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Bedeutung und Möglichkeiten Unterstützter Kommunikation für Kinder und Jugendliche mit cerebralen Bewegungsstörungen

Hausarbeit 2003 37 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Begriffsbestimmung: cerebrale Bewegungsstörungen

2. Entwicklung der kommunikativen Fähigkeiten unter erschwerten Bedingungen bei Kindern und Jugendlichen mit einer cerebralen Bewegungsstörung
2.1 Kommunikation und Bewegung
2.2 Kommunikation und Körpererfahrung
2.3 Kommunikation und Wahrnehmung:
2.4 Kommunikation und Kognition
2.5 Kommunikation und Sozialerfahrung:
2.6 Kommunikation und Emotion

3. Unterstützte Kommunikation zur Anbahnung, Erweiterung und Ersetzung von Lautsprache
3.1 Begriffsbestimmung, Personenkreis und Ziele
3.2 Möglichkeiten unterstützter Kommunikation
3.2.1 Körpereigene Kommunikationsformen (ohne Hilfsmittel)
3.2.2 Externe Kommunikationshilfen
3.2.2.1 nichtelektronische Kommunikationshilfen
3.2.2.2 elektronische Kommunikationshilfen

4. Charakteristische Besonderheiten der Kommunikationssituationen be Verwendung von Kommunikationshilfen zwischen nichtsprechenden Benutzern und ihren sprechenden Partnern
4.1 Veränderte Rollenverteilung
4.2 Reduzierte Kommunikationsgeschwindigkeit
4.3 Eingeschränktes Vokabular
4.4 Veränderte und fehlende nonverbale Signale
4.5 Mangel an Erfahrung über kommunikative Regeln auf Seiten der nichtsprechenden Menschen
4.6 Gewichtung der kommunizierten Inhalte durch die sprechenden Gesprächspartner

5. Diagnostische Fragen

6. Förderung der kommunikativen Kompetenzen von Benutzern mit unterstützenden Kommunikationshilfen
6.1 Grundlegende Überlegungen und Prinzipien der Sprach- und Kommunikationsförderung
6.2 Aufbau eines differenzierten Ausdrucksrepertoires mit Hilfe der Unterstützen Kommunikation
6.2.1. Lernen im und für den Alltag
6.2.2 Das sprachliche Umfeld

7. Schlussbemerkung

Literatur

0. Einleitung

Sprechen und Kommunizieren ist für die meisten Menschen etwas Selbstverständliches. Nur selten, wenn überhaupt, wird darüber nachgedacht, was es für einen Menschen bedeutet, ohne Sprache und somit meist ohne die Möglichkeit, sich mitteilen zu können, leben zu müssen.

Da es aber Menschen gibt, die genau von dieser Sprachlosigkeit und deren Folgen betroffen sind, ist es wichtig, über alternative Möglichkeiten des Kommunizierens nachzudenken. Denn das Unvermögen, sich lautsprachlich zu äußern, darf weder gleichgesetzt werden mit dem Unvermögen, sich mitteilen zu können noch mit dem Unwillen, sich mitteilen zu wollen. Auch Menschen ohne Lautsprache haben etwas zu erzählen; sie haben das Bedürfnis und das Recht, ihre Gedanken, Gefühle und Wünsche anderen Menschen mitzuteilen. Die „Unterstützte Kommunikation“ bietet Menschen ohne Lautsprache, also Nicht-Sprechenden Menschen eine Möglichkeit dazu.

Den meisten Menschen, auch Pädagogen und Therapeuten, ist der Begriff „Unterstützte Kommunikation“ sowie deren Bedeutung und Inhalt fremd. Auch nach der Erläuterung des Begriffes, des Inhaltes und der Bedeutung dieser Form von Kommunikation für die betroffenen Menschen können sich nur Wenige etwas Konkretes darunter vorstellen.

Bevor ich in dieser Arbeit auf diesen Begriff eingehe, möchte ich zunächst einmal die Begriffe „Sprache“ und „Kommunikation“ sowie deren Funktion und Bedeutung für den Menschen anhand einiger Definitionen darstellen, da insbesondere diesen Begriffen eine zentrale Bedeutung in der Unterstützten Kommunikation zukommt.

„Was Sprache auch immer sonst noch sein mag, sie ist ein systematisches Verfahren, mit anderen zu kommunizieren, fremdes und eigenes Verhalten zu beeinflussen, Aufmerksamkeit zu lenken und Realitäten zu schaffen...“ (Bruner 1987, S. 102)

Aus dieser Definition geht hervor, dass Sprache vor allem kommunikative Funktion hat, d.h. als Mittel zur Verständigung dient. Sprache wird also nicht um der Sprache Willen erlernt, sondern um mit seiner Umwelt in Kontakt treten, mit ihr kommunizieren zu können.

Nach Wunderlich ist Kommunikation

„nicht nur Austausch von sprachlichen Inhalten, (das ist sie auch), zuallererst ist sie aber Herstellen von zweiseitigen Beziehungen...“ (Wunderlich 1974, zit. nach Heidtmann 1996, S. 3).

Nach Berntges-Brecht bedeutet Kommunikation

„die Vermittlung und der Austausch von Informationen und Nachrichten zwischen Kommunikationspartnern mittels sprachlicher oder nicht-sprachlicher Symbole oder Zeichen. [...] Kommunikation ist eine lebensnotwendige Form menschlichen Daseins und Ausdruck von interaktionalen Beziehungen in sozialen Handlungsbereichen. Der Mensch bedient sich zum Austausch von Gedanken, Gefühlen oder Meinungen sprachlicher Elemente und begleitet oder ersetzt diese durch nicht-sprachliche Verständigungsmittel.“ (Berntges-Brecht 1993, S. 328 nach Lukascyk 1984)

Bußmann bezeichnet Kommunikation als

„zwischenmenschliche Verständigung mittels sprachlicher und nichtsprachlicher Mittel.“ (Bußmann 1983, zit. nach Heidtmann 1996, S. 3).

Zusammenfassend können diese, insbesondere für Menschen ohne Lautsprache bedeutsamen Aspekte folgendermaßen stichpunktartig dargestellt werden:

- Sprache dient der Kommunikation und wird nicht um sich selbst willen gelernt.
- Sprache und somit Kommunikation dienen der Herstellung von Beziehungen
- Kommunikation ist eine lebensnotwendige Form menschlichen Daseins
- Zwischenmenschliche Verständigung ist über verschiedene Kommunikationskanäle, nämlich verbale und nonverbale sowie Zeichen und Symbole, möglich

Zum Aufbau dieser Arbeit:

In dieser Arbeit wird zunächst der Begriff der cerabralen Bewegungsstörungen erläutert (Kap. 1).

Anschließend stelle ich die Entwicklung der kommunikativen Fähigkeiten unter erschwerten Bedingungen bei Kindern und Jugendlichen dar, die von einer cerebralen Bewegungsstörung betroffen sind (Kap. 2)

Im dritten Kapitel erfolgt die Erläuterung des Begriffes „Unterstützte Kommunikation“ und die Darstellung verschiedener Möglichkeiten, unterstützt zu kommunizieren.

Danach stelle ich charakteristische Besonderheiten der Kommunikationssituationen bei der Verwendung von Kommunikationshilfen zwischen nichtsprechenden Benutzern und ihren sprechenden Partnern dar (Kap. 4)

Den Abschluss der Arbeit bilden die Kapitel der Diagnostik (Kap. 5) und der Förderung von kommunikativen Kompetenzen von Benutzern mit unterstützenden Kommunikationshilfen. Hier wird auch die Bedeutung des Umfeldes für das Gelingen einer Unterstützten Kommunikation deutlich (Kap. 6).

Während meines Studiums der Sprachheilpädagogik an der Universität zu Kiel habe ich durch eine Tätigkeit in der Einrichtung der Unterstützten Kommunikation Erfahrungen im Umgang mit und der Förderung von Menschen, die sich lautsprachlich nicht mitteilen können sammeln können. Vieles in dieser Arbeit gründet sich auf diese eigenen Erfahrungen, so dass nicht für alle Aspekte die hier genannt werden, Literaturangaben genannt werden können.

Bemerkung:

In dieser Arbeit werden für Menschen, die auf Unterstützte Kommunikation angewiesen sind, verschiedene Bezeichnungen verwendet. Dies geschieht nicht aus Unachtsamkeit, sondern dient der besseren Lesbarkeit. Gemeint sind immer Menschen, die sich lautsprachlich nicht oder nur unzureichend verständigen können und somit auf unterstützende Kommunikationsmittel angewiesen sind.

1. Begriffsbestimmung: cerebrale Bewegungsstörungen

Der Begriff cerebralen Bewegungsstörung wird als Synonym für infantile Cerabralparesen (ICP) verwendet. Es handelt sich dabei um Koordinationsstörungen, die ihre Ursache zentral in sensomotorischen Zentren des Gehirns haben. Die Schädigung des Gehirns, die zu einer solchen Störungen führen kann, kann auf dreierlei Weise erfolgen:

- Vor der Geburt (pränatal) kann sie durch eingenommene Medikamente oder Infektionskrankheiten der Mutter während der Schwangerschaft erfolgen.
- Während der Geburt (Perinatal) kann eine solche Schädigung z.B. durch Sauerstoffmangel, eine zu frühe oder späte Geburt, Nabelschnurkomplikationen oder ähnliches entstehen.
- Eine Schädigung nach der Geburt (Postnatal) hat ihre Ursache häufig in einer Meningitis oder in Schädel-Hirn-Verletzungen (vgl. v. Eickstedt, D./ Stemme, G. o.J.).

Eine Cerebralparese wird dann als infantil bezeichnet, wenn die Schädigung im Zeitraum vom Beginn der Schwangerschaft bis zur Beendigung des 2. Lebensjahres verursacht wurde.

Eine Auswirkung der ICP ist ein fehlerhafter Muskeltonus. Dieser kann entweder Hyper- oder Hypoton bzw. schnell wechselnd sein. Als Folge dieser gestörten Koordination der Muskeln untereinander treten abnorme Haltungs- und Bewegungsmuster auf, so dass ein betroffenes Kind kaum in der Lage ist, gezielte und beabsichtigte Bewegungen ausführen. Die motorische Entwicklung beschränkt sich auf wenige abnorme Bewegungsmuster, die sich durch stetiges Wiederholen einprägen, wie z.B. die spastische Bewegungsstörung, die Athetose oder Ataxie.

- Die spastische Bewegungsstörung ist gekennzeichnet durch einen erhöhten Muskeltonus, der besonders bei Anstrengung oder Erregung bemerkbar wird. Bewegungen können nur mühsam, steif, verkrampft und verlangsamt ausgeführt werden. Oft treten auch assoziierte Reaktionen auf, d.h. auch willkürliche Bewegungen werden von ungehemmten unwillkürlichen tonischen Mitbewegungen begleitet. Von einer spastischen Hemiplegie spricht man dann, wenn eine Körperseite betroffen, von der spastische Diplegie, wenn hauptsächlich die untere Körperhälfte, von der spastische Tetraplegie, wenn alle vier Extremitäten betroffen sind.
- Als Athetose werden ungewollte ruckartige oder ausfahrende Bewegungen bezeichnet. Der Muskeltonus ist dabei stark unkontrolliert wechselnd und die Betroffenen können ihren Körper nicht in einer stabilen Position halten.
- Eine Ataxie ist eine Störung der Koordination in allen Bewegungsbereichen. Der Tonus ist häufig zu niedrig und die Betroffenen leiden unter einem Tremor; zudem sind das Lageempfinden und Propriozeption beeinträchtigt, was zu unsicheren Bewegungen führt (vgl. Kalbe 1996, S. 5).

Neben motorischen Einschränkungen in der Ganzkörperbewegung haben die Betroffenen jedoch meist auch Einschränkungen im myofunktionellen und damit auch sprachlichen Bereich.

- Die Dysarthrie ist eine Sprechstörung, die durch eine Störung der an der Sprechmotorik beteiligten nervalen Strukturen entsteht. Die Folgen sind eine Störung der Artikulation, vermehrte Sprechanstrengung, Veränderungen der Lautstärke und Sprechgeschwindigkeit. Weiterhin zeigen die Betroffenen verzerrte Bewegungen der Artikulationsmuster, d.h. der Koordination des Sprechbewegungsablaufes. Die Dysarthrie ist also keine Behinderung der höheren zentralen Sprachfunktion.
- Ist ein Patient von einer Anarthrie betroffen, ist keine lautliche Äußerung, d.h. keine gezielte Artikulation von Sätzen Wörtern und Lauten möglich. Die Anarthrie ist häufig kombiniert mit einer schweren Bewegungsstörung. Häufig bedingt die Anarthrie eine umfassende Kommunikationsbeeinträchtigung, da auch die nonverbale Kommunikation durch die Bewegungsstörungen beeinträchtig ist; durch die Fehlsteuerung der Muskelspannung kann eine Anarthrie auch den gesamten orofazialen Bereich und damit die Mimik umfassen.

Die häufig vorherrschende Hypertonie verursacht häufig eine Überstreckung im Schulter- und Nackenbereich, so dass die Betroffenen Schwierigkeiten mit dem Mundschluss und mit der Speichelkontrolle haben. Außerdem sind die Zunge, Lippen und Unterkiefer in ihren Bewegungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Durch eine eventuelle wechselnde Muskelspannung kann die Sprache durch Ungenauigkeiten der Mundmotorik verwaschen klingen (vgl. Haupt 1996, S. 27/28).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Folgen der ICP, die Störungen des Zusammenspiels von verschiedenen Bewegungen, Bewegungen und Wahrnehmungen auch eine Störung von integriertem Lernen und Handeln verursachen. Inwiefern dies eine Bedeutung für den Erwerb von kommunikativen Kompetenzen hat, soll im folgenden Kapitel dargestellt werden.

2. Entwicklung der kommunikativen Fähigkeiten unter erschwerten Bedingungen bei Kindern und Jugendlichen mit einer cerebralen Bewegungsstörung

Kinder machen im Laufe ihrer Entwicklung in verschiedenen Bereichen Erfahrungen und entwickeln sich dadurch weiter. Nach dem ganzheitlichen Entwicklungsmodell von U. Haupt (1985) und A. Fröhlich (1985) sind diese Bereiche Bewegung, Körpererfahrung, Gefühle, Sozialerfahrung, Wahrnehmung Kognition und Kommunikation miteinander vernetzt und ihn ihrer Entwicklung voneinander abhängig, d.h. die einzelnen Entwicklungsbereiche können nicht isoliert gesehen werden. Die Entwicklung eines Bereiches beeinflusst die Entwicklung der anderen immer mit, so dass sich Defizite in einem Bereich negativ auf die anderen Bereiche auswirken können (vgl. Fröhlich 1989, S. 14). In welcher Weise diese Bereiche mit der Kommunikationsentwicklung bei Kindern mit cerebralen Bewegungsstörungen zusammenhängen, soll im Folgenden kurz beschrieben werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ganzheitliches Entwicklungsmodell (Kristen 1997, S. 33)

2.1 Kommunikation und Bewegung

Kinder mit Körperbehinderungen erfahren ihre Umwelt durch irritierende Bewegungen (vgl. Kap. 1) anders als Kinder ohne Behinderung. Zum einen kann sich diese Einschränkung in der Bewegungsfähigkeit in der feindosierten und abgestimmten Bewegung der Sprechorgane äußern, so dass eine klare und deutliche Aussprache erschwert wird. Zum anderen können diese Fähigkeiten so stark eingeschränkt sein, dass es zu einer Dys- oder Anarthrie kommt (vgl. Haupt 1996, S. 27). Die Bewegungsstörung des Kindes kann sich jedoch auch auf den gesamten nonverbalen Bereich auswirken; so kann es eventuell nur schlecht oder gar keinen Blickkontakt halten oder der Kommunikationspartner wird durch mimische Entgleisungen, ungewollte Gestik oder Körperhaltungen verunsichert (vgl. Fröhlich 1989, S. 16).

2.2 Kommunikation und Körpererfahrung:

Die vorsprachliche Entwicklung körperbehinderter Kinder ist durch die motorischen Einschränkungen stark eingeschränkt. Möglichkeiten der Körpererfahrung, die nicht-behinderte Kinder machen wie z.B. die Hände zusammenführen, mit den Füßen spielen oder mit den Sprechwerkzeugen experimentieren sind nur eingeschränkt bzw. verändert oder gar nicht möglich. Ebenso können diese Kinder nur unzureichende Erfahrungen mit Essen, Trinken, Saugen oder Schlucken machen, so dass positive orale Erlebnisse nur begrenzt möglich sind (vgl. Fröhlich 1989, S. 17).

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Details

Seiten
37
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638222549
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17765
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Heil- und Sonderpädagogik
Note
1
Schlagworte
Bedeutung Möglichkeiten Unterstützter Kommunikation Menschen Körperbehinderungen Berücksichtigung Kindern Jugendlichen Bewegungsstörungen Förderung Bildung Entwicklung

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