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Kritische Überlegungen zu Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ unter interkulturellen Aspekten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 31 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Kurze Skizzierung von Alois Wierlachers Theorien vom Fremden und Eigenen
2.2. Thematische Legitimation der Arbeit im Kontext des Seminars

3. Analyse zu „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin
3.1. Darstellung von Sarrazins Position im Kapitel 7: Zuwanderung und Integration
3.2. Kritische Anmerkungen zum Inhalt
3.3. Kritische Anmerkungen zur Methodik
3.4. Wird auch Sarrazin durch Medien zum Feindbild gemacht?

4. Ausblick

5. Literaturangaben
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur
5.3. Internetrecherche

6. Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 Das Panoptikum als Überwachungssystem (ein vom Philosophen Jeremy Bentham stammendes Konzept)
Abbildung 2 Blaupause eines Panoptikumgrundrisses

1. Einleitung

Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ ist eines der vieldiskutiertesten Veröffentlichungen des letzten Jahres. Doch soll es nicht Ziel dieser Arbeit sein jegliche Meinungen diverser Medien und Personen hier darzulegen; sie werden im Höchstfall angeschnitten, argumentativ und selektiv verwendet. Demnach erhebt sie dahingehend nicht den Anspruch der Vollständigkeit. Diese Arbeit will kritische Überlegungen anstellen, die sich auf die inhaltliche und methodische Ebene des Buches beziehen und wissenschaftlich genau untersuchen auf welch subtiler Ebene Sarrazin versucht ein Fremdheitsbild zu konstruieren, welches dann von den jeweiligen Rezipienten dieser Lektüre absorbiert und auf den Islam bzw. seine Anhänger projiziert wird. Zu diesem Zweck wird die Arbeit nur die Thesen Sarrazins darlegen, die im Kapitel 7 „Zuwanderung und Integration“ seines Buches vorkommen. Hiermit ist gleichzeitig die Legitimation für die Thematik der Arbeit gegeben, die sich in den Kontext des Seminars einbetten lässt. Diese Arbeit wird auch kurze Überlegungen zur Gegenseite äußern: nicht nur Sarrazin konstruiert Fremd- und Feindbilder, sondern auch er wird zur Projektionsfläche der Medien, die ein Feindbild konstruieren. Zur Untersuchung der Konstruktion des Fremden bei Sarrazin werden die Theorien von Alois Wierlacher als Folie verwendet. Die Anwendung von Wierlachers Theorien ist methodisch unproblematisch, da Wierlacher als Germanist, genauer gesagt als Begründer der Interkulturellen Germanistik, mit seinen Theorien direkt auf die Untersuchung von Literatur bzw. Medien abzielt, die sich mit interkulturellen Thematiken auseinandersetzen.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Kurze Skizzierung von Alois Wierlachers Theorien vom Fremden und Eigenen

Zur semantischen Ausgangslage des Wortes fremd bemerkte Wierlacher, das das Reden vom Fremden Konjunktur habe und ein Kulturthema[2] geworden sei. Der Begriff fremd ist polysem, da er je nach Kontext in einer Vielzahl von Bedeutungen benutzt werden kann und es deshalb möglich ist, neben dem Abstraktum Fremdheit, das Adjektiv fremd in allen drei Genera zu substantivieren. Das heißt es gibt der, die, das Fremde. Dabei suggeriert der bestimmte Artikel ein bestimmtes Metaphernregister bzw. einen bestimmten Referenzrahmen. Dies bedeutet eine inhaltliche Bestimmtheit des wesentlich Unbestimmten: das Fremde als etwas Sächlich-objekthaftes oder Unbestimmt-transzendentes (wie zum Beispiel das Heilige oder das Böse), die Fremde beispielsweise als fernes Land und der Fremde etwa als Eingrenzung auf vorwiegend menschliche Gestalten. Die Bedeutungsvarianten von fremd umschreiben zum Einen mit je unterschiedlichem Akzent ein Zugehörigkeits- bzw. Nichtzugehörigkeitsverhältnis. Zum Anderen wird auf einen Bereich der Kognition und den Bereich einer Abweichung von der Normalität oder einer Normalitätserwartung verwiesen. Weiterhin konstituieren sich alle Sinngehalte von fremd durch Negation, mal mehr und mal weniger deutlich. Dies passiert entweder explizit durch nicht oder über das Wort anders, welches seinerseits ein Verhältnis von Nichtidentität oder Verschiedenheit bezeichnet. Demnach verweist fremd auf Nicht-Eigenes oder Anderes. Folglich eröffnet der Begriff fremd immer Leerstellen, die gefüllt werden müssen. Zudem transportiert das Wort in hohem Maße Ambivalenz: einerseits erlaubt der Begriff Ab- und Ausgrenzungen zur Wahrung und Konstruktion von Gruppenidentitäten und andererseits die projektive Interpretation und Verkennung fremder Kulturen als Orte des Abenteuers, der unerfüllten Sehnsüchte oder der Alternative zum eigenen Leben. Des Weiteren ist der Fremdheitsbegriff ebenso ein relationaler Begriff.Das bedeutet, dass das Fremde nicht als Eigenschaft erscheint, die man in sich trägt oder mit sich bringt, sondern zunächst einmal als eine Frage der jeweiligen Konstellation. Demzufolge ist nur der der Fremde, der in der Fremde fremd ist. Die Fremde ist also abhängig von einer Konstellation und einem Standpunkt, aber sie ist nicht nur insofern eine relative Größe, sondern auch indem die Fremde als Wahrnehmungskategorie ein Verhältnis oder eine Beziehung ausdrückt. Jemanden oder etwas als fremd zu bezeichnen, heißt demzufolge eine Beziehung zu konstituieren, in der sich eine Person gegenüber einer anderen Person, sich selbst, einer Sache oder Situation auffasst. Das Fremde kann demnach nur in Relation zum Eigenen betrachtet werden.[1]

Alois Wierlacher charakterisiert die Beziehung vom Fremden und Eigenen weiterhin als eine dialektische, die sich aus dem Verhältnis von Identität und Alterität ergibt. Demnach kann nur dort, wo es eine Vorstellung vom Eigenen gibt auch eine Vorstellung vom Fremden sein. Infolgedessen ist Fremdheit ein Interpretament von Andersheit. Dies impliziert aber, dass nicht alles, was anders ist, gleichzeitig als fremd gilt, sondern dass es einen breiten Spielraum der Andersheit gibt. Das heißt es gibt Personen oder Objekte, die trotz ihrer Andersheit nicht als fremd wahrgenommen oder bezeichnet werden. Dabei kann es sich um sichtbare naturhaft-körperliche, aber auch um gesellschaftlich-kulturelle Merkmale handeln. In kurzen Worten folgt demnach Fremdheit nicht notwendigerweise aus Andersheit, sondern entsteht erst aus der Interpretation heraus oder um direkt mit Wierlachers Worten zu sprechen: „Fremdheit ist das aufgefasste Andere“.[3] Wesentlich beim Verständnis vom Fremden, ist die Tatsache, dass es der, die, das Fremde per se nicht gibt, sondern stets eine Konstruktion vorliegt. Anhand dieser theoretischen Skizzierung wurde die Basis aufgezeigt, die für die Analyse von Sarrazins Buch unabdingbar ist: Wierlachers Theorien über das Fremde und das Eigene.

[...]


[1] Der komplette Unterpunkt bezieht sich auf Wierlacher, Alois (Hg.): Das Fremde und das Eigene. Prolegomena zu einer interkulturellen Germanistik. München: Iudicium 1985.; Albrecht, Corinna: "Fremdheit". In: Wierlacher, Alois; Bogner, Andrea (Hg.): Handbuch interkulturelle Germanistik. Stuttgart, Weimar: Metzler 2003. S. 232-238.

[2] Wierlacher, Alois: Interkulturelle Germanistik. In: Wierlacher, Alois (Hg.): Kulturthema Kommunikation. Konzepte Inhalte Funktionen. Möhnesee: Résidence 2000. S. 77.: Als ‚Kulturthema’ bezeichnet das Institut [IIK Bayreuth] im Anschluss an die interkulturelle Germanistik ein Thema, das im öffentlichen Selbst- und Weltverständnis einer oder mehrerer Kulturen zu einem bestimmten Zeitpunkt besondere Bedeutung gewinnt. Kulturthemen können sich entwickeln, weil Kulturen begrenzte Themenhaushalte besitzen, die aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung und unterschiedlichen Wirklichkeitskonzepte zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche kulturelle und universalistische Lebensfragen und -bereiche ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rücken, ihre Gegenthemen haben und erst in dieser Spannung – zum Beispiel des Fremden und des Eigenen – wirksam werden.

[3] Wierlacher, Alois (Hg.): Das Fremde und das Eigene. Prolegomena zu einer interkulturellen Germanistik. München: Iudicium 1985. Dazu auch: Albrecht, Corinna: "Fremdheit". In: Wierlacher, Alois; Bogner, Andrea (Hg.): Handbuch interkulturelle Germanistik. Stuttgart, Weimar: Metzler 2003. S. 236.

Details

Seiten
31
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640997404
ISBN (Buch)
9783640997169
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177881
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Lehrstuhl für Interkulturelle Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
kritische thilo sarrazins buch aspekten

Autor

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