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Medientheoretisches Essay: Fundamentale Codes im Rap

Studienarbeit 2011 4 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Es mag abgeschmackt klingen, doch es bleibt eine historische Tatsache: Rapmusik, wie wir Sie heute kennen, entstammt den amerikanischen Großstadtghettos der sechziger und siebziger Jahre. Zahlreiche Mythen rangen sich um die Initialzündung, um den Moment, als „das Ganze losging“.

Ob nun Afrika Bambaataa oder die Vorläufer von NWA- in den Anfangstagen der Rapmusik war der Rapper eigentlich nur ein DJ, der, während jener Platten bei selbstorganisierten Blockpartys auflegte, den nächsten Song ansagte. Diese Shoutings oder Announcements waren bereits schon einige Jahre zuvor von jamaikanischen Reggae-DJs erfunden und praktiziert worden. Da sich die New Yorker Ghettos in Brooklyn oder der Bronx zu einem großen Teil aus jamaikanischen Einwanderer zusammensetzen, und diese auch in der neuen Heimat ihre Kultur praktizierten, gewann das aus Jamaika als „Toasten“ bekannte Sprechen eines DJs am Ende oder Anfang eines Songs zunehmende Popularität.

Ende der siebziger Jahre wandelten sich zuvor spontan organisierten Partys ganzer Nachbarschaften zu Soundsystem-Battles. Dabei handelte es sich um Wettbewerbe, in deren Verlauf derjenige DJ gewann, der die lautesten und größten Menschenansammlungen für sich verbuchen konnte. Zu diesem Zwecke, aber vor allem zur Animation des Publikums, traten nun auch Hypeman zur Unterstützung mit auf. Man könnte diesen Begriff etwas verkürzt mit Animateur übersetzen- „der Zweite“ auf der Bühne hatte die Aufgabe, das Publikum zu animieren und dem DJ somit zu mehr Ruhm zu verhelfen. Dieses konnte man freilich nur bewerkstelligen, wenn man gewährleistete, dass die jeweilige Party absolut wild wurde- Interaktion mit dem Publikum statt ausschließliche, akustische Beschallung war das neue Konzept.

Wie gestaltete sich diese Interaktion?

Die verwendeten Sprachstrukturen wurden hauptsächlich dem „Call and Response“-Prinzip entlehnt, das vor allem von afrikanischen Sklaven während der Kolonialzeit in deren musikalischem Ausdruck praktiziert wurde. Dieses Prinzip folgt einer immer ähnlichen Struktur: eine Person äußert etwas (called), teilweise in gereimter Form, worauf eine Gruppe gemeinsam verbal reagiert. Diese als „Worksongs“ bezeichneten Interaktionen drückten nicht zwangsläufig eine Position aus, dienten sie doch hauptsächlich der Unterhaltung während der Arbeit. Da eine solche „Ablenkung“ von der Arbeit natürlich nicht im Interesse der Herren war, geschah dies spontan und konspirativ und vor allem in einem ganz eigenen Sprachstil. Wörter wurden ersetzt, durch entsprechende Betonung umgewidmet und neu interpretiert- dies alles mit dem Ziel, auch revolutionäre oder andere kritische Gedanken zum Ausdruck bringen zu können.

In der dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde dieses Prinzip mit der Entstehung des Jazz wieder aufgegriffen und als „Jive-Talk“ bezeichnet. Kritische Inhalte standen nun nicht mehr im Vordergrund- der auch als „Swing-Talk“ bezeichnete Sprachstil afroamerikanischer Musiker beinhaltete hauptsächlich frivole und legere Inhalte. Während der Jive anfangs noch als leise Unterhaltung in den Umkleidekabinen der Clubs diente, gewann er in den Folgejahren an zunehmender Popularität und wurde von großen Teilen der Black Communitys an der Ostküste und im mittleren Westen gesprochen.

Dies soll nun aber keineswegs bedeuten, dass sich afroamerikanische Musiker nicht auch weiterhin kritisch äußerten, was uns zurück zur Rapmusik bringt- auch weil der Jazz in erster Linie eine Form der eher unkritischen Unterhaltungsmusik darstellt. Aus den zuvor erwähnten Hypeman, die das Publikum mit Rufen wie: „If you like that funky tune say yeah" animierten, wurde nun wichtigere und eigenständige Figuren- Sie wurden integrale Bestandteile der DJ-Shows und wurden fortan als „MCees" bezeichnet, was für „Master of the Ceremony" oder „Move the Crowd" steht. Die neuen Zeremonienmeister begannen nun zunehmend längere verbale Einsätze, oft auch in gereimter Form, während gerade abgespielter Musik zu platzieren.

Springen wir nun in das Jahr 1983, indem der DJ auch als Produzent ganzer Hintergrundlieder (auch als „Beats" bezeichnet) fungierte, die der MCee, nun auch „Rapper" genannt, mit seinen Reimen besprach. Mit „The Message" von „Grandmaster Flash and the fourious Five" erscheint die erste kommerziell erfolgreiche Single auf dem US- amerikanischen Musikmarkt. Inhaltlich stand in diesem Song vor allem eine Sozialkritik im Vordergrund:

„Broken glass everywhere

People pissing on the stairs, you know they just don't care

I can't take the smell, I can't take the noise no more

Got no money to move out, I guess I got no choice

Rats in the front room, roaches in the back

Junkies in the alley with the baseball bat

I tried to get away, but I couldn't get far

Cause a man with a tow-truck repossessed my car”[1]

Dieser Text stellt einen wahren, afroamerikanischen Meilenstein dar: in nahtloser Kontinuität mit den versklavten Vorfahren, wurden kritische Gedanken über die eigenen Lebensverhältnisse musikalisch artikuliert und reflektiert.

Rap als Diskursmedium, Rap als Chance, junge Afroamerikaner in Ihrer Sprache anzusprechen, Rap als politisches Mobilisierungsmedium- all diese Eigenschaften entwickelten sich in den folgenden Jahren, was den Rapper Chuck D, Frontmann der Gruppe Public Enemy zu dem oft zitierten Ausspruch: „Rap is the black Man's CNN!" veranlasste.

Tatsächlich bot diese neue Musik eine Chance für marginalisierte, junge Afroamerikaner und Latinos, sich für viele Menschen hörbar zu artikulieren. Während man zum Ausüben anderer Musikstile entweder Equipment wie eine Gitarre benötigte, nicht in entsprechende Clubs eingelassen wurde, oder durch eine gewisse, elitäre und rassistische Vorherrschaft der Weißen schlicht ausgeschlossen wurde, benötigte man zum praktizieren von Rapmusik lediglich einen Beat und die eigene Stimme. Da dieses Medium nun die Inhalte reflektierte, die in den einseitigen, etablierten Medien ausgeblendet wurden, macht auch das genannte Zitat durchaus Sinn.

[...]


[1] „Grandmaster Flash The Message Lyrics ", http://www.lyricsfreak.com/g/grandmaster+flash/the+message 20062225.html (Stand 05.08.2010)

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