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Textstrukturanalyse "Ökonomie und Ethik. Die Kapitalismusdebatte in der Philosophie der Neuzeit."

Kapitel IV - von Prof. Dr. Elmar Waibl

Seminararbeit 2006 9 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

1. Einleitung

Der zu untersuchende Text „Kapitel IV. Jean-Jaques Rousseaus Kritik der bürgerlich­kapitalistischen Gesellschaft“, ist der Schrift „Ökonomie und Ethik. Die Kapitalismusdebatte in der Philosophie der Neuzeit“ (1984, Stuttgart / Bad Cannstatt) von Elmar Waibl entnommen. Um ein vorbereitendes Verständnis für den Text entwickeln zu können, ist zunächst zu empfehlen, einen Blick auf die Biographie des Autors zu werfen. Univ.-Prof. Dr. Elmar Waibl studierte zunächst Philosophie, Kunstgeschichte, Politikwissenschaft und Ethnologie an der Universität Wien. Im Jahre 1975 folgte sein Doktorat im Hauptfach Philosophie und im Nebenfach Kunstgeschichte. Im Anschluss verfolgte er seine Studien in Honolulu (Fulbright- Stipendium). Seine Habilitation erfolgte 1983, die Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre bewegen sich in und um die Felder Sozial- und Wirtschaftsphilosophie, Philosophische Anthropologie, Philosophie der Technik, Ethik (Wirtschaftsethik, Medizinethik, Friedensethik), Philosophie der Kunst / Ästhetik und angewandte Ethik, aktuell lehrt er an der Universität Innsbruck.

Das hier skizzierte Aufgabenfeld unseres Autors, lässt schon eine erste Vermutung auf die Perspektive des zu evaluierenden Kapitels erahnen. Ganz im Sinne des Buchtitels arbeitet Dr. Waibl die Bedeutung Rousseaus für das Spannungsfeld Ökonomie und Ethik heraus. Hierbei hält er sich sehr genau an die Werke des Klassikers, ohne aber der Versuchung zu verfallen, seine Analyse einer reinen Huldigung des Meisters gleichkommen zu lassen. So stellt Waibl die aktuelle Bedeutung Rousseaus für unsere Lebenswelten, unsere temporären ökonomischen und ethischen Konflikte und Makrostrukturen heraus. An keiner Stelle aber spart er aber mit Hinweisen auf die Lebensumstände Rousseaus, die für bestimmte Gedankengänge und Schlussfolgerungen maßgeblich waren. Hierbei betont er besonders, dass R. in der Tiefe seiner Kritik der bürgerlichen Gesellschaft späteren Kritikern in vielem nachsteht, keinesfalls aber in der Leidenschaftlichkeit seiner Kritik (Waibl, 1984, S. 164, 165). Waibl beginnt mit einer prägnanten Darstellung und Abgrenzung Rousseaus Gedankenwelt zu anderen Autoren seiner Zeit, dieser Abschnitt (unterteilt in mehrere Einzelabschnitte) nimmt den Anfang und Hauptteil seines Textes ein. Abschließend stellt er die Gültigkeit und Bedeutung von Rousseaus Vermächtnis heraus und schließt mit einem „aufweckenden“ Nachhall, der deutlich und folgerichtig den in den vorangegangenen Seiten erarbeiteten Aktualitätswert des Klassikers konstatiert (Waibl, 1984, S. 193).

2. Argumentationsanalyse

Der erste Abschnitt „1. Die Absage an die kapitalistischen Wertprinzipien“ konzentriert sich auf den Stellenwert und die Wirkung Rousseaus. Um dies auszudeuten, legt Waibl zwei unterschiedliche Perspektiven nahe: Die Wirkung Rousseaus zu Lebzeiten und seine Bedeutung in unserem beginnenden Jahrhundert. So argumentiert er, dass der Gehalt in Rousseaus Schriften schon damals den bürgerlichen Wertkosmos ins wanken brachte und sogar in Kants Worten „...demjenigen was allgemein gangbar ist, so sehr entgegenstehen“, dass diesen Befremdung überfällt, über die sonderliche Art und Eloquenz mit der R. die Fundamente der damaligen bürgerlichen Gesellschaftsverfassung angreift (in Frage stellt). Da Kant als renommierter Vertreter der gangbaren Ansichten des damaligen Wertkosmos bekannt ist, wiegt er hier als Untermauerung dieser These sicherlich schwer, dennoch wären unterschiedlichere Meinungen aus dieser Epoche sinnvoll gewesen, um einen größeren Einblick in die Kritik an Rousseaus Werken darlegen zu können. Aufgrund des Umfangs des hier zu untersuchenden Textes, ist es aber angemessen das Waibl an dieser Stelle nicht weiter ausholt.

Um die Eruption verstehen zu können, deren Wellen bis heute kräftig schlagen und die „Vielseitigkeit“ der Interpretationen um Rousseaus Kritik aus heutiger Sicht begreifbar zu machen, stellt Waibl auf die Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit (vieler) seiner Aussagen ab (Waibl, 1984, S. 164). So ist es auch nachvollziehbar weshalb die unterschiedlichsten „.geistigen Kampfbewegungen, die sich gegen den bürgerlich-kapitalistischen Wertkosmos gerichtet verstanden, an seinem Denken entzünden konnten und warum so unterschiedliche Personen.ihr Anliegen in Rousseau zu erkennen vermeinten.“ (Waibl, 1984, S. 164). Einige Interpreten gehen hierbei sogar soweit zu behaupten, dass nicht mal über die Grundzüge R.’s Werke Klarheit herrsche und dass demnach ein großer Interpretationsspielraum zu Grunde liegt. Die Deutung, dass anhand der tatsächlich stattgefunden Anlehnung oder Berufung auf Rousseau durch Personen die geschichtsträchtig verzeichnet sind, ein Verweis auf die Plastizität seiner Werke verstanden werden kann, ist unter Betrachtung der Unterschiedlichkeit der hier angegebenen Personen (Fidel Castro, Anarchisten, Personen der Französischen Revolution, Ökologie- und Alternativebewegungen) einleuchtend. Sicherlich müssten hier handfeste Belege angeführt werden und nicht auf die Kenntnis des Lesers (über die genauen einzelnen Umstände) vertraut werden. Dennoch kann diese Argumentationsführung hier gelten, da wie schon in der ersten Perspektive angeführt, der Umfang des Textes eine „natürliche“ Beschränkung der Ausführlichkeit vorgibt.

Im Folgenden fokussiert Waibl das Gedankengebäude Rousseaus und gibt dem Leser eine kurze Einführung in die Überzeugungen und Ausgangspunkte aus denen Rousseau seine Werke entwickelt hat. Hierbei geht es Waibl nicht um eine exakte Analyse der primären Literatur, sondern vielmehr um eine knappe und verständliche Evaluierung selbiger. Er möchte Neulingen der Literatur Rousseaus die Entwicklung seiner (Rousseaus) Standpunkte deutlich machen und ein Vorwissen schaffen, das im weiteren Textverlauf das Verständnis für die Bedeutung R.’s Texte für das Thema „Ökonomie und Ethik“ ermöglicht. Generell nimmt Waibl eine affirmative Haltung zu Roussau ein. Er lässt sich aber dadurch nicht „beirren“, weder noch verfällt er in Ungenauigkeit bei seiner Analyse aus Gründen der Begeisterung. Durchaus stellt er nämlich die gedanklichen Hürden R.’s heraus, wenn er beispielsweise angibt, dass „der Genfer...zu sehr in der Vorstellungswelt einer statischen Wirtschaft gefangen, als das er hätte sehen können, dass eine dynamische Erwerbswirtschaft, die sich nicht nur auf gleich bleibendem Niveau reproduziert, sondern prosperiert, nicht nach dem Nullsummenprinzip funktioniert.“ (Waibl, 1984, S. 174). Dies ist ein besonders kräftiges Argument, da sich Rousseaus Wirtschaftsdenken in seinen Grundzügen auf diese Annahme stützt. Waibl versteht es deutlich Kritik an Rousseau zu üben, da durch solch ein Argument das Fundament Rousseaus im Wesentlichen angegriffen wird. Im selben Moment beweist sich aber Waibls Feinfühligkeit, wenn er konstatiert, dass hier im eigentlichen Sinne nicht die Hauptsache von Rousseaus Kritik berührt wird. Er will diese Aspekte unter einer metaökonomischen Perspektive verstanden wissen, welche er zweifelsohne Rousseaus Überlegungen anhaftet. Bemerkenswert ist, wie Waibl an dieser Stelle sortiert, in dem er das Kritikfeld der Grundgedanken Rousseaus in eine separate Diskussion, um das metaökonomische und realistische Verständnis Rousseaus überführt und dadurch den eigentlichen Gehalt für seine Fragestellung und die dafür passende Perspektive „Rousseaus Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft ist eine zutiefst humanistische“ (Waibl, 1984, S. 174), die er für die Evaluierung seines Themas benötigt, herausstellt. So gelingt ihm sinnvoll die Überleitung in Abschnitt 4. „Der Mensch in der Konkurrenzgesellschaft“.

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Details

Seiten
9
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656002161
ISBN (Buch)
9783656002529
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178044
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Schlagworte
Textstrukturanalyse Ökonomie Ethik Kapitalismus Philosophie

Autor

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Titel: Textstrukturanalyse "Ökonomie und Ethik. Die Kapitalismusdebatte in der Philosophie der Neuzeit."