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Pierre Bourdieu - Die Mechanismen des Fernsehens und Talk-Shows

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das journalistische Feld

3 Exkurs: sozialer Raum und Feld
3.1. Die Theorie des sozialen Raumes
3.2. Spezialistische Felder

4 Einflüsse des journalistischen Feldes

5 Fallbeispiel Talk-Shows

6 Fazit – die Gefahr des Fernsehens

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Jahre 1996 setzte sich der französische Soziologe Pierre Felix Bourdieu mit der Arbeit, den Wirkungen und Mechanismen des Fernsehens auseinander. Seine Ergebnisse präsentierte er in zwei Vorträgen, welche er einerseits im französischen Fernsehen präsentierte (über den Privatsender Première Paris) und andererseits in seinem, 1998 im deutschen Sprachraum erschienenem, Buch „Über das Fernsehen“ dokumentierte. Bourdieu sieht im Fernsehen, auf Grund verschiedener Mechanismen, eine große Gefahr für das poltische und demokratische Leben, insbesondere für all jene Bürger, „… deren ganzes politisches Rüstzeug in dem vom Fernsehen gelieferten Nachrichten, also in fast gar nichts besteht.“ (Bourdieu, Über das Fernsehen, 1998, S. 23) Er beschäftigt sich sowohl mit der Rundfunklandschaft in Frankreich, als auch mit dem was er das „journalistische Feld“ nennt, was demnach nicht nur das Fernsehen, sondern auch die Printmedien einschließt. Beide Vorträge mit dem Titeln „Das Fernsehstudio und seine Kulissen“ und „Die unsichtbare Struktur und ihre Auswirkungen“ richten sich direkt an die Fernsehverantwortlichen, insbesondere aber an die Journalisten und Journalistinnen selbst. Bourdieu betont jedoch mehrfach, dass es ihm nicht um die Kritik an einzelnen Personen ginge, sondern um die Aufdeckung unsichtbarer Strukturen, welche er im Fernsehen erkenne und für gefährlich hält. „Es geht darum Sie (die Journalisten, Anm. d. Verf.) an Überlegungen zu beteiligen, die darauf abzielen, Mittel zur gemeinsamen Überwindung der bedrohlichen Instrumentalisierung ausfindig zu machen.“ (Bourdieu, Über das Fernsehen, 1998, S. 17) Seine Kritik, die in den französischen Medien zu einer breiten und kontrovers geführten Debatte führte, ist daher sehr pointiert und verzichtet auf konkrete Beispiele aus dem Fernsehen selbst, um die Argumentationslinie aufrecht zu erhalten.

Da Bourdieus Kritik und Darstellung in einem engen, in den Vorträgen jedoch nicht explizit dargelegtem, Zusammenhang mit seiner Theorie des sozialen Raumes und der spezialisierten Felder steht, werde ich im Folgenden diese Theorie in einem Exkurs beschreibend darstellen. Zuerst jedoch möchte ich Bourdieus Kritik am Fernsehen, genauer gesagt am journalistischen Feld, eingehend erläutern. Weiterhin soll die Frage geklärt werden, inwieweit das journalistische Feld mit seinem Mechanismen andere Felder beeinflusst, um abschließend eben jene Mechanismen, die Bourdieu im Fernsehen zu erkennen glaubt, am konkreten Beispiel der Talk-Shows zu verankern.

2 Das journalistische Feld

Bourdieu betont in seinem ersten Vortrag, dass er die ungewöhnliche Möglichkeit hatte über die Produktionsmittel des Fernsehens uneingeschränkt verfügen zu können, in dem er in seiner Redezeit nicht beschnitten, das Thema nicht aufoktroyiert und er nicht durch äußere Einflüsse wie Technik oder moralische Komponenten beschnitten wurde (Bourdieu, Über das Fernsehen, 1998, S. 15) Gerade deswegen sei es bemerkenswert, dass sich die meisten Forscher oder Wissenschaftler nicht mit der Frage der Zugangsbedingungen zum Fernsehen beschäftigen würden. Klar scheint jedoch, dass nicht jedem der Zugang zum Fernsehen gewährt wird. Nur wer sich diesen Beschränkungen unterwirft, dem wird der Zugang gewährt. Bourdieu lehnt es trotzdem nicht ab im Fernsehen zu sprechen, verweist jedoch darauf, dass gewisse Vorfragen geklärt sein müssen:

„Geht das was ich zu sagen habe, jeden an? Bin ich bereit, meine Rede formal so zu gestalten, dass sie alle verstehen? Verdient sie von allen verstanden zu werden? Mehr noch: Soll sie überhaupt von allen verstanden werden? Eine Aufgabe gerade der Forscher und Wissenschaftler […] besteht darin, die Erträge ihrer Forschung allen zugänglich zu machen, und nicht, um möglichst oft im Fernsehen zu erscheinen, eigene Schriften überhaupt nur zu verfassen, um wieder im Fernsehen wahrgenommen zu werden.“ (Bourdieu, Über das Fernsehen, 1998, S. 16,18)

Um Bourdieu zu verstehen, ist es unabdingbar zu verstehen, was er unter dem Begriff des „journalistischen Feldes“ fasst. Ein Feld an sich meint, so Bourdieu, einen strukturierten gesellschaftlichen Raum. Dieser Raum kann als Kraftfeld verstanden werden, denn „es gibt Herrscher und Beherrschte, es gibt konstante, ständige Ungleichheitsbeziehungen in diesem Raum-, und es ist auch eine Arena, in der um Veränderung oder Erhaltung dieses Kräfteverhältnisses gekämpft wird.“ (Bourdieu, 1998, S. 57ff) Die Positionierung eines Individuums in diesem Raum ergibt sich aus den ihm zur Verfügung stehenden Kapitalien (kulturell, sozial, ökonomisch), welche demnach auch seine Strategien bestimmen, das Kräfteverhältnis zu seinen Gunsten zu verändern (Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft., 1987). Die Mitglieder des journalistischen Feldes konkurrieren einerseits um die Gunst der Zuschauer oder Leser, welche sich dann in Form der Einschaltquote niederschlägt, andererseits besteht eine Konkurrenz zwischen den Journalisten selbst, „und diese Konkurrenz hat ihre eigenen spezifischen Ziele: den Scoop, die Exklusivmeldung, das berufliche Ansehen, und sie wird nicht als rein wirtschaftlicher Kampf um finanzielle Gewinne erfahren und verarbeitet, obwohl sie den Zwängen unterliegt, die mit der Position eines Informationsmediums innerhalb ökonomischer und symbolischer Kräfteverhältnisse verbunden sind.“ (Bourdieu, 1998, S. 57f. (Hervorhebung im Original)) Die Rahmenbedingungen, unter denen Fernsehen heutzutage strukturiert wird, lassen sich folgendermaßen beschreiben: Zum Ersten unterliegt das Fernsehen einer unsichtbaren Zensur. Im Gegensatz zur, für jeden sichtbaren politischen Zensur, wie wir sie bspw. in Diktaturen durch das Verbot bestimmter Parteien vorfinden und sich auch Ideologisch klar und deutlich artikuliert (Vgl. (Bourdieu, Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns., 1998), stört sich scheinbar niemand daran, dass im Fernsehen nicht nur die Redezeit beschränkt, sondern auch die Voraussetzungen des Auftritts von Personen und die Themen vorgegeben werden. Dieser unsichtbaren Zensur sind auch die Journalisten selbst unterworfen, denn durch die Unsicherheit ihrer Arbeitsplätze ist der Hang zum politischen Konformismus nicht gerade gering. (Bourdieu, 1998, S. 19) Bourdieu beschreibt diese Art der Zensur als Unsichtbare, weil sie offenbar von allen Mitgliedern für selbstverständlich gehalten werden und kein offener Zwang ausgeübt wird, im Fernsehen aufzutreten. Es handelt sich vielmehr um Mechanismen, die zur Aufrechterhaltung einer symbolischen Ordnung beitragen, also um symbolische Gewalt (Vgl. (Bourdieu, Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns., 1998, S. 107) „die sich der stillschweigenden Komplizität derer bedient, die sie erleiden, und oft auch derjenigen, die sie ausüben, und zwar in dem Maße, in dem beide Seiten sich dessen nicht bewusst sind, das sie sie ausüben oder erleiden.“ (Bourdieu, 1998, S. 21f.) Diese Mechanismen wirken jedoch nicht nur bei den Zugangsvoraussetzungen des Fernsehens, sondern auch die Frage, welche thematischen Schwerpunkte ein Sender unter der Diktatur der Einschaltquote bspw. in einer Nachrichtensendung stellt. Bourdieu beschreibt den Zwang zum Scoop als Grundlage oder auch Mittel zur Vertiefung einer Spaltung zwischen denjenigen, die die anspruchsvolle politische Tagespresse lesen können und denjenigen, die keinen Zugang zur Tageszeitung haben und demnach auf das Fernsehen angewiesen sind. Problematisch ist an dieser Stelle, das das Fernsehen größtenteils aus Omnibus- oder „vermischten Meldungen“ besteht, also solche, die nicht schockieren dürfen, die Konsens herstellen und damit Zeit stehlen, um von wichtigen Meldungen abzulenken. Dies wären aber Meldungen, über die der Bürger zur Wahrnehmung seiner demokratischen Rechte verfügen sollte. Demnach ist jeder Bürger eigentlich auf seriöse Presse angewiesen und das Fernsehen fungiert demnach als ein Mittel der symbolischen Gewalt. Zum Zweiten besteht die Zensur aber nicht nur darin, Unwichtiges und Belangloses in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auch im „Verstecken durch Zeigen“, wie Bourdieu es beschreibt. So interessieren sich die Journalisten bspw. nur dann für die Situation in den Pariser Vorstädten, wenn es dort einmal wieder zu einem „Aufruhr“ gekommen sei. Schon in der Kennzeichnung solcher Vorfälle als „Aufruhr“ wird deutlich, dass Journalisten sich nur für das Ungewöhnliche interessieren, das Außerordentliche, das wiederrum nur außergewöhnlich ist im Verhältnis zu dem, was in Bezug auf die Nachrichten in anderen Medien ungewöhnlich sei. So wird z.B. nicht nur über die erfolgreiche Befreiung von Schulkindern aus der Hand eines Geiselnehmers berichtet. Das reicht im Fernsehen nicht aus. Ein Sender berichtet tags darauf von der Vorbereitung der Polizeiaktion, bei der der Geiselnehmer angeschossen wurde. Ein anderer Sender gibt die Meinung des Nachbarn über den Geiselnehmer preis. In den Pariser Vorstädten, um auf Bourdieus Beispiel zurück zu kommen, interessiert nur der als „Aufruhr“ titulierte Protest von Jugendlichen oder auch kriminelle Handlungen größeren Ausmaßes, nicht aber die tägliche Tristesse im Leben dieser Jugendlichen. Dieses Gewöhnliche, Alltägliche und damit auch Banale findet kaum Einzug in die Themen, die das Fernsehen postuliert. Fernsehen heißt immer auch Dramatisierung. Diese Dramatisierung wird noch verstärkt über die Möglichkeiten des Fernsehens Ereignisse in Bildern und Text darzustellen. Gerade in diesem Mechanismus sieht Bourdieu die Gefahr, dass das Fernsehen subjektive Wirklichkeiten produziert und einer breiten Masse der Bevölkerung zukommen lässt. Der Bürger glaubt was er sieht, er hinterfragt das Gesehene und Gehörte nicht, und doch ist jedes Bild einer Nachricht und jeder Kommentar zu dieser Nachricht eine subjektive Interpretation des Journalisten, der diese Nachricht produziert. Eine weitere Möglichkeit der Dramatisierung besteht in der Übertreibung des Stellenwertes einer Nachricht, bzw. des Ereignisses und die Dramatisierung verstärkt sich je mehr ein Journalist oder Sender dem Zwang zum Sensationellen oder Exklusiven unterliegt. Wie bereits beschrieben, birgt die Jagd nach dem Knüller auch die Gefahr des effet du réel, wie Bourdieu es beschreibt. Da das Medium Fernsehen in der Lage ist seine Meldungen mit farbigen beweglichen Bildern zu illustrieren, also zu visualisieren, erzeugt es eine Scheinrealität, die dann auch als real wahrgenommen werden kann und wird. Es erzeugt Meinungen, konstruiert Wirklichkeiten, die auch sozial mobilisierende oder demobilisierende Wirkungen besitzen können. (Bourdieu, 1998, S. 28) Journalisten besitzen, so wie jeder andere Mensch ebenfalls, auf Grund ihrer sozialen Herkunft, bestimmte Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata, die, bewusst oder unbewusst ständig zum Tragen kommen. Bourdieu verankert diese individuellen Bewertungskriterien unter dem theoretischen Begriff des Habitus. Gleichzeitig haben sie auf Grund ihrer Position, ihrem Zugang zum journalistischen Milieu, auch Zugang zu einem Medium, durch das diese eigene Wahrnehmung unter dem Zwang zum Scoop und zur Einschaltquote, zu einer Wirklichkeit für andere wird. In diesem Mechanismus sieht Bourdieu die Hauptgefahr die vom Fernsehen ausgeht. Er geht sogar so weit, zu behaupten: Wer heutzutage etwas erreichen möchte, müsse sich, statt auf der Straße zu demonstrieren, einen Werbeberater engagieren, der die Aufgabe hat, das angestrebte Ziel mediengerecht im Fernsehen zu inszenieren. (Bourdieu, 1998, S. 29) Ein drittes Moment, das das journalistische Feld beherrscht, ist jenes der „zirkulären Zirkulation“ einer Nachricht. Gemeint ist damit, dass die wenigsten Nachrichten wirklich originär sind. Sie stammen meist von anderen Journalisten, Presseagenturen, aus einer Hauptquelle der Journalisten:

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Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656002017
ISBN (Buch)
9783656002420
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178189
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
2.3
Schlagworte
Bourdieu Fernsehen Medien TalkShow

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Titel: Pierre Bourdieu - Die Mechanismen des Fernsehens und Talk-Shows