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Propaganda im Nationalsozialismus. Inszenierung und Symbolik

Seminararbeit 2010 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserläuterungen

3. Propaganda im Nationalsozialismus
3.1. NS-Ideologie als Basis der Propaganda
3.2. Der Propaganda-Apparat: Das RMVP
3.3. Symbolik und sprachliche Besonderheiten
3.4. Inszenierung im Nationalsozialismus

4. Conclusio

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jede Menge braune Propaganda. Der blasse Hitler und sein Gefolge erfanden den modernen charismatischen Führer“[1], schreibt Gregor Schöllgen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31. Mai 2010. Der Journalist bezieht sich in dem Artikel auf ein soeben erschienenes Buch des Historikers Ludolf Herbst, der die erstaunlich langlebige, im Prinzip bis heute konservierte „kollektive Geschichte“ von Hitlers Ausstrahlung als Referenzpunkt und Ursprung der NS-Erfolge entmythisiert beziehungsweise von einer anderen Sichtweise aufrollt. So wie der National- sozialismus nicht eine Bewegung gewesen ist, die von heute auf morgen wie aus dem Nichts geboren wurde und mit völlig neuen Ideen aufwartete, muss laut Herbst dieser Grundgedanke der prozesshaften Entwicklung auch auf das Instrumentarium der Propaganda übertragen werden: Innerhalb der NSDAP gab es mehrere Auffassungen über den richtigen Weg zum Erfolg; im Endeffekt setzte sich Hitlers als „Glaubensgemeinschaft“ angelegtes, charismatisches Führerprinzip-Konzept durch. Die Legende vom „deutschen Messias“, so Herbst, wurde sukzessive aufgebaut - dem ursprünglich blassen, unsicheren Hitler wurde eine geeignete Rolle, den Erwartungen der Masse entsprechend, unter Verwendung der Möglichkeiten der Zeit (Stichworte: Reklame, neue Medien) maßgeschneidert.[2]

Die Autorin der hier vorliegenden Seminararbeit hat einen wissenschaftlichen Hintergrund aus zwei Disziplinen, nämlich der Politikwissenschaft sowie der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Public Relations. Insofern bietet sich gerade NS-Propaganda als hervorragend geeignetes Schnittpunkt-Thema an, um aus beiden Gegenständen spannende Beiträge (aus der jeweiligen Perspektive) herauszufiltern und diese zur gegenseitigen Ergänzung miteinander in Verbindung zu setzen. Der Zusammenhang ist offensichtlich: Propaganda ist - verallgemeinernd und grob gesprochen - ein Tool, um politische Ziele und Vorgaben umsetzen zu können - die Umsetzung erfolgt mit den Mitteln einer strategisch eingesetzten Kommunikation.

Thema dieser Arbeit ist der äußerst komplexe, vielschichtige Gegenstand der Propaganda. Dieser ist eingebettet in ein ebenso komplexes Thema, den Nationalsozialismus. Insofern muss hier Mut zur Lücke gezeigt werden: Im Sinne der Autorin war es, den Gegenstand so kompakt und überblicksartig wie möglich darzustellen und als Ausgangspunkt und Basis für einen nächsten Schritt, der tiefergehenden Beschäftigung mit dem Gegenstand, zu ermöglichen. Dabei wurden die „Grundfeste“, aus der sich die NS-Propaganda entwickelte, betrachtet: Welche Basis, welche geistigen Vorläufer liegen ihr zugrunde? Wie war sie organisiert? Welche Kernelemente zählten laut NS-Apparat (dem Propagandaministerium) zur Propaganda, welche Aufgaben leiteten sich daraus ab? Nach diesem allgemeinen Zugang zum Themenbereich wurde die tatsächliche Umsetzung der Propaganda fokussiert, die sich vor allem in Inszenierungen, der Verwendung von bedeutungs-behafteten Symbolen und sprachlichen Charakteristika konkretisierte. Wie in dem einleitenden Querverweis auf Ludolf Herbst gezeigt, wird auch in dieser Arbeit das Prozesshafte der NS- Bewegung und der Propaganda betont. Geschehnisse und Entwicklungen passieren nicht unabhängig, sondern eingebettet an die Erfordernisse der jeweiligen Zeitabschnitte. Propaganda vor 1933 wurde anders umgesetzt (und hatte andere Schwerpunkte) als Propaganda nach 1933. Auf diese Besonderheiten wird in der Arbeit ebenfalls eingegangen. Vor 1933 wollte die NSDAP noch ganz andere Bezugsgruppen für sich gewinnen - nach der Machtübernahme und „Gleichschaltung“ in allen Lebensbereichen wurden auch die konkreten Maßnahmen entsprechend adaptiert, Nach dem nun folgenden Kapitel 2, in dem zentrale Begriffe erläutert werden, soll in 3.1. die NS-Ideologie, die inhaltliche Basis für Propaganda-Aktivitäten, erläutert werden. Hierbei werden Grundpfeiler des nationalsozialistischen Denkens sowie ihre geistigen Vorläufer besprochen. Die institutionelle Basis des Gegenstandes, das RMVP (Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda), steht im darauf folgenden Kapitel 3.2. im Mittelpunkt. Die konkrete Umsetzung der Propaganda und ihre Kernelemente werden in 3.3. und 3.4. beschrieben: Symbolik, sprachliche Besonderheiten sowie Inszenierung werden hierbei fokussiert. Im abschließenden Punkt 4 (Conclusio) folgt eine Rückführung zum Ausgangspunkt und werden die wesentlichen Punkte zusammengefasst.

2. Begriffserläuterungen

Um den zentralen Begriff der Propaganda definieren zu können, muss auf die Forschungsdisziplin der Public Relations zurückgegriffen werden. Die Arbeits-definition für die vorliegende Arbeit wurde aus dem Differenzierungsmodell von Merten entnommen, welche eine Begriffserläuterung anhand der Abgrenzung zu Werbung und PR festmacht. Im Sinne von Merten ist die grundlegende Struktur der Propaganda darin zu sehen, dass eine „bestimmte Idee oder ganz bestimmtes Handeln [...] mit Ausschließlichkeitscharakter als einzig richtig propagiert [werden], womit dem Rezipienten jede Freiheit eigener Entscheidung entzogen wird“[3], Propaganda unterscheidet sich von der modernen Definition von PR vor allem „in der kommunikativen Absicht und Ethik ihrer Durchführung“[4] - Polarisierung und Radikalisierung sind Elemente der Propaganda, nicht aber jener der PR.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Differenzierungsmodell von Merten[5]

Der Nationalsozialismus wird als „eine politische Bewegung [definiert], die in Deutschland in den Krisen nach dem Ersten Weltkrieg entstand, 1933 die Weimarer Demokratie beendete und eine Diktatur (das sog. Dritte Reich) errichtete. Der N. verfolgte extrem nationalistische, antisemitische, rassistische und imperialistische Ziele“[6]. Die fundamentalen Pfeiler des NS-Denkens werden in Kapitel 3.1. der vorliegenden Arbeit beschrieben.

NS-Propaganda definiert Gerhard Paul als „theatralisch-ästhetische Inszenierung einer emotionsmächtigen Scheinwelt“[7], deren Verbreitung mit Mitteln und Wegen der Propaganda stattfindet, mit dem Ziel, die Bevölkerung zielgerichtet zu manipulieren. Persuasion (Überredung) stellt demnach das Kernelement der NS-Propaganda dar.

3. Propaganda im Nationalsozialismus

3.1. NS-Ideologie als Basis der Propaganda

Propaganda wurde - mit den jeweiligen zur Verfügung stehenden Mitteln der Zeit - eingesetzt, um die NS-Ideologie in geeigneter Weise zu verbreiten. Unumgänglich ist es daher, zunächst einen Blick auf dieses Fundament, das den Referenzpunkt für die Propaganda lieferte, zu werfen: Welche Ideen, welche Ideologien sollten überhaupt verbreitet werden, was waren also die Inhalte, die über die Propaganda an das Volk übermittelt werden sollten? Welche „Rollen“ wurden demnach kreiert, wer galt als „Held“, wer wurde als „Anti-Held“ festgesetzt, wie ist die nationalsozialistische „Basisgeschichte“ zu beschreiben?

Grundsätzlich muss festgehalten werden: Die NS-Ideologie war kein neuartiges, innovatives Ideen-Konzept. Wer sich die europäische Geschichte etwa ab der späten Neuzeit ansieht, wird schnell erkennen: Im sogenannten langen 19. Jahrhundert hatten sich bereits nationalistische, zunehmend antisemitische und rassistische Vorstellungen kumuliert, die in der NS-Bewegung schließlich zu ihrer jeweils extremsten Ausprägung fanden.[8] Die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg lieferten die wesentlichen Ankerpunkte, auf die sich der verletzte Stolz der Verlierermächte Österreich und Deutschland bezogen. Das Schrumpfen auf einen kleinen Kern, die nunmehrige Republik Österreich, der damit einhergehende Bedeutungsverlust, schürte Ängste der österreichischen Bevölkerung, als kleines Land nicht mehr überlebensfähig zu sein. Weltwirtschaftskrise, hohe Arbeitslosigkeit und Zukunftsängste waren wesentliche Elemente des äußeren Rahmens dieser Epoche[9]. Die noch junge Republik hatte ihre Schwierigkeiten, mit den Freiheiten einer Demokratie konstruktiv umzugehen - das Führerprinzip (Kaiser) war noch tief in den Köpfen der Menschen verankert. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der alte Reichsnationalismus (monarchistisch, rückwärtsgewandt, antisozialistisch) zunehmend zu einer „moderneren“ Variante, dem neuen Rassennationalismus (statt der Person des Kaisers eine Führerpersönlichkeit aus dem Volk; rassistische, sozialdarwinistische Denkbasis). Beide Strömungen forderten die Revision der als ungerecht empfundenen Friedensverträge aus den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg - dies war auch ein zentraler Bestandteil des NSDAP-Forderungskatalogs.

Eingebettet in diesen historischen Kontext entwickelte sich die NSDAP. Zwei Grundsatzdokumente geben Auskunft über die wesentlichen Pfeiler des nationalsozialistischen Denkens: Hitlers Mein Kampf sowie das 25-Punkte-Programm, das am 24. Februar 1920 im Münchner Hofbräuhaus verkündet wurde (und gleichzeitig das Gründungsdatum der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei/NSDAP markierte - in Abgrenzung zur vormaligen Bezeichnung Deutsche Arbeiterpartei/DAP). Hier eine kurze, überblicksartige Zusammenstellung der wesentlichen Basispunkte des NSDAP-Gedankenguts (welche die Inhalte der NS-Geschichte darstellen)[10]: (1) Führer- prinzip und Hierarchie (kein Mitspracherecht, hierarchische Unterwerfung), (2) Expansionistischer Nationalismus (Lebensraumkonzept[11], nationalistische Blut-und- Boden-Ideologie mit der Überzeugung, „dass ein gesunder Staat im eigenen Volk (Blut) und im eigenen Boden seinen Schwerpunkt haben muss“[12] und Zusammenschluss aller Deutschen zu Großdeutschland, (2) Rassen-Antisemitismus und damit einhergehend Eugenik („Rassenhygiene“), Sozialdarwinismus (als Verdrehung und Missbrauch der wissenschaftlichen Theorien Darwins) und Förderung der Fruchtbarkeit der sogenannten „gesunden Träger des guten Blutes“ (gemeint waren deutsche „Arier“[13] (3) fundamental antichristliches Gedankengut, Ablehnung von Basis-Werten des Christentums wie Mitgefühl (in der anfänglichen Propaganda-Phase, vor der Machtübernahme der NSDAP, wurden hier noch „Zugeständnisse“ gemacht, um auch katholische Skeptiker zielgerecht ansprechen zu können), (4) Ablehnung der Konzepte der Demokratie, des Pluralismus und des Parlamentarismus, (5) Antikapitalismus (auch hier mussten vor 1933 noch „Zugeständnisse“ gemacht werden, um nationalkonservative Eliten nicht abzuschrecken - als „Lösung“ wurde die Unterscheidung zwischen dem als negativ bewerteten „raffenden Kapital“ (auf Zinserträgen basierend, dahinter stand laut NSDAP „das internationale Börsen- und Finanzjudentum“[14] und dem als positiv bewerteten, (von „Ariern“) produzierenden „schaffenden Kapital“.

[...]


[1] Schöllgen, Gregor: Jede Menge braune Propaganda.In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. 05.2010.

[2] Vgl. Ebda.

[3] Kunczik, Michael: Public Relations. Konzepte und Theorien. Köln, Weimar, Wien2002 [4], S. 34.

[4] Ebda, S. 35.

[5] Abb. modif. übernommen aus: Merten, Klaus (1999), Einführung in die Kommunikations-wissenschaft. Band 1: Grundlagen. Münster, Hamburg 1999, zit. in: Kunczik, Michael: Public Relations. Konzepte und Theorien. Köln, Weimar, Wien 2002 [4], S. 34.

[6] Schubert, Klaus/ Klein, Martina: Das Politiklexikon. Bonn 2006 [4]

[7] Paul, Gerhard: Aufstand der Bilder. Die NS Propaganda vor 1933. Bonn 1990, S. 18.

[8] Vgl. zum Beispiel: Vocelka, Karl: Geschichte der Neuzeit 1500-1789. Wien, Köln, Weimar 2009 sowie Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus. München 2004 [2].

[9] Vgl. weiterführend Vocelka, Karl: Geschichte Österreichs. Kultur, Gesellschaft, Politik. Graz, Wien, Köln 2000.

[10] Vgl. für diese Übersicht: Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Wien, Köln, Weimar 2008, S. 109-114.

[11] Ein an anderer Stelle genannter, an dieser Stelle wegen der Relevanz wiederholter Hinweis: Alle Grundgedanken finden sich ihre Ursprünge im Gedankengut des 19. Jahrhunderts. Das Lebensraum- konzept etwa lässt sich auf deutsche Siedlungsphantasien des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen und gelangte über Rudolf Heß, einem Schüler des Geopolitikers Karl Haushofer, in der „wissenschaftlichen“ Form zu Hitler.

[12] Meyers-Lexikon, 1936, zit. in: Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Wien, Köln, Weimar 2008, S. 113.

[13] Vgl. Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Wien, Köln, Weimar 2008, S. 109f.: „Fest verankert war die Zwangsvorstellung, die Deutschen würden einer germanisch-nordischen Herrenrasse (Arier) angehören. Nach der nationalsozialistischen Rassenlehre stand der Ausdruck «arisch» für die »Gesamtheit der im deutschen Volke unter dem bestimmenden Einfluss der Nordischen Rasse vereinigten eigenrassischen Bestandteile«“.

[14] Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Wien, Köln, Weimar 2008, S. 112.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640989836
ISBN (Buch)
9783640990221
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177356
Institution / Hochschule
Universität Wien – Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Politikwissenschaft; Propaganda; NS-Propaganda; Goebbels;

Autor

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