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Hochbegabte Kinder - Erkennen und Fördern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 21 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begabtenförderung als Hilfe zur Selbsthilfe
2.1. Merkmale einer Hochbegabung
2.2. Fördermöglichkeiten für besonders begabte Kinder und Jugendliche
2.2.3 Fördermöglichkeiten mit dem Schwerpunkt Akzeleration
2.2.4 Fördermöglichkeiten mit dem Schwerpunkt Enrichment

3. Ausblick

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der heutigen Gesellschaft finden wir höchst unterschiedliche Kinder, aus unterschiedlich praktizierten familiären Lebensstilen, welche alle mit sechs Jahren in ein und dieselbe Grundschule müssen und dann vier Jahre nach dem gleiche curricularen Bestimmungen unterrichtet werden. Der Vorteil dieser Praxis liegt darin, dass allen Kindern mit großer Sicherheit ein bewährtes Fundament vermittelt werden kann. Doch kann sie auch Probleme bergen, wie die folgende Fabel veranschaulichen soll:

„Der Esel, der Hund, der Hahn und die Katze bilden eine Klasse. Und damit es für alle gerecht sei, erhielten sie alle dieselbe Aufgabenstellung. Sie mussten alle das Klettern und das Tauchen erlernen. Der Esel war völlig unfähig zu klettern, er bekam nicht einmal seine vier Hufe auf einmal an den Baumstamm. Weil er aber wirklich bemüht war, nahm er viele Nachhilfestunden und verzweifelte. Die Katze hatte es da viel besser. Sie kletterte so schnell und so hoch, wie immer der Lehrer sich dies wünschte und fühlte sich gut. Doch das Tauchen wollte und wollte sie nicht begreifen, sondern sie ging schlicht und einfach unter. Da man sie nicht absaufen lassen wollte, musste der Unterricht immer wieder abgebrochen werden. Man warf ihr Störverhalten und Bockigkeit vor (….) Der Hund hatte heimlich geübt und geübt. So konnte er jetzt höher an den Baumstamm springen als vorher, man konnte es schon fast für ein Klettern halten. Und beim Schwimmen hielt er immer längere Strecken den Kopf unter Wasser, so dass man sein Bemühen auch als Tauchen deuten konnte. Allerdings hatte er sich bei diesem unentwegten Üben von Klettern und Tauchen rheumatische Beschwerden zugezogen, so dass er nicht mehr so gut laufen konnte. Aber es fiel lange nicht auf, weil er den Anforderungen im Unterricht immer noch genügte. Er war eben in allem mittelmäßig; und das ist doch wirklich besser als nichts. Der Hahn dagegen, der sich doch immer mal in klarer Höhenluft bewegte, hatte sich sehr schnell darauf verlegt, seine Fähigkeiten zum Mogeln zu trainieren. Und damit fuhr er eigentlich auch sehr gut. Die Katze aber verkroch sich nach und nach in sich selbst, wurde auch tatsächlich störrisch. Man konnte es ihr geradezu ansehen, wie ihre Bewegungen die Geschmeidigkeit und Koordination verloren. Und eines schönen Tages war es auch mit ihrer Sicherheit im Klettern verloren, und sie fiel vom Baum. Sie war eben ein Versager. (…) (Hellert, 1997)

Was passiert mit denjenigen die bereits zu Schulbeginn das Rechnen und Schreiben beherrschen? Die neue Vielfalt stellt immense Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer. Wenn die äußere Differenzierung zwischen den Schulen reduziert wurde, so scheint es doch vernünftig eine innere Differenzierung einzuführen, um eben nicht nur dem „Durchschnitts-Kind“ gerecht zu werden. So hat eine Leistungsdifferenzierung im Sekundarbereich vor allem für Leistungsstarke Kinder längerfristig positive Effekte gezeigt. Leistungsstarke profitieren von der äußeren Differenzierung der Schulen. (Köller, 2001) Jedoch zeigt sich ein eher negativer Zusammenhang zwischen dem Selbstkonzept der eigenen Fähigkeiten und einer besonders starken Lernumgebung, wenn beispielsweise ein starker Schüler sich auf dem Gymnasium eher im Mittelfeld des Leistungsniveaus wiederfindet. Umgekehrt kann das Selbstbewusstsein eines schwachen Schülers in der Gesellschaft Leistungsähnlicher in der Hauptschule auftrieb erfahren. (Köller, 2001) Kontingente für Förderstunden, Fortbildungen über Binnendifferenzierung, zusätzliches Unterrichtsmaterial sind Anzeichen dafür, dass zunehmend häufiger Differenzierungsbedarf gesehen wird. Allerdings liegt der Schwerpunkt der Bemühungen meist auf dem Thema „Schulleistungsprobleme“ als auf „Hochbegabung“, was auch daran liegt, dass Hochbegabung oftmals nicht erkannt wird oder auch die Erfahrung im Umgang mit hochbegabten Kindern fehlt. Welche Zeichen es zu Erkennen gilt und wie mit hochbegabten Kindern verfahren werden könnte, wird Bestandteil dieser Arbeit sein.

2. Begabtenförderung als Hilfe zur Selbsthilfe

Leider zeigte sich im Verlauf der Zeit, das der weitverbreitete Glaube, hochbegabte Kinder seien privilegiert und können sich selbst helfen, gänzlich falsch ist. Die meisten der hochbegabten Kinder sind sich ihrer Andersartigkeit gar nicht bewusst. Sie gehen davon aus das zu können was andere Kinder ihrer Altersklasse auch können und konstatieren damit keine Hilfsbedürftigkeit. Dies ist einer der Gründe warum hochbegabte Kinder keine Hilfe erhalten. „Es muss also Hilfsbedarf konstatiert sein, ein Ist-Zustand, der in negative Richtung von einem Soll-Zustand abweicht und von den Beteiligten nicht mehr selbst erreicht werden kann“ um effektive Hilfe leisten zu wollen (Reichle, 2004, S. 13). Und selbst wenn die Hochbegabung erkannt und damit der Hilfebedarf wahrgenommen wurde, stellt sich die Frage wie den Kindern geholfen werden kann. Die Kinder selbst werden sich selbst und auch die Methoden des Lehrers vorerst nicht in Frage stellen. Erst ab einem Alter von etwa 10 Jahren scheinen Kinder über die Voraussetzungen für eine Selbsteinschätzung ihrer kognitiven Fähigkeiten zu verfügen (Wild, 1991). Um nach einer Selbsteinschätzung dann noch festzustellen, dass man anders ist, bedürfte es noch der Fähigkeit entsprechende Fremdeinschätzungen an Mitschülern vorzunehmen. Zu guter Letzt müsste das Kind fähig sein, soziale Vergleiche anzustellen, was wie ich finde, doch recht anspruchsvolle kognitive Operationen darstellen. Somit kann sehr schnell das eintreten was Wieczerkowski und Prado (1996) als „Enttäuschungsspirale“ bezeichneten und auch empirisch nachweisen konnten. Wenn Hochbegabung nicht erkannt und damit entsprechende Förderung ausbleibt, ist zu beobachten, dass „sich ein hochbegabtes Kind zunehmend mehr aus dem unterrichtlichen Geschehen zurückzieht und zum Leistungsversager (Underachiever) wird.“ (Reichle, 2004, S. 15) Die Kinder selbst sehen also oftmals keinen Handlungsbedarf bzw. verstehen es erst recht spät ihre eigenen Fähigkeiten in Relation zu Anderen adäquat einzuschätzen. Eltern wissen oft nicht das ihr Kind hochbegabt ist und auch die Lehrkräfte haben Schwierigkeiten mit der Identifikation hochbegabter Kinder (Hany, 1991). In der Marburger Hochbegabtenstudie hat man alle Kinder mit klassischen Intelligenztestverfahren getestet und gleichzeitig ihre Lehrkräfte gebeten eine Einschätzung der Intelligenz ihrer Schüler/innen zu geben. So konnten die 388 Lehrer/innen nur ein gutes Drittel der nach Testbefunden hochbegabten Kindern (IQ >130) korrekt identifizieren. 65% wurden übersehen. Es konnte kein Zusammenhang zwischen Berufserfahrung und Güte der Einschätzung festgestellt werden. Auch war es nicht signifikant wie lange der Lehrer seine Schüler bereits betreute. Auffallend signifikant war jedoch der Zusammenhang zwischen den Bewertungen der Schüler und den schlechten Schulleistungen der hochbegabten Kinder (Rost D. H., 1997). Wenn nun die Kinder selbst ihre Begabungen verkennen und auch Eltern und Lehrer mit der Diagnostik überfordert sind, fehlen bereichernde Fördermaßnahmen und es kommt mitunter zu individuellen Fehlentwicklungen. Kinder deren Begabungen jahrelang nicht ausgeschöpft werden, können sich schnell zum Schulversager entwickeln. Unter Nutzengesichtspunkten würde ich dies als Verschwendung von Ressourcen bezeichnen. So mancher Jugendliche könnte seine Schullaufbahn verkürzen und damit früher selbständig seinen Lebensunterhalt ertragen, würde seine Begabung nur erkannt und die Institution Schule im „Inneren“ dahingehend geöffnet, das sie Möglichkeiten zur Selbsthilfe Hochbegabter bieten. Das sich eine innere Differenzierung auch positiv auf das gesamte Klassenklima auswirken kann, soll in einem der folgenden Kapitel dargestellt werden. Die Diagnostik einer Hochbegabung ist also nicht einfach und kann auch nicht einzig auf Leistungsversagen zurückgeführt werden. Man benötigt Fachwissen, Kriterien sowie aufmerksame und sensible Beobachter um eine Hochbegabung als solche zu erkennen, um diese dann anschließend mit der entsprechenden Diagnostik zu sichern. Solche Techniken können auch Lehrer erlernen, wie sich in der Studie von Gear (1978) bestätigt. So identifizierten 24 Lehrkräfte nach einem Training zur Diagnostik einer Hochbegabung 86% der hochbegabten Kinder. Eine gleich große Vergleichsgruppe ohne Training kam identifizierte hingegen nur 40%. Im Zuge der Begabungsdiagnostik wurden weitere Merkmale erkannt, die eine Umsetzung von Begabung in Leistung erleichtern oder aber auch erschweren können. Die Arbeitshaltung und Motivation des Kindes kann ein solches Merkmal sein. Demnach kann in Zusammenarbeit von Lehrern und Eltern ein Förderplan entwickelt werden, der Maßnahmen zur schulischen und außerschulischen Förderung enthält. Schulische Angebote können hierbei sein: verkürzte Schulzeit, bilingualer Unterricht oder Musik-, Sport-, Kunstgymnasien. Außerschulisch kann die Teilnahme an Sommerakademien oder an Wettbewerben oder auch Gastbesuche an Universitäten positiv wirksam werden. Damit wird allerdings auch klar, dass Zeit, Geld und Energie investiert werden muss, um aus einer Veranlagung Produktivität zu schaffen.

2.1. Merkmale einer Hochbegabung

Befragen wir Lehrer nach der Definition einer Hochbegabung, so erhalten wir viele unterschiedliche Definitionen und Erfahrungen. „Nervensägen“ wird eine leicht erkennbare Gruppe Hochbegabter beschrieben. Diejenigen, die sich nicht anpassen können, als Besserwisser gelten, aufbegehren und Ansprüche stellen. Auf der anderen Seite gibt es auch sozial gut angepasste, freundliche, mitunter sogar ängstlich wirkende Kinder und Jugendliche, der vielleicht durch ihre besonders gute Wortwahl und die besondere Reife ihrer Diskussionsbeiträge auffallen. Über die Hochbegabung hinaus gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Sozialverhalten, der Arbeitshaltung oder auch der Konzentrationsfähigkeit. Die Marburger Hochbegabtenstudie (Rost D. , 1993a) berichtet von einer Häufung hochbegabter Kinder in der Mittel- und Oberschicht. Erklärung hierfür bieten genetische Faktoren, aber auch stimulierende, förderliche Umweltbedingungen in den oberen Bildungsschichten, die teilweise aber auch materiell bedingt sind. Eine Übersicht der Besonderheiten hochbegabter Vorschulkinder hat Urban (1992, S. 159-169) zusammengestellt. Demnach zeigen hochbegabte Kinder häufig:

- Ein hohes Ausmaß an Neugier- und Selbständigen Explorationsverhalten;
- Hocheffiziente und schnelle Auffassungsleistung durch hochstrukturierte Enkodierung, insbesondere bei interessierenden, häufig komplexeren Aufgaben;
- Auffällige Begriffs-, Abstraktions- und Übertragungsleistungen
- Besonders frühes Interesse an und intensive Beschäftigung mit Symbolen (numerisch, verbal, usw.) und abstrakten Konzepten, klassifikatorischen, gliedernden und ordnenden Tätigkeiten
- Frühe Anzeichen für reflexives Denken, Perspektivenübernahme (nicht nur räumlich) Metakognitionen
- Hervorragende Gedächtnisleistungen
- Besondere Flüssigkeit im Denken; Finden neuer origineller Ideen (in Sprache oder mit Materialien)
- Hohe Konzentrationsfähigkeit und außergewöhnliches Beharrungsvermögen bei selbstgestellten Aufgaben (meist im intellektuellen Bereich)
- Selbstinitiiertes und häufig selbstständig angeeignetes Lesen zwischen dem 2. Und 5. Lebensjahr
- Sehr elaboriertes (frühes), ausdrucksvolles, flüssiges Sprechen mit häufig altersunüblichem, umfangreichem Wortschatz; Entwicklungsvorsprung im sprachstrukturellen und metasprachlichen Bereich
- Ausgeprägter Eigenwille im Sinn der Selbststeuerung und Selbstbestimmung von Tätigkeiten und Handlungsrichtungen

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Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656000143
ISBN (Buch)
9783656000358
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178190
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1.0
Schlagworte
Kinder Hochbegabung Unterricht Schule Fördern

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Titel: Hochbegabte Kinder - Erkennen und Fördern