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Zur Anlage eines modernen Schulwörterbuches im Rumanyo (Bantusprache Namibias)

Magisterarbeit 2003 84 Seiten

Afrikawissenschaften - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Das Projekt
1.2. Aufbau der Arbeit

2. Sprache und Kultur
2.1. Zur Geschichte und Kultur der Sprecher des Rumanyo
2.2. Ausgewählte Elemente des Rumanyo
2.2.1. Zuordnung und Klassifikation des Rumanyo
2.2.2. Dialektale Abweichungen
2.2.3. Phonologie, Prosodologie, Morphologie
2.3. Die Zielgruppe
2.3.1. Zur Bestimmung der Zielgruppe
2.3.2. Das Rumanyo-Wörterbuch und seine Zielgruppe

3. Die Datenerhebung
3.1. Zur Erhebung lexikografischer Daten
3.1.1. Informantenbefragung im Feld
3.1.2. Lexikostatistische Wortlisten
3.2. Die Erhebung der vorliegenden Daten
3.2.1. Nyangana 1965
3.2.2. 35 dunkle Jahre
3.3. Eine Bestandsaufnahme des vorliegenden Materials

4. Die Datenaufbereitung
4.1. Theorie der Datenaufbereitung
4.1.1. Schnittpunkt Datenerhebung - Datenaufbereitung - Datenanalyse
4.1.2. Eingrenzung des Arbeitsschritts der Datenaufbereitung
4.2. Probleme der Übersetzung
4.3. Computergestützte Datenaufbereitung
4.3.1. Anforderungen an eine lexikalische Datenbank
4.3.2. Computergestützte Textanalyse und Korpusauswertung
4.4. Zur Aufbereitung der Daten des Rumanyo-Wörterbuches

5. Die Datenanalyse
5.1. Geschichte und Theorie der Lexikografie der Bantusprachen
5.2. Die lexikalische Makrostruktur
5.2.1. Nomen
5.2.2. Nasalklasse
5.2.3. Verben und Adjektive
5.2.4. Erweiterte Verbformen und Verbalderivate
5.2.5. Ideophone, Interjektionen und Lehnwörter
5.3. Die lexikalische Mikrostruktur
5.3.1. Aufbau des Artikels und Reihenfolge der Elemente
5.3.2. Bestandteile des Artikels I: Wortartbezeichnungen und grammatische Formen
5.3.3. Bestandteile des Artikels II: Sachgebiete und Stilebenen
5.3.4. Bestandteile des Artikels III: Übersetzung, Kontextualisierung und Beispiele

6. Die Darstellungsform
6.1. Sortierung der Wörterbucheinträge
6.2. Zur Darstellungsform von Printwörterbüchern
6.3. Alternative Darstellungsformen
6.4. Typologie des Rumanyo-Wörterbuches

7. Kritische Zusammenfassung und Ausblick

8. Bibliografie
8.1. Literaturverzeichnis
8.2. Verzeichnis der Tabellen, Bilder und Karten
8.3. Abbreviaturenverzeichnis

Anhang A

Anhang B

1. Einleitung

Wörterbücher. Was veranlasst Menschen sie zu verwenden? Welchen Stellenwert nehmen sie in der Gesellschaft ein? Wer vermag dies wohl endgültig zu beantworten?

Unstrittig ist, dass sie bei jedwedem ernsthaften Umgang mit einer Sprache, sei es im Alltag, in den Wissenschaften und nicht zuletzt im Schul- und Fremdsprachenunterricht zum Einsatz kommen. Seit Erfindung der Schrift schaffen und verwenden Menschen Wörterbücher um Sprachen zu dokumentieren, zu standardisieren, zu lernen - zu verstehen.

Viele Sprachen sind mehr oder weniger mit Wörterbüchern versorgt, andere hingegen überhaupt nicht. Wörterbücher helfen, Sprachen miteinander zu vergleichen, die Beziehungen der Sprachen untereinander zu erkennen. Alle Sprachen verdienen Wörterbücher und jeder Mensch verdient die Möglichkeit, sie zu verwenden. Jedoch ist die Anlage eines Wörterbuches kein leichtes Unterfangen und der Umgang damit will gelernt sein. Dies geschieht vor allem in der Schule und dort insbesondere durch den Fremdsprachenunterricht.

Auch bei der Identifikation mit der eigenen Kultur - und dazu stellt die Sprache ein hervorragend geeignetes Hilfsmittel bereit - leisten Wörterbücher unschätzbare Dienste. Gerade auf diesem Gebiet ist Afrika jedoch weitgehend unterentwickelt geblieben. Afrikanische Sprachen genießen kaum großes Ansehen, bleiben als Vernakulär- und Nationalsprachen und auch als kulturelles Status- und Identifikationssymbol zumeist hinter den europäischen Sprachen zurück.

Mit Sicherheit können derartige soziokulturelle Probleme nicht allein durch die Erforschung jener Sprachen oder gar die Bereitstellung geeigneter Grammatiken und Wörterbücher gelöst bzw. eliminiert werden Hier besteht aber die Möglichkeit den Grundstein für ein Fundament zu legen. Die Erforschung afrikanischer Sprachen und die daraus resultierende Publikation von Nachschlagewerken, einhergehend mit der Standardisierung und Anerkennung durch Autoritäten wie z.B. einer Schulbehörde, eines Bildungsministeriums etc., sowie der Einsatz im Schulunterricht und in der Erwachsenenbildung können ein bedeutender Impetus dafür sein.

Daher bleibt die Erstellung eines Wörterbuches, zumal eines Schulwörterbuches in einer bisher kaum beschriebenen Sprache wie dem Rumanyo, ausgerichtet an aktuellen Erkenntnissen der Lexikografie und der Erforschung von Bantusprachen, aller Hürden zum Trotz ein gewaltiges Unterfangen mit hehrem Ziel, an dessen Verwirklichung Teil haben zu dürfen, sich jeder Wissenschaftler glücklich schätzen kann.

1.1. Das Projekt

Das Schulwörterbuch des Rumanyo soll als gemeinschaftliche Arbeit aus einem Teilprojekt des ‚Sonderforschungsbereich 389 - ACACIA - Kultur- und Landschaftswandel im ariden Afrika’ an der Universität zu Köln hervorgehen. Innerhalb dieses Projekts arbeiten mehrere Afrikanisten und Studenten der Afrikanistik, angeleitet von Professor Dr. Wilhelm J.G. Möhlig seit über einem Jahrzehnt an der Erstellung eines solchen Wörterbuches. Das Schulwörterbuch stellt dabei lediglich einen ersten Schritt auf dem Weg zur Herausgabe eines umfassenden und standardisierten wissenschaftlichen Wörterbuches dar. Die Anfänge der Arbeiten am Rumanyo liegen jedoch viel weiter in der Vergangenheit und datieren bereits in den 1960er-Jahren, als Wilhelm Möhlig sich mit dem Ziel der Anfertigung einer Grammatik zu wissenschaftlichen Vergleichszwecken im Einzugsgebiet der Manyo aufhielt. Die Idee einer Trilogie aus monografischer Grammatik, Kompendium historischer Texte und Wörterbuch überdauerte nicht nur die grausame Zeit der südafrikanischen Apartheidspolitik, die sich auch über das Staatsgebiet des, im südwestlichen Afrika liegenden, heute unabhängigen Nationalstaates Namibia hinaus auswirkte, sondern hat bis in das Jahr 2003 hinein Bestand. Ein zweiter Feldforschungsaufenthalt im Jahre 1996 diente einer Erweiterung und Kontrolle des bereits erhobenen Datenbestandes. Politische Wirren im Zusammenhang mit den für die namibische Bildungs- und Sprachpolitik verantwortlichen Counterparts sowie personelle Veränderungen verlangsamten das fortschreitende Gedeihen ebenfalls. Um so mehr erfüllt es den Verfasser mit einem gewissen Stolz, nun als Beteiligter mit dieser Arbeit einen nicht unbedeutenden Beitrag zur Vollendung eines derart gewaltigen und komplexen Langzeitvorhabens leisten und einer baldigen Veröffentlichung entgegensehen zu dürfen.

1.2. Aufbau der Arbeit

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, die theoretisch-methodologische Grundlage zur Erstellung bzw. Anlage eines modernen Schulwörterbuches (in der Folge kurz rMWB genannt) des Rumanyo, einer im nordöstlichen Namibia angesiedelten Bantusprache, zu liefern.

Da mit der Lexikografie, wie spätestens im Verlauf der Arbeit deutlich werden wird, ein sehr heterogenes Fachgebiet vorliegt und die Erstellung des angestrebten Wörterbuches wie jedes derartige Projekt kaum mit anderen gesellschaftlichen oder linguistischen Projekten vergleichbar ist, erscheint die herkömmliche Aufteilung einer Magisterarbeit in je einen theoretischen, methodischen und praktischen Teil nicht sonderlich erfolgversprechend. Wie die moderne Lexikografie, so verlangt auch diese sehr spezielle Aufgabe nach neuen Lösungen, die zur Aufgabe althergebrachter Wege zwingen. Auf der Suche nach Neuem wurde über den Tellerrand einer bewährten Praxis hinausgesehen - wo immer dies angebracht erschien, um diese als Fundament für modifizierte Methoden fungieren zu lassen. Ein solches Verfahren verlangt nach Hinweisen zum Aufbau der Arbeit.

Es wird keine Ausführungen zu einer allgemeinen Theorie der Lexikografie geben. Vielmehr sollen innerhalb eines jeden Abschnitts Theorie, Methode und Praxis entsprechend den spezifischen Bedürfnissen erarbeitet werden. Aufgrund des stark begrenzten Raumes können neben der Erörterung allgemeiner Theorien in den einzelnen Abschnitten lediglich diejenigen Methoden vorgestellt und diskutiert werden, die letztlich in der Praxis auch zur Anwendung kommen. Alternativen werden mit Verweisen auf weiterführende Literatur zwar angegeben, können jedoch nur selten und wo es sinnvoll erscheint ausführlicher behandelt werden. So erklären auch Bergenholtz et.al. (1990: S. 1611), dass die mit der jeweils angewandten Methode verbundenen Probleme nicht „losgelöst von den jeweiligen lexikographischen Zielen diskutiert werden“ können.

Insgesamt wurde versucht, den gesamten Aufbau der Arbeit chronologisch auszurichten und zwar derart, wie man tatsächlich beim Aufbau eines Wörterbuches vorgehen sollte. Einer Vorbereitungsphase, in der neben einer Einarbeitung in die spezifischen Begebenheiten der Sprache und Kultur auch die zukünftige Zielgruppe zu bestimmen ist, folgen die Erhebung, Aufbereitung und Analyse der Daten. Schließlich muss ein Gestaltungsentwurf festgelegt werden. Eine kritische Zusammenfassung verhilft dazu, das Wörterbuch in einen Gesamtrahmen quantitativ und qualitativ einzuordnen, sowie Anregungen und Perspektiven zur Fortsetzung der Arbeiten bis hin zu einem standardisierten, wissenschaftlichen Wörterbuch bereitzustellen.

Dem Hauptteil der Arbeit, der mit den Abschnitten drei bis fünf den Fokus auf die zentralen Aufgaben dieses Projekts, der Erhebung, Aufbereitung und Analyse des sprachlichen Materials richtet, wurde eine separate Einleitung vorangestellt, in der detaillierter auf die einzelnen Kapitel eingegangen wird.

Während der gesamten Arbeit wurde versucht, beide Teile Rumanyo-Englisch und Englisch-Rumanyo gleichermaßen zu berücksichtigen, jedoch kann dies nicht immer gelingen. Das primäre Ziel liegt jedoch in der Lösung auftretender Probleme, die während der Anlage des Rumanyo-Lexikons entstehen, da über das Englische detaillierte Informationen z.B. auch aus bereits bestehenden, monolingualen Wörterbüchern entnommen werden können. Prinzipiell würde zu rein wissenschaftlichen Zwecken sogar ein Englisch-Rumanyo-Index genügen, der auf die zu empirischen Wörterbuch- oder Sprachvergleichen benötigten Informationen im Rumanyo hinweist.

Die Verwendung von konkreten sprachlichen Beispielen erfolgt, der Anschaulichkeit wegen, zumeist mit Beispielen aus europäischen bzw. anderen Bantusprachen. Dazu wurden einige bereits etablierte Lexika und wegweisende Standardwerke der Wörterbuchforschung sowie der Bantuistik und Bantulexikografie herangezogen. Sprachbeispiele dieser Art bieten nach Ansicht des Verfassers eine bessere Vergleichbarkeit als neu gebildete Beispiele aus einer Sprache, für die bisher noch nicht einmal ein Wörterbuch existiert. Beispiele aus dem Rumanyo kommen primär dort zum Einsatz, wo sie zur Darstellung tatsächlicher oder späterer Einträge des Rumanyo-Wörterbuches dienen, also z.B. während der Datenanalyse oder dem Abschnitt zur Darstellungsform.

Abschließend soll kurz auf das, im Titel auftretende Qualitativum ‚modern’ eingegangen werden. Was, abgesehen von der Tatsache, dass es das erste Wörterbuch dieser Sprache sein wird, ist daran nun modern? Als modernes Wörterbuch kann das rMWB gesehen werden, weil es zum Einen an den aktuellen Ergebnissen und Strömungen der lexikografischen Forschung sowie der Bantuistik ausgerichtet ist, wie z.B. der Orientierung an einer zuvor empirisch bestimmten Zielgruppe, dem Einsatz moderner Methoden der elektronischen Datenverarbeitung und computerbasierter Verfahren zur Erstellung von Wörterbüchern (wie z.B. speziell generierte Datenbanken) und zum Anderen, da aktuelle politische und soziologische Strömungen, nämlich die sprachpolitische Verbindung der Dialekte Rushambyu und Rugciriku zu einer Schulsprache Rumanyo berücksichtigt werden.

2. Sprache und Kultur

Da eine Sprache nach Ansicht des Verfassers in jedem Falle sehr eng mit der Kultur ihrer Sprecher verbunden ist, kommt eine sprachwissenschaftliche Abhandlung nicht ohne ein grundlegendes Verständnis derselben aus. Darüber hinaus erscheint es wenig sinnvoll, ein Wörterbuch zu erstellen, ohne zuvor eine Zielgruppe zu bestimmen, auf die es zugeschnitten sein soll.

Der folgende Abschnitt bietet daher eine kurze ethnografische Einführung in Geschichte, Kultur und aktuellen Kontext der Manyo bzw. der Kavangovölker. Zur Vorbereitung eines besseren Verständnisses der Analyse des sprachlichen Materials erfolgt daneben eine knappe Beschreibung der Sprache der Manyo. Dabei sollen - anhand ausgewählter Merkmale - sprachliche Phänomene aufgezeigt werden, deren Auftreten im weiteren Verlauf der Analyse besondere Bedeutung zukommt.

Ausgehend von den Ergebnissen dieser Betrachtung kann abschließend die Zielgruppe des rMWB bestimmt und erschlossen werden, aus der letztendlich die bei der Analyse der Sprachdaten und der Erstellung des Wörterbuches notwendigen typologischen Parameter hervorgehen.

2.1. Zur Geschichte und Kultur der Sprecher des Rumanyo

Die Sprecher der Manyo-Sprache setzen sich aus den Völkern der Gciriku1 und Shambyu zusammen, lassen sich aber auf gemeinsame, ebenfalls Manyo genannte Vorfahren zurückführen. Kultur und Sprache beider Völker sind demnach sehr eng miteinander verwandt. Zum besseren Verständnis der Entwicklung innerhalb der Kavango-Region2 ist eine kurze Darstellung der Geschichte dieser Völker notwendig. Eine sehr detaillierte Beschreibung der Geschichte der Kavango-Völker findet sich in Fleisch et.al. (2002).3

Ursprünglich beheimatet waren die auch als Mashi-Bantu bezeichneten Völker in den Ebenen zwischen dem Zambesi und dem ebenfalls Mashi genannten Unterlauf des Cuando-Flusses im heutigen Zambia. In seinem weiteren Verlauf trägt dieser dann noch die Namen Linyanti und, kurz vor seinem Zusammenfluss mit dem Zambezi, Chobe (ebd.:20ff.). Dort siedelten sie in kleinen, unabhängigen Gruppen mit geringem politischen Zusammenhalt als Jäger und Sammler und betrieben Wanderfeldbau. Nach Fleisch et.al. (2002:25) lassen sich Shambyu und Gciriku auf eine königliche Familie zurückführen. Bedingt durch die Ausbreitung des Lozi-Königreiches in dieser Region und die wachsende Bedeutung des Fernhandels, der auch den Sklavenhandel mit einbezog, begannen einzelne Gruppen etwa gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit der Abwanderung nach Westen zu den Tälern des Cuito-Flusses und von dort weiter flussabwärts bis zum Zusammenfluss des Cuito mit dem Okavango. Schließlich wandten sie sich wieder gen Westen und erreichten in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Uw â ra-w á -ntj é fu4. Dort kam es zur Trennung der beiden Völker, wobei sich die Gciriku nach Osten, die Shambyu nach Westen ausbreiteten. Zur Wanderung und Trennung der Völker siehe Fleisch et.al. (2002:59ff.).

Karte 3 zeigt die Ansiedlung der Kavangovölker am mittleren Okavango. Diese Karte wurde mir freundlicherweise von Wilhelm Möhlig zur Verfügung gestellt.

Besiedelt wurden beide Ufer des Flusses, der heute zwar als Landesgrenze zwischen Namibia und Angola fungiert, jedoch keine natürliche Grenze darstellt und das Zentrum des geistigen Lebens der Manyo bildet (Fleisch et.al. 2002:26). Nach einer weiteren Ausbreitung nach Süden, ins Landesinnere von Namibia, war das heutige Siedlungsgebiet der Manyo erreicht.

Dieses erstreckt sich nach Möhlig (1967:XVII) am mittleren Okavango, etwa zwischen dem 20. und 21.° östlicher Länge von Rundu im Westen bis nach ShaMakena im Osten auf beiden Seiten des Flusses, und südlich davon etwa 100-150 Kilometer ins Landesinnere. Im Osten wird es durch das Stammesgebiet der Mbukushu und im Westen durch dasjenige der Mbunza begrenzt. Außerdem gibt es noch einige kleinere Gciriku-Siedlungen bei Shakawe im Norden Botswanas, die sich jedoch sprachlich und kulturell von den Manyo unterscheiden und hier daher keine Berücksichtigung finden können.

Abgesehen von der Gründung zweier Missionsstationen der OMI - 1910 in Nyangana und 1930 in Shambyu - die großen Einfluss auf die Bevölkerung ausübten und erste Schulen und Krankenstationen einrichteten, blieb das Leben der Gciriku und Shambyu nach Fleisch et.al. (2002:16, 26) relativ ursprünglich.

1965 erfolgte durch die Umsetzung des Odendaal-Plans auch in der Kavango-Region eine Verstaatlichung der Schulen und Krankenhäuser. Rundu wurde 1970 zum Verwaltungssitz erhoben (ebd.:17). Es kam zur Einrichtung einer lokalen Regierung / Verwaltung mit eigenständigen Wahlen, aus der später die für die Unabhängigkeit Namibias im Jahre 1991 so wichtige Turnhalle-Allianz erwächst. Rundu entwickelte sich schnell zu einem politischen und wirtschaftlichen Zentrum mit Verwaltungsgebäuden, Banken, einem Krankenhaus, einer Radiostation, Schulen, Kirchen, Läden und Hotels. Im Laufe der Zeit wurde die Infrastruktur stark verbessert, da der Zuzug von Arbeitskräften aus anderen Regionen für die stark anwachsende Wirtschaft benötigt wurde und Rundu als Grenzstadt zwischen Namibia (damals noch Südwestafrika) und Angola an Bedeutung gewann. Außerdem errichtete die südafrikanische Armee einen Militärstützpunkt und ließ eine Piste nach Grootfontein bauen, die nach der Unabhängigkeit zu einer Teerstraße ausgebaut und durch den Caprivi bis nach Botswana, Zimbabwe und Zambia erweitert wurde, um die bis dato stark vernachlässigte Kavango-Region besser kontrollieren und entwickeln zu können.

Dort begann eine schnelle und für die Bewohner der Region tief einschneidende Veränderung. Durch Verbesserungen im Bereich der Hygiene und der medizinischen Versorgung stiegen die Bevölkerungszahlen schnell an. Bedingt durch das wirtschaftliche Wachstum und den damit einhergehenden gemäßigten Wohlstand sowie die politisch unsicheren Zustände in Südangola kam es zu einem starken Strom von Zuwanderern (nach Fleisch et.al. 2002:27f.).

Heute leben die Menschen in der Region hauptsächlich von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben mit Bewässerungsfeldbau und Fischfang (Gibson 1981:168). Daneben existiert auch Zeitarbeit auf den wenigen landwirtschaftlichen Großbetrieben, in den Minen und urbanen Wirtschaftszentren Namibias und Südafrikas (e-tourism 2003).

Jedoch bleibt auch diese Region von den häufig in Afrika auftretenden Problemen wie Armut, hoher Arbeitslosigkeit und HIV/Aids nicht verschont (Fleisch et.al. 2002:28). Daneben wird auch über geringes Interesse an der eigenen Kultur berichtet, gepaart mit der unreflektierten Übernahme westlicher Werte - bestätigt auch durch eigene Beobachtungen des Verfassers bei einer Reise in dieses Gebiet.

In den 80er- und 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts kam es zu Bemühungen Rugciriku und / oder Rushambyu auch in Radio- und Fernseh-Sendungen5 sowie als Schulsprache einzuführen. Mit Rücksichtnahme auf die enge sprachliche Verwandtschaft und die ethnische Eigenständigkeit beider Völker entschied man sich aus politischen Gründen diese unter dem Namen ihrer Vorfahren Vamanyo wieder zusammenzuführen.6 Seit geraumer Zeit werden auch eigenständige Schulbücher für das Rumanyo publiziert (ebd.:17f.).

Möhlig (1967:XIX) schätzte die Anzahl der Sprecher des Rugciriku noch auf etwa 5.000. Schneider et.al. (1991:55) geht für das Jahr 1981 von etwa 19.000 Sprechern aus. Das Summer Institute of Linguistics (Ethnologue 2003) gibt die aktuelle Anzahl der Sprecher des Rugciriku für Namibia und Angola mit > 29.400 an, die Zensusbehörde der Republik Namibia (Republic of Namibia 2002:29) die der in Namibia lebenden Gciriku mit 19.150. Hüttenberger (1997:2) gibt Schätzungen von 50.000 Sprechern an, nennt jedoch keine Quelle. Dies würde eine Verzehnfachung der Bevölkerung in weniger als 40 Jahren bedeuten, wobei jedoch unbekannt bleibt, wie hoch darunter der tatsächliche Anteil der Rumanyo-Sprecher ist. Als Verkehrssprachen sind nach Fleisch et.al. (2002:28) Portugiesisch, Afrikaans, Englisch und Rukwangali in Gebrauch.

2.2. Ausgewählte Elemente des Rumanyo

Das heutige Rumanyo setzt sich aus dem Dialektcluster der Sprachen Rushambyu und Rugciriku zusammen, wobei im Rahmen dieser Arbeit von Rugciriku als Standardvariante des Rumanyo ausgegangen wird. Dies geschieht auf der Basis einer besseren Quellenlage zum Rugciriku. Demnach kommt dem Rushambyu innerhalb des Rumanyo die Stellung einer dialektalen Abweichung zu. Abschnitt 2.2.2. setzt sich näher mit der vorliegenden Dialektsituation auseinander.

Zu der ebenfalls Rumanyo genannten Sprache der Vorfahren - aus der Zeit der Wanderung zum Okavango und vor der Aufspaltung zwischen Shambyu und Gciriku - bestehen jedoch große Differenzen (Fleisch et.al. 2002:125 Fußnote 1). Diese sind sprach- und kulturgeschichtlich bedingt.7 Möhlig (1967:53f.) gibt einen kurzen Einblick in die ehemalige Manyo-Sprache der Vorfahren, die jedoch seit den 1970er-Jahren nicht mehr in Gebrauch ist. Ebenfalls aus historischen Gründen ist das Rugciriku stark kwangalisiert.8 Das Rugciriku wurde erstmals von Möhlig (1967) beschrieben. In dieser Erstbeschreibung wurden auch Abweichungen zum Rushambyu und zum ursprünglichen Rumanyo aufgenommen. Es existieren einige Aufsätze und Arbeiten zu Teilaspekten der Sprache und Kultur der Gciriku9, jedoch keine weiteren Monografien. Das Rushambyu wurde erstmalig in Bosch (1964) beschrieben.

2.2.1. Zuordnung und Klassifikation des Rumanyo

Zur Zuordnung des Rumanyo liegen keinerlei Angaben vor. Da das Rugciriku hier als Standardvariante des Rumanyo betrachtet wird, erfolgt an dieser Stelle eine Zuordnung und Klassifizierung des Rugciriku, die demnach auch für das Rumanyo Gültigkeit besitzt und ggf. das Rushambyu einschließt.

Zur Zuordnung bzw. Klassifikation des Rugciriku liegen drei, teilweise voneinander abweichende Quellen vor:

(i) Möhlig (1967:XXIII) stellt „...sowohl lautlich als auch strukturell größere Gemeinsamkeiten mit den Sprachen der Zone K, Gruppe 10“ fest.

(ii) Der Ethnologue des Summer Institute of Linguistics (Ethnologue 2003) orientiert sich anhand des Systems von Malcolm Guthrie (The Classification of the Bantu Languages von 1948), der das Rugciriku aber noch nicht aufführt. Danach ergibt sich folgende Zuordnung: Niger-Congo, Atlantik-Congo, Volta-Congo, Benué-Congo, Bantoid, Southern, Narrow Bantu, Central, K. K.70.

(iii) Das Department for Linguistics der University of California at Berkeley (CBOLD 2003) orientiert sich bei der Zuordnung am System von Bastin (1975) und gliedert das Rugciriku ebenfalls in Gruppe K ein, ordnet ihm dort jedoch die Nummer K.62 zu.

2.2.2. Dialektale Abweichungen

Innerhalb des Rumanyo treten die Dialekte Rugciriku und Rushambyu auf. Beide sind untereinander verstehbar und unterscheiden sich lediglich in wenigen morphologischen bzw. lexikalischen Parametern (Fleisch et.al. 2002:29). Diese Unterschiede sind nur linguistisch ausgebildeten Sprechern bewusst und werden, nach Aussage von Wilhelm Möhlig, von der Mehrheit der Muttersprachensprecher kaum wahrgenommen.

Fleisch et.al. (2002:29f.) führen die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale auf, Möhlig (1967) gibt jeweils Rugciriku- und Rushambyu-Formen an.

Es existieren keine dialektalen Varianten innerhalb des Rugciriku (nach Möhlig 1967:XVI) oder des Rushambyu für das hier relevante Einzugsgebiet, so dass im Wörterbuch darauf nicht weiter eingegangen werden muss. Dort werden falls notwendig ausschließlich vom Rugciriku abweichende Formen des Rushambyu angegeben.

2.2.3. Phonologie, Prosodologie, Morphologie

Das Rumanyo ist eine Klassensprache und besitzt 15 Nominalklassen sowie drei Ortsklassen.10 Für Bantusprachen ungewöhnlich ist die Häufung der Klassenpräfixe, wobei eine Nominalwurzel gleichzeitig mehreren Nominalklassen zugeordnet werden kann (Möhlig 1967:113). Daraus ergeben sich Folgen, z.B. für die Sortierung der Einträge eines Lexikons. Zwischen wissenschaftlicher und allgemein verbreiteter Orthografie im Rumanyo bestehen Unterschiede. Auf die Schreibweise bzw. die damit zusammenhängenden Aspekte wird im Abschnitt 5. (Die Datenanalyse) näher eingegangen werden.

Aus phonologischer Sicht wird das Rumanyo zu den Druckakzent-Intervall-Sprachen gerechnet. Ton und Betonung ergeben die Distinktivität eines Wortes (Möhlig 1974:88). Dabei treten vor Allem zwei Merkmale in den Vordergrund. Zum einen kennt das Rumanyo zwei distinktive Prosodeme (siehe dazu Möhlig 1967:1, 77-83), denen in der Orthografie Rechnung getragen werden muss. Zum anderen kommen Schnalzlaute vor (siehe dazu Möhlig 1967:13ff.), auf die bei der Analyse der Daten (Abschnitt 5.) ebenfalls näher eingegangen wird.

Große Aufmerksamkeit muss auch den Interjektionen und Ideophonen geschenkt werden, von denen es im Rumanyo außerordentlich viele gibt (siehe dazu Möhlig 1967:237ff.). Im Wörterbuch bilden sie - aufgrund ihrer semantischen Bedeutung und herausragenden morphologischen Stellung - eine eigene Kategorie, die eine eigenständige Behandlung nach sich zieht (siehe auch dazu Abschnitt 5.).

Eine besondere Rolle im Rahmen des Lexikons nehmen die Verbalableitungen ein. Im Verbalsystem des Rumanyo treten operative sowie erstarrte Verbalableitungen auf. Innerhalb der ersten Gruppe können Morpheme theoretisch mit jeder Verbalwurzel verbunden werden. Erstarrte Verbalderivate verknüpfen bestimmte Morpheme untrennbar mit den zugehörigen Verbalwurzeln und werden von den Sprechern nicht mehr als Funktionsträger wahrgenommen. Diese treten im Lexikon als eigenständige Einträge auf (Möhlig 1967:181).

2.3. Die Zielgruppe

Ziel eines jeden Nachschlagewerkes - gleich ob Lexikon, Wörterbuch etc. - ist es, die damit verbundenen Nachschlagebedürfnisse zu befriedigen. Der Benutzer darf weder über- noch unterfordert werden. Dazu erscheint es nach Hausmann (1989a:13) notwendig, dass „Lexikographie und Gesellschaft die gleiche Sprache sprechen, sich in völliger Übereinstimmung befinden.“ Dies war in der Vergangenheit häufig nicht der Fall, da die Lexikografie aus diversen Gründen zur Professionalisierung (nach Hausmann: Wörterbuchkultur) neigt und dem Wörterbuchbenutzer somit einen hohen Grad an Ausbildung abverlangt, dem dieser u.U. nicht gerecht werden kann.

Eine bessere Ausbildung der Anwender im Umgang mit Wörterbüchern erscheint zwar als erstrebenswertes Ziel, liegt jedoch in den allermeisten Gesellschaften in weiter Ferne und benötigt zudem mehrere Generationen, bevor sich relevante Auswirkungen zeigen (nach Hausmann ebd. und Hartmann 1989a:102ff). Eine Alternative dazu besteht darin, die Lexikografie im Wesentlichen an den Bedürfnissen der Gesellschaft auszurichten (nach Hausmann: Benutzerfreundlichkeit). Leider existieren nur sehr wenige Studien, die das Verhalten der Benutzer im Umgang mit Nachschlagewerken untersuchen.

Da die Formen, die ein Wörterbuch annehmen kann, stark variieren und von einer Vielzahl an Faktoren beeinflusst werden, erscheint eine Orientierung an dem wohl relevantesten dieser Faktoren, der Zielgruppe für die das Wörterbuch konzipiert wird, sinnvoll.

Dictionaries should be designed with a special set of users in mind and for their specific needs. (Householder 1967:279, zitiert nach Zöfgen 1989:2896)

Seit den 1960er-Jahren fand eine mehrheitliche Umorientierung und Ausrichtung der Lexikografie auf die Bedürfnisse der sog. Wörterbuchbenutzer statt.11 Neben qualitativ-wissenschaftlichen Ansprüchen traten, zum Teil durch soziologische Untersuchungen gestützte, marktwirtschaftlich und zielgruppenorientierte Aspekte verstärkt in den Vordergrund. Die Konzeption eines Wörterbuches ohne vorangehende Definition einer Zielgruppe und Berücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse derselben erscheint heute kaum noch vorstellbar.

Dictionary making is nothing less than the attempt to fashion a custom-made product on an assembly-line basis. […] Just so, the lexicographer is commissioned […] to design a dictionary for a particular purpose or […] for a particular market. A general, adult monolingual dictionary demands different qualities than one for children, for foreign learners, or for a special market […]. In lexicography […] a knowledge of the tools of the trade is crucial to meet the particular demands of each project. (Landau 1989:226)

2.3.1. Zur Bestimmung der Zielgruppe

Als Zielgruppe eines Wörterbuchs wird der Teil innerhalb der Gesellschaft verstanden, für dessen Bedürfnisse das Nachschlagewerk konzipiert wird. Daraus ergeben sich nach Püschel (1989:128f.) zwei Probleme:

a) Ein Wörterbuch kann von einer Vielzahl unterschiedlicher Gesellschaftsschichten benutzt werden, wobei wenig darüber bekannt ist, wer wann wofür Wörterbücher verwendet.
b) Je umfangreicher und indifferenter die Zielgruppe ist, desto zahlreicher werden die oftmals stark kontrastierenden Anforderungen, denen das Wörterbuch gerecht werden muss.

Verschiedene Typen von Wörterbuchbenutzern implizieren sehr unterschiedliche Ausrichtungen der Lexikografie, um dem Ziel bestmöglicher Wörterbuchkultur in Verbindung mit größtmöglicher Benutzerfreundlichkeit gerecht zu werden. In den folgenden Abschnitten werden nun drei mögliche12 Aufgabenbereiche der Lexikografie bzw. die dazu gehörigen Zielgruppen vorgestellt und deren Anforderungen an Wörterbücher näher betrachtet.

Prinzipiell wird der Lexikograf darauf achten müssen, dass seine Wörterbücher in erster Linie von Laienbenutzern (nach Püschel 1989:128f.) gebraucht werden und bei seiner Arbeit deshalb im besonderen Maße auf deren spezielle Bedürfnisse eingehen.

(i) Einsatz von Wörterbüchern zum Fremdsprachenerwerb

Der aktuelle Forschungsstand in Bezug auf derartige Wörterbücher ist zu sehr beherrscht von Dogmen bezüglich deren Aufbau und Anlage und leider wenig geprägt von Studien zu den tatsächlichen Anforderungen der Fremdsprachenlerner in ihrer jeweiligen Situation (Hartmann 1989b:182). Erforderlich hingegen sind vielmehr Erkenntnisse über Ausgangslage, Benutzungssituation und Methoden des Fremdsprachenerwerbs.

Generell (und insbesondere bei Schülern) ist hier mit Laienbenutzern (siehe dazu Püschel 1989:128ff.), also mit rudimentären Fähigkeiten sowohl in der Benutzung von Wörterbüchern als auch in der Zielsprache zu rechnen. Die Entwicklung eines Wörterbuches zum Fremdsprachenerwerb sollte sich demnach an Wortschatz, Lernstil, Interessen sowie dem psychound soziologischen Profil der Benutzer orientieren (nach Hartmann 1989b:182f.).

Aus linguistischer Sicht erscheint nach Hartmann (ebd.:183f.) die distinktive Distanz bzw. der Kontakt zwischen Quell- und Zielsprache maßgeblich beeinflussend. Welches Ziel soll durch den Einsatz der Wörterbücher im Fremdsprachenunterricht erreicht werden? Standen bisher statische Formen wie z.B. aktiv (Produktion von Sprache = Enkodierung) vs. passiv (Verständnisfähigkeit = Dekodierung) durch Imitation und Bildung von Automatismen im Vordergrund, wozu keinerlei Studien existieren, so kommt heute dynamischen Prozessen, wie z.B. der Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten, größere Bedeutung zu.

Wozu dienen Wörterbücher beim Erlernen einer Fremdsprache und welche Information werden ihnen entnommen? In den vergangenen Jahrzehnten fand ein Wandel weg von allgemeineren (Schulwörterbuch) über spezialisierte (Spracherwerbswörterbuch) hin zu eingrenzenden (Schreib- / Lesewörterbuch) Wörterbuchtypen statt. Dies führte leider nicht unbedingt zum gewünschten Erfolg, da u.a. viele offensichtliche Probleme unberücksichtigt blieben (nach Hartmann 1989b:184), die sich auch nicht durch die Verwendung einsprachiger oder nach Wortfeldern sortierter Wörterbücher lösen lassen. Psychologische Untersuchungen propagieren jedoch die Entwicklung von Thesauruswörterbüchern.

Ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden sollte nach Hartmann (ebd.:186f.) der kulturelle Aspekt. Sowohl bei der Gestaltung als auch beim Inhalt der Wörterbücher. Hinzu kommen oftmals unterschiedliche Lerngewohnheiten in unterschiedlichen Kulturkreisen. Bildwörterbücher sind sehr hilfreich, dürfen aber nicht überbewertet werden, ebenso wie der Einsatz von Computern im Fremdsprachenunterricht (siehe dazu Abschnitt 6.1. und 6.2.).

Abschließendes Interesse gilt dem pädagogischen Aspekt, wobei die Frage, welcher Typ Wörterbuch in welchem Lernstadium eingeführt werden soll, stark von den Bedürfnissen der Lernenden abhängt und davon, ob die zur Benutzung eines Wörterbuches befähigenden Kenntnisse in ausreichendem Maße entwickelt wurden.

Da das Ideal eines Lernwörterbuches in weiter Ferne liegt, treten Spezialwörterbücher in den Vordergrund. Der Einsatz zweisprachiger Wörterbücher ist jedoch aus dem Fremdsprachenunterricht nicht wegzudenken, solange dort Übersetzungstätigkeiten eine dominante Funktion innehaben. Letztlich muss jedoch nach Hartmann (1989b:187) im Wesentlichen die Fähigkeit zur richtigen Verwendung von Wörterbüchern vermittelt werden.

(ii) Wörterbücher und Normativität

Wörterbücher können nach Malkiel (1989:63ff.) und Zgusta (1989:70ff.) schlicht Auskunft erteilen oder aber belehrende (erzieherische) Funktion haben. Eine klare Grenze lässt sich nicht immer ziehen. Jedem Wörterbuch kommt zumindest teilweise normative Wirkung zu.

Es kann ein neuer Standard gesetzt oder ein bestehender Standard erneuert werden.13 Zunehmend an Bedeutung gewinnt die Standardisierung regionaler Abweichungen bestehender Sprachen (z.B. regionale Variationen des Spanisch in Mittel- und Südamerika). Keinesfalls wird jedoch eine Sprache (oder ein Standard) ex nihilo erschaffen, sondern es existieren bereits sprachliche Formen, die standardisiert werden oder von denen ein neuer Standard abgeleitet wird.

Normativität kann erreicht werden, indem falsche bzw. von der Norm abweichende Formen ausdrücklich markiert, kritisiert oder aber einfach weggelassen werden. Letzteres wirkt sich in der Regel stärker aus, sofern dem Wörterbuch ausreichend Anerkennung innerhalb der Gesellschaft widerfährt. Diese ist für gewöhnlich größer, wenn das Wörterbuch von einer anerkannten Institution, z.B. einer Akademie der Sprache oder der Wissenschaften, herausgegeben wird. Zusätzlich kann eine Grammatik - ebenfalls mit normativer Wirkung - erscheinen. Generell hängt die Einführung einer Norm jedoch von der Kooperationsbereitschaft der Sprecher einer Sprache ab.

Zum Gegenstand der Normativierung können so unterschiedliche Bereiche wie Aussprache, Orthografie, grammatische Besonderheiten oder phraseologische Einzelheiten werden. Dies hängt in erster Linie vom Aufbau der Sprache ab und davon, welche Kenntnisse innerhalb der Gesellschaft vorausgesetzt werden können bzw. welche Standards bereits existieren (Malkiel 1989:67f.).

Normative Wörterbücher können nach Malkiel (ebd.) monolingual sein. Eine kurze Definition des Wortes reicht aus. Im bilingualen Wörterbuch entspricht dieser die Glosse. Zusätzlich ist es möglich, Beispiele zum Sprachgebrauch und hier vor allem auch Metaphern und Sprichwörter bzw. Belegstellen aus der anerkannten historischen und zeitgenössischen Literatur hinzuzufügen.

(iii) Probleme zweisprachiger Wörterbücher

Nach Kromann et.al. (1991:2711ff.), Hausmann (1991a:2729ff.), Peck (1989:49ff.) und Reichmann (1988:395) wirft die Erstellung zweisprachiger Wörterbücher eine Reihe gravierender und bisher zum Teil weitgehend unbearbeiteter Probleme auf. Drei Aspekte beeinflussen die Arbeit maßgeblich: Zum einen der spätere Wörterbuchbenutzer. Auf dessen Bedürfnisse, Kompetenzen und die spätere Benutzungssituation (Nachschlagewerk, Schulwörterbuch etc.) ist die Anlage des Wörterbuchs abzustimmen. Leider existieren bisher kaum wissenschaftliche bzw. soziologische Arbeiten, die sich mit Wörterbuchbenutzern und deren Verhalten auseinandersetzen (Kromann et.al. 1991:2717). Weiter ist der linguistische Aspekt zu betrachten. Hier gilt nach Kromann et.al. (ebd.) das spezielle Interesse der Bedeutungsentsprechung bzw. dem Zusammenhang zwischen lexikalischen Bedeutungen auf paradigmatischer und syntagmatischer Ebene. Auch die zunehmende Auswirkung der Einarbeitung grammatikalischer Konzepte wird die Wörterbuchpraxis nachhaltig beeinflussen. Letztlich wird auch der sich immer weiter ausdehnende Bereich der EDV nicht spurlos an der Lexikografie vorbeiziehen, was sich z.B. in der computergestützten Auswertung von Textkorpora oder der Einführung von Datenbanken abzeichnet (nach Kromann ebd. und Peck 1989:55ff.).14

Daneben nennen sowohl Kromann (1991:2713f.) als auch Peck (1989:52) das Problem der Ausrichtung eines bilingualen Wörterbuchs (monofunktional vs. bifunktional und aktiv vs. passiv) wobei es zu beachten gilt, welche Sprache von der anvisierten Zielgruppe gesprochen wird und für welchen Verwendungszweck das Wörterbuch bestimmt ist, sowie die Abhängigkeit zweisprachiger Wörterbücher von den umfassenden einsprachigen Kompendien ihrer Ausgangssprachen bzw. wie im vorliegenden Falle von der Auswahl des verwendeten Wortschatzes.15

2.3.2. Das Rumanyo-Wörterbuch und seine Zielgruppe

In Bezug auf das rMWB ergibt sich bei der Bestimmung der Zielgruppe ein recht indifferentes Sample aus möglichen Aufgaben und Benutzern. Viele Parameter lassen sich nur ungenau eingrenzen oder sind von dritter Seite vorgegeben. Daher erscheint es sinnvoll, die gegebenen Voraussetzungen soweit als möglich einzugrenzen, wesentliche Aufgaben anzuführen und ggf. Kompromisse bzw. Lösungsansätze bereitzustellen.

Generell tritt nach Benson (1964:90) ein Problem bei der Lexikografie afrikanischer Sprachen immer wieder auf: Inwieweit soll soziologisches oder anthropologisches Material in das Wörterbuch aufgenommen werden? Er empfiehlt daher:

The dictionary should not fail to give adequate explanations of words dealing with the major customs and institutions even when these belong to the past, recent or remote. A considerable amount of information can be conveyed economically if care ist taken. (Benson 1964:90).

Als primärer Verwendungszweck ist dem rMWB der Einsatz im Schulunterricht zum Erwerb der Nationalsprache Englisch und somit zur Vorbereitung der Schüler auf den Unterricht an weiterführenden Bildungseinrichtungen zugedacht. Die Erstellung eines wissenschaftlichen Wörterbuches kommt derzeit aus diversen Gründen nicht in Frage. Allerdings kann hiermit eine Grundlage dafür geschaffen werden. Der Datenbestand ist gegeben (siehe dazu Abschnitt 3.), wird jedoch ergänzt durch weitere Wortschätze, mit denen bereits praktische regionale bzw. pädagogische Erfahrungen vorliegen. Eine weitere pädagogische Aufbereitung kommt nicht in Frage, da weder geeignete Mittel zur Verfügung stehen (siehe vorangegangener Abschnitt), noch begleitende Lehrbücher oder Ähnliches herausgegeben werden.

Es ist allerdings damit zu rechnen, dass das Wörterbuch darüber hinaus vielfältig genutzt werden wird. So kann es z.B. Entwicklungshelfern etc. beim Erwerb der Sprache der Manyo nützlich sein, allgemein als Nachschlagewerk dienen oder aber in der Gesellschaft der Manyo schlicht den Charakter eines Statussymbols erhalten. In diesem Falle verliert die Qualität des Wörterbuchs hinter der Tatsache seiner schlichten Existenz an Bedeutung. Möglicherweise spielen das Aussehen (also Umfang und Gestaltung des Umschlags) neben der Anerkennung durch eine (oder mehrere) Instanz(en) mit Autoritätscharakter16 eine größere Rolle als Wörterbuchkultur und Benutzerfreundlichkeit (nach Koppelmann 1995).

Da das Rumanyo als Schriftsprache bisher nur von geringer Bedeutung ist, scheint die Einführung eines verbindlichen Schriftstandards unter Berücksichtigung der von der namibischen Regierung veröffentlichten verbindlichen Regeln zur Rechtschreibung17 als wünschenswertes und legitimes Ziel. Prinzipiell kommt jedem Wörterbuch ein zumindest teilweise normativer Charakter zu, der hier durch den Einsatz im Schulunterricht noch verstärkt werden kann.

Eine weitere wesentliche Aufgabe ist die Dokumentation der Sprache in ihrem aktuellen Stand zu Forschungszwecken und im Hinblick auf die Entwicklung eines wissenschaftlichen Wörterbuches. Ein solches Vorhaben dürfte sowohl innerhalb der Gesellschaft der Manyo als auch bei nationalen und internationalen Stellen auf Interesse stoßen. Dies, und das zur Normativität Gesagte zeigen deutliche Wechselwirkungen.

Grundsätzlich muss aber hinzugefügt werden, dass nach Hartmann (1989a:104f.) selbst das beste Wörterbuch niemals in der Lage sein wird, alle Bedürfnisse aller Benutzer zu befriedigen. So kann nicht etwa nur der Lexikograf durch Verbesserungen der Wörterbücher dazu beitragen, diesem Ziel näher zu kommen, auch in der Gesellschaft soll ein tiefer gehendes Verständnis für den Gebrauch von Wörterbüchern erzeugt werden. Besonders beim Fremdsprachenerwerb in der Schule besteht die Möglichkeit, ein weitreichendes Grundlagenwissen um den sinnvollen Einsatz von Wörterbüchern in der Gesellschaft zu etablieren und somit einen weiteren Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

[...]


1 Die Schreibung der Orts- und Eigennamen orientiert sich an der aktuellen Orthografie. Insgesamt orientiert sich die Schreibweise aller Begriffe aus dem Rumanyo in dieser Arbeit am offiziellen Reglement, das in einer Referenz des Department of national education in Namibia von 1988 festgelegt ist, auch wenn diese Regeln aus bantuistischer Sichtweise nicht immer optimal erscheinen. Siehe dazu auch Fleisch et.al. (2002:29ff.).

2 Zu dialektalen Abweichungen zwischen der Sprache der Shambyu und der Gciriku siehe auch Abschnitt 2.2.2.

3 Die Karten 1 (Namibia) und 2 (Kavango) zeigen - der Orientierung halber - die Lage Namibias innerhalb des südlichen Afrika sowie die Lage des mittleren Okavango innerhalb Namibias und wurden der Internetpräsenz der Firma go2africa (go2africa 2003) entnommen.

4 Zu Deutsch etwa 'Furt der Eland-Antilope'. Heute befindet sich an dieser Stelle der Ort Ghuvarawantjefu.

5 Einige Quellen sprechen von Radio- und Fernsehsendungen (Ethnologue 2003), andere nur von Radioprogrammen.

6 Siehe dazu die Internetpräsenz http://www.edsnet.na/Resources/Rumanyo.htm (NIED 2003), sowie Fleisch et.al. (2002:64 Fußnote 19 und :125 Fußnote 1).

7 Siehe dazu auch die Geschichte der Kavangovölker in Fleisch et.al. (2002).

8 Siehe dazu Möhlig (1967:XXIII) und Fleisch et.al. (2002:28, 58ff.).

9 Siehe Bibliographie.

10 Eine Übersichtstabelle der Klassenpräfixe findet sich in Anhang A.

11 Diese Beobachtung ergibt sich aus dem Studium der lexikografischen Fachliteratur. Zusätzlich wird diese These durch die Tatsache unterstützt, dass dem Verhältnis zwischen Wörterbüchern und ihren Benutzern in der derzeit maßgeblichen Standardliteratur ganze Kapitel gewidmet werden. Vgl. Hausmann, F.J. (Hrsg.). 1989. S. 102-215 und eingeschränkt auch S. 1-101.

12 Die Auswahl erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr wurde versucht, diejenigen Aufgaben bzw. Zielgruppen exemplarisch vorzustellen, die für den vorliegenden Fall des rMWB im Vordergrund stehen.

13 Weitere Formen sind denkbar (siehe Zgusta 1989:70), hier aber von untergeordneter Bedeutung.

14 Ausführliche Beschreibungen und Lösungsansätze der oben aufgeführten Probleme finden sich in Kromann et.al. (1991) und Hausmann (1991a).

15 Siehe dazu Abschnitt 3.2. und 3.3.

16

Als Instanzen mit Autoritätscharakter kommen z.B. Regierungen, Universitäten, Schulbehörden oder Sprachakademien in Frage. Vgl. Malkiel (1989:63).

17 Department of national education (1988). Siehe Bibliografie.

Details

Seiten
84
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638222563
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17767
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Afrikanistik
Note
sehr gut
Schlagworte
Anlage Schulwörterbuches Rumanyo Namibias)

Autor

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Titel: Zur Anlage eines modernen Schulwörterbuches im Rumanyo (Bantusprache Namibias)