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Das Motiv der Blauen Blume in Novalis' "Heinrich von Ofterdingen"

Essay 2008 5 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Das Motiv der Blauen Blume von Maike Heimeshoff

Die Blaue Blume ist das prägende Symbol der Romantik. Ausgehend von Novalis’ Heinrich von Ofterdingen findet sie Einzug in diverse spätere Werke. Eichendorff, Chamisso, Goethe, jeder dieser Autoren wird die Blaue Blume aufgreifen, Eichendorff sogar in einem Gedicht gleichen Titels. Doch dauert es eine Weile bis sie die Beachtung findet, die ihr heute zuteil wird. Novalis hat wenige weitere Zeugnisse über sie hinterlassen, spätere Schriften anderer Autoren über sein Werk widmen ihr keine Aufmerksamkeit. Erst Heines Romantische Schule lässt die Blaue Blume hervortreten.[1] Es stellt sich deshalb die Frage was an dieser Blume so außergewöhnlich ist, welches Bild Novalis geschaffen hat, das an so vielen Stellen in der Literatur gefunden werden kann. Dieser Essay stellt das Motiv der Blauen Blume in Novalis Heinrich von Ofterdingen vor.

Novalis hat die Blaue Blume nicht vollständig neu geschaffen. Blumen, die mehr sind als reine Pflanzen, finden sich bereits in Ovids Metamorphosen[2]. Novalis hat vermutlich die thüringische Sage über die Wunderblume des Kyffhäusers als Quelle verwendet. Ein Schäfer findet diese Blume, pflückt sie und nimmt sie mit sich. Vor ihm tut sich eine Höhle mit Schätzen auf. Er füllt sich die Taschen, lässt die Blume jedoch zurück, weil er die Warnung, er habe das Beste vergessen, nicht versteht. Die Höhle schließt sich hinter ihm und die wundersame Blume bleibt darin verschlossen.[3] Neben dieser Sage hatte Jean Pauls Die unsichtbare Loge einen bleibenden Einfluss auf Novalis.[4] Die Blaue Blume ist in diesem Werk das Medium zwischen dem Diesseits und dem Jenseits.[5] Des Weiteren findet sie sich in Tiecks Der Traum.[6] Erst Novalis Werk gibt der Blauen Blume jedoch die Stellung, die ihre Bedeutung für die Romantik prägen wird. Eingeführt wird die Blaue Blume bereits zu Beginn des Heinrich von Ofterdingen. Der junge Heinrich trifft einen Fremden, der ihm von seiner Sehnsucht nach der Blauen Blume erzählt hat. In der folgenden Nacht träumt er von einer Blume, die ihn mit aller Macht anzieht. Sie steht inmitten vieler anderer Blumen, doch hat er nur Augen für sie. Als er sich ihr nähert, verändert sie sich und neigt sich zu ihm. In ihr kann er ein Gesicht ausmachen. Dieser Traum wird kurz darauf wiederholt. Diesmal ist es Heinrichs Vater, der die Blume ebenfalls in einem früheren Traum gesehen hat und ebenso verzaubert und von ihr angezogen war. Dieser misst ihr aber keine Bedeutung zu und kann sich nicht an ihre Farbe erinnern.[7] Sie hat demnach auf ihn einen kleineren Eindruck hinterlassen. Wenn man die Blaue Blume als Aussicht auf Heinrichs Entwicklung zum Dichter, zum poetischen Menschen, verstehen möchte[8], zeigt sich, dass auch sein Vater diese Anlagen besessen, sie aber nicht weiter verfolgt hat. Heinrich begegnet der Blume wieder als er mit seiner Mutter Thüringen verlässt, um seinen Großvater in Augsburg zu besuchen. Der Abschied von der vertrauten Heimat lässt ihm zum ersten Mal Trauer spüren und gibt ihm eine „Ankündigung des Todes“[9]. Wieder steht die Blume für eine Sehnsucht, die in der Ferne liegt. Heinrich musste sich lange Zeit mit der vertrauten Umgebung begnügen. Vorher hat er nie eine Reise unternommen. Unterwegs folgt ihm die Blume und zeigt sich ihm „wie ein Wetterleuchten“[10] bevor er die aus dem Morgenland entführte Zulima trifft. Am Ziel seiner Reise lernt er Mathilde kennen, die Tochter des Dichters Klingsohr, der ein Freund seines Großvaters ist. In diesem Mädchen erkennt er die Person wieder, deren Gesicht sich ihm in der Blume, von der er geträumt hat, zeigte. Beide verlieben sich und sind kurze Zeit später einander versprochen. Bereits in der folgenden Nacht ahnt Heinrich im Traum den Tod Mathildes voraus. Wieder zeigt sich auch das Motiv des Todes, das neben dem Motiv der Blauen Blume zentral in diesem Roman ist.[11] Später taucht die Blume verändert im Märchen auf, das von Klingsohr erzählt wird, als „wunderschöne Blume“, die auf einem „milchblauen Strom“ schwimmt.[12] Auch der nie vollendete zweite Teil des Heinrich von Ofterdingen beinhaltet die Blaue Blume.

[...]


[1] Vgl. Best, O.F. (1998), S. 189.

[2] Vgl. Karabegowa, H. (2008), S. 32.

[3] Vgl. Hecker, J. (1931), S. 29.

[4] Vgl. Freund, W. (2001), S. 69.

[5] Vgl. Hecker, J. (1931), S. 31.

[6] Vgl. Ritzenhoff, U. (2004), S. 9.

[7] Vgl. Novalis (2006), S. 9ff. und S. 17.

[8] Vgl. Schmitz-Emans, M. (2007), S. 95.

[9] Vgl. Novalis (2006), S. 20.

[10] Vgl. Ebd., S. 55.

[11] Vgl. Ebd., S. 98-107.

[12] Vgl. Ebd., S. 132f.

Details

Seiten
5
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640996407
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177817
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Germanistik
Note
Schlagworte
blaue blume novalis heinrich von ofterdingen romantik heine goethe werther

Autor

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