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Der Kampf um die Macht der Figuren Julie und Jean in Strindbergs "Fräulein Julie"

Eine naturalistische Untersuchung

Seminararbeit 2010 10 Seiten

Literaturwissenschaft - Skandinavien und Island

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Naturalismus in Skandinavien

2. Naturalistische Aspekte in dem Vorwort zu „Fröken Julie“
2.1. Der Machtkampf zwischen Julie und Jean

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Es ist nicht unerheblich, dass August Strindberg für das Théâtre Libre von André Antoine in Kopenhagen tätig war. Die Bezeichnung „le naturalisme au théâtre“1 zeigt, dass sich dieses Theater dem Naturalismus verschrieben hatte. Dessen Wirken zwischen den Jahren 1888 und 1889 wird als „Skandinaviska Försöksteatern“2 beschrieben. Dieses prägte nicht nur Strindbergs Lebensweg, sondern ebenso seine literarischen Werke. Gerade Strindbergs Drama „Fröken Julie“ umschreibt den Versuch, die Formen des Theaters und dessen Ausgestaltung in die naturalistische Richtung zu erneuern. Von Literaturwissenschaftlern wird dieses Werk dem „lsthetischen Naturalismus“3 zugeordnet. „Fröken Julie“ gehört zu einem der meist gespielten Theaterstücke, und wurde sogar verfilmt.

Im Modernen Durchbruch erhält besonders die Rolle der Frau Aufmerksamkeit. Insbesondere dadurch, dass sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft verändert, gerät sie in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Diskurse. Dabei wird vorwiegend auf die Sexualmoral, die Anklang in der Sittlichkeitsdebatte findet, eingegangen. Strindberg widmet sich in seinen Werken vor allem dem entstehenden Kampf der Geschlechter, und dem resultierenden Machtverlust des Mannes durch die Frau. Diesen Aspekt greift Strindberg auch in seinem Drama „Fröken Julie“ auf.

In dieser Arbeit werde ich nachweisen, dass das Drama „Fröken Julie“ in den Naturalismus eingeordnet werden kann. Dabei gehe ich zuerst im Allgemeinen auf die Strömung des Naturalismus in Skandinavien ein. Der folgende Abschnitt stellt die naturalistischen Kriterien aus Strindbergs Vorwort zu „Fröken Julie“ dar, die anhand des Dramas gefestigt werden. Zuletzt widme ich mich dem Kampf der Geschlechter um die Macht. Ziel dieser Arbeit ist es, die naturalistischen Aspekte nachzuweisen, aber auch Aspekte, welche nicht dieser Strömung entsprechen, aufzuzeigen.

1. Der Naturalismus in Skandinavien

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Forderungen nach Verän- derungen im kulturellen und sozialen Sektor in Skandinavien laut. Die führende Persönlichkeit dieser Bewegung war Georg Brandes, der auch den Namen der Epoche >>Det moderna genombrottet<<4 (Der moderne Durchbruch) formte. In jener Zeit erreichte die französische Strömung des Naturalismus die skandinavischen Schriftsteller. Der französische Schriftsteller Zola, der sich selbst als Naturalist bezeichnete, setzte sich für die naturgetreue Abbildung der Wirklichkeit ein. Dabei verzichtet der Verfasser auf die stilistische Verklärung und die Deutung der Realität. Als Ideal gilt die exakte naturwissenschaftliche Darstellung der empirischen Wirklichkeit. Zudem prägt der kausale Determinismus den Naturalismus. Das heißt, dass zu jedem Zeitpunkt Bedingungen existieren, die den Verlauf zukünftiger Ereignisse bestimmen. Diesen Aspekt unterstützen die Theorien von Hippolyte Taine, auf die sich die Naturalisten berufen. In denen erklärt der Philosoph, dass das Schicksal und der Charakter eines Menschen durch drei Faktoren bestimmt sind: die psychische Vererbung, die historische Zeit und das soziale Milieu. Die Thematik der Vererbung greift auch Charles Darwin mit seiner Entwicklungslehre der Arten, die er in seinem Buch „The Origin of Species 1851“5 veröffentlichte, auf und gab damit den bedeutendsten naturwissenschaftlichen Impuls. In diesem wird der Mensch als biologisches Wesen deklariert, das den Gesetzen der Natur unterliegt. Dieser Aspekt veranlasste die Naturalisten sich von Gott loszusagen. Der Charakter des Menschen, der im Mittelpunkt jedes sozialen Dramas steht, ist folglich durch Vererbung und Milieu determiniert. Er stellt einen Außenseiter in der Gesellschaft dar und ruft dadurch beim Leser bzw. Zuschauer ein soziales Mitgefühl hervor. Die Handlung des Stücks, die auf gering agierende Figuren und auf einen begrenzten Raum zugeschnitten ist, wird detailliert durch Regieanweisungen gelenkt.

2. Naturalistische Aspekte in dem Vorwort zu „Fröken Julie“

In seinem Vorwort zu „Fröken Julie“ erkllrt August Strindberg, dass er die Form des Dramas hinsichtlich naturalistischer Aspekte erneuert. Diese gilt es nun im Folgenden aufzuzeigen.

In diesem Drama werden die Ereignisse einer Mittsommernacht geschildert. Diese stellen im naturalistischen Sinne eine reale Situation aus dem Leben der Grafentochter Julie und des Bediensteten Jean dar. Um die Ursache für das Zustandekommen dieser Ereignisse zu ermitteln, geht Strindberg näher auf die Beschaffenheit dieser beiden Hauptfiguren ein. Dabei verwendet er nicht den Begriff Charakter, dessen Bedeutung ihm zu mannigfaltig ist, sondern verwendet den Ausdruck Seelen. „Mina sjllar (karaktlrer) lro konglomerater av förgångna kulturgrader och pågående, bitar ur böcker och tidningar, stycken av mlnskor, […]“6 [Meine Seelen (Charaktere) sind Konglomerate von vergangenen Kulturgraden und Brocken der angehenden Zeit, welche aus Büchern und Zeitungen entlehnt sind, Stücke von Menschen]. Folglich erklärt Strindberg, dass seine Neuerung darin bestehe, dass eine Vielzahl von Motiven den Menschen zu einer Handlung bewegen. Demnach lasse sich das Wesen des Menschen nicht auf ein Attribut reduzieren, und ist als Seelenkomplex zu verstehen. Die Seelen der Hauptfiguren sind „mer vacklande“7 (schwankender) und „mer brådskande hysterisk“8 (mehr eilig hysterisch) vom Verfasser gezeichnet, da sie in einer Zeit des Umbruchs leben. Die Ursache für die figurale Handlung sieht Strindberg in der Vererbung und dem Milieu, welche die Seele und das Schicksal der Hauptfiguren bedingen. Präsent zeigt sich die psychische Entwicklung von Fräulein Julies Seele im Drama, welche gleichzeitig das zentrale Motiv bildet, indem der Verfasser die Geschichte der Grafentochter allmählich aufdeckt. Zum einem nimmt das mütterliche Erbgut und zum anderen die elterliche Erziehung darauf Einfluss. Julies Mutter, die aus einfachen Verhältnissen stammte, ließ ihre Tochter als „naturbarn“9 (Naturkind) aufwachsen. Sie erzog ihre Tochter nach den neuen „llror om jlmlikhet, kvinnans frihet“10

[...]


1 Vgl. Sabzevari, Hanif: Varför tiger du?. Expositionen i sju enaktare av August Strindberg. Västerås 2008, S. 27.

2 ebd.

3 Vgl. Astroh, Michael: Strindbergs theatralischer Naturalismus. In: Ders.: Baumgartner, Walter / Fechner-Smarsly, Thomas: August Strindberg. Die Dichter und die Medien. München 2003, S. 157.

4 Vgl. Hägg, Göran: Naturalism och symbolism på svenska 1870 till 1914. In: Ders.: Den svenska litteratur-historien, S. 302.

5 Vgl. S. 303.

6 Vgl. Strindberg, August: Fröken Julie. In: Ders.: Samlade Skrifter av August Strindberg. Naturalistiska Sorgespel. Tjugotredje Delen, S. 104.

7 Vgl. S. 104.

8 ebd.

9 Vgl. S. 157.

10 Vgl. S. 159.

Details

Seiten
10
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640989249
ISBN (Buch)
9783640989492
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177343
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Nordisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
kampf macht figuren julie jean strindbergs fräulein untersuchung Naturalismus

Autor

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Titel: Der Kampf um die Macht der Figuren Julie und Jean in Strindbergs "Fräulein Julie"