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Das Glücksverständnis in ausgewählten Werken von Almudena Grandes und Lucía Etxebarría

Examensarbeit 2010 80 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Glücksbegriff: Sprachliche und philosophische Entwicklung
II.1 Sprachliche Entwicklung des Glücksbegriffs
II.2 Philosophische Entwicklung des Glücksbegriffs
II.3 Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.): Glück im diesseitigen Leben durch tugendhaftes Handeln
II.4 Thomas von Aquin (1225 – 1274): Vollkommenes Glück erst nach dem Tod
II.5 Jeremy Bentham (1748 – 1832), John Stuart Mill (1806 – 1873): Das größte Glück für die größte Zahl
II.6 Immanuel Kant (1724 – 1804): Glückswürdigkeit durch moralisches Handeln

III. Kurzbiografien der Autorinnen
III.1 Kurzbiografie von Almudena Grandes
III.2 Kurzbiografie von Lucía Etxebarría

IV. Almudena Grandes: Atlas de geografía humana
IV.1 Rosa
IV.2 Marisa
IV.3 Fran
IV.4 Ana

V. Almudena Grandes: Modelos de mujer
V.1 Los ojos rotos (1989)
V.2 Malena, una vida hervida (1990)
V.3 Bárbara contra la muerte (1991)
V.4 Amor de madre (1994)
V.5 El vocabulario de los balcones (1994)
V.6 Modelos de mujer (1995)
V.7 La buena hija (1995)

VI. Lucía Etxebarría: Amor, curiosidad, prozac y dudas
VI.1 Cristina
VI.2 Rosa
VI.3 Ana

VII. Lucía Etxebarría: Nosotras que no somos como las demás
VII.1 Raquel
VII.2 Elsa
VII.3 Asunción (Susi)
VII.4 María

VIII. Schlussbetrachtung

IX. Literaturverzeichnis

X. Anhang
X.1 Romane und Erzählbände von Almudena Grandes
X.2 Romane und Erzählbände von Lucía Etxebarría

I. Einleitung

Die vorliegende Staatsexamensarbeit mit dem Thema „Das Glücksverständnis in ausgewählten Werken von Almudena Grandes und Lucía Etxebarría“ wurde im Rahmen des Lehramtsstudiengangs für Gymnasien im Fach Spanische Literaturwissenschaft verfasst. Über das Glück wurde im Laufe der Geschichte bereits viel philosophiert und geschrieben. In dieser Arbeit wird beleuchtet, inwiefern sich philosophische Theorien auch heute noch auf das Glücksverständnis anwenden lassen, ob sie in der Gegenwart weiterhin Relevanz für den Einzelnen besitzen oder sogar Hinweise geben können, wie man sein Glück erreichen kann.

Im ersten Teil der Arbeit wird der Glücksbegriff sprachlich erörtert, um auf dessen Bedeutungsvielfalt einzugehen und die verschiedenen Nuancen sinnvoll voneinander unterscheiden zu können. Dabei wird sich auf die Verwendung im Spanischen, die Entwicklung aus dem Latein und im Vergleich dazu auf den Gebrauch im Deutschen beschränkt. Danach werden die Glückstheorien verschiedener Philosophen vorgestellt. Hierbei liegt der Schwerpunkt bei Aristoteles, der sein Glücksverständnis ausführlich in der Nikomachischen Ethik dargelegt hat. Da sich seine Betrachtungsweise auf das diesseitige Leben beschränkt, wird im Anschluss Thomas von Aquin behandelt, dessen Anschauung die Erreichbarkeit vollkommenen Glücks in das jenseitige Leben verlagert. Dann folgt die Vorstellung des utilitaristischen Glücksbegriffs, bei dem sich das Individuum immer als einen Teil der Gesellschaft sieht und stets zu deren größtem Nutzen zu handeln versucht. Zuletzt wird die Theorie Immanuel Kants untersucht, nach dessen Auffassung man durch moralisches Handeln Glückswürdigkeit, nicht aber zwangsweise Glück erreichen kann.

Im zweiten Teil der Arbeit wird anhand von jeweils zwei Werken der zeitgenössischen spanischen Autorinnen Almudena Grandes und Lucía Etxebarría erörtert, inwiefern die vorgestellten Theorien auch heute noch Aktualität besitzen. Die Wahl ist auf die genannten Autorinnen gefallen, da sie in den untersuchten Werken – Atlas de geografía humana und Modelos de mujer von Grandes sowie Amor, curiosidad, prozac y dudas und Nosotras que no somos como las demás von Etxebarría – von unterschiedlichen Frauen erzählen, die versuchen ihr Glück auf verschiedene Weise zu erlangen. Die Geschichten spielen um die Jahrtausendwende und die Protagonistinnen sind meist Spanierinnen im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren, die dem gesellschaftlichen Mittelstand angehören. Die Autorinnen bringen mit der Stimme der weiblichen Hauptfiguren unterschiedliche Ausprägungen des weiblichen Glücksverständnisses zum Ausdruck, die auf eigenen Erfahrungen oder denen von Freundinnen und Familienmitgliedern beruhen. Durch ihre gleicherweise weibliche Geschlechterzugehörigkeit fällt ihnen möglicherweise das Hineindenken in ihre Figuren und Weiterführen ihrer Gedanken leichter als einem männlichen Autor. Trotzdem betont Grandes, dass es für sie genausowenig eine „literatura femenina“ wie eine „literatura de autores madrileños, una literatura de autores altos o una literatura de autores con el pelo negro“ gibt.[1]

Grundsätzlich gilt es zwischen dem schicksalhaften Glück („Da hast du aber Glück gehabt!“) und dem selbst erwirkten Glück („Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“) zu unterscheiden, was im Verlauf des ersten Kapitels verdeutlicht wird. Anhand der Romane wird gezeigt, was die Figuren unternehmen, um ihr Glück aus der Zufälligkeit herauszunehmen und was für sie persönlich Glück bedeutet. Schließlich wird man in seinem nächsten Umfeld, aber auch in Zeitschriften und im Fernsehen, mit dem Glück oder Unglück anderer Menschen konfrontiert und fängt somit unweigerlich damit an, sich zu fragen, ob man selbst glücklich ist und vielleicht sogar das in Frage zu stellen, was einen bisher glücklich gemacht hat.

II. Der Glücksbegriff: Sprachliche und philosophische Entwicklung

II.1 Sprachliche Entwicklung des Glücksbegriffs

Das Glück in seinen verschiedenen sprachlichen Manifestationen wird zu Beginn betrachtet, da ein einheitliches Verständnis in Bezug auf die Begriffsverwendung für die vorliegende Arbeit maßgeblich ist. Bereits im Lateinischen gab es drei verschiedene Begriffe für das Glück: fortuna, felicitas und beatitudo. Fortuna ist ein Glück, das als günstige Schicksalswendung zufällig auftritt und nicht vom handelnden Subjekt intendierbar ist. Felicitas und beatitudo beschreiben ein Glück, an dem man selbst mitgearbeitet hat und das in einem Gefühl innerer Zufriedenheit zum Ausdruck kommt. Beatitudo kann zudem einen religiösen Aspekt beinhalten und die Glückseligkeit des Einsseins mit Gott bezeichnen.[2]

Im Spanischen existieren alle drei Begriffe weiter, wobei aufgrund der religiösen Konnotation beatitud weniger geläufig ist als fortuna oder felicidad. Der Substantiv fortuna ist noch doppeldeutig („Causa indeterminable a que se atribuyen los sucesos malos o buenos“[3] ), doch das dazugehörige Adjektiv afortunado mit den Synonymen dichoso, feliz, venturoso ist eindeutig positiv besetzt („Se dice del que tiene buena suerte o tiene lo que desea“[4] ). Der Ausdruck felicidad wird für eine „situación del ser para quien las circunstan-cias de su vida son tales como las desea“ bzw. für die Abwesenheit „de sucesos desagra-dables en alguna acción o suceso“ gebraucht.[5]

Im Deutschen stehen nur die Begriffe Glück und Glückseligkeit zur Auswahl. Im Grimmschen Wörterbuch wird Glück als der „verlauf, ausgang eines geschehens oder einer angelegenheit, sei er nun günstig oder ungünstig“ beschrieben.[6] Doch „bereits im mhd. überwiegt für gelücke die einengung der bedeutung nach der günstigen seite; es bezeichnet eindeutig den günstigen verlauf oder ausgang eines geschehens“.[7] Die weitere Entwicklung führt zu der Bedeutung von einem „zustand starker innerer befriedigung und freude“.[8] Heute ist es so, dass die Glückseligkeit als Steigerung des Glücks zu verstehen ist; ein glückseliger Mensch ist „überglücklich, glückstrahlend, tief innerlich glücklich“[9], also „ganz von Glück erfüllt“[10]. Der Ausdruck Glück nimmt die Bedeutungen von fortuna und felicitas auf und bezeichnet somit einerseits einen günstigen Zufall und andererseits einen „Gemütszustand innerer Befriedigung u. Hochstimmung bes. nach Erfüllung ersehnter Wünsche“.[11]

II.2 Philosophische Entwicklung des Glücksbegriffs

Die Vorstellung verschiedener philosophischer Auffassungen des Glücks ist für die vorliegende Arbeit von Bedeutung, da somit klar wird, dass weder synchron noch diachron betrachtet eine einheitliche Meinung zum Wesen und zur Erreichbarkeit des Glücks herrschte. Bei den Philosophen geht es aber nicht allein um die Unterscheidung verschiedener Arten des Glücks, sondern darum, was einen glücklichen Menschen ausmacht und wie man zu einem solchen werden kann.

Anfangs wurde das Glück des Menschen als schicksalhafte Fügung bzw. als von den Göttern geschenkt angesehen. Platon begann mit der Überlegung, dem menschlichen Handeln zum Erreichen des Glücks eine größere Bedeutung zuzuschreiben, die in der Vorstellung des Eudämonismus (von griech. ευδαιμονία – „der Zustand des Glücklichen, Glückseligkeit. Bes. auch auf die äußeren Güter bezogen: Wohlstand, Wohlhabenheit“[12] ) von Aristoteles ihren Abschluss fand.[13] Als die Blütezeit der Polis vorüberging und die philosophische Strömung der Stoiker aufkam, wurde das Glück darin gesehen, in Übereinstimmung mit sich selbst und mit der Natur zu leben.[14] Bei Epikur tritt zum ersten Mal der Hedonismusgedanke auf, der das Glück in der Lust und der Freiheit von Furcht und Schmerz sieht; allein auf dem Wege der Philosophie könne man dieses Ziel erreichen.[15] Im Mittelalter wird der Begriff der ευδαιμονία durch den der beatitudo ersetzt, dem Streben nach der eigenen Glückseligkeit in theologischem Kontext.[16] Das bedeutet, dass der Mensch erst nach seinem Tod in der Gottesschau vollkommen glücklich werden kann.[17] Zur Zeit der Aufklärung im 18. Jh. entstehen vor allem in Frankreich und Deutschland viele verschiedene Strömungen und das Glück vieler wird dem persönlichen Glück gegenüber gestellt. Es wird die Idee vertreten, dass eine stetige Steigerung des Glücks notwendig sei, um dauerhaft Glück zu empfinden. Dagegen steht die wieder aufkommende stoische Meinung, die einen ruhenden Gemütszustand als Voraussetzung für das Glück sieht.[18] Bei Kant steht der Wille ein vernünftiges Leben zu führen im Mittelpunkt. Dies verleihe dem Menschen Glückswürdigkeit, aber nicht Glückseligkeit.[19] Hedonistisches Gedankengut findet sich im Utilitätsprinzip („Das größte Glück der größten Zahl“) von Bentham wieder, welches dann von John Stuart Mill noch weiterentwickelt wird.[20]

II.3 Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.): Glück im diesseitigen Leben durch tugendhaftes Handeln

Da Aristoteles eine umfassende Glückstheorie formuliert hat, wird diese entsprechend ausführlich behandelt und dient dadurch in den folgenden Unterkapiteln als Bezugspunkt und Vergleichsbasis.

Aristoteles hat seine Ansichten über das Glück vor allem im ersten und zehnten Buch der Nikomachischen Ethik niedergeschrieben, die große Diskussion und Rezeption in der Philosophiegeschichte erfahren hat.

Laut Aristoteles folge jedes natürliche Wesen einem naturhaften Streben genau das zu verwirklichen, was schon in seinen Anlagen vorhanden sei. Dabei werde das ersehnt, „was Lust gewährt“ und das zu vermeiden gesucht, „was schmerzlich ist“.[21] Das Gut, worauf das Handeln zielt, könne von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich sein, wobei alles nach dem Guten strebe.[22] Dass Menschen wählen können und müssen, welches Gut sie erstreben wollen, führt zu den Fragen „Gibt es ein höchstes Gut unter den zu erstrebenden Gütern?“ und „Wie kann dieses erreicht werden?“.

Für Aristoteles kann höchstes Gut oder Endziel nur das sein, was a) um seiner selbst willen und nur um seiner selbst willen erstrebt wird, b) worauf alle anderen Ziele hinweisen und c) was um keines anderen willen erstrebt werden kann – was in seinen Augen nur für die Glückseligkeit zutrifft.[23] „Und somit ist die Glückseligkeit das Beste, Schönste und Genußreichste [sic] zugleich.“[24] Als Grundvoraussetzung für Glückseligkeit müssen aber auch äußere Güter in hinreichender Weise vorhanden sein, wie beispielsweise ein angenehmes Äußeres, eine liebenswürdige Familie, eine gute Herkunft, etc., was aber wiederum dazu führen kann, dass die Glückseligkeit von jedem Individuum ganz anders aufgefasst werden kann.[25] So erstrebt die Masse ein lusterfülltes Leben, während für Aristoteles ein Leben der politischen Betätigung oder philosophischen Reflexion die höchste Lebensform darstellt.[26] Die Staatskunst ist für Aristoteles eines der höchsten Ziele, da sie dem Wohle vieler dienlich sei.[27] Wobei auch das Ziel der Staatskunst die Glückseligkeit sei.[28] Über dem Staatsmann stehe nur noch der Weise, der Philosoph, der einer selbstzweck-lichen Tätigkeit nachgehe und somit der Gottheit am ähnlichsten sei, was ihn zum glücklichsten Menschen mache.[29]

Aristoteles’ Ansicht in der NE [= Nikomachische Ethik] lautet: Ein Leben des aktiven Engagements in der Führung des politischen Gemeinwesens und ein Leben in Forschung und intellektueller Kontemplation sind die beiden Hauptbewerber um den Rang der besten menschlichen Lebenslaufbahn und man kann die beiden Lebensweisen nicht ineins realisieren; man muß [sic] sich entscheiden. Die eine gibt der Entfaltung der praktischen Tüchtigkeit, die andere der der theoretischen Exzellenz bevorzugt Raum.[30]

Er sieht also das für den Menschen erreichbare Glück in einem Lebensentwurf, der „für viele ein erreichbares Ziel darstellt“.[31] Es wird somit ein „ideale[s] Leben unter menschlichen Bedingungen“ angestrebt, „das nichts zu seiner Verbesserung vermissen läßt [sic]“.[32]

Das Endziel besteht nach Aristoteles darin, Mensch in Vollendung zu sein, sich selbst zu verwirklichen und die Erfüllung allen Strebens zu erlangen. Das letzte Ziel sei die Verwirklichung der Vollform des eigenen Sein-Könnens, aller Anlagen, in einem ständigen Prozess des Menschwerdens. Dann gelte das Leben als gelungen und das Glück als erreicht. Aristoteles prägte den Begriff der ευδαιμονία für das gelungene Leben, worunter ebenso „gut leben“ wie „gut handeln“ zu verstehen sei.[33] Dabei ist zu bemerken, dass die ευδαιμονία „primär eine objektive Gestalt und Qualität und nicht eine subjektive Stimmungslage zum Inhalt hat“[34], was im Gegensatz zur heutigen allgemeinen Auffassung von Selbstverwirklichung in Form von Individualität steht. „Gut handeln“ bedeute so viel wie ein sittliches, tugendhaftes Leben zu führen, und „gut leben“ beziehe sich auf die äußeren Umstände, die zu einem angenehmen Leben führen.

Unter den zu erstrebenden Gütern müsse man zwischen Gütern unterscheiden, die um ihrer selbst willen oder um eines anderen willen erstrebt werden, woraus sich eine Hierarchie der Ziele ergebe.[35] „Man unterscheidet drei Arten von Gütern: äußere Güter, Güter der Seele und Güter des Leibes. Von diesen gelten die der Seele als die wichtigsten, als Güter im vollkommensten Sinne.“[36] Um sich aber dem Streben nach den Gütern der Seele widmen zu können, seien andere Güter, wie z.B. körperliche Gesundheit oder Familie und Freunde notwendig. Ohne ein Mindestmaß dieser Güter sei ein vollkommenes Glück in diesem Leben laut Aristoteles nicht möglich.[37] Es werde aber auch kein Übermaß an äußerlichen und körperlichen Gütern erstrebt, da sie in der Hierarchie der Ziele unter den erstrebenswerteren Gütern der Seele angesiedelt seien. Wichtig dabei ist, dass der Mensch zwar naturhafte Strebungen (nach Nahrung, Leben, Fortpflanzung, ...) habe, sich aber dank seines freien Willens entscheiden könne, welche Ziele er verfolgt und welche nicht. Genauso könne er frei über deren Anordnung entscheiden; allein die Glückseligkeit als höchstes Ziel sei allen Menschen gemein.

Entscheidend für die Erlangung des Glücks ist nach Aristoteles die Tugend, d.h. „eine Disposition, die der Mensch durch Übung, Gewöhnung und Belehrung sich tätig erwirbt und zur festen seelischen Habe formt“.[38] Durch sie könne der Mensch selbst an seinem Glück mitarbeiten und sei nicht allein abhängig von glücklichen Wendungen des Schicksals. Eine tugendhafte Haltung „bildet sich nur durch Lebenserfahrung und Erfahrungsaustausch in einer Traditions-, Argumentations- und Handlungsgemeinschaft“.[39] Das moralisch gute Leben sei aber nicht gleichzusetzen mit einem glücklichen Leben.[40] Unter den Tugenden wird zwischen Verstandestugenden (Weisheit, Verstand, Klugheit) und sittlichen Tugenden (Freigiebigkeit, Mäßigkeit) unterschieden. Den „lobenswerte[n] Habitus“ nennt man Tugend.[41]

Wie schon erwähnt liege das Glück des Menschen in der hervorragenden Realisierung seiner ihm als Mensch eigenen Fähigkeit, nämlich dem Gebrauch der Vernunft.[42] Tiere und Kinder könne man nicht glückselig nennen, da sie nicht bzw. noch nicht tugendhaft tätig sein könnten.[43] „Gelungenes menschliches Leben realisiert sich für Aristoteles in Lebensformen, in denen Aktivitäten dominieren, die die Sphäre der Animalität und der Bedürfnisbefriedigung übersteigen.“[44] Außerdem müsse das Leben als Ganzes gelingen, da man während eines kurzen Zeitraums nicht von einem glücklichen Menschen im Sinne Aristoteles’ sprechen könne.[45] „Diese Aktivität [des theoretischen Intellekts] überragt unter menschlichen Bedingungen alle anderen an Kontinuität, Reinheit, Stabilität und Selbstgenügsamkeit.“[46]

Wer sich wahrhaft tugendhaft verhalte, werde glücklich sein, auch wenn ihm das Schicksal mit Unglücksfällen übel mitspiele. Man könne auch nicht von vollkommenem Glück nach dem Tod sprechen, da der Glückliche im tugendhaften Handeln glücklich sei und niemals völlig unabhängig von der Lebensführung seiner Nachfahren sei.[47] Man müsse versuchen, aus seinem Leben das Beste zu machen. Unglücksfälle könnten das Glück zwar trüben, aber der Glückselige könne damit umgehen.[48] Positive und negative Wendungen des Schicksals könnten auch einem Glücklichen widerfahren, doch beträfen sie nur die äußeren Güter und könnten so keine großen Änderungen am Glück des Menschen bewirken.[49] „Wenn Eudaimonia also, abgesehen von großen Unglücksfällen und unüberwindlichen widrigen Umständen, in unserer Hand sein soll, dann muß [sic] sie weitgehend von unseren Handlungen abhängen.“[50] Nur wer tätig sei, habe überhaupt eine Aussicht darauf glücklich zu werden.[51] Es komme aber nicht nur darauf an gute Handlungen auszuführen, sondern auch Erfolg damit zu haben.[52]

Aristoteles stellt sich gegen den Leitgedanken des Hedonismus, da die Lust für ihn nur ein scheinbares Gut sei und ein beständiges Lustempfinden nicht möglich sei.[53] Zudem sei ein tugendhaftes Leben, das zu einem glückseligen Leben führen könne, „ein Leben ernster Arbeit, nicht lustigen Spiels“.[54] Überdies behauptet Aristoteles, dass nur der Tugendhafte wahre Freuden erkennen könne, nach denen er dann strebe.[55]

Ganz ohne ein göttliches Wesen kommt Aristoteles nicht aus, denn der Mensch als Mensch allein werde kein vollkommen glückliches Leben führen können. Insofern er aber ein Leben nach der Vernunft führte, die laut Aristoteles etwas „Göttliches“ im Menschen sei, würde auch sein Leben auf Erden „göttlich“ sein.[56]

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Glückseligkeit das höchste Gut ist, nach dem der vernunftbegabte Mensch strebt. Sind die körperlichen und äußeren Güter so weit vorhanden, dass der Mensch gemäß seiner Tugend handeln kann und dauert sein Glück sein ganzes Leben lang an, dann kann man ihn glücklich nennen.

II.4 Thomas von Aquin (1225 – 1274): Vollkommenes Glück erst nach dem Tod

Fast 1600 Jahre nach Aristoteles beschäftigte sich Thomas von Aquin philosophisch und theologisch mit dem Thema Glück. Er hat sich mit der Nikomachischen Ethik auseinandergesetzt[57] und teilte die grundsätzlichen Ansichten von Aristoteles. Doch sein „vom Glauben bestimmtes Weltbild“[58] ließ ihn noch ein Stück weiterdenken als Aristoteles und somit das Erlangen des vollkommenen Glücks auf einen Zeitpunkt nach dem Tod festlegen.

Gemeinsam ist den beiden Philosophen die Dreiteilung erstrebenswerter Güter. Angefangen bei äußeren Gütern wie „Ehre, Ruhm, Reichtum und Macht“ über körperliche Güter wie „Schönheit, Gesundheit und Kraft“ bis hin zu seelischen Gütern wie „Empfindungen, Tugenden, praktischer Sachverstand und Erkennen“.[59] Je näher das Gut der Seele des Menschen komme, desto erstrebenswerter sei es.[60] Menschliches Streben sei dabei auf ein Endziel ausgerichtet[61], das „in unbehinderter Aktivität der höchsten menschlichen Fähigkeit, des Geistes“[62] bestehe bzw. dort seinen Platz habe, „wo er [= der Mensch] am meisten Geist ist“[63]. Damit menschliches Glück überhaupt entstehen könne, müssen für Aristoteles die Eigenschaften eines Polisbürgers erfüllt sein[64] und auch Thomas von Aquin sieht eine materiell, körperlich und geistig „gesicherte Existenz“ als unabdingbare Voraussetzung für menschliches Glück an.[65]

Die Neuerung bei Thomas von Aquin ist in Hinblick auf das Endziel zu finden. Für ihn ist das Glück bei Aristoteles nur eine beatitudo imperfecta, da das Streben des Menschen erst bei Gott, in einem jenseitigen Leben, seine volle Erfüllung finde.[66] Zudem sei das irdische Leben nie ganz frei von Schicksalswendungen, werde durch den Tod des Menschen ein sicheres Ende finden und der Verlust irgendwelcher Güter ziehe immer Trauer nach sich, was laut Thomas von Aquin der Definition von vollkommenem Glück widerspreche.[67] Das dem Menschen eigene Streben nach Glück könne „nicht ins Leere gerichtet sein“[68], da der Mensch sonst eine „Fehlkonstruktion“[69] wäre. Außerdem merkt Thomas von Aquin an, dass ein betrachtendes Leben weder dauerhaft noch in Reinform zu verwirklichen sei, da der Mensch als ein Wesen aus Körper und Geist auch für das Wohlergehen beider zu sorgen habe.[70] Auch dies weist wiederum auf die nur seelische Existenz bei Gott als Endziel hin, wo die Seele nicht mehr der irdischen Güter bedürfe.[71]

Für Thomas hingegen sind die Bedingungen menschlicher Existenz die nur in diesem Leben gültigen und damit vorläufigen Grenzen menschlicher Glücksmöglichkeiten, die gerade in ihrer Begrenztheit auf das unbegrenzte Glück des jenseitigen Lebens als Horizont verweisen. Die Trennungslinie zwischen begrenztem und unbegrenztem Glück verläuft für Thomas nicht mehr wie für Aristoteles zwischen dem Glück der Menschen und demjenigen der Götter, sondern zwischen dem menschlichen Glück dieses Lebens und dem menschlichen Glück des jenseitigen Lebens.[72]

Somit lässt sich sagen, dass die Vorstellung von Thomas von Aquin weitestgehend mit den Ansichten von Aristoteles übereinstimmt, das Endziel des Menschen in subjektiver Hinsicht auch im Glück sieht, in objektiver Hinsicht aber in Gott. Erst in Verbindung mit Gott finde der Mensch vollkommene Glückseligkeit.

II.5 Jeremy Bentham (1748 – 1832), John Stuart Mill (1806 – 1873): Das größte Glück für die größte Zahl

Der nächste Sprung beträgt zeitlich zwar „nur“ ca. 500 Jahre, doch hat sich die Betrachtungsweise des Glücks grundlegend geändert: Glück ist keine allein individuelle Angelegenheit mehr, sondern betrifft den Menschen in der Gesellschaft und somit auch deren andere Mitglieder.

Der englische Philosoph und Sozialreformer Jeremy Bentham entwickelte ein ethisches Prinzip, das das Rechtssystem im Land vereinfachen und erneuern sollte.[73] Das „Greatest Happiness Principle“[74] oder „Utilitätsprinzip“ besagt: „act so that your actions will create the greatest amount of happiness for the greatest number of people“[75]. Daraus solle Benthams Meinung nach eine Gesetzgebung resultieren, bei der in bestimmten Situationen das Glück einiger Individuen dem einer größeren Anzahl von Personen geopfert werden müsse.[76]

Handlungen werden nur nach ihren Konsequenzen beurteilt[77] und seien auf eine Maximierung des Vergnügens und Minimierung des Schmerzes ausgerichtet.[78] Dabei ist für Bentham alles, was Vergnügen hervorruft, eine nützliche bzw. gute Handlung, ganz egal, ob dies auch allgemein über die Handlung zu sagen wäre.[79] Ein Gewissen ist nicht mehr notwendig. Nach seiner Definition sei alles nützlich, was einen Vorteil bringe – und Vergnügen sieht er als Vorteil.[80] Dagegen ergibt sich aus der Möglichkeit, dass aus einer Handlung in Zukunft Leid entstehen könnte, die Klassifizierung der Handlung als schlecht, selbst wenn die Menschen glücklich weiterleben, die Gefahr nicht wahrnehmen und das Leid niemals eintrete.[81]

Für Aristoteles war das Leben des Philosophen eine der höchsten Formen von Glück; für Bentham gilt dies nur, wenn die theoretischen Überlegungen auch zu praktischen Folgen führen.[82] Bei Bentham heben sich nicht die tugendhaften Taten und Menschen von den anderen ab, sondern die guten Taten und Menschen, wobei sich gute Taten aufgrund ihrer positiven Folgen als solche identifizieren lassen und gute Menschen jene seien, die für sich und die anderen das Vergnügen steigern und den Schmerz mindern.[83] Gute und schlechte Handlungen werden nur danach unterschieden, in welchem Maße sie Vergnügen bzw. Schmerz bereiten; eine Unterscheidung verschiedener Vergnügen in qualitativem Sinne wird nicht vorgenommen.[84]

Bezüglich des Endziels äußert sich Bentham so, dass nur Vergnügen und Freiheit von Schmerz als einzige Kandidaten in Frage kommen. Alle anderen erstrebten Güter bereiten an sich schon Freude (bzw. Verminderung von Leid) oder sie dienen der Verwirklichung der beiden Endziele.[85] Bei Benthams hedonistischer Sichtweise wird Glück mit Lust gleichgesetzt. Bei Aristoteles war die Freude nur eine Begleiterscheinung des Glücks.

Eine Besonderheit an Benthams Greatest Happiness Principle ist, dass er behauptet, das Glück in einer Gesellschaft sei quantitativ messbar.[86] Für die Berechnung des Glückswerts bzw. Leidwerts seien folgende sieben Eigenschaften des Vergnügens/ Leidens von Bedeutung:

1. Seine Intensität. (Wie stark ist der zu erwartende Lustgewinn?)
2. Seine Dauerhaftigkeit. (Wie lange wird das Lustgefühl andauern?)
3. Seine Gewissheit oder Ungewissheit. (Wie sicher ist es, dass der Lustgewinn auch eintritt?)
4. Seine Nähe oder Entferntheit. (Wie weit sind die Folgen zeitlich und räumlich von der Handlung entfernt?)
5. Seine Fruchtbarkeit. (Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dem Lustgewinn noch mehr Lustgewinn folgt?)
6. Seine Reinheit. (Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dem Lustgewinn kein Leid folgt?)
7. Seine Ausdehnung. (Wie viele Personen sind davon betroffen?)[87]

John Stuart Mill entwickelte die Utilitarismus-Theorie seines Vaters James Mill und Jeremy Benthams weiter[88], da ihn ein nur quantitativer Ansatz nicht zufriedenstellte. Er erweiterte das Nutzenprinzip um eine qualitative Dimension, denn bei dem Menschen als Leib-Seele-Wesen müssten auch die körperlichen und geistigen Freuden differenziert werden. Dabei seien die geistigen Freuden höher anzusiedeln. Wenn es darum gehe, welches von zwei oder mehr Vergnügen das qualitativ höherwertige sei, dann könne das nur derjenige entscheiden, der beide (oder gegebenenfalls alle zur Auswahl stehenden) erlebt habe.[89] Wenn sich der Mensch mehr bilde, könne er körperliche und geistige Freuden besser erkennen und unterscheiden und werde sich folglich auch eher für die geistigen Freuden entscheiden.

Die Frage nach dem Glück ist für die Utilitaristen eine politische und gesellschaftliche Frage, keine individuell zu beantwortende.

Das Endziel begrenzt Mill auf das Glück und sieht nicht wie Bentham auch die Abwesenheit von Leid als ein solches an.[90] Genaugenommen stelle „das größtmögliche kollektive Glück für die Gesamtheit aller Menschen den obersten Zweck“[91] dar, wodurch auch jeder Einzelne als Teil dieser Gesamtheit Glück erreiche.[92]

Bei Mill ist die Frage nach dem Glück auch eine Frage nach der Moral, denn sittliche Handlungen seien zweckorientiert und zielen auf das Glück ab.

Die Handlungsziele lassen sich laut Mill in zwei Gruppen aufteilen: 1. „ Mittel zum Erlangen von Glück“, wie z. B. der Besitz von Geld, mit dem man dann Dinge kaufen kann, die Vergnügen bereiten und somit Glück erwirken, und 2. „ Bestandteile des Glücks “, wie z. B. Gesundheit, die an sich schon erstrebenswert ist und Glück evoziert.[93]

Für Mill steht fest, dass jeder Mensch nach Glück strebe und da dieses Streben allen Menschen gemein sei, streben sie auch nach dem Glück für alle.[94]

So lässt sich also sagen, dass im Utilitarismus die guten Taten, also Taten mit positiven Folgen für eine möglichst große Anzahl von Menschen, von entscheidender Bedeutung sind, um Glück zu erlangen. Tugendhaftigkeit ist nicht mehr ausschlaggebend beim Handeln und Glück wird mit dem Erlangen von Lust gleichgesetzt.

II.6 Immanuel Kant (1724 – 1804): Glückswürdigkeit durch moralisches Handeln

Die modernen Ethiken, zu denen der Utilitarismus von Bentham und Mill wie auch Kants Moralethik gehören, setzen ihren Fokus darauf herauszufinden, welche Bedingungen und menschliche Verhaltensweisen einem Individuum in der Gesellschaft zu einem glücklichen Leben verhelfen.[95] Vor allem in seiner Kritik der praktischen Vernunft von 1788 hat Kant seine Überlegungen zum Glück verschriftlicht.

Gegenüber dem hedonistischen Glücksbegriff äußert Kant Kritik und schreibt: „ Der Mensch, der seine Glückseligkeit in die größtmögliche Annehmlichkeit des Lebens setzt, wird sein Ziel unweigerlich verfehlen.[96] Außerdem wirft er dem Utilitarismus vor, in manchen Fällen „im Namen des Allgemeinwohls gegen die Gerechtigkeit zu verstoßen“.[97]

Von Aristoteles unterscheidet sich Kant dergestalt, dass er keine Tugendethik, sondern eine so genannte Sollensethik vertritt.[98] Die Tugendethik ist eine a posteriori -Ethik, bei der sich sittliches Handeln an Sitten, also habituell gewordenen Handlungen, orientiert, und diese Sittlichkeit verwirklicht sich in Tugenden. Die Sollensethik ist eine a priori -Ethik, die sich auf das reine Vernunftgesetz stützt, ein Gesetz, das sich jedes autonome Wesen selbst auferlegt.

Kant sieht in jedem Menschen ein natürliches Verlangen nach Glückseligkeit. Aber da die Menschen so verschieden seien und sogar ein und derselbe Mensch zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Bedürfnisse habe, könne man weder genau sagen, worin die Glückseligkeit bestehe, noch wie man sie erlangen könne.[99]

Das, was bei Aristoteles ein tugendhaftes Leben ist, entspricht bei Kant einem „Leben gemäß dem vernünftigen Streben“, was bedeutet, dass der Mensch durch seine Vernunft geleitet eher nach geistiger statt nach körperlicher Erfüllung strebe.[100]

Der Mensch strebe nach einem höchsten Gut, das um seiner selbst willen erstrebt wird, doch er entscheide frei, was für ihn gut ist.[101] Sein Wille werde dabei von der praktischen Vernunft geleitet.[102] Werde dieses Streben erfüllt, sei der Mensch glücklich.[103] Da er das für sich Gute tue, könne man das Prinzip der „eigenen Glückseligkeit“ laut Kant auch „das allgemeine Prinzip der Selbstliebe“ nennen.[104] Beinhalte das Streben nach der eigenen Glückseligkeit auch das nach dem Glück der anderen, so sei es moralisch einwandfrei und in Bezugnahme auf den kategorischen Imperativ[105] sogar verpflichtend.[106] Moral ist für Kant die Grundvoraussetzung der Glückseligkeit, aber kein Mittel um sie zu erreichen.[107] „Daher ist auch die Moral nicht eigentlich die Lehre, wie wir uns glücklich machen, sondern wie wir der Glückseligkeit würdig werden sollen.“[108]

Da der Mensch aber ein Vernunft- (vom Willen geleitet) und Naturwesen (von Trieben gesteuert) sei, ließe sich die Erfüllung all seiner Strebungen im irdischen Leben nicht erreichen. Durch moralisches Handeln werde er glückswürdig, aber nur der intelligible[109] Schöpfer der Natur könne dem Menschen – unter der Annahme einer unsterblichen Seele – die Glückseligkeit zuteil werden lassen.[110] Diese Überlegungen aber sind nicht mehr philosophischer Natur, sondern Basis eines Vernunftglaubens.[111] Somit sei die Glückseligkeit nur eine „gewußte [sic], gewünschte und erhoffte Nebenwirkung moralischer Einstellung und Lebensführung“.[112]

Zusammengefasst heißt das, dass für Kant von der Vernunft geleitete, moralische Handlungen den Menschen glückswürdig machen und er dadurch auch auf die Erfüllung seines Strebens durch ein göttliches Wesen hoffen könne.

III. Kurzbiografien der Autorinnen

III.1 Kurzbiografie von Almudena Grandes

Almudena Grandes Hernández wurde am 07. Mai 1960 in Madrid geboren. Schon als Kind kam sie mit der Literatur in Kontakt, da ihr Vater und ihr Großvater beide Dichter waren. Wenn sich sonntags die ganze Familie bei den Großeltern versammelte und die Männer Fußball schauten, sollten sich die Kinder still an einem Tisch mit Papier und Stiften beschäftigen. Unter diesen Umständen begann Almudena Grandes Geschichten zu schreiben. Sie studierte Geographie und Geschichte an der Universidad Complutense de Madrid. Sie ist mit dem Lyriker Luis García Montero verheiratet. Schon ihr erster Roman Las edades de Lulú aus dem Jahre 1989 wurde mit dem XI Premio La Sonrisa Vertical ausgezeichnet und feierte internationale Erfolge. Einige ihrer Kurzgeschichten wurden schon in Zeitungen veröffentlicht, ehe sie 1996 in dem Buch Modelos de mujer noch einmal vereint herausgebracht wurden. Es wurde in fünf Sprachen übersetzt. 1997 wurde sie in Italien mit dem Premio Rossone d’Oro für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet – als erste Frau und überhaupt erste spanische Autorin. Atlas de geografía humana ist ihr vierter Roman. Er erschien 1998, wurde in mehr als acht Sprachen übersetzt und von Azucena Rodríguez verfilmt.[113]

Für ihr bisheriges literarisches Werk bekam sie den Premio Julián Besteiro verliehen.

Außer selbst zu veröffentlichen, schreibt Almudena Grandes als Kolumnistin für die Tageszeitung El País und nimmt an Gesprächsrunden im Programm von Cadena SER teil.

Ihre Romane spielen im letzten Viertel des 20. Jhs. oder zu Beginn des 21. Jhs. und erzählen vom täglichen Leben der Personen dieser Zeit.

In einem Interview antwortete sie auf die Frage, was sie ihren Kindern hinterlassen möchte:

Siempre he pensado que educar bien a un hijo es hacer un adulto feliz. Creo que los hijos son niños muy poco tiempo y adultos mucho tiempo. Ya no se trata tanto de que sean felices cuando son niños, como de darles instrumentos para que puedan ser felices cuando son adultos. Me gustaría que mis hijos tuvieran la capacidad de decidir sobre sus vidas.[114]

III.2 Kurzbiografie von Lucía Etxebarría

Lucía Etxebarría de Asteinza ist am 07. Dezember 1966 in Valencia geboren. In Madrid machte sie ihren Abschluss in Englischer Philologie und Journalismus. Sie arbeitete als Buchhändlerin, Übersetzerin und Journalistin. Amor, curiosidad, prozac y dudas aus dem Jahre 1997 war ihr erster Roman. 2000 zog sie nach Schottland, um an der University of Aberdeen zu unterrichten. Noch im selben Jahr wurde ihr von der Universität der Ehrendoktortitel in Literatur verliehen. Ihr vierter Roman, Nosotras que no somos como las demás, erschien 1999 und lässt in sechszehn eigenständigen Erzählungen die vier Hauptpersonen immer wieder in den Geschichten der anderen auftauchen. Auf die Frage, warum in ihren Romanen oft „die Gute“ und „die Schlechte“ auftauchen, antwortete sie in einem Onlineinterview:[115]

porque esta dicotomía de la virgen versus la puta la he vivido yop [sic] toda mi vida y creo que es la que se sigue manejando en nuestra sociedad. la mala y la buena. [...] cuando escribí "nosotras que no somos como las demás" ironizaba al respecto. como muchas caemos en la trampa de la definición por oposición y no sabemos vernos a nosotras mismas sino es por contraste con otras. y esto es peligrosísimo. lo que nos une siemper [sic] es más de lo que nos diferencia. y nadie se feine [sic] en blanco y negro. la oposición buena-mala es una tramapa [sic] machista en la que nunca deberíamos caer.[116]

IV. Almudena Grandes: Atlas de geografía humana

Nach der sprachlichen Erklärung und den philosphischen Theorien folgt nun die Untersuchung des ersten Romans. In den Unterkapiteln, die jeweils einer weiblichen Hauptperson gewidmet sind, wird deren persönliche Vorstellung von Glück vorgestellt und ihre Lebensführung wird in Hinblick auf die Voraussetzungen für Glück, die laut den Philosophen notwendig sind, analysiert. [117]

Der Titel Atlas de geografía humana lässt an ein vollständiges Sammelwerk denken, in dem allumfassend die geografía humana aufgezeigt und erklärt wird. Man erhofft sich die Beantwortung von Fragen rund um den Menschen und somit eine Erweiterung des Wissens. Der Leser rechnet mit einer „Weltkarte“ des Menschen, auf der die Verschiedenheit und Einzigartigkeit der Individuen dargestellt wird. Diese Erwartung wird erfüllt, wenn man das zu betrachtende Spektrum auf Frauen beschränkt, die Mitte Dreißig sind, in Madrid leben und zum Mittelstand gehören.

Die vier Hauptpersonen – Rosa, Marisa, Fran und Ana – erzählen in Ich-Form in jeweils vier eigenen Kapiteln die Geschichte. Im letzten Kapitel wechselt immer wieder die Erzählerfigur. Diese besondere Struktur führt dazu, dass manche Situationen aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden oder dass in einer Situation die Perspektive schlagartig wechselt, wobei die Handlung aber kontinuierlich fortschreitet.

Die Geschichte des Romans beginnt im Oktober 1992, wird chronologisch, aber mit Rückblenden erzählt und endet nach zweieinhalb Jahren. Hauptsächlich ereignet sich das Geschehen in Madrid, wobei einzelne Episoden an anderen Orten stattfinden.

In einem Verlag arbeiten die vier Frauen an einem Geografieatlas, der in Einzelheften erscheinen soll. Obwohl sie alle zwischen dreißig und vierzig Jahre alt sind, unterscheiden sie sich vom Charakter und von der Lebensführung her sehr. Fran ist die Verlagschefin (gemeinsam mit ihren zwei Brüdern), Marisa ist im Bereich der Informationstechnologie fest beim Verlag angestellt und Rosa sowie Ana arbeiten als freie Mitarbeiterinnen an dem Atlas-Projekt mit. Während der zweieinhalb Jahre, die sie mit diesem Projekt beschäftigt sind, erleben sie viel und verändern sich: Fran geht zu einer Psychoanalytikerin, um ihrer Unzufriedenheit auf den Grund zu gehen und wird letztendlich schwanger; Rosa verliebt sich leidenschaftlich, aber unglücklich in den Fotografen Nacho Huertas und verlässt am Ende ihren Ehemann; Ana muss sich der Konfrontation mit ihrem Exmann Félix stellen und lernt ihre große Liebe Javier Álvarez kennen; Marisa führt ein heimliches Doppelleben als Alejandra Escobar, beendet dieses aber wegen des Verlagsfotografen Foro und begräbt ihre Vorstellungen von einer vollkommenen Beziehung zugunsten der Beziehung mit Foro. Abschließend verkündet Fran, dass es ein neues Projekt, einen Musikatlas, für viereinhalb Jahre geben wird, an dem sie mit den anderen zusammenarbeiten möchte.

Die Rahmenhandlung ist die Arbeit am Atlas, aber eigentlich geht es um die Entwicklung der vier Hauptcharaktere.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

IV.1 Rosa

Rosa ist vierunddreißig Jahre alt und die Koordinatorin des Atlasses. Sie verdient sich mit dolmetschen und übersetzen etwas dazu, obwohl sie das zum Teil sehr langweilt. Sie hatte recht erfolgreich ein Studium begonnen, doch schon im fünften Semester war klar, dass sie ihr Studium nicht zu Ende bringen würde.

Salía mucho de noche, tomaba muchas copas, ligaba con muchos chicos y tenía centenares de proyectos, iba a vivir en el extranjero, iba a estudiar arte dramáti-co, iba a aprender a tocar el piano, iba a viajar a países exóticos, pero, de mo-mento, me conformaba con ser la cantante de un grupo de nuevo pop español que no conseguía colocar una maqueta ni en la emisora más casposa de Alco-bendas. (16)

Zu dieser Zeit lernte sie Ignacio, den großen Bruder des Bassisten ihrer Band, kennen. Sie verliebten sich ineinander und heirateten schließlich. Dass sie ihr Studium nicht beendet hatte und auf all ihre anderen Pläne verzichten musste, machte sie zu diesem Zeitpunkt aber nicht unglücklich, da ihr das Eheleben an sich sehr gut gefiel. Zudem war sie davon überzeugt, dass das Leben noch viel für sie bereithalte und sie gerade einmal mit dem Öffnen der Verpackung von „Mi Vida, una enorme caja de cartón envuelta en papel rojo, brillante, asegurado por docenas de cintas de colores que explotaban en sofisticados lazos y serpentinas“ (15) begonnen habe. Liest man die Beschreibung ihres aktuellen Lebens, so hat man den Eindruck eine zufriedene Frau vor sich zu haben.

[...]


[1] Grandes (2010), S. 16.

[2] Vgl. Leiber (2006), S. 24.

[3] Moliner (1998), Band I, Artikel „fortuna“, 1330b.

[4] Ebd. Artikel „afortunado“, 80a.

[5] Ebd. Artikel „felicidad“, 1289b.

[6] Grimm, Vierter Band, I. Abteilung, 5. Teil, Artikel „Glück“ (226-275), 230 (Kleinschreibung wie im Original; auch bei den folgenden Zitaten aus derselben Quelle).

[7] Ebd. 233.

[8] Ebd. 265.

[9] Wahrig-Burfeind (2006), Artikel „glückselig“, 566a.

[10] Konopka (2010), Artikel „glückselig“, 450a.

[11] Wahrig-Burfeind (2006), Artikel „Glück“, 565bc.

[12] „wad 097 Wörterbuch altgriechisch-deutsch“ (22.09.2010), http://www.operone.de/griech/wad097.html .

[13] Vgl. HWPh, Band 3, Artikel „Glück“ (von R. Spaemann), 682.

[14] Vgl. ebd. 686.

[15] Vgl. ebd. 689.

[16] Vgl. ebd. 692.

[17] Vgl. ebd. 695.

[18] Vgl. HWPh, Band 3, Artikel „Glück“ (von R. Spaemann), 699-702.

[19] Vgl. ebd. 703.

[20] Vgl. ebd. 705.

[21] Aristoteles, EN X, 1, 1172a.

[22] Vgl. ebd. EN I, 1, 1094a.

[23] Vgl. ebd. EN I, 5, 1097a/1097b und Forschner (1994), S. 7.

[24] Aristoteles, EN I, 9, 1099a.

[25] Vgl. Aristoteles, EN I, 9, 1099b.

[26] Vgl. ebd. EN I, 3, 1095b.

[27] Vgl. ebd. EN I, 1, 1094a/1094b.

[28] Vgl. ebd. EN I, 2, 1095a.

[29] Vgl. ebd. EN X, 9, 1179a.

[30] Forschner (1994), S. 8.

[31] Ebd. S. 3.

[32] Ebd. S. 6.

[33] Ebd. S. 5.

[34] Ebd. S. 5.

[35] Vgl. Aristoteles, EN I, 1, 1094a und 4, 1096b.

[36] Ebd. EN I, 8, 1098b.

[37] Vgl. Kleber (1988), S. 108.

[38] Forschner (1994), S. 2 und vgl. Aristoteles, EN X, 10, 1179b.

[39] Forschner (1994), S. 15.

[40] Vgl. ebd. S. 6.

[41] Aristoteles, EN I, 13, 1103a.

[42] Vgl. Forschner (1994), S. 12.

[43] Vgl. Aristoteles, EN I, 10, 1099b/1100a.

[44] Forschner (1994), S. 15.

[45] Vgl. Aristoteles, EN I, 6, 1098a.

[46] Forschner (1994), S. 18.

[47] Vgl. Aristoteles, EN I, 11, 1100a/1100b.

[48] Vgl. ebd. EN I, 11, 1100b/1101a.

[49] Vgl. Kleber (1988), S. 108f.

[50] Forschner (1994), S. 11.

[51] Vgl. Aristoteles, EN I, 9, 1098b/1099a.

[52] Vgl. Forschner (1994), S. 10.

[53] Vgl. Aristoteles, EN III, 6, 1113a/1113b und X, 4, 1174b/1175a.

[54] Ebd. EN X, 6, 1177a.

[55] Vgl. ebd. EN X, 5, 1176a.

[56] Aristoteles, EN X, 7, 1177b.

[57] Vgl. Kleber (1988), S. 52f.

[58] Forschner (1994), S. 88 und 92.

[59] Kleber (1988), S. 245f.

[60] Vgl. ebd. S. 246f.

[61] Vgl. Forschner (1994), S. 99.

[62] Ebd. S. 89.

[63] Kleber (1988), S. 248.

[64] Vgl. ebd. S. 100f.

[65] Ebd. S. 105.

[66] Vgl. Forschner (1994), S. 20 und 91 und vgl. Kleber (1988), S. 9, 31 und 69.

[67] Vgl. Forschner (1994), S. 83 und 96f.

[68] Kleber (1988), S. 48f..

[69] Ebd. S. 36.

[70] Vgl. ebd. S. 111f.

[71] Vgl. ebd. S. 203.

[72] Ebd. S. 117.

[73] Vgl. Jackson (1993), S. 5.

[74] Mill (1993), S. 25.

[75] Jackson (1993), S. 3.

[76] Vgl. Harrison (1985), S. 233f.

[77] Vgl. Jackson (1993), S. 5.

[78] Vgl. Harrison (1985), S. 170.

[79] Vgl. ebd. S. 170.

[80] Vgl. ebd. S. 170.

[81] Vgl. ebd. S. 229.

[82] Vgl. ebd. S. 106.

[83] Vgl. ebd. S. 226.

[84] Vgl. ebd. S. 226.

[85] Vgl. Mill (1993), S. 25.

[86] Vgl. Jackson (1993), S. 6 und 9.

[87] Vgl. Bentham (1993), S. 103ff.

[88] Vgl. Jackson (1993), S. 3.

[89] Vgl. ebd. S. 6 und 30.

[90] Vgl. Jackson (1993), S. 8.

[91] Schumacher (1994), S. 114.

[92] Vgl. ebd. S. 117 und 126.

[93] Schumacher (1994), S. 118f.

[94] Vgl. Harrison (1985), S. 177.

[95] Vgl. Sala (2004), S. 84.

[96] Forschner (1994), S. 121.

[97] Höffe (2002), S. 20.

[98] Vgl. Sala (2004), 83.

[99] Vgl. Kant (1993), S. 29f. und Sala ( 2004), S. 92 und 201.

[100] Sala (2004), S. 305f.

[101] Vgl. ebd. S. 68.

[102] Vgl. ebd. S. 93.

[103] Vgl. ebd. S. 305f.

[104] Kant (1993), S. 24 und vgl. Sala (2004), S. 91.

[105]Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft | Handle so, daß [sic] die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ aus: Kant (1993), S. 36.

[106] Vgl. Sala (2004), S. 143.

[107] Vgl. ebd. S. 304.

[108] Kant (1993), S. 149.

[109] intelligibel: „ nur gedanklich, nicht anschaulich erfassbar, nicht sinnl. wahrnehmbar; die intelligible Welt die nur geistig wahrnehmbare Ideenwelt [<lat. intelligibilis „sinnlich od. geistig wahrnehmbar, verständlich“] aus: Wahrig-Burfeind (2006), Artikel „intelligibel“, 685b.

[110] Vgl. Kant (1993), S. 132 und Sala (2004), S. 244, 266 und 274.

[111] Vgl. Forschner (1994), S. 150.

[112] Ebd. S. 120.

[113] Grandes, Almudena: „Prólogo. Memorias de una niña gitana.“ in: Grandes (2010), S. 9-17 und Grandes (2007), Klappentext und Wikipedia, Die freie Enzyklopädie: „Almudena Grandes“ (23.07.2010), http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Almudena_Grandes&oldid=74095517 und „Almudena Grandes – El corazón helado“ (23.07.2010) http://www.almudenagrandes.com (Foto von dieser Seite).

[114] „Almudena Grandes“ (24.07.2010), http://aireloewe.spaces.live.com/blog/cns!8FA21F8F17C4861F!2859.entry .

[115] Wikipedia, Die freie Enzyklopädie: „Lucía Etxebarría“ (23.07.2010), http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Luc%C3%ADa_Etxebarria&oldid=75011214

und Wikipedia, La enciclopedia libre: „Lucía Etxebarría“ (23.07.2010), http://es.wikipedia.org/w/index.php?title=Luc%C3%ADa_Etxebarr%C3%ADa&oldid=38786632;

Foto von http://1.bp.blogspot.com/_T1u1L491BNw/SYH944bS-gI/AAAAAAAAAKg/Yv1EuLQXLYg/s400/luciaetxe240407.jpg (04.08.2010).

[116] „elmundo.es | encuentro digital con Lucía Etxebarría“ (23.07.2010), http://www.elmundo.es/encuentros/invitados/2004/04/1056/ .

[117] Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich in diesem Kapitel auf: Grandes (2007).

Details

Seiten
80
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640998074
ISBN (Buch)
9783640997909
Dateigröße
808 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177929
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,3
Schlagworte
Glück; Glücksverständnis; Grandes; Almudena; Etxebarria; Lucia; Roman

Autor

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Titel: Das Glücksverständnis in ausgewählten Werken von Almudena Grandes und Lucía Etxebarría