgemeinerung) ermöglichen.

„Kuhle Wampe“ ist, wie „Mutter Krause“ auch, ein Agitprop-Film. Lenin definierte Propaganda als „revolutionäre Beleuchtung der gesamten gegenwärtigen Gesellschaftsordnung“ und Agitation als den „Appell an die Massen zu bestimmten konkreten Aktionen“.

Der Film wendet sich gegen die kleinbürgerlich denkenden Arbeiter, gegen die Radiosender, die sie hören, auf denen alte Märsche aus dem Kaiserreich gespielt werden, und gegen die Zeitungen, die sie lesen, in denen von Kinostars und „Klatsch“ die Rede ist. Gefordert wird eine Hinwendung zur klassenbewussten Arbeiterschaft, die in der solidarischen Gemeinschaft für eine proletarische Revolution kämpft. „Kuhle Wampe“ wurde zweimal verboten. In der Erklärung der Zensurbehörde hieß es: „Der Film greift in seiner Gesamtaussage in tendenziöser Weise unsere ganze Gesellschaftsordnung an, fordert zum aktiven Widerstand auf, gefährdet so die innere Sicherheit und die Ordnung.“ Dem Film wurden zudem Angriffe auf die Sozialdemokratie, den Staat und die Justiz vorgeworfen sowie die Aufforderung zum Aufruhr.

In der Ausgabe des Berliner Börsen-Couriers vom 1. April 1932 schrieb Herbert Jhering über den zu diesem Zeitpunkt noch verbotenem Film „Kuhle Wampe“: „Er idealisiert nicht die Arbeiter. Im Gegenteil: Er [sic] zeigt auch die philiströsen Seiten, die Hinneigung zum Kleinbürgertum. Er zeigt nicht die Rührseligkeit, sondern auch die böse Spießigkeit der Enge. Er zeigt dagegen die Arbeitersportjugend.“ Damit bringt Jhering es in wenigen Worten auf den Punkt: „Kuhle Wampe“ zeigt die Kleinbürgerlichkeit, Spießigkeit, Hoffnungslosigkeit und Ratlosigkeit der Arbeiter ganz deutlich: nämlich als die Eigenschaften der sozialdemokratischen Arbeiter. Dem stellen Brecht, Dudow und Ottwald die revolutionäre Arbeitersportjugend entgegen, die 1929 gegründete Rotsport-Jugend - die Kommunisten.

Der kleinbürgerlich denkende Arbeiter wird personifiziert durch Annis Vater, der in der Kneipe seinen Frust ertränkt, den Sohn auffordert, den Hauswirt freundlich zu grüßen und ihm vorwirft, sich nicht ausreichend um Arbeit zu bemühen. In der Zeitung liest er Artikel über „Stars und Sternchen“.

Er ist frustriert und bleibt isoliert, statt in der Gruppe zu versuchen, das Schicksal positiv zu beeinflussen. Im Arbeitersportverein hingegen wird Solidarität gelebt. Junge, klassenbewusste Arbeiter lesen Hegel und singen zusammen das „Solidaritätslied“.

Die eigentlichen „Stars“ des Films sind die jungen, starken, kommunistischen Frauen, die dem Stumpfsinn und der Hoffnungslosigkeit der Familie entfliehen und gemeinsam solidarisch die Zukunft in die Hand nehmen.

„Kuhle Wampe“ will die unentschlossenen und die sozialdemokratischen Arbeiter im Kino dazu bewegen, sich für den Kommunismus zu entscheiden. Wie Anni und der Arbeitersportverein den unentschlossenen Fritz mitreißen und für Arbeitersport und Solidarität begeistern kann, so soll es der Film mit den Zuschauern machen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

In den beiden Filmen finden sich viele Parallelen, aber auch interessante Unterschiede.

„Mutter Krause“ hat noch ganz den Vorstellungen von Bela Balasz von einem aufregendem Film, der sich von der Struktur her an die bürgerlichen Filme anlehnt, entsprochen. Der Aufruf zur Arbeitersolidarität ist verpackt in eine Familiengeschichte, die den Zuschauer persönlich berühren musste: Sei es beim Konflikt und der Versöhnung von Erna und Max, dem Moment in dem Paul beim Einbruch erwischt wird und natürlich beim Selbstmord von Mutter Krause, der am Ende des Filmes steht. Ganz anders inszenierte Bertolt Brecht „Kuhle Wampe“, indem er seine Theatertheorie auf die Leinwand projizierte.

Hier steht der Selbstmord zu Beginn des Filmes, das Opfer hat zuvor kein einziges Wort gesprochen und nach seinem Sprung in den Tod verliert die Familie kein Wort mehr darüber. Der Zuschauer soll gar nicht erst auf die Idee kommen, hier an ein persönliches Schicksal zu denken. Er soll seine Aufmerksamkeit auf die schlimme Lage der Arbeiterklasse richten. „Soziologie statt Psychologie“, wie Brecht gefordert hatte. Rudolf Olden schreibt im Berliner Tageblatt vom 2. April 1932 in einer Filmkritik, dass „der Selbstmord eines arbeitslosen jungen Menschen als ein individueller Akt der Depression geschildert sei“.

Nach dem Suizid jedoch fragen sich Nachbarn, aus welchem Fenster der junge Mann gesprungen sei. Hierbei sind sie sich uneinig: „Es war das Fenster!“ „Nein, das!“ „Nein, das!“. Auf diese Art zeigen Brecht und Dudow, dass sich hinter jedem Fenster in der Arbeitersiedlung die gleiche Armut verbirgt und dass jeder dort ein potentieller Selbstmörder sein könnte.

Eine Gemeinsamkeit beider Filme ist, dass (junge) Arbeiterfrauen eine wichtige Zielgruppe darstellen. Die KPD litt unter Frauenmangel. Ganz besonders litt sie unter einem Mangel an arbeitenden Frauen, da ein recht großer Anteil der wenigen weiblichen Mitglieder Hausfrauen waren. Hierauf werde ich später noch detailliert eingehen.

In beiden Filmen wird dargestellt, wie eine bereits politisch und klassenbewusst denkende Person, die in der revolutionären Bewegung verankert ist, eine unpolitische Person für die „Sache“ gewinnt.

In „Mutter Krause“ politisiert ein männlicher klassenbewusster Arbeiter (Max) eine bis dato unpolitische Frau (Erna) und weist ihr den Weg in die solidarisch kämpfende Arbeiterschaft als Chance, dem sozialen Elend zu entkommen. In „Kuhle Wampe“ sind die Geschlechterrollen vertauscht. Anni ist bereits politisiert, wird von ihrer Freundin Gerda an das organisierte Proletariat in Form der Arbeitersportverbände herangeführt und reißt nun ihrerseits den bis dato unentschlossenen Arbeiter Fritz mit.

Kuhle Wampe“, zweieinhalb Jahre nach „Mutter Krause“ gedreht, ist also in diesem Punkt eine Weiterentwicklung von „Mutter Krause“. Nicht der Mann zieht die Frau mit, sondern die Frau den Mann. Die Zuschauerin im Kinosessel wird so noch direkter angesprochen.

Eine wichtige Rolle spielt das Alter der Filmfiguren, das Muster ist in beiden Filmen sehr ähnlich: Zwar sind nicht alle jungen Figuren klassenbewusste Revolutionäre, doch alle klassenbewussten Revolutionäre sind jung. Die Männer sind muskulös - Max in „Mutter Krause“, der Arbeitersportler in „Kuhle Wampe“ und Fritz, der von Anni politisiert wird. Die Frauen sind hübsch – Gerda und Anni in „Kuhle Wampe“ und Erna, in „Mutter Krause“.

Die Jugend symbolisiert hier Fortschritt und Zukunft und die Zukunft heißt Kommunismus. Die Darsteller repräsentieren die Zielgruppe in den Kinosesseln. Alt und rückständig sind in beiden Filmen die Elterngenerationen. Zwar werden diese ganz unterschiedlich dargestellt – Vater Bönike in „Kuhle Wampe“ ist ein meckernder, schlechtgelaunter Tyrann, der seinen Frust in der Kneipe ertränkt und seiner Tochter Gewalt androht, während seine Frau ihm alles „nachzuplappern“ scheint. Sie wirkt wie sein Anhängsel, wie das Gegenteil einer emanzipierten Frau. Im Gegensatz hierzu ist Mutter Krause sehr viel sympathischer. Ihre Hauptsorge gilt dem Glück ihrer erwachsenen Kinder, die bei ihr wohnen und die sie, die einzige in der Familie mit einer Arbeitsstelle, ernährt. Was sie aber mit den Eltern Bönike verbindet ist, dass sie sich ihrem Einzelschicksal hingibt und nicht erkennt, dass sie durch den solidarischen Kampf der Arbeiterklasse ihre Lebensbedingungen verbessern könnte. Margot Michaelis schreibt, sie verkörpere den Typus der „fleißigen, sparsamen, unpolitischen und anständigen Arbeiterfrau“.

In beiden Filmen werden kleinbürgerliche Moralvorstellungen im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen angegriffen: In „Kuhle Wampe“ will Fritz Anni nur heiraten, weil „sich das eben so gehört“. In „Mutter Krause“ will Max die Beziehung mit Erna beenden, da er ihr „unmoralisches“ Sexualverhalten ablehnt ( Erna hatte vor der Beziehung mit Max mit dem „Schlafburschen“ geschlafen).

Auch der klassenbewusste Max scheint also kleinbürgerliche Moralvorstellungen verinnerlicht zu haben, doch er lässt sich von einem Freund überzeugen, dass das beengte Zusammenleben aufgrund der miserablen Wohnverhältnisse Schuld an der „sexuellen Leichtlebigkeit“ Ernas ist.

[...]

Details

Seiten
54
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656004035
ISBN (Buch)
9783656004271
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178322
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Proletarischer Film KPD Weimarer Republik Brecht Kommunismus Kuhle Wampe

Autor

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Titel: Klassiker des Proletarischen Films der Weimarer Republik: Propaganda und Realität