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Visionär der Gewalt-Elemente totalitärer Herrschaft in Roberto Arlts Roman "Die sieben Irren"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 21 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Geheimbündelei und Esoterik-Symptome ihrer Zeit

3) Der Astrologe als charismatischer Herrscher

4) Der Einfluss nietzscheanischer Elemente

5) Die Faszination der Gewalt

6) Fazit

„Wer die richtige Lüge für die Menge findet, wird König der Welt sein.“[1]

1) Einleitung

Roberto Arlts Roman Die sieben Irren aus dem Jahre 1929 vermag noch heute seine Leser zu fesseln. Angesichts der langen Zeit, die seit damals vergangen ist und der Tatsache, dass das Buch ein Produkt der Auseinandersetzung mit der argentinischen Gesellschaft darstellt, drängt sich daher die Vermutung auf, dass sich die Geschichte durch gewisse zeitlose oder zumindest langwährende Elemente auszeichnet, die auch heute noch von Relevanz für den Leser sind. Bei einer näheren Betrachtung fällt auf, dass beispielsweise die enge Verbindung zum Werk Fjodor Dostojewskis oder die Qualität Erdosains als existenzialistischer Held solche Elemente darstellen. Diese Arbeit wird sich jedoch einem anderen Aspekt widmen, nämlich der politischen Aussagekraft des Buches, die sich auch bei einer heutigen Lektüre noch klar erschließt. Der Roman ist in dieser Hinsicht sogar besonders aktuell, da er nicht nur Einsichten in die politischen Ideologien bietet, die das letzte Jahrhundert in Europa geprägt haben und noch in die Gegenwart nachwirken, sondern auch Erkenntnisse über die Verwerfungen des neuen Jahrtausends liefert, wie Werteverlust, Desinformation, die Macht der Medien und den gewaltförmigen Nihilismus, der am 11. September zum Ausdruck gekommen ist. In dieser Untersuchung soll also der Versuch unternommen werden, aufzuzeigen, wie virtuos Roberto Arlt in Die sieben Irren gewisse Aspekte des Totalitarismusillustriert, verdeutlicht und karikiert hat. Dazu wird zunächst in einem Punkt dargestellt, wie es Arlt in der Konzeption der obskuren Geheimgesellschaft gelang, die Rolle, die antimoderne, esoterische und okkulte Einflüsse bei der Entstehung des Faschismus spielten, herauszustellen. Die Arbeit wird zeigen, dass der vom Astrologen angeführte Geheimbund eine überzeugende fiktionale Darstellung historisch verbürgterGeheimbünde ist, die von herausragender Bedeutung für die Entstehung, die Propagierung und die Etablierung rassistischer und totalitärer Denkweisen in der westlichen Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren.

Daraufhin wird die überaus interessante Figur des Astrologen genauer untersucht, vor allem in Bezug auf die Frage, ob Arlt hier einen prototypischen Vertreter charismatischer Herrschaft, wie er in den Theorien von Sohm und Weber skizziert worden ist[2], geschaffen hat, der auf die demagogischen Gewaltherrscher der damaligen Gegenwart, wie Mussolini, verweist und einen Hitler zumindest antizipiert.

Zudem lässt sich eine von der Philosophie Friedrich Nietzsches beeinflusste Weltsicht und Grundstimmung bei den Protagonisten der sieben Irren ausmachen. Diese und die daraus gezogenen Konsequenzen der Ablehnung der Gegenwart einten zur damaligen Zeit gewisse Teile der intellektuellen Schichten, die sich wenig später, nietzscheanische Begriffe wie jenen vom Übermenschen hochhaltend, totalitären Bewegungen anschlossen, so dass auch in dieser Hinsicht eine nähere Analyse lohnend erscheint.

Weiterhin spielt die Gewalt an sich innerhalb der Romanhandlung eine eminent wichtige Rolle. Auch diese soll daher, den Zeithintergrund nicht aus dem Blick lassend, genauer betrachtet werden, um eine Aussage treffen zu können, inwieweit Roberto Arlts Roman auch in dieser Hinsicht als prophetisch angesehen werden kann.

2) Geheimbündelei und Esoterik- Symptome ihrer Zeit

Eine entscheidende Rolle in Die sieben Irren spielt die durch den Astrologen angeführte Geheimgesellschaft. Für den heutigen Leser mag dieser Aspekt von eher geringem Interesse sein, er ist wahrscheinlich sogar geneigt, diesen zwielichtigen Bund lediglich als ironisches Vehikel innerhalb der ohnehin nicht gegenständlichen Darstellung der Wirklichkeit innerhalb des Romans abzutun. Dies ist verständlich aus heutiger Sicht, da die Vorstellung mächtiger Geheimbünde nur noch in der Nische der Paranoiker zu finden ist, wird aber der Situation zur Zeit der Abfassung des Romans nicht gerecht. Zum einen waren derartige Vorstellung zur damaligen Zeit sehr viel stärker akzeptiert, was sich etwa an der Rezeptionsgeschichte der Protokolle der Weisen von Zion nachweisen ließe, zum anderen spielten Geheimbünde auf Seiten der politischen Rechten zumindest auf geistig-ideologischem Gebiet eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Inwiefern sich Roberto Arlt in Die sieben Irren gerade mit diesem Themenkomplex karikierend auseinander gesetzt hat, soll im Folgenden herausgearbeitet werden.

Wie im Verlaufe des Romans klar wird, ist der Astrologe ein vormaliges Mitglied der Theosophischen Gesellschaft.[3] In Europa erlebten Esoterik und Okkultismus nach 1770 eine Renaissance als Reaktion auf die rationalistische Aufklärung, auf Materialismus und Positivismus, wobei sie gespeist wurden durch ein Sehnen nach Mystik.[4] In diesem Zuge verbreitete sich ebenfalls die Theosophie, eine geistliche Strömung, die sich, wie der Name verrät, mit der göttlichen Weisheit beschäftigt. Begründet wurde diese Lehre in ihrer modernen Form von der Russin Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891), die den Grundstein dazu mit ihren Werken Isis entschleiert und Die Geheimlehre legte. Der Grundtenor ihres Werkes ist dabei kulturpessimistisch, antirational und zivilisationskritisch.[5] Nach ausgedehnten Reisen durch den Orient gründete Helena Blavatsky schließlich im Jahre 1875 in Indien die Theosophische Gesellschaft. Hier begründete und systematisierte sie ihre Lehre, bis sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts bedingt durch einige Skandale Indien verlassen musste, woraufhin sie sich darauf konzentrierte, die Theosophie in Amerika und Europa zu verbreiten, von wo sie auch den Weg nach Südamerika fand.[6] Insgesamt war ihr dabei großer Erfolg beschieden, was heute verwundern mag, sich aber anhand der damaligen gesellschaftlichen Verwerfungen[7] erklären lässt.

Die Theosophie bot eine anziehende Mischung aus alten religiösen Vorstellungen und neuen Konzepten, die den darwinistischen Theorien über Entwicklung und der modernen Wissenschaft entlehnt waren. Dieser Glaube besaß die Kraft, diejenigen zu trösten, die durch das Unglaubwürdigwerden der ‚orthodoxen‘ Religionen, durch den rationalisierenden und entmystifizierenden Prozess der Wissenschaft und durch die Bürde des rapiden sozialen und wirtschaftlichen Wandels im späten 19. Jahrhundert verunsichert worden waren.[8]

Die Zumutungen des Industriezeitalters mit seinen unübersichtlichen Großstädten, die die Mittelschicht empfänglich für derartige Trostlehren machten[9], sind es auch, die Erdosain peinigen. Die moderne Trennung zwischen Funktion und Person erfährt er besonders deutlich, wenn er berufsbedingt tausende Pesos bei sich trägt, diese ihm jedoch nicht gehören. Sein Betrug, der so vonstattengeht, dass er das entwendete Geld wieder und wieder von neuerlich eingehenden Zahlungen „zurückzahlt“, bildet im Kleinen schon die opake, irrationale Welt der Ökonomie ab, die den Einzelnen überfordert und alles ihren willkürlichen Gesetzen unterwirft.

Betrachtet man nun die Geheimgesellschaft des Astrologen vor dem Hintergrund der neuen Heilslehren, so fallen einige wichtige Parallelen zur Theosophie auf. Eine wichtige Quelle schon der antiken Theosophie sind gnostische Vorstellungen gewesen[10] und in der Attitüde, mit der der Astrologe den niederen Mitgliedern der Geheimloge gegenübertritt sowie in der Art und Weise, wie sich die Mitglieder wiederum gegenüber der Masse der Nichtdazugehörigen verhalten, scheint eine der Kernvorstellungen des Gnostizismus auf: dass es nämlich auf dieser Welt nun einmal Eingeweihte und nicht-Eingeweihte gibt.

Die modernen Theosophen hoben außerdem folgerichtig die Bedeutung von Elitismus und Hierarchie hervor[11], wie sie innerhalb des Geheimbundes und in der entstehenden post-revolutionären Gesellschaft herrschen sollen. Es kann daher nicht überraschen, dass derartige antiaufklärerische Denkweisen häufig bei Anhängern totalitärer Gesellschaftsentwürfe auf gesteigertes Interesse stießen.

[...]


[1] Arlt, Roberto. Die sieben Irren. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1971.

[2] Nippel, Wilfried. Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao. München: C.H. Beck, 2000. S. 7ff.

[3] vgl. Arlt, 1971, S. 96.

[4] vgl. Goodrick-Clarke, Nicholas. Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Graz: Stocker, 1997. S. 23.

[5] vgl. Doering-Manteuffel, Sabine. Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World Wide Web. München: Siedler, 2008. S. 194ff.

[6] vgl. Goodrick-Clarke, 1997, S. 24ff.

[7] vgl. Riekenberg, Michael. Kleine Geschichte Argentiniens. München: C.H. Beck, 2009. S. 110ff.

[8] Goodrick-Clarke, 1997, S. 27.

[9] vgl. Gugenberger, Eduard. Boten der Apokalypse. Visionäre und Vollstrecker des Dritten Reichs. Wien: Ueberreuter, 2002. S. 9.

[10] vgl. Goodrick-Clarke, 1997, S. 23.

[11] vgl. Goodrick-Clarke, 1997, S. 26.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640987276
ISBN (Buch)
9783640987320
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177223
Institution / Hochschule
Universität Trier – Fachbereich Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Faschismus Los siete locos Roberto Arlt Lateinamerika 20er Nietzsche Nationalsozialismus Max Weber charismatische Herrschaft Geheimbund Sigmund Freud Argentinien

Autor

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Titel: Visionär der Gewalt-Elemente totalitärer Herrschaft in Roberto Arlts Roman "Die sieben Irren"