Lade Inhalt...

Primäre und sekundäre Qualitäten bei Locke und Berkeley

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 14 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Primäre und Sekundäre Qualitäten und die Wahrnehmung bei Locke

3. Berkeleys Position und seine Kritik an Locke

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

John Lockes „Versuch über den menschlichen Verstand“ stellt sein Hauptwerk zur Erkenntnistheorie dar. Es erschien in der ersten Auflage 1690 in London und Locke bemüht sich darin den Ursprung und die Funktionsweise der menschlichen Wahrnehmung und des menschlichen Geistes zu erforschen. Als einer der großen frühen Vertreter des Empirismus ist er sehr bemüht alle seine Erkenntnisse einzig durch präzise Beobachtung und Analyse des eigenen Geistes und Körpers zu erlangen. Dementsprechend lässt sich seine Hauptthese bezüglich der Wahrnehmung in etwa so wiedergeben, dass es nichts in unserem Verstand gibt, dass nicht durch eine wie auch immer geartete Erfahrung zu diesem gelangt wäre. Damit spricht er sich deutlich gegen das Konzept der angeborenen Ideen aus und legt dazu seine eigene Position dar. Im Rahmen seiner Theorie erkennt er, dass es Dinge geben müsse, die sogenannte primäre Qualitäten besitzen müssten, womit er behauptet, sie existieren von sich aus wirklich und körperlich in dieser Welt.

Dem wird in der Folge unter anderem George Berkeley vehement widersprechen. Berkeley, welcher Bischof ist und auch entsprechend theologisch ausgerichtet, verfasst sein eigenes Werk zu diesem Thema. 1710 erscheint „Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis“, welches Lockes Wahrnehmungstheorie Punkt für Punkt aufgreift und kritisiert. Berkeley vertritt streng die Position, dass alles was wahrgenommen werden kann, ausschließlich in der Wahrnehmung existiert. Damit meint er im Besonderen auch die Eigenschaften der vermeintlich physischen Dinge und spricht ihnen eine Existenz außerhalb des Wahrgenommenwerdens ab. Die Theorien Lockes und Berkeley sollen in dieser Arbeit untersucht und nachvollzogen werden, mit dem Ziel die Übereinstimmungen, die Streitpunkte und die Art derArgumentation in beiden Theorien auszuführen und darzustellen.

2. Primäre und Sekundäre Qualitäten und die Wahrnehmung bei Locke

Um den Disput zwischen Locke und Berkeley bezüglich der Materie bzw. der Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten angemessen betrachten zu können, muss zunächst der theoretische Ansatz Lockes zur Wahrnehmung nachvollzogen werden. Er geht davon aus, dass alle Ideen in der Erfahrung begründet liegen.[1] Dies impliziert, dass Locke entschieden die Position vertritt, es gäbe keine angeborenen Ideen; eine Streitfrage zu der zum Beispiel Leibniz in seinem „Neue Versuche über den menschlichen Verstand“ eine starke Gegenposition vertreten wird.

Die beiden Möglichkeiten, wie die Ideen erfahren werden können, sind für Locke die von außen durch die Sinne dem Verstand übermittelten Eindrücke, die er Sensationen nennt, und die Betrachtung der Operationen des eigenen Verstandes, welche er Reflexion nennt.[2] Dass Reflexion und Sensation die einzigen beiden Möglichkeiten sind eine Idee zu haben, bedeutet nach Locke ebenfalls, dass es unmöglich ist, eine Idee zu entwickeln die „neu“ wäre und sich nicht auf etwas zurückführen ließe, dass die Sinne bereits einmal rezipiert oder der Verstand bereits einmal reflektiert habe. Ebenso können Ideen mittels des Verstandes nicht vernichtet werden.[3]

Die Art der Ideen, die man haben kann, unterteilt Locke in einfache und komplexe Ideen. Einfache Ideen vermitteln genau einen Eindruck und bedingen „eine einheitliche Erscheinung oder Vorstellung im Geist“.[4] Sie sind in keine weiteren „Unterideen“ oder Eindrücke zergliederbar. Indes ist es die Regel, dass von ein und demselben Gegenstand mehrere Ideen gleichzeitig durch die Sinne wahrgenommen werden können, wie z.B. die Kälte und Härte an einem Stück Eis. Diese Ideen sind zwar unauflöslich miteinander verwoben im entsprechenden Gegenstand, werden aber als etwas jeweils unterschiedliches wahrgenommen und sind an sich nicht weiter teilbar.

Komplexe Ideen können aus mehreren einfachen Ideen kombiniert werden und hier sind laut Locke neue komplexe Ideen möglich, ja sogar notwendig. „Wenn der Verstand einmal mit einem Vorrat an solchen einfachen Ideen versehen ist, dann hat er die Kraft, sie zu wiederholen, zu vergleichen und zu verbinden, und zwar in fast unendlicher Mannigfaltigkeit, so daß er auf diese Weise nach belieben neue komplexe Ideen bilden kann.“[5]

Die Ursache dafür, dass man von äußeren Dingen per Sensation eine Idee erwirbt, liegt nach Locke darin begründet, dass allem „Qualitäten“ innewohnen. Diese Qualitäten stehen für das Potential in einem Ding eine entsprechende Sensation zu übermitteln. Sie sind die Essenz der vermittelten Idee. Daraus folgt ebenfalls, dass Locke viel Wert darauf legt, dass der von ihm verwandte Begriff der Idee nicht gleichzusetzen ist mit dem wahrgenommenen Ding selbst. Insofern es also das Vermögen des Gegenstandes bezeichnet eine Idee zu vermitteln, nennt Locke es Qualität. Ist es aber bereits vermittelt worden, so ist es eine Idee.[6] Diese Qualitäten bilden den Hauptkritikpunkt Berkeleys an Locke, denn Locke unterscheidet sie in primäre und sekundäre Qualitäten.

Die primären Qualitäten sind für Locke auch „ursprüngliche“ Qualitäten, denn sie sind nichteinmal durch Gewalteinwirkung zu verändern und erzeugen in uns grundlegende einfache Ideen wie die von Festigkeit, Ausdehnung, Gestalt, Bewegung oder Ruhe und Zahl.[7] Diese primären Qualitäten spiegeln sozusagen die physische Existenz eines Dinges wieder.

Die sekundären Qualitäten sind im Gegensatz dazu wandelbar und stellen das Potential eines Dinges dar, Sensationen wie Farbe, Geschmack, Töne oder Ähnliches zu vermitteln, welches selbiges wiederum nur durch die primären Qualitäten zu besitzen im Stande ist.[8]

Bezüglich der Frage, wie es denn die Qualitäten überhaupt vermögen in uns Sensationen auszulösen, nimmt Locke recht fortschrittlich an, dass es unwahrnehmbar kleine Teilchen und Partikel wären, die von den Objekten aus durch die jeweiligen Sinne zu unseren Nerven und von diesen zum Gehirn gelangen, in welchem sie die Sensation auslösen.[9] So gelangen wir zur Wahrnehmung der primären Qualitäten, die sich uns gewissermaßen durch ihre existentielle Stofflichkeit mitteilen. Die Ideen die durch primäre Qualitäten vermittelt werden, sind als „Urbilder“ in den Körpern selbst existent und somit gleichen sich Idee und Objekt.[10] Sekundäre Qualitäten vermitteln sich ebenfalls durch nicht wahrnehmbare Partikel unseren Sinnen. Indes sind sie bedingt durch die primären Qualitäten und in der Lage dem Verstand Ideen zu vermitteln, die keine Repräsentationen der Objekte, sondern vielmehr ihrer Eigenschaften sind. „[Sinnlich wahrnehmbare Qualitäten wie Farbe, Töne usw. sind,] [...] gleichviel welche Realität wir ihnen irrtümlicherweise zuschreiben, in Wahrheit in den Objekten selbst nichts anderes als Kräfte, um verschiedenartige Sensationen in uns zu erzeugen, und hängen von den primären Qualitäten, nämlich von Größe, Gestalt Beschaffenheit und Bewegung der Teilchen ab[...].“[11]

Dem Unterschied, welche Art von Merkmal einem Körper inhärent sein kann, widmet Locke viel Aufmerksamkeit. Die primären Qualitäten kann man nach Locke auch als „ursprüngliche“ bezeichnen, da Zahl, Größe, Gestalt und Bewegung der Teilchen tatsächlich in den Körpern selbst vorhanden sind. Alle sekundären Qualitäten lassen sich indes einzig auf die zu Grunde liegenden „ursprünglichen“ Beschaffenheiten der Teilchen reduzieren und sind in ihrer Wahrnehmung eben von dieser selbst abhängig. Unterbindet oder verändert man künstlich eine Wahrnehmungsart, so werden die vorher wahrgenommenen sekundären Qualitäten nicht mehr perzipiert und sind damit nicht mehr oder in anderer Weise existent. Daher bezeichnet sie Locke auch neben „sekundäre Ideen“ als „partikulare Ideen“.[12]

[...]


[1] 'Vgl. Locke, John, Über die Ideen im Allgemeinen und ihren Ursprung, S. 74.

[2] Vgl. Ebd., S. 75.

[3] Vgl. Ebd., S. 76, 79.

[4] Ebd., S. 79.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Ebd., S,81.

[7] Vgl. Ebd., S. 82.

[8] Vgl. Ebd.

[9] Vgl. Ebd., S. 82f.

[10] Vgl. Ebd., S. 84.

[11] “Ebd., S. 83.

[12] Vgl. Ebd., S. 84f.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640996810
ISBN (Buch)
9783640996933
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177840
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Locke Berkeley primäre Qualitäten sekundäre Qualitäten Materie Wahrnehmungsphilosophie Versuch über den menschlichen Verstand Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Primäre und sekundäre Qualitäten bei Locke und Berkeley