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Arthur Schopenhauers Ästhetik in seinem Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die ästhetische Kontemplation
2.1. Das Gefühl des Erhabenen

3. Schopenhauers Ideenlehre
3.1. Idee und Begriff

4. Die ästhetische Funktion der Ideen

5. Das Genie im Unterschied zur Fabrikware der Natur

6. Kants Einfluss auf Schopenhauers Ästhetik

7. Theorien einzelner Kunstgattungen
7.1. Die Architektur
7.2. Die Poesie
7.3. Die Musik

8. Aufhebung des Leidens durch die Ästhetik?

9. Schluss

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist gleich, ob wir aus einem Palast oder Kerker die untergehende Sonne betrachten, ob das schauende Auge einem König oder einem Bettler angehört.“[1] Laut Arthur Schopenhauers Lehre kann dementsprechend jeder Mensch zur Betrachtung der Welt eine ästhetische Haltung einnehmen, die zur teleologischen Erkenntnis führt. Schönheit stellt für den Philosophen nicht, wie annehmbar wäre, den Endzweck dar, sondern bildet lediglich einen Nebeneffekt der Kunst. Sein ästhetisches Programm, welches den Hauptgegenstand dieser Hausarbeit darstellt, vollzieht den Vorgang der willensfreien Erkenntnis auf der subjektiven Seite und den der Ideenerkenntnis auf der objektiven Seite nach.

Zu Beginn der Untersuchung soll die ästhetische Kontemplation als vom Willen befreites Erkennen eine Erläuterung erfahren, wobei hinzukommend das Gefühl des Erhabenen vom Schönen unterschieden und dargestellt werden soll. Weiterhin soll damit zusammenhängend Schopenhauers Ideenlehre präsentiert werden, welche eng an die platonische Ideenerkenntnis angelehnt ist. Neben der Unterscheidung zwischen Idee und Begriff, soll die ästhetische Funktion der Ideen, welche sich in der Kunst fundiert, demonstriert werden. Die Kunst als Erkenntnisart von Ideen stellt laut Schopenhauer das Werk eines Genius dar, denn er allein kann „rein erkennendes Subjekt“[2] sein und bildet somit einen starken Kontrast zum gewöhnlichen Menschen, der bloß eine „Fabrikware der Natur“[3] ist. Somit soll der Typus des Genies nach Schopenhauers Verständnis eine gesonderte Betrachtung erhalten.

Sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung von 1819 enthält einen augenscheinlichen Bezug auf Kants Theorie vom interesselosen Wohlgefallen am Schönen, „derzufolge das Geschmacksurteil weder ein sinnliches noch ein vernünftig-theoretisches (erkenntnismäßiges) Interesse an der Existenz des Gegenstandes der Kontemplation nimmt.“[4] Daher ist ebenso eine kurze Erläuterung der kantischen Einflüsse auf Schopenhauers Ästhetik von Nöten.

Arthur Schopenhauer entwickelte ein hierarchisches Stufenreich der Künste, dementsprechend in der vorliegenden Hausarbeit die Theorien einzelner Kunstgattungen vorgestellt werden sollen. Hier sollen die Architektur, die Poesie und die Musik betrachtet werden. Letztere nimmt eine isolierte Stellung ein, da sie nicht wie die übrigen Künste das Abbild der Ideen, sondern des Willens selbst darstellt.

Arthur Schopenhauers Ästhetik löst die Behauptung aus, dass sie der Kunst ein erlösendes Ziel gebe, da sie den „Schaffenden wie den Betrachtenden von der Schwere des Erdendaseins, vom Willen und seinen Qualen“[5] befreie. Schopenhauer postuliert eine Erlösung durch die streng objektive Betrachtung von Natur und Kunst, womit er sein philosophisches Grundpathos - die „Befreiung der Erkenntnis von der Herrschaft des Willens“[6] – stützt. Doch ist eine endgültige Aufhebung des Leidens durch die Ästhetik tatsächlich möglich?

2. Die ästhetische Kontemplation

Arthur Schopenhauer deklariert in seinem Hauptwerk, dass es einen betrachtenden Übergang von der Erkenntnis des einfachen Objekts zur Erkenntnis der Idee desselben gäbe, „indem die Erkenntniß sich vom Dienste des Willens losreißt, eben dadurch das Subjekt aufhört ein bloß individuelles zu seyn und jetzt reines, willenloses Subjekt der Erkenntniß ist, welches […] in fester Kontemplation des dargebotenen Objekts […] ruht und darin aufgeht.“[7] Demzufolge kommt es beim uninteressierten Anschauen zu einem Zustand der Ruhe und somit zur zweckerfüllenden Erkenntnis der Ideen. Doch wenn die Ideen Objekt der Erkenntnis werden sollen, so kann dies lediglich unter Aufhebung der Individualität im erkennenden Subjekt geschehen. Das Erkennen von Erfahrungsdingen, durch die Sinnesorgane, steht im Dienste individueller Willensziele und ereignet sich in den Strukturen Raum und Zeit, welche für die Individualität konstitutiv sind. Wenn das Subjekt beim Erkennen nicht mehr Individuum sein soll, so muss es erkennen, ohne zu wollen. Es darf die Welt nicht mehr gemäß den Interessen des Individualwillens wahrnehmen.[8] Daher können, falls die Ablösung vom eigenen Willen gelingt, als unpersönliches rein erkennendes Subjekt Dinge erkannt werden ohne, dass sie von der eigenen Individualität beeinflusst werden. Wenn der Betrachter zum rein erkennenden Subjekt wird, so sind laut Arthur Schopenhauer „Glück und Unglück […] verschwunden: wir sind nicht mehr das Individuum, es ist vergessen, sondern nur noch reines Subjekt der Erkenntniß: wir sind nur noch da als das eine Weltauge, was aus allen erkennenden Wesen blickt, im Menschen allein aber völlig frei vom Dienste des Willens werden kann, […] daß es alsdann einerlei ist, ob das schauende Auge einem mächtigen König, oder einem gepeinigten Bettler angehört.“[9]

Doch es stellt sich die Frage, wie es eine Person überhaupt erreichen kann beim Erkennen nicht mehr zu wollen? Denn die individuelle Erkenntnis ist immer vom Willen geleitet, das heißt sie betrachtet Dinge immer in Relation zum eigenen Subjekt oder zu anderen Dingen, welche eine Beziehung zum Willen aufweisen. Schopenhauer bestimmt den Zustand der von Individualität befreiten Erkenntnisweise als „ein Erkennen, das nicht den Relationen der Gegenstände nachgeht, besonders nicht ihrer Beziehung zum eigenen Wollen; das vielmehr sein Objekt außerhalb aller Relation zu anderem auffaßt.“[10] Das betrachtende Individuum muss sich also von Relationen befreien, um zum Objekt zu gelangen und um ein rein erkennendes Subjekt zu werden. Dieses kann je mehr es sich im Objekt verliert, auch dementsprechend mehr davon erkennen und erlangt somit einen größeren Begriff von der Idee. Der Betrachter steht also in seinem Erkennen unter der Herrschaft des sogenannten Satzes vom Grunde[11] und solange Objekte als Motive seines Wollens fungieren, genauso lang verursacht die Nicht-Befriedigung des Wollens Leiden. Da auf der Seite des Subjekts ein Akt der Befreiung der Erkenntnis vom Wollen stattfindet, kann die ästhetische Kontemplation außerdem als Moment der Leidensaufhebung erklärt werden.[12]

Ferner ist an die ästhetische Kontemplation die Prämisse geknüpft, dass sich dieser Erkenntnisvorgang nicht vorsätzlich einleiten lässt. Willensfreies Erkennen als vorsätzlicher Akt wäre nur möglich, wenn der Betrachter sich willentlich vornimmt willensfrei zu erkennen, was jedoch einen Widerspruch in sich darstellt. Somit vollzieht sich die ästhetische Anschauung ohne Aktivität des Subjekts als nicht hervorgerufenes Ausnahmeereignis .[13] Hierbei entsteht ein Zustand des sich selbst Vergessens und es ist laut Schopenhauer so „als ob der Gegenstand allein dawäre, […] und man also nicht mehr den Anschauenden von der Anschauung trennen kann, sondern Beide Eines geworden sind“[14]. Somit fallen im Zustand der Präsenz der Idee das Subjekt und das Objekt zusammen, sie vereinigen sich, da in diesem Moment kein Individualitätsprinzip mehr existiert. Doch diese Betrachtungsweise erfährt auch durchaus Kritik, da der Begriff Kontemplation hier nicht beschaulich genannt werden könne, sondern er habe sich vielmehr herausgerückt und ins Objekt verloren. Es bestehe angeblich ein Zustand großer psychischer Spannung, welcher auf eine außenstehende zuschauende Vernunftperson unzugänglich und gar lächerlich wirke, so Pothast. Samuel Beckett bezeichnete diesen Zustand sogar als verwirrte Ekstase, weil in der Erfahrungswelt die Orientierung verloren ginge und der Anschauende aus seinem normalen Selbst heraustrete .[15]

[...]


[1] Richert, Hans: Schopenhauer. Seine Persönlichkeit, seine Lehre, seine Bedeutung. 4. Auflage. Leipzig

[u.a.]: Teubner 1920 (= Aus Natur und Geisteswelt; 81) S. 69.

[2] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung. Band 1. Hrsg. von Arthur Hübscher. Stuttgart:

Reclam 1987. S. 274.

[3] Ebd. S. 276.

[4] Weimer, Wolfgang: Schopenhauer. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1982. (= Erträge der

Forschung; Bd. 171) S. 85.

[5] Volkelt, Johannes: Arthur Schopenhauer. Seine Persönlichkeit, seine Lehre, sein Glaube. 5. Auflage.

Stuttgart: Frommann 1923 (= Frommanns Klassiker der Philosophie; 10) S. 288.

[6] Weiner, Thomas: Die Philosophie Arthur Schopenhauers und ihre Rezeption. Hildesheim [u.a.]: Olms 2000

(= Europaea memoria: Reihe 1, Studien 15) S. 40.

[7] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung. Band 1. Hrsg. von Arthur Hübscher. Stuttgart:

Reclam 1987. S. 264.

[8] Vgl.: Pothast, Ulrich: Die eigentlich metaphysische Tätigkeit. Über Schopenhauers Ästhetik und ihre

Anwendung durch Samuel Beckett. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989. S. 48.

[9] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung. Band 1. Hrsg. von Arthur Hübscher. Stuttgart:

Reclam 1987. S. 290 f.

[10] Pothast, Ulrich: Die eigentlich metaphysische Tätigkeit. Über Schopenhauers Ästhetik und ihre

Anwendung durch Samuel Beckett. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989. S. 49.

[11] Schopenhauers Satz vom Grunde besagt, dass nichts ohne Grund sei und umfasst als Prinzip die

Erfahrungsformen Raum, Zeit und Kausalität.

[12] Vgl.: Weiner, Thomas: Die Philosophie Arthur Schopenhauers und ihre Rezeption. Hildesheim [u.a.]:

Olms 2000 (= Europaea memoria: Reihe 1, Studien 15) S. 38.

[13] Vgl.: Ebd. S. 37.

[14] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung. Band 1. Hrsg. von Arthur Hübscher. Stuttgart:

Reclam 1987. S. 265.

[15] Vgl.: Pothast, Ulrich: Die eigentlich metaphysische Tätigkeit. Über Schopenhauers Ästhetik und ihre

Anwendung durch Samuel Beckett. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989. S. 53.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640997367
ISBN (Buch)
9783640997114
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177875
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Arthur Schopenhauer Ästhetik Ideenlehre Genie ästhetische Kontemplation Die Welt als Wille und Vorstellung

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