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Zum Erziehungsratgeber "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Haarer

Seminararbeit 2010 24 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Johanna Haarer - Biografie und politischer Standpunkt

3. Aufbau und Inhalt des Buches

4. Erziehungsratgeber vor Haarer

5. Vergleich Haarer 1936, Haarer 1962, TRIAS-Ratgeber
Schwangerschaft
Erstausstattung des Babys
Geburt

6. Nationalsozialistisches Gedankengut bei Haarer

7. Kritik an Haarer: Sigrid Chamberlain

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll der erstmals 1934 erschienene Erziehungsratgeber "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Haarer untersucht werden. Dieser wurde wiederholt neu aufgelegt, wobei 440.000 Exemplare bis 1941 gedruckt waren und bis 1988 insgesamt 1,2 Millionen Exemplare verkauft wurden. Danach erfolgte keine Neuauflage mehr.[1]

Zunächst soll die vorliegende Ausgabe von 1936 inhaltlich vorgestellt werden. Dabei wird auf einige Besonderheiten im Umgang mit der Schwangeren, mit ihrem Kind sowie im Tagesablauf der jungen Mutter hingewiesen.

Da Haarer wiederholt Kritik an bisherigen Erziehungsratschlägen übt, sollen außerdem zwei um die Jahrhundertwende erschienene Erziehungsratgeber mit ihrem Werk verglichen werden. Die Auswahl dieser Erziehungsratgeber orientierte sich hierbei an der zur Verfügung stehenden Literatur; es handelt sich also um stichprobenartig ausgewähltes Vergleichsmaterial.

Haarers Buch soll auch mit einer Neuauflage von 1962 verglichen werden, um so festzustellen, wie sich die gegebenen Ratschläge zur Kindererziehung nach Ende des Dritten Reiches verändert haben. Als neutrales Referenzwerk wurde hierbei der TRIAS-Ratgeber herangezogen, der in Thema und Zielgruppe ähnlich ist.

Es soll außerdem untersucht werden, ob und in welcher Form "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" nationalsozialistisches Gedankengut enthält.

Und schließlich soll die Kritik an Haarer von Seite der Psychologen thematisiert werden. Beispielhaft wird hier die Untersuchung durch Sigrid Chamberlain vorgestellt.

Alle Hervorhebungen in Zitaten wurden im Nachhinein eingefügt. Sofern im Originalzitat gesperrt gedruckter Text enthalten war, wird dies nicht wiedergegeben.

2. Johanna Haarer - Biografie und politischer Standpunkt

Johanna Haarer (1900-1988) besuchte zunächst nur die Volksschule, holte später jedoch ihr Abitur nach und studierte Medizin.

Sie schrieb zwölf Bücher und mehrere Artikel, die meisten davon über gesundheitliche Themen und Kindererziehung. Eine Bibliografie der Werke Haarers findet sich auf der Seite der Universität Wien.[2]

Nach Kriegsende befand sich Haarer für ein Jahr in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Der Versuch, nach ihrer Entlassung eine eigene Praxis zu eröffnen, scheiterte. Haarer war bis zu ihrer Pensionierung 1965 im öffentlichen Dienst in verschiedenen Gesundheitsämtern tätig.

Ihrer Tochter zufolge gab Haarer ihre nationalsozialistische Einstellung bis zu ihrem Tod nicht auf.[3]Inwieweit diese in ihren Werken erkennbar wird, soll im Kapitel "Nationalsozialistisches Gedankengut bei Haarer" untersucht werden.

3. Aufbau und Inhalt des Buches

"Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" wurde als Ratgeber für Schwangere geschrieben.[4]Die Autorin beschreibt zunächst die körperlichen und seelischen Veränderungen durch eine Schwangerschaft und gibt der Leserin einige allgemeine Verhaltensratschläge. So soll man etwa auf Alkohol und auf das Rauchen verzichten; außerdem wird empfohlen, die sportliche Betätigung bzw. körperliche Arbeit einzuschränken.

Es folgen eine Reihe von praktischen Ratschlägen. Haarer zählt auf, was als Erstausstattung für das Baby benötig wird, z.B. Windeln und Kleidung. Der Leserin wird empfohlen, die Babykleidung selbst zu stricken, denn diese selbst gestrickte Kleidung ist Haarer zufolge nicht nur günstiger, sondern auch haltbarer und von besserer Qualität.[5]

Der wirkliche Grund, warum Haarer empfiehlt, die Kleidung selbst herzustellen, scheint jedoch ein anderer. Es geht vielmehr darum, die Leserinnen ständig beschäftigt zu halten:

"Wir sollten wieder zurückfinden zu den Begriffen früherer Zeiten, wo es für eine Schande galt, wenn eine Frau müßig dasaß und etwa nur ihre Zunge, nicht auch gleichzeitig ihre Hände rührte."[6]

Auch wenn es um die Ernährung des Babys geht, gibt Haarer der jungen Mutter Tipps, die viel Zeit kosten. So sollte sie beispielsweise täglich frischen Obstsaft[7]oder Gemüsebrei[8]herstellen. Aber damit ist es noch nicht genug. Haarer empfiehlt auch, Kekse und Zwieback für das Baby grundsätzlich selbst zu backen:

"Wir geben dem Kinde außer Schwarzbrot und Semmel kein fertig gekauftes Backwerk, da wir dabei vor der Verwendung von Ersatzfetten, Farbstoffen und künstlichen Triebmitteln nie sicher sind."[9]

Sie stellt außerdem auch noch ein sehr aufwändiges Rezept zur Herstellung von Nierenfett vor.[10]Die Mutter war nun also zur Genüge ausgelastet und es bestand keine Gefahr mehr, dass sie "müßig dasaß".

Die Leserin musste ja darüber hinaus auch noch alle anderen Arbeiten im Haushalt erledigen. Vor allem das Waschen der Wäsche war in den 1930er Jahren sehr zeitintensiv. Waschvollautomaten waren in Deutschland erst Ende der 1950er Jahre erhältlich, z.B. der AEG Lavamat im Jahr 1958.[11]

Für eine Beschäftigung mit dem Kind blieb also nicht mehr viel Zeit, wenn man Haarers Ratschläge befolgte.

Nach den Hinweisen zur Schwangerschaft und zur nötigen Erstausstattung werden nun die Geburtsvorbereitungen, die Geburt selbst sowie das Wochenbett beschrieben. Hierbei fällt auf, dass die werdende Mutter weitgehend entmündigt wird. Das beginnt bereits damit, dass Haarer die möglichen Kindslagen nicht beschreibt, was sie folgendermaßen begründet:

"Auf nähere Darstellungen der Kindslagen wird in diesem Buch absichtlich verzichtet. Aufklärung in dieser Richtung wird so häufig missverstanden und erzeugt dann so unnötige Befürchtungen, daß viele Dinge viel besser der Hebamme und dem Arzt überlassen bleiben."[12]

Die Leserin wird außerdem dazu aufgefordert, die Anweisungen von Arzt und Hebamme auch dann zu befolgen, wenn ihr diese unnötig erscheinen.[13]Und falls es bei der Geburt Probleme gibt, ist es allein der Geburtshelfer, also der Arzt, der die Entscheidung über das weitere Vorgehen trifft:

"Der rechte Geburtshelfer wirdunbeirrtnur seinem Gewissen folgen, auch wenn er im Augenblick nur Undank erntet. [...] Erst wenn die Lagenachseinem allein maßgebenden Urteilfür Mutter oder Kind bedrohlich wird, greift er rasch und entschlossen ein."[14]

Man schätzt hier also die medizinische Sachkenntnis so hoch ein, dass man glaubt, etwaige Äußerungen der Gebärenden ignorieren zu können.

Nachdem nun das Thema der Geburt behandelt wurde, folgen ausführliche Ratschläge zur Ernährung des Kindes auf 65 Seiten.[15]Zwar spricht Haarer sich eindeutig für das Stillen aus, doch gibt sie auch Empfehlungen zur "künstlichen Ernährung" des Kindes, womit eine Ernährung aus der Flasche gemeint ist.

Für die Ernährung des Kindes wird ein festes Schema vorgegeben:

"Alle Tage wird zu denselben Zeiten gestillt. [...] Erster Plan für 5 Mahlzeiten: Wir stillen um 6, 10, 15, 18 und 22 Uhr. Regelmäßige 4stündige Pausen, Nachtruhe 8 Stunden."[16]

Auf den ersten Plan folgt ein zweiter; und auch für das Abstillen sowie die Fütterung von Zukost gibt es Pläne. Was die Ernährung des Kindes angeht, wird hier also kaum etwas dem Zufall überlassen.

Je nach Alter des Kindes ändern sich diese Ernährungspläne. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sowohl die Zeit für eine Mahlzeit, als auch Art und Menge der Nahrung genau festgelegt sind.[17]

Es fällt auf, dass Haarer sich zwar sehr ausführlich mit der Ernährung, Kleidung und Pflege des Säuglings befasst, aber nur wenig auf dessen körperliche und vor allem geistige Entwicklung eingeht. Auch auf die seelischen Bedürfnisse des Kindes nimmt Haarer keine Rücksicht, was sich gleich nach der Geburt zeigt:

"Ist das Kind abgenabelt - so bezeichnen wir die Durchtrennung der Nabelschnur - und atmet es gut, so wird es zunächst in ein Tuch eingehüllt undbeiseite gelegt."[18]

Das Kind an Nähe zu gewöhnen, lehnt Haarer ab. Sie sieht darin nicht nur eine erhöhte Arbeitsbelastung für die Mutter, sondern begründet diese Ablehnung auch damit, dass es zu körperlichen Schäden führen könne, ein Kind zu viel herumzutragen:

"Das Kind gewöhnt sich an die ständige Nähe und Fürsorge eines Erwachsenen undgibt bald keine Ruhe mehr, wenn es nicht Gesellschaft hat und beachtet wird. Es sitzt zu viel auf dem Arm der Mutter und kriecht und krabbelt zu wenig. MancheVerkrümmung der Wirbelsäulehat ihren Ursprung darin, daß das Kind ständig auf dem Arm herumgetragen wurde."[19]

Empfehlungen, wie man sich mit dem Kind beschäftigen kann, sucht man in Haarers Ratgeber vergeblich. Das Buch befasst sich in der ersten Hälfte mit Schwangerschaft und Geburt und legt im zweiten Teil den Schwerpunkt auf die rein körperliche Pflege des Kindes. Durch die Befolgung dieser Ratschläge werden wohl zumindest schwere Krankheiten vermieden, die durch eine Fehlernährung hervorgerufen würden. Als vollständig kann man den Ratgeber jedoch nicht bezeichnen.

4. Erziehungsratgeber vor Haarer

In Haarers Werk wird an mehreren Stellen auf nicht mehr zeitgemäße Verhaltensweisen im Umgang mit der Schwangerschaft und dem Neugeborenen verwiesen. Es wird außerdem ein Kontrast zwischen nicht näher benannten "trüben Quellen" und modernem Wissen hergestellt, etwa an dieser Stelle:

"Zum Schaden von vielen Frauen wird dann auf alle möglichen Ratgeberinnen gehört und häufigaus recht trüben Quellen geschöpft, was bei vernünftiger Überlegung tausendmalbesser an richtiger Stellezu erfahren wäre. Hier liegt noch ein weites Feld der Aufklärung und Belehrung, vor allem auch der heranwachsenden weiblichen Jugend brach!"[20]

Es ist davon auszugehen, dass Haarer sich selbst den modernen Ratgebern zuordnet.

[...]


[1]Ute Benz: "Brutstätten der Nation", in: Dachauer Hefte 11/1988, S. 145/146.

[2]http://www.univie.ac.at/biografiA/daten/text/bio/haarer.htm (20.02.10)

[3]ibid.

[4]Johanna Haarer: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. München, 1936, S. 6.

[5]Haarer 1936, S. 29.

[6]ibid., S. 30.

[7]ibid., S. 180.

[8]ibid., S. 196.

[9]ibid., S. 197/198.

[10]ibid., S. 199.

[11]http://www.aeg-electrolux.de/node182.asp (19.02.10)

[12]Haarer 1936, S. 72.

[13]ibid., S. 78.

[14]ibid., S. 92.

[15]ibid., S. 105-128 und S. 169-211.

[16]ibid., S. 109.

[17]ibid., S. 126-211.

[18]Haarer 1936, S. 88.

[19]ibid., S. 214.

[20]ibid., S. 71/72.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640998586
ISBN (Buch)
9783640998814
Dateigröße
927 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178050
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Geschichte der Medizin
Note
1,3
Schlagworte
Erziehungsratgeber Kindheit Nationalsozialismus Kindererziehung Johanna Haarer Haarer

Autor

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