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Hegemonie und Handel: Theorie hegemonialer Stabilität und multilaterale Handelsliberalisierung

Hausarbeit 2011 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1. Relevanz des Themas
1.2. Vorgehen

2. THEORIE HEGEMONIALER STABILITÄT UND OPERATIONALISIERUNG VON HEGEMONIE
2.1. Theorie hegemonialer Stabilität
2.1.1. Kernidee und Weiterentwicklungen
2.1.2. Kritik
2.2. Notwendige Machtressourcen für Hegemonie

3. RELATIVE MACHT DER USA SEIT 1948
3.1. Relative ökonomische Macht
3.2. Relative militärische Macht
3.3. Kulturelle Dominanz

4. MULTILATERALE HANDELSLIBERALISIERUNG IM RAHMEN VON GATT/WTO SEIT 1947
4.1. 1947-1963: Stabilisierung des Handelssystems
4.2. 1964-1970: Dominanz der Handelsprinzipien (Kennedy-Runde)
4.3. 1971-1985: Erosion der multilateralen Handelsordnung (Tokio-Runde)
4.4. 1985-1995: Erweiterung der Kooperationsbasis (Uruguay-Runde)
4.5. 1995-heute: gescheiterter Multilateralismus? (Doha-Runde)

5. RESUMEE

LITERATURVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1. Relevanz des Themas

Seit mehr als 60 Jahren werden im Rahmen des GATT und seit 1995 in der Welthandels- organisation WTO multilaterale Abkommen zur Liberalisierung des Handels geschlossen - bis zur Doha-Runde seit 2001 meist mit großem Erfolg. Insbesondere die Kennedy- Runde in den 1960er Jahren mit weitreichenden reziproken Zollsenkungen von Gütern und die Uruguay-Runde von 1986 bis 1994 mit der Ausweitung der Verhandlungsge- genstände gelten als Sternstunden multilateraler Handelsliberalisierung. Die Verhand- lungen zur Handelsliberalisierung im Rahmen der Doha-Runde sind seit einer Dekade festgefahren.

Das Scheitern der Doha-Runde stellt wenn auch nicht die WTO aufgrund ihrer instituti- onellen Relevanz doch den multilateralen Liberalisierungsansatz und seine Prinzipien infrage, da zunehmend regionale Handelsabkommen (RTAs) an die Stelle multilateraler Lösungen treten. Der wissenschaftliche Diskurs hat sich bereits eingehend mit den Gründen des Scheiterns beschäftigt und u.a. die wachsende Mitgliederanzahl, wachsende Komplexität, Erweiterung der Verhandlungsgegenstände und die veralteten Verhand- lungsstrukturen als Gründe ausgemacht. Die Hausarbeit beleuchtet einen Ansatz, dem im aktuellen Diskurs in der Regel wenig Beachtung beigemessen wird. Sie untersucht die Erklärungskraft der Idee der Theorie hegemonialer Stabilität (ThS), einer Theorieper- spektive, die bereits seit den 1980er Jahren (vielleicht voreilig) als antiquiert gilt und Veränderungen des internationalen ökonomischen Systems anhand veränderter relati- ver Machtverteilung zwischen Staaten zu erklären versucht. Behauptet wird ein positi- ver Zusammenhang zwischen der Existenz eines hegemonialen Staates und der Stabilität in einem offenen, kooperativen System. Die zu prüfende These der Hausarbeit lautet: Spezifische Machtkonstellationen zwischen Staaten bestimmen die Stabilität und Koope- rationsbereitschaft innerhalb der Handelsordnung (GATT/WTO).

1.2.Vorgehen

Die Hausarbeit befasst sich mit der Frage, weshalb die WTO-Verhandlungen der Doha- Runde blockiert sind, während die vorherigen Verhandlungsrunden schneller zu umfas- senden Liberalisierungsbeschlüssen geführt werden konnten und untersucht dabei die Erklärungskraft der ThS. Die relativen Machtressourcen der Staaten stellen die unab hängige Variable der Untersuchung dar; die Stabilität, Kooperationsbereitschaft und ‚Compliance‘ sind die abhängigen Variablen der Hausarbeit. Ziel ist es, eine Aussage über die Korrelation und die Wahrscheinlichkeit eines kausalen Zusammenhangs zwischen der unabhängigen und abhängigen Variable zu treffen.

Forschungsfrage:

Inwiefern eignet sich die Theorie hegemonialer Stabilität zur Erklärung der blockierten Verhandlungen der Doha-Welthandelsrunde?

Die Hausarbeit überprüft in Ansätzen den Zusammenhang zwischen Verteilung von Machtressourcen und Stabilität und Offenheit des Handelssystems. Dafür wird zunächst die ThS skizziert (Kapitel 2.1.) und eine Operationalisierung von Hegemonie vorge- nommen (Kapitel 2.2.). Im dritten Kapitel werden für den Hegemon USA die drei Macht- kategorien - ökonomische, militärische und kulturelle Macht - aus Kapitel 2.2. anhand empirischer Daten von 1947 bis 2003 untersucht (Untersuchung der Ausprägung der unabhängigen Variablen). Das vierte Kapitel befasst sich mit der Ausprägung der abhän- gigen Variablen Stabilität und Kooperation im multilateralen Handelssystem. Dabei wird die Zeitspanne zwischen 1947 und 2003 in fünf Phasen eingeteilt und einzelne Indikato- ren der abhängigen Variablen betrachtet (Kapitel 4.1.-4.5.). Im Resumee wird eine ab- schließende Einschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Kausalität zwischen den beiden Variablen versucht und auf Erklärungsschwächen der Theorie hingewiesen. Schlussend- lich wird eine Prognose für zukünftige Entwicklungen aus Sicht der ThS skizziert (Kapi- tel 5.).

Für die Kernaussagen der ThS wertet die Hausarbeit Primärliteratur der wichtigsten Vertreter und Kritiker der ThS aus. Zur Beurteilung der Machtressourcen der USA wer- den zum einen statistische Indikatoren gewählt (Anteil am Warenwelthandel; Handels- bilanz; Verschuldung) und zum anderen Literatur zu Machtposition und -ressourcen der USA ausgewertet. Für die Untersuchung der unabhängigen Variable werden Informatio- nen über unterschiedliche Indikatoren (Mitgliederanzahl; Zollniveau; RTAs; nichttarifä- re Handelsbarrieren) erschlossen, die einschlägigen Problemanalysen über das GATT/WTO entnommen sind.

Der gewählte Zeitrahmen (1947-2003) ergibt sich aus dem Inkrafttreten des GATT 19481 und dem Scheitern der Doha-Verhandlungen in Cancun/Mexiko 2003. Die Doha- Runde wurde nach Cancun zwar fortgesetzt, zentrale Problempunkte und Konfliktlinien lassen sich jedoch bereits anhand der Verhandlungen in Cancun veranschaulichen.

2. Theorie hegemonialer Stabilität und Operationalisierung von He gemonie

2.1.Theorie hegemonialer Stabilität

2.1.1. Kernidee und Weiterentwicklungen

Bei der ThS handelt es sich um eine der realistischen Theorieschule zugehörige Regime- theorie, die sich mit den Voraussetzungen und Umständen der Regimebildung beschäf- tigt. Die Theorie erklärt Veränderungen internationaler Regime auf dem Hintergrund veränderter relativer Machtverhältnisse zwischen Staaten (vgl. Keohane 1989, S. 78f).

Behauptet wird ein deterministischer Zusammenhang zwischen der Machtverteilung zwischen Staaten und dem Charakter des internationalen ökonomischen Systems. Die hegemoniale Machtverteilung wird als beste Voraussetzung für eine stabile, offene in- ternationales Ordnung erachtet (vgl. Krasner; Webb 1989, S. 183). Der Urvater der The- orie, Charles Kindleberger, verweist darauf, Ƿdass für die Stabilisierung der Weltwirt- schaft ein Stabilisator nötig ist, und zwar nur einer“ (Kindleberger 1973, S. 319). Kindle- berger behauptet, ein offenes Handelssystem sei ein öffentliches Gut der ökonomischen Sphäre. Internationale Organisationen, wie der IWF oder GATT/WTO, werden erst durch einen Hegemon ermöglicht, da allein ein Hegemon zur Bereitstellung der notwendigen öffentlichen Güter in der Lage ist (vgl. Kindleberger 1986, S. 7). Wichtigstes hegemonial bereitgestelltes öffentliches Gut ist die Verminderung von Unsicherheit, die zentrale Vo- raussetzung für Kooperation ist (vgl. Keohane 1984, S. 180). Die Kernthese der Theorie lautet also, die Ordnung und Kooperation in der Weltpolitik wird durch einen dominan- ten Staat gefördert und aufrechterhalten. Mit nur einer Variable (relative Machtvertei- lung zwischen Staaten) erklärt die ThS den Kooperationsgrad und die Stabilität der in- ternationalen ökonomischen Ordnung. Haggard und Simmons sprechen daher von einer Ƿparsimonious [ǥȐ explanation“ (Haggard; Simmons 1987, S. 500).

Über die Motive des Hegemons zur Bereitstellung der öffentlichen Güter und somit zum Tragen des Großteils der Kosten herrscht innerhalb der Theorie Uneinigkeit. Während Kindleberger von einem wohlwollenden, altruistischen und weitsichtigen Hegemon (benign hegemon) spricht, der sich naturgemäß eher an absoluten Gewinnen orientiert, sprechen Gilpin und Krasner von einem eigeninteressierten, rational handelnden Hege- mon (malign hegemon), der nach relativen Gewinnen strebt (vgl. Stein 1984, S. 356f).

Der Abstieg des Hegemons ist ein relativer Abstieg zu den anderen Staaten; wenn der Hegemon also absolut an Ressourcen verliert, jedoch alle anderen Staaten mehr verlie- ren, so baut der Hegemon seine Machtposition aus. Erodierende Machtressourcen des Hegemons erschweren die Aufrechterhaltung der Führungsrolle und Gewährleistung der Regelbefolgung (vgl. Kindleberger 1990, S. 251). Die Machterosion des Hegemons führt folgerichtig zu Instabilität und dem Zusammenbruch des offenen Systems. Robert Keohane formuliert dies folgendermaßen: ǷAccording to the theory, the decline of hege- monic structues [sic] of power can be expected to presage a decline in the strength of corresponding international economic regimes.“ (Keohane 1989, S. 75)

2.1.2. Kritik

Die ThS ist heftiger Kritik ausgesetzt gewesen. Die Theorie vernachlässigt innerstaatli- che Entwicklungen und sagt das Verhalten eines Staates allein aufgrund seiner Macht- ressourcen vorher. Keohane erweitert sie daher um unabhängige Variablen, die die in- nenpolitische Komponenten einbinden sollen (Bereitschaft des Staates zu Hegemonie; Einfluss nationaler Interessengruppen auf Außenpolitik) (vgl. Keohane 1984, S. 34f). Da sich die Theorie nur auf die Erfahrung aus zwei hegemoniale Perioden (Großbritannien im 19. Jahrhundert; USA nach dem Zweiten Weltkrieg) stützt, wird ihre Validität der Theorie bezweifelt und die empirische Untersuchung erschwert (vgl. Lake 1993, S. 479). Zudem wird der ThS eine gewisse Willkür vorgeworfen, da Untersuchungsergebnisse stark von der Operationalisierung von Macht und Definition von Hegemonie abhängig sind. Ein Verifizieren oder Falsifizieren der Theorie sei daher schwer möglich (vgl. La- ke 1993, S. 480).

2.2 Notwendige Machtressourcen für Hegemonie

In der klassischen ThS werden nur materielle Machtressourcen von Staaten berücksich- tigt; Hegemonie beschreibt dort den Zustand der Überlegenheit materieller Ressourcen. Da Machtressourcen kontextabhängig sind (vgl. Keohane 1984, S. 85), soll für die For- schungsfrage dieser Hausarbeit ǷHandelsmacht operationalisiert werden. Die Arbeit un- terscheidet drei Machtkategorien eines Handelshegemons: ökonomische, militärische und kulturelle Dominanz. Sie erweitert somit das traditionelle Machtverständnis der ThS um eine ideele Dimension.

Die ökonomische Macht wird anhand von drei Indikatoren untersucht: Anteil am Güterwelthandel, Handelsbilanz und Verschuldung relativ zum BIP.

- Anteil am Güterwelthandel: Indikator für Marktgröße und/oder Exportstärke ei nes Landes; keine Auskunft über Zusammensetzung von Im- u. Exporten
- Handelsbilanz: Indikator für Verhältnis von Im- u. Exporten von Gütern eines Landes; Auskunft über Wettbewerbsfähigkeit u. Konsumneigung
- Verschuldung relativ zum BIP: Indikator für die Unabhängigkeit eines Landes (Verschuldung kann zu Abhängigkeit vom Gläubiger führen u. die autonome Politikführung einschränken)

Insbesondere die Kombination der drei Indikatoren bietet eine differenzierte Auskunft über die ökonomische Machtposition eines Staates.

Handelsmacht kann jedoch nicht allein in ökonomischen Maßstäben gemessen werden. Die militärische Macht bestimmt das Drohpotenzial eines Staates im Falle scheiternder handelspolitischer Verhandlungen. Handelskriege waren und sind keine Seltenheit. Für einen Handelshegemon ist es daher notwendig, über ausreichende militärische Mittel zu verfügen, um gegebenenfalls die Regeleinhaltung zu erzwingen und die internationale ökonomische Ordnung zu schützen (vgl. Keohane 1984, S. 38).

Die Hausarbeit erweitert den Machtbegriff der klassischen ThS um eine konstruktivis- tisch-gramscianischen Dimension: Die kulturelle Macht. Macht ist mehr als nur die Summe materieller Ressourcen (vgl. Keohane 1989, S. 95) und materielle Ressourcen lassen sich nicht ohne weiteres in Einfluss übersetzen (vgl. Keohane 1984, S. 136). Do- minante Staaten sind daher bemüht, andere Staaten von ihren Ideen, Prinzipien und Normen zu überzeugen. Die Anerkennung der hegemonialen Wertvorstellung und Füh- rungsrolle ermöglicht den Einsatz von soft power, der hard power ersetzen kann.

[...]


1 Die Hausarbeit beschäftigt sich explizit nicht mit der Gründung des GATT. 4

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640996186
ISBN (Buch)
9783640996650
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177772
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Theorie hegemonialer Stabilität Handelshegemon Machtverteilung und Handel Scheitern der Doha-Runde GATT/WTO Internationale Organisationen Kooperation und Stabilität im Handelsregime multilaterale Handelsliberalisierung

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Titel: Hegemonie und Handel: Theorie hegemonialer Stabilität und multilaterale Handelsliberalisierung