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Neurasthenie und der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg und das Männerbild im Wandel. Wie sich die Belastungen der Moderne auf den Soldaten auswirkten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 19 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung in den Forschungskontext

3. Entstehung des Begriffs der Nerven
3.1 Das Problem der „Vier-Säfte- Lehre“
3.2 Modernität und Nervosität

4. Der hoch technisierte Krieg und die Zerstörung einer Illusion
4.1 Kriegsalltag an der Front
4.2 Der Krieg und die Neurasthenie

5. Die Feldpost
5.1 Quellenanalyse
5.2 Quellenbeschreibung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Der Weltkrieg, der alles menschliche Elend gehäuft in sich enthält, ist auch ein Krieg der Nerven, mehr Krieg als je ein früherer Krieg. In diesen Nervenkrieg erliegen nur allzu viele. So wie im Frieden der letzten Jahrzehnte der intensive Maschinenbetrieb die Nerven der in ihm Beschäftigten mehr als jemals gefährdete, stö rte und erkranken lie ß , hat auch der ungeheuerlich gesteigerte maschinelle Teil der heutigen Kriegshandlungen schwerste Gefahren und Leiden für die Nerven der Kämpfenden verursacht “ . [ … ] der nervö se Zitterer und Springer in den Stra ß en unserer Städte ist nur ein harmloser Abgesandter der ungeheuren Leidensschar1.

Dieses einleitende Zitat, das von Franz Kafka 1916 verfasst wurde, umschreibt die Leiden der Frontsoldaten des ersten Weltkrieges, die er als Jurist eines Prager Versicherungsunternehmens beobachtete. Im Folgendem habe ich mir die Frage gestellt, wie der Soldat der „Wilhelminischen Ära“ auf die gestiegenen Belastungen der Lebenswelt im Zeichen der Industrialisierung und des ersten Weltkrieges reagierte. Zuvor wird die Entstehungsgeschichte des Begriffs „Nerven“ beleuchtet und ein Eindruck vermittelt, wie der Stellungskrieg den Soldaten die Illusionen eines „schnellen Völkerringens“ raubte. Die erläuternde Beschreibung über den Alltag im Schützengraben soll weiterhin auf die widrigen Umstände hinweisen, unter denen der „Große Krieg“ geführt wurde. Einen Beleg über das, was der Soldat während der Kampfhandlung erfuhr, wird die Analyse eines Feldpostbriefes darstellen und einen einzelnen Aspekt der Kriegserlebnisse isoliert aufzeigen. Da es zwischen der Realität des Krieges und der individuellen Wahrnehmung der Beteiligten erhebliche Unterschiede gab, sowie die Zensur durch Offiziere berücksichtigt werden muss, zeigt der hier verwendete Feldpostbrief nur einen kleinen Ausschnitt der berichteten Ereignisse des Krieges und kann somit [nur] punktuell angewendet werden. Den Abschluss dieser Arbeit bildet das Fazit und in Verbindung damit meine persönliche Meinung zum Thema Neurasthenie und die Wirkung der industriell bedingten Beschleunigung des Alltages sowie des Ersten Weltkrieges auf den Soldaten.

2 Einordnung in den Forschungskontext

Die Geschichte der Nervosität und Neurasthenie blieb bis in die 1990er Jahre ein wenig beachtetes Themenfeld der Wissenschaft.2 Dieses Faktum ist neben der Tatsache, dass zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Fülle an Literatur über Nervenkrankheiten entstanden ist, ebenso erwähnenswert, wie die Bedeutung, welche die Zeitgenossen des Wilhelminischen Deutschland den Nerven zukommen ließen. Sieht man von der Dissertation von Andreas Steiner ab, die er 1964 verfasste, hat Joachim Radkau 1998 die historischen Konturen der Neurasthenie in seinem Buch „Das Zeitalter der Nervosität- Deutschland zwischen Bismarck und Hitler“ erfasst. In seinem Buch konzentriert sich Joachim Radkau auf den sozial- und patientengeschichtlichen Ansatz der Neurasthenie als Krankheitsphänomen, das in ein weit verbreitetes Lebensgefühl diffundierte. Dabei bietet der Bielefelder Joachim Radkau eine umfassende Auseinandersetzung mit den medizinischen, gesellschaftlichen und politischen Facetten des Nervendiskurses im Wilhelminischen Deutschland. Er sieht die „Nervosität“ als ein kulturelles Phänomen, das auf einer breiten emotionalen Grundlage eine eigene Dynamik entwickelte3 und stellt die zentrale, wenngleich provokante Problemstellung, dass die Nervosität zu den Entstehungsbedingungen des „Great War“ zu zählen sei. Neben dieser These bleibt ebenso die Behauptung, dass die Nervosität noch vor dem Ersten Weltkrieg aus der Medizin in den politischen Bereich wechselte, bestehen. So sei der deutsche Imperialismus immer sprunghafter und hektischer geworden, sodass allen voran Kaiser Wilhelm II. die Willensstärke zu demonstrieren versuchte und die Vorwürfe der Nervenschwäche in neurotischer Art im Krieg beseitigen wollte.4 Neben Joachim Radkau, hat auch Volker Roelcke mit seiner Studie „ Krankheit und Kulturkritik im langen 19. Jahrhundert “ sowie Marijke Gijswijt- Hofstra und Roy Porter’s Sammelband „ Cultures of Neurasthnia “ die Geschichte der Neurasthenie dargestellt. Allen Autoren außer Joachim Radkau scheint jedoch die zeitliche Grenze im Jahre 1914 zu liegen, obwohl gerade der Erste Weltkrieg den Durchbruch des psychischen Paradigmas brachte.5

3. Entstehung des Begriffs der Nerven

Bilder aufsteigender Dämpfe und Rauchschwaden (Fumées), verursacht durch ein inneres Feuer das, ähnlich eines Kamins, im Bauche des Körpers brennt und die aufsteigenden Dämpfe (lat.:Vapores, franz.: Vapeurs) durch Brust und Hals in den Kopf steigen, sich dort ansammeln und Schmerzen verursachen. Dieses Konzept der „Dämpfe“ war Ärzten und Laien der Frühen Neuzeit Schlüssel zum Verständnis zahlreicher körperlicher und affektiver Veränderungen und Beschwerden, ehe es im 18. Jahrhundert durch das neue Modell der Nervenkrankheiten abgelöst wurde.6 Die französischen Ärzte sahen sich im 18. Jahrhundert mit einer neuen Krankheit konfrontiert, die epidemisches Ausmaß erreichte, wobei rückblickend im Jahre 1650 dieses Leiden nahezu unbekannt gewesen seien.7 Im Frankreich des Acien Regime machten die Vapeurs eine beispiellose „Karriere“ und so durchzog dieses Krankheitsbild nicht nur die oberen, sondern auch die unteren Gesellschaftsschichten. Charakteristische Symptome waren zunächst Konvulsionen und Krämpfe, die anfänglich und [fast] ausschließlich den Vapeurs zugeordnet wurden. So wurden diese Begriffe nicht nur in den ersten wissenschaf tlichen Abhandlungen über die Krankheit verwendet, sondern gingen ebenso widerstandslos in den alltäglichen Sprachgebrauch ein. In mannigfaltiger Weise berührt und überschnitt sich jedoch die neue Krankheit „Vapeurs“ mit dem überlieferten Krankheitsmodell der Hypochondrie. Dieser Begriff blieb neben den Vapeurs offenbar im deutschsprachigen Raum bedeutsamer als im französischen.8 Hypochondrie verweist ursprünglich auf den mutmaßlichen Ort des Krankheitsgeschehens und bezeichnet dem Wort nach (Hypochondrium) den Bereich unter den menschlichen Rippenbogen. Seit der Antike sind damit der Oberbauch, die Milz, Magen und Leber gemeint. Wie die „Vapeurs“ stand die „Hypochondrie“ damit in enger Beziehung zu Vorstellungen von einer Entstehung flüchtiger Winde und Dünste im Bauchraum und damit einhergehenden Veränderungen von Geist und Gemüt. Sofern der rechte Oberbauch, der Sitz der Milz, und damit der Ort der „schwarzen Galle“ gemeint waren, waren Vapeurs und Hypochondrie ihrerseits wiederum mit der Melancholie verknüpft.

So klagt eine Patientin darüber, dass sie „hypochondrisch und schwarzgallig“ sei und von melancholischen Vapeurs gequält werde.9 Diese Art der Krankheitsbeschreibung wurde in Patientenbriefen, Berichten und Akten festgehalten und verweisen auf einen inflationären Gebrauch dieses Krankheitsbegriffs. Im Neurasthenie-Diskurs wurde die Hypochondrie so zunehmend zu einer Krankheit der Einbildungskraft. Ähnlich der Hypochondrie war die „Hysterie“ ein historischer Vorläufer der Vapeurs und teilte die charakteristischen Symptome. Ursprünglich war sie eng mit der weiblichen Gebärmutter assoziiert und leitet sich vom griechischen „hystera“ für Gebärmutter ab.10 Die Hysterie zählte nach Meinungen [mancher] Ärzte zu den häufigsten Erkrankungen, „von der sich kaum eine Frau frei sprechen könne“.11 Diese Krankheiten wurden damit hauptsächlich als Frauenkrankheiten bezeichnet, da man Nerven mit Muskeln verbunden hat und Frauen prinzipiell weniger (Muskel)- Kraft zugesagte wurde. Solange dieses Bild als Erklärungsversuch galt wurden Frauen schwache Nerven zugesprochen. Ob nun Hysterie, Hypochondrie oder Vapeurs als Diagnose gestellt wurde, beschreiben diese „Begriffe“ ähnliche, wenn nicht dieselben Beschwerden.

3.1 Das Problem der „Vier-Säfte- Lehre“

Weder die Hysterie, Hypochondrie noch die Vapeurs konnten jedoch die blitzartigen Nerven-Reaktionen des Körpers erklären, die im Laufe der Industrialisierung vermehrt dokumentiert wurden. Da sich die Diagnosen der Krankheitsbilder noch an der „Vier-Säfte-Lehre“ orientierte]n und eben diese Säfte Zeit zum Strömen brauchen, konnte mit diesem Wissen der neue Begriff „Nerven“ alle pathologischen Phänomene beschreiben, die zu der Zeit der Mechanisierung und Beschleunigung des 20. Jahrhunderts passten. Seit der Entdeckung der Elektrizität sowie dem Charakter des Blitzes wurde die Nervenspannung jetzt unter elektrischen Gesichtspunkten verstanden. Diese Neuheiten ermöglichten im Laufe der Zeit ein neues Nervengefühl und damit einhergehend eine Wende des Nervendiskurses, der die Reizbarkeit und die „schnellen“ Reaktionen des Körpers in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückten12. Die Reizbarkeit wurde nun unter völlig anderen Geschichtspunkten betrachtet und so nahm man von der Vorstellung, dass gewisse Nervensäfte kanalisiert in den Nerven zirkulieren, Abschied. So wie sich dieser „Vorstellung“ änderte, bekam auch „nervös“ eine neue Bedeutung. Im Jahre 1806, in dem die Enzyklopädie von Krünitz den Buchstaben N erreichte, wurde der Begriff „nervös“ mit „nervig“ und dementsprechend viele, starke Nerven habend, gleichgestellt13. Schon um 1900 wurde „nervös“ völlig anders interpretiert und beschrieb meist das genaue Gegenteil, was noch 1806 in der Enzyklopädie von Krünitz stand.

3.2 Modernität und Nervosität

Die „ Modern Times-Theorie “ , nach der das hektische Leben der Moderne in all seinen Facetten die entscheidende Ursache für die Erschöpfung und Überreizung der Nerven sei, bildet nur eines von vielen Deutungsmustern der Neurastheniedebatte.

[...]


1 Hofer, Hans Georg. Nervenschwäche und Krieg. Wien 2004. S. 239.

2 Hofer, Hans Georg. Nervenschwäche und Krieg. Wien 2004. S. 23.

3 Hofer, Hans Georg. Nervenschwäche und Krieg. Wien 2004. S. 25.

4 Hofer, Hans Georg. Nervenschwäche und Krieg, Wien 2004. S. 26.

5 Hofer, Hans Georg. Nervenschwäche und Krieg. Wien 2004. S. 30.

6 Stolberg, Michael. Homo Patiens- Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit. Köln 2003. S. 229ff.

7 Stolberg, Michael. Homo Patiens- Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit. Köln 2003. S. 229

8 Stolberg, Michael. Homo Patiens- Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit. Köln 2003. S. 230f.

9 Stolberg, Michael. Homo Patiens- Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit. Köln 2003. S.226

10 Stolberg, Michael. Homo Patiens- Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit.Köln 2003. S.226

11 Stolberg, Michael .Homo Patiens- Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit.Köln 2003. S. 227

12 Radkau, Joachim. Das Zeitalter der Nervosität, München 1998. S. 29.

13 Radkau, Joachim. Das Zeitalter der Nervosität, München 1998. S. 29.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640992188
ISBN (Buch)
9783640992164
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177491
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2.3
Schlagworte
Erster Weltkrieg Männerbild Im Wandel Neurasthenie Great War Nerven Nervenschwäche Kafka Soldat technisierter Krieg Stellungskrieg vier säfte lehre

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Titel: Neurasthenie und der Erste Weltkrieg