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Linguistische Analyse eines Zeitungsartikels

Hausarbeit 2004 19 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Text - Satz - Sequenz

3. Die Mikrostruktur eines Textes - Textebenen
3.1. Die prälinguistische Ebene
3.2. Die syntaktische Ebene
3.3. Die semantische Ebene
3.4. Die pragmatische Ebene
3.5. Die stilistische Ebene

4. Die Makrostruktur eines Textes
4.1. Das Textthema
4.2. Makroregeln
4.3. Eine Zusammenfassung von „Novos desafios”

5. Schluss

6. Der analysierte Text (Transkription)

7. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit der Textanalyse, einem wichtigen Bereich der Sprachwissenschaft. Dazu werde ich zunächst so zentrale Begriffe wie Text, Satz und Sequenz näher erläutern. Wenn ich danach auf die Mikrostruktur von Texten zu sprechen komme, möchte ich besonders ein selbst gewähltes Textbeispiel zur Analyse heranziehen.1 Dabei handelt es sich um einen portugiesischen Zeitungsartikel, der am 16.06.2004 unter der Rubrik Opinião im Jornal de Notícias der Stadt Porto erschienen ist. Autor des Textes ist Gil Martins, Berater und Ausbilder an der nationalen Feuerwehrschule und von 1983 bis 2003 Inspektor des Serviço Nacional de Bombeiros. Außerdem war er zwischen April und Oktober 2003 beim Centro Nacional de Operações de Socorro do Serviço Nacional de Bombeiros e Protecção Civil verantwortlich für die Koordination der Feuerwehreinsätze während der Großbrände des vergangenen Sommers in Portugal. In seinem Text macht er auf die Versäumnisse der Politik und der Bevölkerung hinsichtlich der Vorbereitung auf solche Brandkatastrophen aufmerksam und weist auf die Schwächen der Organização Portuguesa de Protecção Civil hin.

Zum Abschluss möchte ich bei der Untersuchung der Makrostruktur des Zeitungsartikels versuchen, die von Teun A. van Dijk aufgestellten systematischen Regeln für die Textzusammenfassung (cf. van Dijk, 1980: 45 ff.) auf mein Analysebeispiel anzuwenden.

2. Text - Satz - Sequenz

Die Textanalyse ist neben der Diskursanalyse einer von zwei Hauptansätzen in der Linguistik, die sich gebildet haben, um zu untersuchen, wie aus Folgen von Sätzen zusammenhängende sprachliche Muster entstehen. „Die Diskursanalyse konzentriert sich auf den Aufbau natürlicher, gesprochener Sprache in Gesprächen, Interviews, Kommentaren und Reden. Die Textanalyse setzt ihren Schwerpunkt bei der Struktur geschriebener Sprache in ‘Texten’ wie Essays, Notizen, Straßenschildern und Parlamentsbeschlüssen” (Crystal, 1995: 116). Jedoch ist diese Unterscheidung nicht eindeutig, denn sowohl Diskurs als auch Text können - wenn weiter gefasst - alle sprachlichen Einheiten mit erkennbarer kommunikativer Funktion umfassen, egal ob sie der Mündlichkeit oder der Schriftlichkeit zuzurechnen sind. Teun A. van Dijk erweitert mit seinem Begriff der Textwissenschaft, d.h. der interdisziplinären Erforschung von Texten, die Bedeutung der Textanalyse für die Wissenschaft im Allgemeinen um ein Vielfaches, denn unter diesem Begriff versucht er nicht nur die linguistische Textanalyse - und dabei schließt van Dijk auch die Diskursanalyse mit ein -, sondern z.B. auch die psychologischen und soziologischen Möglichkeiten zur Untersuchung von Texten zusammenzuführen. Ich möchte mich in dieser Arbeit jedoch auf die linguistische Analyse geschriebener Texte konzentrieren.

Die menschliche Rede verbindet Lexeme und Morpheme zu sprachlichen Äußerungen mit der Absicht, jemandem etwas mitzuteilen. Die Gesamtheit dieser Äußerungen nennt man Text (von lat. textus „Gewebe, Geflecht; zusammenhängende Rede”). Der Text ist eine Abfolge von Sätzen oder, noch allgemeiner, Aussagen - der minimalen Form einer sprachlichen Äußerung -, die miteinander zusammenhängen und / oder voneinander abhängen. Geschriebenes muss meist sorgfältiger geplant werden und weist oft eine kompliziert strukturierte Ausdrucksweise auf. Ein großer Vorteil der schriftlichen Kommunikation ist zwar, dass sie störungsfrei und zusammenhängend jederzeit und an jedem Ort rezipierbar ist, und dass mit ihrer Hilfe sehr viel Information auf engem Raum vermittelt werden kann. Aber im Unterschied zur gesprochenen Sprache müssen die Sätze so aufgebaut, angeordnet und miteinander verknüpft sein, dass der Text in sich schlüssig ist und alle Unklarheiten von vornherein beseitigt werden. Ein mögliches Mittel zur optischen Aufbereitung eines solchen geschriebenen Textes sind auch die Satzzeichen. Sie tragen in hohem Maße zu seiner besseren Verständlichkeit bei.

Der Zusammenhalt des Textes, die Kohäsion, wird durch verschiedene Bindeglieder gewährleistet, wie z.B. durch Konjunktionen oder verschiedene deiktische Mittel mit anaphorischer (rückverweisender) oder kataphorischer (vorverweisender) Funktion. Nach der traditionellen Grammatik lassen sich in einem Satz nicht nur die Satzglieder Subjekt, Prädikat, Objekt und Umstandsbestimmungen, sondern auch einzelne Teilsätze unterscheiden. Bei der Anordnung dieser Teilsätze bietet sich zum einen die Möglichkeit der Parataxe, d.h. der Beiordnung oder Koordination von Sätzen, z.B. bei einer Aufzählung mehrerer Hauptsätze, die durch beiordnende Konjunktionen miteinander verbunden sind. Der folgende Satz aus dem von mir analysierten Zeitungsartikel „Novos desafios” ist ein Beispiel für die Parataxe:

(1) Cada cidadão deve ser um participante activo da sua segurança e capaz [i.e. deve ser capaz] de participar na organização colectiva de resposta às emergências.

Andererseits lassen sich Teilsätze auch hypotaktisch, d.h. in Beiordnung oder Subordination, anordnen, wobei sich einer oder mehrere Nebensätze auf den Hauptsatz beziehen. Eine Folge von Hauptsatz und Gliedsätzen wird auch als Periode bezeichnet. Dass der Hauptsatz dabei oft sehr kurz sein kann, zeigt folgendes Beispiel aus „Novos desafios”:

(2) É, assim, imprescindível que, também, os órgãos de Comunicação Social colaborem, integrando a organização, entendendo o seu papel na emergência e estando devidamente inteirados do risco, do sistema e da resposta.

Dieses Beispiel verdeutlicht auch das bei Perioden häufig angewandte Prinzip der wachsenden Glieder, wobei die Teilsätze im Zuge der Textprogression immer umfangreicher werden (cf. die Zusätze I, II und III zum Gliedsatz que ... colaborem). Das trägt einerseits zu einem eher ruhigen, getragenen Stil bei, aber dadurch wird andererseits auch noch viel mehr zusätzliche Information gegeben:

(3) É, assim, imprescindível que, também, os órgãos de Comunicação Social colaborem,

I integrando a organização,
II entendendo o seu papel na emergência
III e estando devidamente inteirados do risco, do sistema e da resposta.

Viele sprachliche Äußerungen haben nicht die abstrakte Struktur eines Satzes, sondern einer Reihe von Sätzen, sogenannten Sequenzen. Ein Text weist im Allgemeinen mehrere Arten von Sequenzen, wie z.B. narrative, deskriptive, explikative, instruktionelle und argu- mentative, auf. „Uma sequência é uma unidade constituinte do texto, formada por meio da combinação de proposições, de maneira que o resultado seja um conjunto de proposições que constitui a sequência.” (Thielemann, 2000: 208). Der hier angesprochene Begriff der Proposition als eine die Sequenzen konstituierende Einheit bezeichnet die Intension, d.h. die Bedeutung eines (Teil-)Satzes, also einen bestimmten Sachverhalt bzw. das, was im Satz über die Wirklichkeit - die mögliche Welt - ausgesagt wird. Eng verbunden mit den Begriffen Sequenz und Proposition ist auch der Begriff der Präsupposition, der in einer Folge von Propositionen einen - schon eingeführten - Sachverhalt bezeichnet, von dem behauptet wird, dass er Ursache oder Grund für einen anderen - folgenden - Sachverhalt ist. Das nachstehende Beispiel soll dies noch einmal verdeutlichen, wobei die Präsupposition jeweils unterstrichen ist (cf. van Dijk, 1980: 36):

(4) Auch dieses Hotel lag am Ortsrand. Peter wusste, dass das Hotel am Ortsrand lag. Dass das Hotel am Ortsrand lag, gefiel Peter gut. Weil das Hotel am Ortsrand lag, hatte Peter eine gute Aussicht auf die Berge.

Betrachtet man nun die Sequenzstruktur des Textes „Novos desafios” genauer, so zeigt sich, dass der Verfasser zunächst in einer deskriptiven Sequenz beschreibt, wie die Arbeit der organização de protecção civil seiner Meinung nach aussehen sollte, nämlich dass sie als „humanitäres Instrument” aber auch als „Entwicklungsinstrument” tätig sein soll. Dann folgt in einer weiteren deskriptiven Sequenz die Feststellung, dass der Zivilschutz während der Großbrände im letzten Sommer große Schwächen aufwies. Daraus schließt der Autor in einer argumentativen Sequenz, dass einerseits die Bürger dazu angehalten werden müssen, selbst für ihren Schutz zu sorgen, dass aber andererseits auch die Regierung für den Zivilschutz verantwortlich ist. In einigen instruktionellen Sequenzen im Verlauf des Textes verdeutlicht der Autor seine Vorstellungen von einer gut funktionierenden organização de protecção civil, welche er mit Argumenten untermauert. Instruktionelle Sequenzen zeichnen sich durch den deontischen Modus, den Gebotsmodus, aus. Mit der modalen Verbalperiphrase dever fazer alguma coisa oder dem unpersönlichen Ausdruck é urgente fazer alguma coisa, die beide eine Verpflichtung zum Ausdruck bringen, zielt der Verfasser auf eine Beeinflussung oder gar Steuerung des Verhaltens des Lesers ab. Er wird den Leser wohl zumindest zum Nachdenken über die Missstände in Portugal bewegen wollen.

3. Die Mikrostruktur eines Textes - Textebenen

Die Analyse der Mikrostruktur ermöglicht es, die einzelnen Bestandteile von Sätzen ausfindig zu machen, ihre Funktion im Satz zu erkennen und ihre satzübergreifende Wirkung innerhalb größerer Texteinheiten zu bestimmen. Die Textanalyse hat stets insbesondere die Identifizierung der Sätze verknüpfenden sprachlichen Merkmale zum Ziel. Diese Binde- glieder, auch Konnektoren genannt, lassen sich unter dem Begriff Kohäsion zusammenfassen. Aber Sätze, die durch Konnektoren verknüpft sind, müssen auch eine inhaltlich-thematische Einheit bilden, damit ein sinnvoller Text entsteht. Diesen inhaltlich-thematischen Textzusam- menhang nennt man Kohärenz. Fehlt die Kohärenz in einer Äußerung, wird diese für den Rezipienten unverständlich und die erfolgreiche Kommunikation scheitert.

Im folgenden möchte ich den von mir für die Analyse gewählten Zeitungstext „Novos

desafios” auf verschiedenen Ebenen im Bereich seiner Mikrostruktur untersuchen. Dabei werde ich insbesondere auf die syntaktische und die semantische Struktur des Textes eingehen, aber auch Aussagen über pragmatische und stilistische Aspekte treffen.

3.1. Die prälinguistische Ebene

Die prälinguistische Ebene ist die Sachebene eines Textes, die sich auf die außersprachliche Wirklichkeit bezieht. Diese Ebene umfasst all das, was die Abfassung des Textes bewirkt haben könnte. Auch der Text selbst kann darüber Aufschluss geben. In unserem Beispiel bringt der Verfasser seine Beweggründe explizit zum Ausdruck:

(5) Durante os incêndios do Verão passado, as debilidades da organização de protecção civil foram observáveis [...]

Dieser Text bezieht sich folglich zunächst einmal auf die „Schwächen der Zivilschutzorganisation”, die während der „Brände des letzten Sommers” offen zu Tage getreten sind.

3.2. Die syntaktische Ebene

Auf dieser Ebene sind satzübergreifende grammatische Beziehungen innerhalb des Textes an- gesiedelt. Ich will bei der Analyse von „Novos desafios” nun zunächst auf Konnektoren eingehen und dann die Handlungsträger näher betrachten. Danach werde ich auf die Verwendung der Tempora und Modi zu sprechen kommen und schließlich auch die Diathese berücksichtigen.

Allgemein ist festzustellen, dass der Autor des Artikels im größten Teil des Textes zur Satzverknüpfung kaum Konnektoren verwendet, sondern vor allem durch die Wiederaufnahme einzelner Schlagwörter semantische Verknüpfungen aufbaut (cf. 3.3.). Dennoch möchte ich zumindest an einem größeren zusammenhängenden Textbeispiel das Wirken der hier auftretenden Konnektoren aufzeigen:

(6) Cabe aos governos regular e orientar esta estratégia, mas também [cabe aos governos] pla- near a sua própria intervenção [...] Informações frequentes e adequadas, mensagens de aviso e alerta vulgarizadas contribuem para dotar os cidadãos de hábitos de prevenção e protecção [...] É, assim, imprescindível que, também, os órgãos de Comunicação Social colaborem [...] Mas é na base da organização de protecção civil, o Município [...] Se, por um lado, grande parte dos municípios raras vezes possui, por si só, capacidade operacional para fazer face a uma situação de emergência, por outro lado, ainda existem autoridades municipais que [...]

[...]


1 Eine Transkription des Textes ist der Arbeit beigefügt (cf. 6.).

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640999286
ISBN (Buch)
9783640999170
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178149
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Romanistik
Note
2.0
Schlagworte
Textlinguistik Textanalyse

Autor

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Titel: Linguistische Analyse eines Zeitungsartikels