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Claude Lévi-Strauss und die Schrift

Hausarbeit 2010 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Arbeiten von Claude Lévi-Strauss
2.1 Traurige Tropen
2.2 „Primitive“ und „Zivilisierte“
2.3 Strukturale Anthropologie und Das wilde Denken

3. Kritik an Lévi-Strauss' Theorie

Fazit

Literaturverzeichnis

Siglenverzeichnis

1. Einleitung

Claude Lévi-Strauss begibt sich in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bei mehreren Reisen in die unwirklichsten Gegenden Brasiliens.[1] Im Mato Grosso trifft er auf verschiedene Stämme von Eingeborenen, deren Leben er beobachtet und analysiert. In dieser Zeit entsteht sein zentrales Werk Traurige Tropen. Es wird nicht nur aufgrund der ethnologischen Leistung geschätzt, es handelt sich außerdem um ein herausragendes Werk der Reiseliteratur.[2] Lévi-Strauss' Tropen sind Traurige Tropen, weil er in Brasilien eine sterbende, eingeborene Bevölkerung[3] vorfindet, die zunehmend vom Eindringen der westlichen Kultur in ihren Lebensraum und ihrer eigenen Kultur bedrängt und verändert wird.[4]

Der Forscher konfrontiert die von ihm begleiteten Menschen mit Errungenschaften des Westens, unter anderem Bleistift und Papier. Die Reaktion darauf findet sich im berühmten Kapitel Schreibstunde. Dieser Abschnitt enthält die wichtigsten Elemente von Lévi-Strauss' Denken über die Schrift. Die Beobachtung des Stammes der Nambikwara liefert ihm Einsichten, welche die Schrift in hohem Maße diskreditieren. Er schreibt ihr einen Gewalt- und Machtaspekt zu, der die ehemals schriftlose und friedfertige Kultur der Eingeborenen zu verderben scheint. Unwidersprochen bleiben Lévi-Strauss‘ Erkenntnisse nicht. Besonders durch seinen Kollegen Jacques Derrida erfährt seine Theorie weitreichende Kritik.

Diese Arbeit gibt einen Überblick über die Werke Claude Lévi-Strauss', die uns Auskunft über sein Denken bezüglich der Schrift geben. Das zweite Kapitel stellt daher unterschiedliche Arbeiten des Ethnologen vor. Zunächst werden die Erkenntnisse des Hauptwerks Traurige Tropen herausgegriffen, hierbei liegt das besondere Augenmerk auf der Schreibstunde und dem Aussprachetabu der Namen, das sich bei den Nambikwara findet. Ergänzt werden diese Überlegungen durch Lévi-Strauss' Gespräche mit dem Radioredakteur George Charbonnier, die 1959 von France III ausgestrahlt werden. Anschließend werden die wichtigsten Aspekte aus Strukturale Anthropologie und Das wilde Denken erarbeitet.

Das dritte Kapitel widmet sich dann Arbeiten, die Lévi-Strauss' Werken kritisch gegenüberstehen. Im Vordergrund steht dabei die 1968 erschienene Grammatologie Jacques Derridas. Der französische Philosoph Derrida wendet sich darin, neben einer ausführlichen Analyse von Überlegungen Ferdinand de Saussures und Jean-Jacques Rousseaus, einer umfassenden Lektüre der Erkenntnisse von Lévi-Strauss zu.[5] Er beschäftigt sich insbesondere mit dessen Ansichten über die Schrift. Das vierte Kapitel bietet einen Überblick über die Ergebnisse dieser Arbeit und fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

2. Arbeiten von Claude Lévi-Strauss

Lévi-Strauss‘ Thesen bezüglich der Schrift finden sich in mehreren seiner Arbeiten. Besonders aufschlussreich sind die entsprechenden Passagen aus Traurige Tropen, da sie die Grundlage für alle späteren Veröffentlichungen darstellen. Dem Buch liegen seine Notizen aus den 1930er Jahren zugrunde.[6] Zunächst liegt jedoch das Hauptaugenmerk auf den Beobachtungen, die Lévi-Strauss bei den Nambikwara machen kann.

2.1 Traurige Tropen

In Brasilien glaubt der Ethnologe, in der Gegenwart einen Blick in die Vergangenheit werfen zu können, da dort Gesellschaften vorzufinden sind, die aus europäischer Sicht auf einem Stand sind, den man selber vor Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden hatte.[7] Lévi-Strauss beschreibt, dass die Nambikwara sich bezüglich ihres Beobachters sehr unkompliziert verhalten. Trotzdem ist der Umgang mit ihnen aus sprachlichen Gründen nicht so einfach, denn es besteht das Tabu den Namen einer Person zu verwenden (TT, S. 271).[8] Der Zufall kommt dem Forscher zu Hilfe. Als er eine Gruppe von Kindern beim Spielen beobachtet, wird eines der Kinder von einem anderen Kind geschlagen. Das 'Opfer' wendet sich an Lévi-Strauss und vertraut diesem flüsternd etwas an, dass dieser nicht versteht. Die 'Täterin', die auf die geheimnisvolle Unterhaltung aufmerksam wird, ist verärgert und wendet sich ebenfalls an Lévi-Strauss, um ihm „ihrerseits etwas zu verraten, das allem Anschein nach ein feierliches Geheimnis war“ (TT, S. 271). Zunächst versteht der Forscher nicht, was er hier erfährt. Es wird ihm jedoch klar, dass das erste Mädchen, um die 'Täterin' nicht ungeschoren davonkommen zu lassen, ihm den Namen ihrer Kontrahentin verraten hat. Diese wird darauf aufmerksam und gibt den Namen des anderen Mädchens ebenso preis (TT, S. 271).

Lévi-Strauss macht sich dieses Wissen zunutze, um die Namen der anderen Kinder und der Erwachsenen herauszufinden. Er spielt die Kinder gegeneinander aus, um nach und nach alle Namen zu erfahren. Die Skrupellosigkeit seines Handelns gesteht er zwar ein, sein schlechtes Gewissen ist dabei aber nicht allzu groß.[9] Es sind dann auch die Kinder, die von den Erwachsenen zurechtgewiesen werden, als diese letztlich verstehen, was die „heimlichen Zusammenkünfte“ (TT, S. 272) bezwecken, der Forscher wird für sein Vorgehen nicht belangt.

In Traurige Tropen stellt Lévi-Strauss jedoch nur einen Teil der Ereignisse dar. In einem früheren Werk beschreibt er diese ausführlicher.[10] Außerdem sind es dort nicht nur die Kinder, die dem Forscher helfen die Namen zu erfahren. Zunächst beschreibt er in La Vie Familiale et Sociale des Indiens Nambikwara[11], ebenso wie in Traurige Tropen, dass das Namenstabu besteht (VF, S. 36-37). Analog entwickelt sich auch die Situation der spielenden Kinder, die ihm die Namen der Gruppenmitglieder offenbaren (VF, S. 38). Es ist in diesem Bericht jedoch der Häuptling, der Lévi-Strauss weitere Namen verrät, nämlich die seiner Eltern und Großeltern. So ist es möglich, eine Namensübersicht von fünf Generationen zu erstellen (VF, S. 38). Das Verhalten des Häuptlings ist schwer nachzuvollziehen, sollte das Tabu wirklich so streng sein, wie anfangs behauptet. Auch wenn es sich um „un jour de grande confiance“ (VF, S. 38) handelt, der Häuptling gibt die Namen einem fast fremden Mann bekannt, der damit willkürlich verfahren könnte.[12] Das Vertrauen zwischen Häuptling und beobachtendem Forscher ist entweder zu diesem Zeitpunkt bereits immens oder der Tabubruch wiegt weniger schwer als angenommen. Des Weiteren ist verwunderlich, dass Lévi-Strauss diesen Teil der Ereignisse in sein späteres Werk nicht einbezieht. Da er in beiden Fällen die Bedeutung des Namenstabus unterstreicht, erscheint die Abweichung von dieser Norm so außergewöhnlich, dass sie nicht ausgelassen werden sollte. Die Überlegungen über die näheren Gründe für diese verkürzte Darstellung werden im dritten Kapitel wieder aufgenommen.

Neben der Episode bezüglich des Namenstabus ist die Schreibstunde (TT, S. 288-300) der wichtigste Abschnitt von Traurige Tropen, der sich auf die Schrift bezieht. Lévi-Strauss möchte herausfinden wie groß die Population der Nambikwara in etwa ist. Um sich an ein Ergebnis annähern zu können, lässt er eine Versammlung von verwandten und verbündeten Gruppen arrangieren, die für ihr Kommen mit Geschenken bedacht werden (TT, S. 288-289). Während dieses Treffens kommt es zu einem besonderen Ereignis. Der Häuptling macht sich Wissen zunutze, das er von seinem Gast übernommen hat (TT, S. 290-291).

Lévi-Strauss stellt fest, dass die Nambikwara ein schriftloses Volk sind.[13] Darüber hinaus zeigt sich, dass sie auch nicht zeichnen. Als Ausnahme nennt er das Verzieren von Kürbisbehältern mit gepunkteten oder gezackten Linien. Trotzdem teilt er unter ihnen Papier und Bleistifte aus, wie er es auch bei anderen Indianergruppen versuchsweise durchführt. Die Nambikwara können mit den verteilten Dingen nichts anfangen, beginnen jedoch nach einiger Zeit damit „horizontale Wellenlinien auf das Papier zu zeichnen“ (TT, S. 290). Auch dieses Verhalten kann sich Lévi-Strauss zunächst nicht erklären. Er kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass sie nichts anderes versuchen, als die bei ihm gesehene Verwendung von Papier und Bleistift nachzuahmen. Eine andere Verwendungsweise scheint ihnen nicht bekannt zu sein, entsprechend schnell stellen sie diese Beschäftigung wieder ein (TT, S. 290).

Nur der Häuptling hat erfasst, dass es sich um eine bedeutendere Sache handelt. Lévi-Strauss geht davon aus, dass dieser als einziger die „Funktion der Schrift“ (TT, S. 290-291) versteht. Um eine Art von Gleichstand zwischen ihnen herzustellen, bittet der Häuptling ihn um einen Notizblock, den er nun zu benutzen vorgibt. Anstatt sich der gesprochenen Sprache zu bedienen, gibt er seine Informationen mithilfe der Wellenlinien weiter, erläutert diese aber sofort, damit sein 'Komplize' Lévi-Strauss ihn auch verstehen kann (TT, S. 291). Einerseits scheint der Häuptling zu wissen, dass er noch immer nicht schriftkundig ist, anderseits geht er jedoch so ernsthaft mit seinen geschriebenen Worten um, dass ihm die besondere Bedeutung dennoch bewusst ist. Ohne schreiben zu können, hat er erkannt, dass die Schrift ihm eine zusätzliche Hilfe sein kann. Da er sie aber noch nicht beherrscht, bedarf es eines Partners, der seine Schriftkundigkeit nach außen hin anerkennt und bestätigt.

Als es bei der oben genannten Versammlung zum Austausch der Geschenke kommt, holt er ein Blatt Papier hervor, das „verschnörkelte Linien“ (TT, S. 291) zeigt, und gibt vor davon abzulesen, wer welches Geschenk bekommen soll. Dabei gibt er sich manchmal zögerlich und suchend und zieht die Prozedur in die Länge. Lévi-Strauss ist der Ansicht, dass der Häuptling sich entweder selber täuscht, sich also vormacht, mit Schrift umgehen zu können, dass es aber wahrscheinlicher ist, dass er den anderen Nambikwara imponieren will. Er kann so den Eindruck erwecken, dass er als Vermittler des Tausches auftritt, und „bei dem Weißen gut angeschrieben und in seine Geheimnisse eingeweiht“ (TT, S. 291) ist.[14]

[...]


[1] Er wird dabei zunächst von seiner ersten Gattin Dina begleitet, die Ethnologin ist, und in Brasilien, genau wie ihr Ehemann, Vorlesungen hält. Lévi-Strauss selber ist eigentlich zunächst kein Ethnologe, sondern Philosoph und Jurist, der in Brasilien eine Professur für Soziologie innehat. Vgl. Reinhardt, T. (2008): S. 28-30 und Walitschke, M. (1995): S. 198-199.

[2] Vgl. Annas, M. und Gutberlet, M. (2004): S. 23 und Reinhardt, T. (2008): S. 30.

[3] Vgl. Reinhardt, T. (2008): S. 156 und Dreisholtkamp, U. (1999): S. 140-141.

[4] Vgl. Honneth, A. (1990): S. 95 und Mehlman, J. (1974): S. 221.

[5] Balibar geht im Nachruf auf Derrida auf die Debatte ein, die daraus entstehen wird. Vgl. Balibar, E. (2004): S. 1 und Wetzel, D. (2008): S. 4108-4109.

[6] Bereits in den 40er Jahren entsteht Lévi-Strauss‘ Arbeit La Vie Familiale et Sociale des Indiens Nambikwara, die sich bereits der Erkenntnisse über die Nambikwara bedient. Lévi-Strauss wird diesen Text später, auszugsweise, in die Traurigen Tropen einfließen lassen.

[7] Vgl. Honneth, A. (1990): S. 94. Lévi-Strauss ist sich aber bewusst, dass er kein „Kindesalter der Menschheit“ vorfindet (TT, S. 266).

[8] Hinter diesem Tabu wird der weit verbreitete Glauben stecken, dass jemand, der den richtigen Namen einer Person kennt, Macht über diese ausüben kann, ihn zum Beispiel für schädliche Magie missbrauchen kann. Vgl. Dreisholtkamp, U. (1999): S. 142 und Siebers, T. (1985): S. 771.

[9] Derrida geht sogar so weit in Lévi-Strauss‘ Verhalten eine Vergewaltigung zu sehen, die auf perfide und listige Weise geschieht. Die ausbleibende Bestrafung macht das Verhalten umso schlimmer (GR, S. 200-201).

[10] Vgl. Siebers, T. (1985): S. 769-770.

[11] Hierbei handelt es sich um einen Teil seiner Dissertation, die sog. thèse complémentaire. Vgl. Walitschke, M. (1995): S. 201.

[12] Vgl. Siebers, T. (1985): S. 771.

[13] Vgl. Dreisholtkamp, U. (1999): S. 141.

[14] Vgl. Siebers, T. (1985): S. 763.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640994854
ISBN (Buch)
9783640996056
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177762
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
derrida levi-strauss grammatologie traurige tropen das wilde denken strukturale anthropologie schreibstunde nambikwara

Autor

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Titel: Claude Lévi-Strauss und die Schrift