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"Unehrliche Leute" und ihre sozialen Aufstiegsmöglichkeiten

Soziale und politische Normen in der Frühen Neuzeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. »Unehrliche« Berufe
A. Was bedeutete »Unehrlichkeit«?
B. Wer gehörte einer »unehrlichen« Berufsgruppe an?
C. Scharfrichter
1. Die Anfänge des Scharfrichterberufs
2. Das Berufsbild
3. Formen und Ursachen der »Unehrlichkeit«
D. Abdecker
E. Weitere »unehrliche« Berufe

III. Soziale Stellung und gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten

IV. Schlussbetrachtung

V. Abbildung

VI. Literatur
A. Literaturverzeichnis
B. Abbildungsverzeichnis

I. Einleitung

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es relativ klare und einheit- liche Vorstellungen darüber, welcher Beruf als »ehrlich« und welcher als »un- ehrlich« galt. Doch hatte man im Alltag nicht täglich mit solchen »Unehrlichen« zu tun? Und wer waren die »Unehrlichen«? Kann der Personenkreis bestimmt werden? Was machte ihre Tätigkeit »unehrlich« und diskriminierend?

Welche Personen- und Berufsgruppen dürfen als soziale Randgruppen und Außenseiter genannt werden? Es sind Personen wie „fahrende Leute, Bett- ler, Spielleute, Dirnen (…), schließlich Henker und Schinder.“1 Durch ihr Ab- weichen von Verhaltensnormen der Gesellschaft, war es zudem leicht, sie mit zusätzlichen Vorurteilen zu belasten. Wie Irsigler und Lassotta sagen, sind „Randgruppen und Außenseiter manchmal ein Zeichen gesellschaftlicher Ano- mie“2, die dann wiederum zu einem Ungleichgewicht in der Gesellschaft führen konnten. Im Regelfall gelangte man durch die Geburt, auch schon mal durch Abdrängen, in diese Randgruppe.

Welche Möglichkeit bot sich beispielsweise einem Scharfrichter oder Abdecker in der gesellschaftlichen Struktur aufzusteigen? Hatte er diese Möglichkeit überhaupt? Wie hoch war die Chance? Geschah dies durch einen individuellen Aufstieg oder durch den Aufstieg einer ganzen Gruppe?

Die Existenz von »unehrlichen Berufen« zählt, laut Nowosadtko, zu den Besonderheiten der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ständegesellschaft.3

II. »Unehrliche« Berufe

A. Was bedeutete »Unehrlichkeit«?

„Welches ist das aufrichtigste und redlichste Handwerk, da am wenigs- ten Betrug zu verbergen sey? Antw. ein Henker oder Nachrichter der thut sein Werk frey offenbar, daß jedermann sehen mag.“ (Bregenzer Schreibkalender, 1761)4 Scheffknecht spricht von einer Doppeldeutigkeit des Begriffs der »Un- ehrlichkeit«. „Neben der heute noch gebräuchlichen Bedeutung von »unehr- lich«, im Sinne eines moralischen Defekts, konnte diese Bezeichnung eine sozi- almentale oder rechtliche und soziale Kategorie bedeuten, die eine verminderte Rechtsstellung ganzer Berufsgruppen bewirkte.“5 Im Mittelalter und in der frü- hen Neuzeit bedeutete »unehrlich sein«, nicht „betrügerisch“, sondern „ehrlos“, im Sinne von „ohne gesellschaftliches Ansehen“. Roeck bezeichnet den Henker als „klassischen“ Unehrlichen.6 Von Geburt an oder durch die Profession war ein Henker »unehrlich«. Wichtig ist, dass »Unehrlichkeit« nicht mit Ehrlosig- keit gleichgesetzt werden darf. Denn auch Scharfrichter verfügten über eine gruppenspezifische Ehre, die es zu bewahren galt.7 Allerdings konnte diese „Ei- genschaft“ auch von jedermann erworben werden - „durch falsches Verhalten, durch eine Unbedachtsamkeit“8. Die Gefahr einer Deklassierung konnte auch bereits darin bestehen, am Bau eines Galgens oder einer Hinrichtungsstätte mit- zuwirken. „Weitgehend tabuisiert waren der Galgenplatz und alles, was mit dem Folterwerkzeug der Henker und Richtstätte zu tun hatte.“9 1599 beschloss das Wagner Handwerk in oberdeutschen Städten: „Es soll auch … kein Meister und Gesell, unter uns ein Rad oder Hoch-Gericht, nicht helffen auffrichten, oder sonst einige Anleitung darzu geben, ob ihm schon solches zu thun vor seiner Obrigkeit, aufferlegt und befohlen wäre, auff solchen Fall solle er sich, daß es wieder Handwercks Gebrauch, und demselben zum größten Nachtheil gereichen thäte, beklagen und fleissig darvor bitten, wäre aber einer der solches wie obstehet, muthwillig verbricht, demselben Meister und Gesellen, solle das Handwerck so lang er lebt verbotten seyn, da er aber … je darzu von der Obrig- keit gezwungen, soll er einen Weg als den andern in der Meister und Gesellen hohe Straff verfallen, die wir uns in alle Weg vorbehalten haben wollen.“10 Hieraus lässt sich schließen, dass sich das Handwerk stets an der Errichtung eines Galgens oder einer Hinrichtungsstätte geweigert hatte. Ein Handwerker alleine hätte nie an einem Bau, oder an Reparaturen, teilgenommen. Nur „wenn das ganze Handwerk teilnahm und sie nach der Errichtung wieder offiziell ehr- lich gemacht wurden“11, waren die Handwerker, vor allem die Zimmerleute, bereit zu helfen. „Durch die kollektive Teilnahme wurde eine Art »Komplizen- schaft« erzeugt“12, so konnte die Ehre des Einzelnen gewahrt werden. Da der Galgen ein Prestigeobjekt war, wollte man den Zerfall tunlichst vermeiden. „Der Galgen war ein Symbol für die Hochgerichtsbarkeit, ein Herrschaftszei- chen schlechthin und somit der sichtbare Ausdruck der eigenen Unabhängigkeit und Selbständigkeit.“13

Obwohl verschiedene Berufszweige unverzichtbare Funktionen in der Gesellschaft erfüllten und an sich Rahmenordnungen von Sitte und Gesetz gehalten haben, wurden sie aus dem Kreis der „ehrbaren“ Gewerbe ausgegrenzt. Die »unehrlichen« Gewerbe waren nicht von Natur aus »unehrlich«, sondern „sie werden als solche deklariert“14. Der Vorwurf der »Unehrlichkeit« „war ein dominant ständisches, besser zünftisches Phänomen, um die Gesellschaft von ‚unliebsamen’ Elementen frei zu halten.“15

B. Wer gehörte einer »unehrlichen« Berufsgruppe an?

Dülmen klassifizierte die »Unehrlichen« in drei Gruppen:

Zu der ersten Gruppe zählte das »unehrliche« Gewerbe bzw. Handwerk. Zu dieser Gruppe gehörten „Müller, Schäfer, Gerber, Leineweber, Töpfer, Ba- der, Barbiere usw.“16 Diese Handwerke vollzogen unverzichtbare Arbeiten und Aufgaben der Gesellschaft, „wurden aber vom ehrbaren Handwerk nicht nur als nicht gleichrangig und -wertig angesehen, sondern als unsaubere bzw. unlautere Arbeiter ausgegrenzt und am Aufstieg in das Zunfthandwerk und die städtische Ehrbarkeit gehindert.“17

Die zweite Personengruppe stand in öffentlichen niedrigen Diensten und verrichtete weitestgehend anrüchige Arbeiten, „die mit Schmutz, Strafe und Tod zu tun hatten.“18 Allerdings konnte die Gesellschaft auch hier nicht auf die Ar- beiten der Totengräber, Gassenkehrer, Gerichts- und Polizeidiener verzichten. Auch die Abdecker und Scharfrichter gehörten zu dieser Gruppe, sie „waren geradezu der Inbegriff des Infamen, in jeder Hinsicht zu meidende Men- schen.“19

Die dritte Gruppe umfasste „Spielleute, Musikanten, Bärenführer, Schausteller, Gauner, Kesselflicker, Quacksalber, Taschenspieler, Scheren- schleifer, Dirnen und Geächtete, Strafverfolgte, Gebrandmarkte, vor allem auch Hausierer, Zigeuner, Juden und Bettler - kurz das fahrende Volk, das in der frühneuzeitlichen Gesellschaft eine beträchtliche Gruppe bildete.“20

Die Grenze zwischen den unterschiedlichen Gruppen war fließend. Einige Berufe ergänzten sich oder bauten aufeinander auf.

C. Scharfrichter

1. Die Anfänge des Scharfrichterberufs

Nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort galten Scharfrichter als »unehrli- che« Leute und waren am Rande der Gesellschaft angesiedelt. Im Orient zum Beispiel „standen sie in höchstem Ansehen und waren die steten Begleiter ihrer Herren.“21 Bei offiziellen Anlässen waren sie stets präsent und hoben sich durch prächtige Kleidung von den meisten ihrer Mitmenschen ab.22 Für die Antike ist festzuhalten, dass „die Achtung des Henkers mit der Abnahme demokratischer und der Zunahme despotischer Züge in der Herrschaftsform steigt.“23 Im alten Rom allerdings fristeten sie ihr Dasein als Ausgestoßene und Verachtete. Seit dem 13. Jahrhundert finden wir das Amt des Scharfrichters oder Henkers unter anderem in Lübeck und Augsburg.24 Kleinere Städte sowie Landbezirke folgten. „Der römische Exekutor der Unfreien, der carnifex, war mit der infamiae macu- la, der Ehrlosigkeit behaftet.“25 In Rom übte die Hinrichtung nicht etwa ein aus- gebildeter Henker aus, sondern sie wurde von Sklaven oder freigelassenen Verbrechern verrichtet.

Der Exekutor musste außerhalb der Stadt wohnen, „besondere Kleidung und ein Glöckchen tragen“26. Das Läuten des Glöckchens sollte die Bevölke- rung warnen, dass ein »Unehrlicher« in der Nähe ist. So konnte sie auch die Berührung mit dem Unreinen vermeiden. „Das Übertragen der Unehrlichkeit ging sogar so weit, daß sogar die Berührung mit dem „Schind-Messer“ die Un- ehrlichkeit nach sich zog.“27 Nach Cicero führte das Auftreten eines »Unehrli- chen« in einer Versammlung zur Entweihung dieser. „Seine Anwesenheit be- deutete Befleckung, (numinose) Ansteckung (contagio carnificis).“28 Das Ge- werbe des Exekutors wurde zu den officia abiecta, ministeria sordida (verwor- fenen Verrichtungen, schmutzigen Dienstleistungen)29 gerechnet.

Wer vollstreckte das Todesurteil in Deutschland bevor es den Beruf des Henkers gab? Am häufigsten musste der Fronbote der Landgerichte das Todes- urteil vollstrecken. „Seine Doppelaufgabe war Botendienst und Urteilsvollstre- ckung.“30 Erst im Ausgang des Mittelalters gab es eine Trennung zwischen dem Vollstreckungsgeschäft und der Henkersarbeit. Allerdings blieben noch Spuren erhalten. Zum Beispiel hatte der Henker den blutroten Scharfrichtermantel und das Abzeichen des örtlich auszuübenden Blutbanns zu tragen.31 Aber nicht nur der Fronbote, und später der Henker, hatten zu richten, sondern „noch das Frei- burger Stadtrecht (nach 1300) macht den Kläger ausdrücklich und eindeutig zum Strafvollzieher.“32 Das bedeutete, der Kläger bekam die Möglichkeit den Dieb, Räuber etc. selber zu hängen. Die Chance ihn selber zu hängen, bestand auch weiterhin, obwohl ein Scharfrichter vor Ort war.

[...]


1 Irsigler / Lassotta: Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt. Köln 1300 - 1600. Köln 1991[4], S. 12.

2 Ebd., S. 13.

3 Nowosadtko: Scharfrichter und Abdecker. Der Alltag zweier „unehrlicher Berufe“ in der frühen Neuzeit. Paderborn 1994, S. 11.

4 Scheffknecht: Scharfrichter. Eine Randgruppe im frühneuzeitlichen Vorarlberg. Konstanz 1995, S. 163.

5 Ebd., S. 163.

6 Roeck: Außenseiter, Randgruppen, Minderheiten. Fremde im Deutschland der frühen Neuzeit. Göttingen 1993., S. 106.

7 Scheffknecht: Scharfrichter, S. 164.

8 Roeck: Außenseiter, Randgruppen, Minderheiten, S. 106.

9 Dülmen: Der ehrlose Mensch. Unehrlichkeit und soziale Ausgrenzung in der Frühen Neuzeit. Köln 1999, S. 50.

10 Ebd., S. 50f.

11 Dülmen: Der ehrlose Mensch, S. 51.

12 Scheffknecht: Scharfrichter, S. 173.

13 Ebd., S. 171.

14 Nowosadtko: Scharfrichter und Abdecker, S. 39.

15 Dülmen: Der ehrlose Mensch, S. 21.

16 Dülmen: Arbeit, Frömmigkeit und Eigensinn. Frankfurt/Main 1990, S. 111.

17 Ebd., S. 111.

18 Dülmen: Arbeit, Frömmigkeit und Eigensinn, S. 111.

19 Ebd., S. 111.

20 Ebd., S. 111.

21 Danckert: Unehrliche Leute. Die verfemten Berufe. Bern 1963, S. 23.

22 Scheffknecht: Scharfrichter, S. 188.

23 Ebd.

24 Danckert: Unehrliche Leute, S. 23.

25 Ebd., S. 25.

26 Danckert: Unehrliche Leute, S. 25.

27 Schuhmann: Der Scharfrichter. Seine Gestalt - seine Funktion. Kempten/Allgäu 1964, S. 113.

28 Danckert: Unehrliche Leute, S. 25.

29 Ebd.

30 Ebd., S. 27.

31 Ebd., S. 27f.

32 Ebd., S. 35.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640998029
ISBN (Buch)
9783640998319
Dateigröße
3.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177977
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Historisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Frühe Neuzeit Geschichte politisch Normen sozial Aufstieg

Autor

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