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Cyber-Mobbing: Erscheinungsformen, Folgen und sozialpädagogische Handlungsansätze

Bachelorarbeit 2010 92 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1. Traditionelles Mobbing
1.1 Definitionen und Formen
1.2 Charakteristik der Beteiligten
1.3 Folgen für das Opfer
1.4 Zusammenfassung

2. Cyberspace
2. 1 Online-Kommunikation
2.1.1 Definition
2.1.2 Merkmale
2.1.3 Theorien und Modelle
2.2 Internet und Handy: Dienste und Anwendungen
2.3 Internet- und Handynutzung von Jugendlichen
2.4 Medienkompetenz
2.5 Zusammenfassung

3. Cyber-Mobbing
3.1 Definition
3.2 Merkmale
3.3 Häufigkeit
3.4 Formen und Methoden
3.5 Wie und wo findet Cyber-Mobbing statt?
3. 6 Charakteristik der Beteiligten
3.7 Wahrnehmung, Reaktionen und Strategien der Opfer auf Cyber-Mobbing
3.8 Folgen
3.9 Zusammenfassung

4. Sozialpädagogische Handlungsansätze
4.1 Soziale Arbeit an Schulen
4.2 (Online-)Beratung
4.3 Öffentlichkeitsarbeit
4.4 Zusammenfassung

5. Fazit

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Nach einer Reise stellte eine Schülerin fest, dass ihre Klassenkameraden[1] nicht mehr mit ihr sprechen wollten und bemüht waren möglichst viel Abstand zu ihr zu halten. Es stellte sich heraus, dass in ihrer Klasse eine SMS mit dem Gerücht kursierte, sie habe sich auf ihrer Reise mit SARS infiziert (Wachs 2009, 30 nach Gianetti und Sargarese 2006).

Ein 15-jähriger kanadischer Jugendlicher filmte sich selbst während er Szenen aus den bekannten Star Wars Filmen nachstellte. Mitschüler veröffentlichten das Video, ohne sein Wissen, auf der Videoplattform Kazaa. Dort avancierte es unter dem Namen „Star Wars Kid“ in kürzester Zeit zu einem der meist angeklickten Videos, über das sich mittlerweile geschätzte 900 Millionen Menschen amüsierten. Der Betroffene musste wegen ständiger Hänseleien und der emotionalen Belastung, unter der er litt, die Schule wechseln und sich in psychiatrische Behandlung begeben (Hillenbrand, 2003; Niemann 2003).

Eine Gruppe Mitschülerinnen verhöhnte Alan über Instant Messaging aufgrund seiner kleinen Größe und forderte ihn auf, Dinge zu tun, die er nicht konnte. Sie behaupteten die Welt wäre ein besserer Ort wenn er Suizid begehen würde. Alan diskutierte das mit ihnen. Die Mädchen dachten es wäre alles ein großer Spaß. An einem Nachmittag holte Alan die Schrotflinte seines Großvaters, lud sie und nahm sich das Leben. Er hatte bis auf folgende Nachricht alles von seinem Computer gelöscht: „Der einzige Weg den Respekt zu bekommen den du verdienst, ist zu sterben.“ (Willard 2007, 1).

Diese drei Beispiele beschreiben ein Phänomen, das in den letzten Jahren zunehmend in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt: Cyber-Mobbing. Mit diesem Begriff wird Mobbing über Internet und Handy bezeichnet. Diese neuartige Erscheinung wird im englischen Sprachraum Cyberbullying[2] genannt und ist erst seit wenigen Jahren Gegenstand der Forschung. Die Besonderheiten von Online-Kommunikation sowie die sog. „Mitmach-Anwendungen“ des Web 2.0, bilden die Grundlagen für Cyber-Mobbing. Denn sie ermöglichen es, ohne großen Aufwand und anonym, kompromittierende Inhalte zu veröffentlichen, Gerüchte zu verbreiten oder andere Personen zu beleidigen.

Die genannten Beispiele verdeutlichen die Relevanz des Themas und dessen weitgreifende Auswirkungen. Und sie sind keineswegs Einzelfälle, in der Presse häufen sich Berichte über Jugendliche, die Suizid begingen, nachdem sie zuvor Opfer von (Cyber-)Mobbing geworden waren. Daher ist es wichtig, Präventions- und Interventionsstrategien zu entwickeln, um dem Phänomen entgegen zu wirken.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit nachstehenden Fragestellungen: Durch welche Merkmale zeichnet sich Cyber-Mobbing aus? Wie häufig tritt das Phänomen auf? Welche Erscheinungsformen gibt es? Wie lassen sich die Beteiligten charakterisieren? Welche Folgen hat Cyber-Mobbing für die Opfer?

Ziel ist es, einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zum Thema Cyberbullying zu geben und Sozialpädagogische Handlungsansätze zum Umgang mit der Problematik darzulegen. Die Fragestellungen werden anhand der Auswertung aktueller Fachliteratur diskutiert. Als ergänzende Informationsquelle wurden Experteninterviews herangezogen.

Da Cyber-Mobbing ein sehr umfangreiches Themengebiet mit vielen unterschiedlichen Aspekten ist (z.B. Cyber-Mobbing unter Erwachsenen, Cyber-Mobbing von Lehrern durch Schüler, sexuelle Belästigung im Internet etc.), ist es notwendig, das Thema näher einzugrenzen. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf Cyber-Mobbing unter Kindern und Jugendlichen[3], weil angloamerikanische Untersuchungen und Studien sich überwiegend auf diese Zielgruppe beschränken. Zudem nimmt das Internet vor allem im Leben junger Menschen eine wichtige Rolle ein, die dieses als Teil ihres sozialen Lebens sehen und die technischen Fertigkeiten besitzen, es zu nutzen. Ferner setzen die erläuterten Präventions- und Handlungsmöglichkeiten Sozialer Arbeit hauptsächlich bei dieser Zielgruppe an. Die Nutzung des Internets bei Cyber-Mobbing steht in dieser Arbeit im Vordergrund.

Befasst man sich mit Cyber-Mobbing, liegt es nahe, zunächst dessen Grundlagen zu erläutern. Dies erfolgt im ersten Kapitel mit einem Überblick über traditionelles Mobbing, da im späteren Verlauf Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Cyber-Mobbing thematisiert werden.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem Cyberspace, der virtuellen Welt. Hierbei werden speziell Online-Kommunikation, deren Merkmale sowie damit verbundene Theorien und Modelle betrachtet, da sie die Basis für Cyberbullying bilden. Des Weiteren wird eine Darstellung möglicher Internet- und Handydienste bzw. -anwendungen vorgenommen und auf deren Nutzung durch Jugendliche eingegangen. Das Konzept der Medienkompetenz wird ebenfalls erläutert, da die genannten Punkte wichtige Grundlagen für die weitere Arbeit liefern.

Kapitel 3 zeigt den aktuellen Forschungsbestand über Cyber-Mobbing auf. Zunächst erfolgt eine Begriffsklärung. Anschließend wird ein Überblick über die identifizierten Merkmale gegeben, gefolgt von Angaben zur Häufigkeit des Phänomens. Nach einer Vorstellung der verschiedenen Formen und Methoden von Cyber-Mobbing, wird verdeutlicht wie und wo es stattfinden kann. Bevor auf Wahrnehmung, Reaktionen und Strategien der Opfer eingegangen wird, wird eine Charakteristik der Beteiligten vorgenommen. Das Kapitel schließt mit der Darstellung der Folgen für die Opfer.

Ausgehend von den beschriebenen Inhalten werden in Kapitel 4 mögliche Sozialpädagogische Handlungsansätze präventiver und intervenierender Art aufgezeigt. Hierbei werden speziell die Bereiche Sozialarbeit an Schulen, (Online-)Beratung sowie Öffentlichkeitsarbeit betrachtet.

Abschließend wird in Kapitel 5 ein Fazit gezogen, indem die Ergebnisse der Arbeit dargestellt werden.

1. Traditionelles Mobbing

Im nachstehenden Kapitel erfolgt zunächst eine Definition von Mobbing und eine Abgrenzung zu anderen Begriffen und Verhaltensphänomenen. Anschließend wird auf die Formen von Mobbing sowie die Akteure eingegangen, die bei Mobbing eine Rolle spielen, indem eine Charakterisierung von Tätern, Opfern und Zuschauern vorgenommen wird. Speziell wird auf die Folgen von Mobbing für die Opfer eingegangen.

1.1 Definitionen und Formen

Im Englischen spricht man von bullying („Bully“ = brutaler Kerl), wenn Jugendliche sich in irgendeiner Form wiederholt gewalttätig gegenüber anderen Jugendlichen verhalten, während sich im Deutschen die Bezeichnung Mobbing durchgesetzt hat.[4] Es ist zu beachten, dass sich der Begriff Mobbing im Deutschen sowohl auf Bullying in der Schule bzw. unter Jugendlichen, als auch auf die gezielte Schikanierung und Belästigung von Erwachsenen am Arbeitsplatz beziehen kann (Leymann 2006, 22). Er leitet sich vom englischen Verb „to mob“ ab, was soviel bedeutet wie anpöbeln oder schikanieren.[5] Dies kann den Eindruck erwecken, es müsse sich immer um eine Gruppe von Tätern handeln (Mob = der Pöbel), es kann sich jedoch auch um einen Täter handeln, der allein agiert.

Die meisten Autoren orientieren sich an der Mobbing-Definition von Olweus, die auch im weiteren Verlauf der Arbeit bei der Definition von Cyber-Mobbing eine Rolle spielt: „Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist“ (Olweus 2006, 22). Negative Handlungen sieht Olweus dann als gegeben an, wenn folgende vier Komponenten vorliegen:

1. Wiederholungsaspekt: Die Angriffe müssen wiederholt und über einen längeren Zeitraum stattfinden.
2. Verletzende Absicht: Die Angriffe müssen darauf abzielen dem Opfer psychischen und/oder physischen Schaden zuzufügen.
3. ein Kräfteungleichgewicht, also ein Machtgefälle zu Gunsten des Täters: Diese Kräftediskrepanz kann auf verschiedenen Komponenten, wie physischer Überlegenheit, verbalen oder sozialen Fähigkeiten oder dem Status in der Peergruppe, basieren (Scheithauer et al. 2008, 38)
4. Hilflosigkeit: Das Opfer ist klar unterlegen, hilflos und hat Mühe sich zu verteidigen. Es fühlt sich der Situation und dem Täter ausgeliefert.

Die meisten Autoren übernehmen diese Elemente in ihren Definitionen und ergänzen sie teilweise noch um weitere Aspekte, wie die Inakzeptabilität des Verhaltens und einen normativen Charakter (Smith und Brain 2000, 1). Eine ausführliche Definition von Mobbing in der Schule gibt Gollnick (2006, 36): „Unter Mobbing wird eine konfliktbelastete Kommunikation in der Klasse/im Kurs (…) verstanden, bei der die angegriffene Person systematisch, oft und während längerer Zeit mit dem Ziel und/oder dem Effekt der Ausgrenzung aus der Lerngruppe direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet. Dabei sind die Angriffe in verletzender Weise tendiert und können sich gegen einzelne, aber auch gegen eine Gruppe richten und von einzelnen oder von einer Gruppe ausgehen.“

Bullying kann direkt oder indirekt stattfinden und sich in verschiedenen Äußerungsformen manifestieren, z.B. verbal (verspotten, beleidigen), psychologisch (ausgrenzen, Gerüchte verbreiten) und körperlich (schlagen, spucken) (Fawzi 2009, 9).

Scheithauer et al. (2003, 28ff.) unterscheiden zwischen Indirekter Aggression „soziale Manipulation, die eine Zielperson auf Umwegen attackiert“; Relationaler Aggression „Verhalten, dass die Beziehungen einer Person zu Gleichaltrigen oder die Gefühle der sozialen Zugehörigkeit und Akzeptanz beschädigt“; Sozialer Aggression „Manipulation der Akzeptanz in der Gruppe durch Diffamierung, Ächtung oder Entfremdung“; und Psychischer Aggression „jegliche nicht-physische Aggressionen wie Beleidigungen (…) und somit auch verbal-aggressive und relational-aggressive Verhaltensweisen“.

Leymann (2006, 33f.) befasst sich zwar explizit mit Mobbing am Arbeitsplatz, sein Schema, nach dem er die Verhaltensweisen der Täter kategorisiert, lässt sich jedoch auch auf das Mobbing zwischen Jugendlichen übertragen. Leymann identifiziert fünf Ansatzpunkte:

1. Angriffe auf die Möglichkeiten sich mitzuteilen, bspw. durch Drohungen
2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen, z.B. das Ignorieren oder „Schneiden“ des Opfers
3. Auswirkungen auf das soziale Ansehen, durch das Verbreiten von Gerüchten oder lächerlich machen des Opfers
4. Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation, bspw. ständige Anordnung neuer Aufgaben oder von Aufgaben die der Täter nicht selbst erledigen würde
5. Angriffe auf die Gesundheit, z.B. durch körperliche Misshandlung.

Besonders zu beachten ist, dass Bullying nicht gleichzusetzen ist mit Gewalt oder Aggression. Zwar liegt auch bei Aggression eine Schädigungsabsicht vor, jedoch nicht zwingend ein Machtungleichgewicht und der Wiederholungsaspekt. Der Begriff Gewalt beinhaltet zwar eine Kräftediskrepanz, aber auch hier ist der repetitive Aspekt nicht notwendigerweise gegeben (Riebel 2008, 6f. ; Scheithauer et al 2003, 18).

Ebenfalls abzugrenzen ist Bullying sowohl von Tobspielen (rough-and-tumble-play), bei dem Kinder und Jugendliche spielerisch raufen und aggressives Verhalten nachahmen, sich aber nicht ernsthaft verletzten wollen als auch von Necken in Form von freundschaftlich gemeinten Hänseleien sowie von Zurückweisungen durch Gleichaltrige ( peer rejection) auf Basis von Popularitätsurteilen (Scheithauer et als 2003, 20ff., Scheithauer et al 2008, 38).

1.2 Charakteristik der Beteiligten

Täter

Täter weisen häufig folgende Merkmale auf: Sie haben eine sehr impulsive, hitzköpfige und dominante Persönlichkeit. Zudem sind sie meistens körperlich stärker als ihre Opfer und verfügen über ein gutes oder sogar überzogenes Selbstbewusstsein. Allgemein haben sie eine positive Einstellung gegenüber Gewalt und deren Anwendung. Oftmals haben sie selbst Gewaltanwendung in der Erziehung erlebt und haben eine negative Beziehung zu ihren Eltern. Darüber hinaus zeichnen sie sich durch ein starkes Bedürfnis aus, Macht über Andere auszuüben und besitzen kaum Einfühlungsvermögen oder Mitgefühl. Für ihre Handlungen fühlen sie sich nur eingeschränkt oder gar nicht verantwortlich. Täter haben eine geringe Frustrationstoleranz und Schwierigkeiten Regeln zu akzeptieren und zu befolgen. Ihre Aggressivität zeigt sich nicht nur im Umgang mit Mitschülern, sondern auch gegenüber Eltern und Lehrern sowie Erwachsenen allgemein. Die Erfahrungen sozialer Isolation und Zurückweisung durch die Peergroup können ebenfalls dazu führen, dass Jugendliche zu Tätern werden. Auch fehlende Zuneigung in der Kindheit und Reflexion durch die Eltern können eine Rolle spielen. Täter sehen häufiger gewalthaltige Filme als ihre Altersgenossen und sind häufiger delinquent. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Schulversagen oder -ausschluss und zukünftige Probleme im Bezug auf Gewalt, Kriminalität und Substanzmissbrauch. Studien ergaben, dass überwiegend Jungen in Mobbing involviert sind und insbesondere körperlich gemobbt werden. Mädchen greifen hingegen eher zu psychologischem Mobbing und werden auch öfter Opfer von diesem sowie von verbalen Attacken (Fawzi 2009, 10; Olweus 2006, 44ff.; Riebel 2008, 22ff.; Willard 2007, 33).

Opfer

Studien haben erwiesen, dass die in der Öffentlichkeit weit verbreitete Annahme, Mobbingopfer würden sich durch besondere äußere oder von außen leicht erkennbare Auffälligkeiten auszeichnen, so nicht bestätigt werden konnte. Zwar werden diese häufig als Vorwand herausgepickt, um das Opfer zu mobben, jedoch sind sie nicht die Ursache des Mobbings. Dies zeigt sich allein daran, dass es viele Kinder gibt, die auch ein auffälliges äußeres Erscheinungsbild haben, aber nicht zu Mobbingopfern werden. Die Gründe warum manche Kinder zu Opfern werden und andere nicht, lassen sich vielmehr im Verhalten ausmachen (Riebel 2008, 25).

Olweus unterscheidet zwei Typen von Opfern. Den passiven oder ergebenen Opfertyp und den provozierenden Opfertyp. Ersterer ist typischerweise ängstlich, unsicher, sensibel, oft vorsichtig und still. Werden diese Kinder oder Jugendlichen attackiert wehren sie sich nicht, sondern reagieren mit Rückzug. Außerdem leidet dieser Opfertyp oft an einem geringen Selbstwertgefühl und hat eine negative Einstellung sich selbst und der Situation gegenüber. Sie sehen sich selbst als Versager, dumm und unattraktiv und schämen sich. Meistens haben sie keine oder kaum Freunde und tun nichts, was als Provokation für eine Attacke gewertet werden könnte. Im Allgemeinen haben sie eine negative Einstellung gegenüber Gewalt. Sie stellen für Täter ein leichtes Opfer dar, da zum einen nicht zu erwarten ist, dass sie sich zur Wehr setzen und sie zum anderen häufig niemanden haben der sie verteidigt oder sich für sie einsetzt.

Die zweite, deutlich kleinere Gruppe des provozierenden Opfertyps, der durch sein Verhalten auf sich aufmerksam macht und Mobbing provoziert, ist in seinem Verhalten sowohl durch ängstliche, als auch durch aggressive Reaktionsmuster gekennzeichnet. Diese Jugendlichen haben oft Konzentrationsprobleme[6] und können durch ihr Verhalten Ärger und Spannungen verursachen (Olweus 2006, 42f.)

Täter/Opfer

Dass man in der Realität nicht immer einfach in schwarz und weiß, bzw. Täter und Opfer einteilen kann, zeigt sich daran, dass in Befragungen viele Jugendliche angeben, sowohl schon mal Opfer von Mobbing gewesen zu sein, als auch selber jemanden gemobbt zu haben. Man spricht in solchen Fällen von Täter/Opfern. Häufig sind sie schwer zu identifizieren und können zunächst für Opfer gehalten werden. Im Gegensatz zu reinen Opfern lassen sich bei bully/victims vermehrt psychosoziale Probleme, eine schlechtere Beziehung zu den Eltern sowie häufiger Verhaltensprobleme und Aggression feststellen. Darüber hinaus neigen sie eher zu Substanzmissbrauch und Depression und es besteht eine erhöhte Gefahr für Schulversagen und soziale Isolation. Unterschiede zu reinen Tätern lassen sich nur in geringem Maße feststellen. Im Gegensatz zu reinen Tätern leiden Täter/Opfer eher an Selbstwert- und Identitätsproblemen und neigen eher zu Depression, Angst und sozialem Rückzug. Teilweise provozieren sie Angriffe, schlagen dann durch Mobbing zurück und bezeichnen dies dann als Selbstverteidigung. Sie suchen sich aber auch oft Opfer, die jünger oder schwächer sind als sie selbst. Täter/Opfer zeichnen sich durch ein hitziges Gemüt aus und neigen, wie provozierende Opfer, durch ihr Verhalten dazu, Spannungen zu schaffen (Riebel 2008, 27; Willard 2007, 34).

Zuschauer

Zuschauer, auch Bystander genannt, spielen eine wichtige Rolle im Mobbingprozess und können diesen durch ihr Verhalten stark beeinflussen. Während Riebel (2008, 27) nur von Zuschauern spricht, sofern diese Zeugen des Mobbings sind, aber nicht eingreifen, um den Opfern zu helfen, umfasst der Begriff Bystander bei Willard (2007, 44) alle Personen die in irgendeiner Form in den Mobbingakt involviert sind. Sie beruft sich dabei auf Pellegrini und Long (2002), die in ihrer Studie verschiedene Verhaltensweisen der Zuschauer identifiziert haben. Diese können die Rolle eines Assistenten für den Täter übernehmen, indem sie an den Attacken gegen das Opfer teilnehmen oder ihn zu weiteren anfeuern. Das Auslachen des Opfers kann ihn ebenfalls in seinem Handeln unterstützen und bestärken. Ein großer Teil der Bystander steht nur still daneben und greift nicht in das Geschehen ein. Dies führt dazu, dass sie vom Opfer oftmals ebenfalls als Gegner wahrgenommen werden, die das Handeln des Täters augenscheinlich billigen. Cowie (2000) konnte für dieses Verhalten drei Gründe ausmachen: Zum einen wissen viele der Zuschauer nicht, was sie tun oder sagen können, um den Täter aufzuhalten, gerade wenn es sich um körperliche Attacken handelt. Zum anderen haben sie oft Angst durch Engreifen die Täter auf sich aufmerksam zu machen und so zum nächsten Opfer zu werden. Darüber hinaus befürchten sie, durch ihr Dazwischentreten die Situation nur zu verschlimmern, weil sie das Falsche tun könnten und werden deswegen nicht aktiv. Zuschauer können jedoch auch eine Rolle des Beschützers für das Opfer einnehmen, indem sie auf das Geschehen einwirken und versuchen dem Opfer zu helfen und es zu verteidigen. Pellegrini und Long konnten in ihrer Studie einen Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Dominanz in einer Peergroup und Mobbingverhalten nachweisen. Das bedeutet, dass die verstärkte Aufmerksamkeit von Zuschauern eine wesentliche Rolle bei der Ermutigung des Täters zum Fortführen seines Verhaltens spielt (Riebel 2008, 27f.; Willard 2007, 44).

1.3 Folgen für das Opfer

Traditionelles Mobbing kann zahlreiche soziale, gesundheitliche und psychische Auswirkungen auf das Opfer haben, die kurz-, mittel- oder längerfristig andauern können. Es lässt sich zwischen emotionalen und seelischen Auswirkungen auf die Opfer und Folgen für das Verhalten der Opfer unterscheiden. Zu den häufigsten kurzfristigen emotionalen und seelischen Konsequenzen zählen Einsamkeit, negative Gefühle wie Selbstmitleid, persönliche Abwertung, Selbstschuld sowie depressive Gefühle. Allerdings müssen Depressionen, übermäßige Introvertiertheit und Ängstlichkeit nicht zwangsweise Folgen des Mobbings sein, sondern können die Wahrscheinlichkeit erhöhen, überhaupt Opfer von Mobbing zu werden. Folgeerscheinungen des Mobbings bilden nicht selten die Grundlage für erneute Mobbingattacken, da ein unsicheres Auftreten die Aufmerksamkeit anderer Täter auf die Opfer lenken kann (Scheithauer et al. 2003, 65; Rigby 2008, 47). Außerdem sind Konzentrationsschwierigkeiten und Unausgeglichenheit häufige Folgen. Zu den kurzfristigen Konsequenzen für das Verhalten gehören oft Schulverweigerung, fehlende Anteilnahme und sozialer Rückzug. Natürlich reagieren alle Opfer individuell auf ihre Viktimisierung, es lassen sich dennoch geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen. So reagieren Mädchen häufiger mit Gefühlen wie Angst, Trauer, Scham und zeigen hilfloses Verhalten, während Jungen Viktimisierung eher mit Wut und Gegenangriffen begegnen (Rigby 2008, 178f.).

Scheithauer et al. (2003) fassen die Ergebnisse zu Untersuchungen über mittel- und längerfristige Folgen für die Opfer zusammen. Sie nennen als häufig auftretende emotionale Auswirkungen ein geringes Selbstwertgefühl, Mutlosigkeit, erhöhte Depressions- und Angstsymptome. Betroffene entwickeln oftmals ein negatives Selbstkonzept und empfinden sich als wenig attraktiv. Darüber hinaus können soziale Anpassungsprobleme, Beziehungsprobleme, z.B. Probleme eine Beziehung zu initiieren, auftreten. Dazu kommen teilweise psychosomatische Probleme wie Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen. Letztendlich können sogar Suizidgedanken und -versuche die Folge von Mobbing sein. Olweus (2000, 17) stellte in einer Langzeitstudie fest, das frühere Mobbingopfer im jungen Erwachsenenalter mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit depressiv waren und ein niedrigeres Selbstwertgefühl aufwiesen als Personen ohne Viktimisierungserfahrungen[7]. Dies zeigt wie sehr Mobbing das spätere Leben der Opfer beeinflussen kann, selbst wenn die Attacken bereits Jahre zurück liegen (Rigby 2008, 47f.; Scheithauer et al. 2003, 64ff.; Wachs 2009, 76ff.).

1.4 Zusammenfassung

Unter traditionellem Mobbing werden wiederholte, über einen längeren Zeitraum andauernde Angriffe verstanden, denen das Opfer hilflos gegenüber steht und bei denen eine verletzende Absicht sowie ein Kräfteungleichgewicht zu Gunsten des Täters gegeben sind. Die Beteiligten lassen sich nach bestimmten Merkmalen charakterisieren. Während Täter eher eine positive Einstellung gegenüber Gewalt haben und eher auffällig sind, ist das typische Opfer eher zurückhaltend und unsicher. Es gibt viele Fälle von Jugendlichen die sowohl Täter als auch Opfer sind. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielen Zuschauer, die durch ihr Verhalten den Mobbingprozess beeinflussen. Mobbing kann zahlreiche negative psychische, physische und soziale Auswirkungen auf das Opfer haben, die kurz- oder längerfristiger Natur sind.

Nachdem nun einführend auf traditionelles Mobbing eingegangen wurde um die Grundlagen für ein Verständnis des Phänomens Cyber-Mobbing zu schaffen, befasst sich das nächste Kapitel mit dem Cyberspace um weitere Grundlagen und Voraussetzungen zu erläutern.

2. Cyberspace

Der Begriff Cyberspace[8] ist ein aus dem griechischen Begriff Kybernetike (Kunst des Steuermanns) und dem englischen Begriff space (Raum, Weltraum) abgeleitetes Kunstwort, das für den virtuellen, computergenerierten Raum steht. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird „die Metapher des Cyberspace bzw. die Vorsilbe Cyber- (…) verwendet wie das Attribut virtuell und soll die Nutzung und die Bedeutung des Internet im Zusammenhang mit einem bestimmten sozialen Phänomen unterstreichen“ (Döring 2003, 48).

Cyber-Mobbing findet im virtuellen Raum statt. Das Internet bzw. dessen Nutzung spielt also eine wesentliche Rolle bei dessen Umsetzung; der Begriff schließt auch den Gebrauch von Handys mit ein. Um das Phänomen Cyber-Mobbing zu verstehen, ist es aber zuallererst notwendig die Grundlagen zu erfassen, die dieses überhaupt ermöglichen. Daher soll im folgenden Kapitel auf Computervermittelte bzw. Online-Kommunikation eingegangen werden, wobei die spezifischen Merkmale von Online-Kommunikation im Vergleich zu Face-to-Face-Kommunikation sowie Theorien und Modelle computervermittelter Kommunikation, betrachtet werden. Anschließend wird ein Überblick über die verschiedenen Dienste und Anwendungen des Internets und deren Nutzung durch Jugendliche gegeben.

2.1 Online-Kommunikation

2.1.1 Definition

In dieser Arbeit werden unter computervermittelter Kommunikation „alle kommunikativen, d.h. sozialen Austauschprozesse verstanden, die durch einen Computer als vermittelndes technisches Medium stattfinden, bzw. jede Kommunikation, "bei der auf Seiten des Senders und des Empfängers einer Botschaft ein Computer zur En- und Dekodierung der Nachricht zum Einsatz kommt“ (Misoch 2006, 37). Um mit Hilfe von Computern miteinander kommunizieren zu können, ist es nötig diese zu vernetzen, meist geschieht dies über das Internet, welches das größte Computernetzwerk weltweit ist.

Online-Kommunikation kann sowohl synchron als auch asynchron stattfinden. Ersteres bedeutet, dass die Kommunikation ohne Zeitverzögerung erfolgt. Hierfür ist es notwendig, dass mindestens zwei Personen gleichzeitig online sind, die sich, ähnlich wie bei einem Face-to-Face-Gespräch, trotz realer örtlicher Distanz, im virtuellen Raum austauschen. Durch die schnelle Reaktion der Beteiligten entsteht, trotz anderer fehlender Sinnesreize, eine gesprächsnahe, lebendige Atmosphäre, die je schneller der Austausch, desto intensiver empfunden wird. Synchrone Kommunikation findet im Internet entweder interpersonal (z.B. über Instant Messaging) oder gruppenbezogen (öffentlicher Chatroom) statt.

Bei asynchroner Kommunikation hingegen, handelt es sich um eine zeitlich versetzte Form der Online-Kommunikation, dies bedeutet, es ist nicht notwendig zeitgleich online zu sein. Der Sender verschickt seine Botschaft zu einem anderen Zeitpunkt als sie der Adressat empfängt, somit besteht kein permanenter Kommunikationsfluss. Im Grunde handelt es sich um die elektronische Variante herkömmlicher Offline-Kommunikationsformen, z.B. die E-Mail anstelle des konventionellen Briefes. Da die Beteiligten nicht gleichzeitig online sein müssen, besteht eine vollkommene Zeit- und Ortsunabhängigkeit, in der ein großer Vorteil dieser Art von Kommunikation liegt. Wenn die Reaktionszeit der Kommunikationspartner relativ kurz ist, kann sich ein asynchroner Austausch sehr an synchrone Kommunikation annähern. Asynchrone Online-Kommunikation kann interpersonal (E-Mail), als Gruppenkommunikation (Mailinglisten) oder als Massenkommunikation (Webseite) stattfinden.

Außerdem kann auch zwischen verschiedenen Kommunikationstypen bzw. können die Kommunikationssituationen nach der Reichweite/Sender-Empfänger-Struktur differenziert werden. Es lassen sich Individuelle Kommunikation (one-to-one), Gruppenkommunikation (many-to-many) und Uni- oder Massenkommunikation (one-to-many) unterscheiden. Erstere umfasst alle Kommunikationssituationen, die zwischen zwei oder mehreren Personen mit hauptsächlich dyadischer Kommunikationsstruktur stattfinden. Man bezeichnet dieses Prinzip auch als interpersonale Kommunikation. Gruppenkommunikation beinhaltet alle Prozesse, bei denen sich mehrere Personen gleichzeitig miteinander austauschen. Unter Massenkommunikation versteht man, dass eine Person mit ihrer Botschaft mehrere andere Personen erreichen kann (Kielholz 2008, 12f.; Misoch 2006, 37 u. 54f.)

Tabelle 1: Erscheinungsformen der Online-Kommunikation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Kielholz 2008, 13; Misoch 2006, 56

2.1.2 Merkmale

Im Vergleich zu Face-to-Face-Kommunikation lassen sich bei Online-Kommunikation fünf Merkmale feststellen, in denen sich beide Formen wesentlich unterscheiden. Die erste Besonderheit bei Online-Kommunikation ist die Entkörperlichung. Im Gegensatz zur Face-to-Face-Kommunikation werden nur die rein inhaltlichen, sprachlichen Signale übermittelt. Nonverbale Zeichen wie Gestik, Mimik, Körperhaltung, Blick etc. können nicht direkt vermittelt, sondern müssen textualisiert werden, um sie für den Empfänger „sichtbar“ zu machen. Häufig verwendet werden sog. Emoticons, bei denen es sich um bestimmte Zeichenfolgen handelt, die einen Smiley nachbilden und die bestimmte Gefühlszustände oder Stimmungen veranschaulichen sollen, z.B. ;-) für zwinkern oder :-O für Erstaunen. Unbewusste Körperzeichen (z.B. schwitzen, rot werden) können daher nicht vermittelt werden. Soziale Merkmale wie Alter, Status, Kleidung, die normalerweise die Kommunikation beeinflussen können, fallen weg. Dazu kommt das Fehlen nonverbaler Zeichen, so dass sich die Aufmerksamkeit nicht auf diese richten kann und sich entsprechend auf den Inhalt der Botschaft konzentriert. Des Weiteren ergibt sich aus diesem Merkmal die Möglichkeit der Anonymität und der Pseudonymität. Ein weiteres Kennzeichen von Online-Kommunikation ist die Textualität, die eng mit der Entkörperlichung zusammenhängt. Computervermittelte Kommunikation findet hauptsächlich in schriftlicher Form statt, daher ist die Signalübertragung auf das Auge als Hauptsinnesorgan reduziert. Um Körperzustände wie Körperhaltung, Gefühle, Lautstärke, Geräusche etc. für dieses sichtbar zu machen, müssen sie in Schriftsprache transformiert werden. Die bereits erwähnten Emoticons sind eine Form der Verschriftlichung. Darüber hinaus hat sich eine Schreibweise zur Verschriftlichung von Geräuschen herausgebildet, die sog. Soundwörter, die der Comicsprache ähneln. Einige Beispiele hierfür: „Mhm“, „hmmmm“, „tsssss“. Sie ermöglichen es Geräusche in den Austausch mit einzubringen. Ebenfalls häufig verwendet werden sog. Aktionswörter. Dazu werden entsprechende Körpervorgänge wie Mimik und Gestik von der Verbform abgeleitet und in Sternchen gesetzt oder fett geschrieben, um sie zu kennzeichnen, z.B. *wink*, *staun* oder g (für grinsen). Um den Prozess des Eintippens zu verkürzen und ganze Sätze darzustellen wurden sog. Akronyme entwickelt, die nur aus den groß geschriebenen Anfangsbuchstaben der verwendeten Wörter bestehen, bspw. LOL = laughin out loud; AFK = away from keyboard. Manche Akronyme beziehen sich nicht auf die tatsächliche Schriftweise, sondern auf die Aussprache, z.B. CU = See you; G8 = Good Night. Des Weiteren ist Online-Kommunikation weder räumlich, noch zeitlich gebunden. Man bezeichnet diese Eigenschaft als Entzeitlichung bzw. Enträumlichung. Die Kommunikationspartner können sich an verschiedenen geographischen Orten aufhalten und treffen sich im virtuellen Raum um sich auszutauschen. So ist es möglich in der realen und der virtuellen Welt gleichzeitig zu kommunizieren. Auch die Zeitgebundenheit kann aufgehoben werden, da bei asynchroner Kommunikation das Senden und das Empfangen einer Botschaft zu verschiedenen Zeitpunkten möglich ist. Bei synchroner Kommunikation ist der Austausch zwar an die gleichzeitige Anwesenheit der Beteiligten gebunden, der Inhalt der Gespräche kann jedoch gespeichert und so zeitunabhängig abgerufen und zurückverfolgt werden. Aufgrund dieses Merkmals müssen die Kommunikationspartner nicht physisch anwesend sein und über keinen gemeinsamen Kontext oder bestimmten Handlungshintergrund verfügen. Dieses Kennzeichen der Online-Kommunikation nennt sich Entkontextualisierung. Das letzte Merkmal, die Digitalisierung, bezeichnet die Tatsache, dass jede Online-Kommunikation auf digitalisierten Prozessen beruht. Daraus folgt die Möglichkeit alle digitalen Informationen zu speichern und zu dokumentieren, was wiederum eine einfache Weiterverarbeitung ermöglicht (Misoch 2006, 56ff.).

Tabelle 2: Vergleich Face-to-Face-Kommunikation und Online-Kommunikation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Misoch 2006, 62

2.1.3 Theorien und Modelle

Aus diesen spezifischen Merkmalen der Online-Kommunikation ergeben sich bestimmte Auswirkungen und damit verbundene Problemstellungen, die beachtet werden müssen. So besagt das Digitalisierungsmodell, dass Informationen, unabhängig von der räumlichen Distanz, schnell und kostengünstig an verschiedene Teilnehmerkreise verbreitet werden können. Die Digitalisierung ist somit Grundlage für die bereits beschriebenen Merkmale (Döring 2003, 157). Das Kanalreduktionsmodell geht auf die Gefahr einer möglichen Ent-Emotionalisierung ein, die sich daraus ergibt, dass zum übermitteln einer Botschaft nur die schriftliche Ebene zur Verfügung steht und man somit auf den verbalen Kanal beschränkt ist, während im Face-to-Face-Kontakt auch die nonverbale (Mimik, Gestik) und paraverbale Ebene (Tonfall, spontane Wortwahl) mit einbezogen werden können. Es stehen also mehrere Kanäle zur Verfügung. Daher spricht man bei Computervermittelter Kommunikation von einer Kanalreduktion. Aufgrund dieser wurde befürchtet, dass die psychosoziale Ebene des Austauschs außen vorgelassen würde und es zu einer „Entmenschlichung“ käme. Dies kann jedoch nach mehr als einem Jahrzehnt Online-Erfahrung so nicht bestätigt werden, zudem wird im Internet auf diese Gefahren hingewiesen. Allerdings lässt sich nicht abstreiten, dass sich die Interpretation einer Botschaft durch die Kanalreduktion wesentlich schwieriger gestaltet als im Face-to-Face-Kontakt. Dies führt direkt zur nächsten Problemstellung, dem Interpretationsspielraum, der in der Online-Kommunikation eine wesentliche Rolle spielt. Zunächst verfügt eine Botschaft immer über mehrere Ebenen. Schulz von Thun veranschaulicht dies am „Vier-Ohren-Modell“ (Kommunikationsquadrat), nach welchem eine Aussage immer vier Ebenen beinhaltet. Die Sachebene, bei der die Sachinformation, also Daten, Fakten und der Sachverhalt im Vordergrund stehen. Die Ebene der Selbstkundgabe, da in jeder Aussage ein Teil der Persönlichkeit mit ihren Ansichten, ihrem Rollenverständnis, ihren Gefühlen etc. mitschwingt, auch wenn diese nicht explizit formuliert werden. Außerdem die Appellebene, da man mit einer Botschaft normalerweise nicht nur jemanden erreichen will, sondern auch etwas bewirken und Einfluss nehmen. Dies kann mehr oder weniger offenkundig geschehen. Die letzte Ebene ist die Beziehungsebene, denn mit jeder Kommunikation gibt man mehr oder weniger absichtlich auch gleichzeitig zu verstehen, wie man zu seinem Kommunikationspartner steht und was man von ihm hält. Daher ist der Empfänger gerade für diese Kommunikationsebene sehr sensibel, teilweise auch übersensibel (schulz-von-thun.de, 2004). Demzufolge spielt die Beziehungsebene eine wesentliche Rolle in der Online-Kommunikation. Denn während zur Auslegung einer Situation oder Aussage im „real life“ alle Kanäle hinzugezogen werden, ist dies online nicht möglich. Die direkte Reaktion des Gesprächpartners ist nicht sichtbar und der Interpretationsspielraum ist daher viel größer. Vor allem wenn bereits Konfliktpotenzial besteht, da die Deutung einer Botschaft durch frühere Erfahrungen, schlechte Erwartungen, Misstrauen, Kokurrenzdenken oder Ängste geprägt wird, kann dies zu Problemen führen. Hinzu kommt, dass in der Face-to-Face-Kommunikation die Möglichkeit besteht, Missverständnisse schneller zu beseitigen und so zur richtigen Interpretation beizutragen. Online gestaltet sich dies jedoch viel schwieriger, da es meist länger dauert überhaupt zu erkennen, dass ein Missverständnis vorliegt und man leichter aneinander „vorbeiredet“. Die Internet-Gemeinschaft ist sich dieser Problemstellung jedoch durchaus bewusst und versucht daher z.B. mit Hilfe von Netiquettes[9], die Verhaltensregeln beinhalten und vor Gefahren warnen, Internetnutzern dieses Problem bewusst zu machen und das Konfliktpotenzial zu minimieren. Eine weitere Problemlage ergibt sich aus dem mit der Kanalreduktion verbundenen Informationsverlust und dem Fehlen von Hintergrundwissen. Sog. Filtermodelle beziehen sich darauf. Sie besagen dass durch das Fehlen sozialer und soziodemographischer Merkmale (Geschlecht, Alter, Status etc.), die normalerweise das Verhalten und die Einstellung gegenüber einem Kommunikationspartner beeinflussen, Kontrollmechanismen abgebaut werden und ein enthemmender Effekt entsteht. Verbunden mit dieser Enthemmung ist auch verstärkt auftretendes aggressives oder antisoziales Verhalten im Netz, wie z.B. Cyber-Mobbing. Unter Punkt 3.2 wird noch näher auf den Zusammenhang dieser Merkmale eingegangen (Döring 2003, 153 ff.; Fawzi 2009, 19f.; Kielholz 2008, 14ff.).

2.2 Internet und Handy: Dienste und Anwendungen

In den vorangehenden Punkten wurden die Besonderheiten und Auswirkungen von Online-Kommunikation näher betrachtet. Nun wird auf die einzelnen Dienste und Anwendungen eingegangen, über die Onlinekommunikation möglich ist.

E-Mail

Die E-Mail ist die elektronische Version des traditionellen Briefes. Es handelt sich um ein asynchrones Kommunikationsmedium, welches dem Sender erlaubt Nachrichten oder Dateien an eine oder mehrere Personen zu verschicken. Außerdem können empfangene E-Mails kopiert oder weitergeleitet werden. Nutzer erstellen sich einen privaten E-Mail-Account, vergleichbar mit einer Postadresse, bei einem Anbieter und können empfangene Nachrichten von dessen Mail-Server abrufen. E-Mail-Adressen setzen sich aus den Namen des Nutzers oder einem gewählten Pseudonym, dem Namen des Anbieters und einer Länderkennung zusammen, z.B. karl-mustermann@web.de. Um die Möglichkeit Nachrichten an viele Personen zu versenden zu institutionalisieren, kann man Mailinglisten (E-Mail-Verteiler) einrichten und so alle in der Liste eingetragenen Kontakte unter einer Sammeladresse erreichen. (Misoch 2006, 45; Willard 2007, 21).

Chatroom

Bei Chatrooms[10] handelt es sich um virtuelle Räume, in denen sich Personen treffen können um sich mittels Textnachrichten, Bild- und Tonmaterial auszutauschen, sich miteinander zu unterhalten und zu diskutieren. Es handelt sich um eine synchrone Form der Kommunikation, bei der meist mehrere User beteiligt sind. Es gibt jedoch in vielen Chatrooms die Möglichkeit, einen eigenen „privaten Chatroom“ zu öffnen, in dem man einen Dialog führen kann, der von den anderen Usern nicht eingesehen werden kann. Einzelne themenbezogene Chatrooms nennen sich Channels. Um an einem Chat teilzunehmen, muss der Nutzer zunächst einen sog. Nickname wählen, um sich anzumelden und danach den Bereich des Chats auszuwählen den er „betreten“ will. Die Verwendung von Nicknames ermöglicht es den Usern vollkommen anonym zu agieren, sofern sie nicht persönliche Informationen in ihrem Chatprofil veröffentlichen. Die meisten Chatanbieter legen eine Chatiquette fest, die Verhaltensregeln für den Umgang miteinander im Chat enthält. Die Durchsetzung dieser Verhaltensregeln wird in moderierten Chats durch Moderaten übernommen, die unerwünschtes Verhalten sanktionieren. In unmoderierten Chats sind sie eine freiwillige Richtlinie (Misoch 2006, 47f.; Wachs 2009, 38).

Instant Messaging

Instant Messaging (IM), eine synchrone Kommunikationsform, erlaubt es den Nutzern über bestimmte Anbieter wie ICQ, MSN oder SKYPE, Textnachrichten zu verschicken, Dateien auszutauschen und Buddylisten anzulegen, mit Hilfe derer sie erkennen können, welche ihrer Kontakte gerade online sind. IM kann man mit einer privaten Form des Chats vergleichen, da sie zwischen zwei Personen stattfindet. Mittlerweile enthalten die meisten Instant Messenger Funktionen, die es den Nutzern über Webcams und Mikrophone erlauben Videochats zu führen oder zu telefonieren (Wachs 2009, 35; Willard 2007, 21f.).

Social Networking Communities

Online Communities gründen auf den technischen Entwicklungen des Web 2.0. Dieser Begriff bezieht sich auf die Interaktion zwischen den Internetnutzern und deren aktives Mitgestalten von Inhalten (eigene und fremde Informationen in Form von Text, Bild und Ton). Man bezeichnet diese Inhalte auch als „user generated content“. Online Communities bieten eine Bandbreite an Informationen, Kommunikationsservices und –aktivitäten an. Der Fokus liegt darauf sich selbst darzustellen, neue Bekanntschaften zu machen, sich mit Freunden auszutauschen und in ständigem Kontakt zu stehen, kurz gesagt zu netzwerken. Typische Funktionen die in sozialen Netzwerken angeboten werden sind: die Einrichtung eines persönlichen Profils, eine Kontakt- bzw. Freundesliste, die Integration eines Real Time Messengers, Pinnwände und Gästebücher, die Möglichkeit eigene virtuelle Gruppen zu gründen oder in diesen Mitglied zu werden, Fotos, Videos und Links online zu stellen sowie über den eigenen Status (Befinden, Aufenthaltsort usw.) Auskunft zu geben. Es gibt Communities die sich auf spezielle Interessen spezialisieren (z.B. auf Musik: last.fm), die auf regionalen Aspekten beruhen (z.B. www.lokalisten.de), die bestimmte Zielgruppen ansprechen sollen (z.B. www.studivz.de für Studenten) oder die für alle geöffnet sind (z.B. www.facebook.com) (Ebersbach et al., 79ff.; Wachs 2009, 36f.; Willard 2007, 18.).

Diskussionsforen

Unter einem (Internet-) Forum versteht man einen virtuellen Platz, der dem Austausch und der Archivierung von Gedanken, Meinungen und Erfahrungen dient. Es handelt sich um eine asynchrone Kommunikationsform. Foren beschäftigen sich meist mit einem bestimmten Thema und damit zusammenhängenden Fragen, ähnlichen Themen, Informationen etc. Die User können ein Thema eröffnen oder unter Überpunkten beliebig viele untergeordnete Themen anlegen. Die anderen User haben nun die Möglichkeit darauf zu antworten und können ihre Beiträge (postings) auch im Nachhinein verändern (editieren) und Geschriebenes immer wieder nachlesen. Oft entwickeln sich in Foren lange Diskussionsstränge, die so genannten „threads“. Auch Anbieter von Online Communities integrieren zunehmend Foren in ihr Angebot, meist indem von den Nutzern eigene Gruppen gegründet werden können, in denen man sich zu bestimmten Themen austauscht (Bauer/Kordy 2008, 342, Willard 2007, 22).

Persönliche Webseiten (Homepages)

Private Homepages (home = Zuhause, page = Seite) sind Webseiten, auf denen sich Privatpersonen mittels textueller oder medialer (Fotos, Videos) Selbstdarstellung präsentieren. Profile, die sich Nutzer auf Social Networking Seiten, IM Angeboten oder im Chat erstellen, ähneln einer Art „kleinen privaten Homepage“. Grundsätzlich ist es jedem möglich, eine private Webseite zu erstellen und darauf Inhalte zu veröffentlichen, die nur er bestimmt. Zwar gibt es AGBs, die gefährdende Inhalte etc. verbieten, die Anbieter haben jedoch nicht die Kapazitäten jede neue Homepage und Veröffentlichung zu überprüfen. Dies kann zu Missbrauch und dem Erstellen gefährdender oder andere Personen schädigender Webseiten führen. Viele Jugendliche nutzen Homepages um sich selbst kurz vorzustellen, ihre Hobbies und Interessen zu beschreiben und andere über ihre Aktivitäten zu informieren (Misoch 2006, 51f.; Willard 2007, 20).

[...]


[1] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden bei der Nennung von Personen die männliche Form verwendet, diese schließt jedoch die weibliche Form mit ein.

[2] Die Begriffe (Cyber)bullying und (Cyber-)Mobbing werden in der vorliegenden Arbeit synonym verwendet.

[3] Damit ist die Altersgruppe der 12- 19-Jährigen gemeint, wobei diese Altersgrenze nicht als exakte Eingrenzung, sondern als Anhaltspunkt zu verstehen ist.

[4] Hier ist anzumerken, dass die Übersetzungsschwierigkeiten des Wortes bullying dazu führen, dass verschiedene Studien mit unterschiedlichen Begriffen arbeiten und so zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

[5] Den Begriff verwendete zuerst der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der damit Gruppenangriffe von unterlegenen Tieren bezeichnete, um einen überlegenen Gegner zu verscheuchen.

[6] Einige dieser Schüler können als hyperaktiv charakterisiert werden.

[7] Die Studie wurde nur mit männlichen Personen durchgeführt, die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne weiteres auf Mädchen übertragen.

[8] Der Begriff Cyberspace wurde das erste mal 1984 im Science-Fiction-Roman „Neuromancer“ von Gibson verwendet und steht dort für eine von Computernetzen generierte parallele Welt.

[9] Dieser Begriff ist ein Kunstwort, das sich aus net (Netz) und etiquette (Etikette) zusammensetzt. Er bezeichnet Verhaltensempfehlungen und Anstandsregeln für den Umgang miteinander im Internet. Es gibt verschiedene Netiquetten für unterschiedliche Interneträume, bspw. den Chat (Chatiquette), für Online-Rollenspiele oder für E-Mails.

[10] Abgeleitet vom engl. chat = Geplauder, Gespräch

Details

Seiten
92
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640993925
ISBN (Buch)
9783640995196
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177592
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
Cyber-Mobbing Soziale Arbeit an Schulen. Jugendliche Sozialpädagogische Handlungsansätze

Autor

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Titel: Cyber-Mobbing: Erscheinungsformen, Folgen und sozialpädagogische Handlungsansätze