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Selbstmanagement. Ästhetik der Existenz bei Michel Foucault

Ökonomisierung des Lebens oder Regierung seiner selbst?

Hausarbeit 2011 25 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Selbstmanagement, Neoliberalismus, Gouvernementalität
2.1.1 Selbstmanagement
2.1.2 Neoliberalismus
2.1.3 Gouvernementalität
2.2 Selbstmanagement in Ratgebern
2.3 Selbstmanagement im Arbeitsleben
2.4 Kritik, Einordnung und Beurteilung von Selbstmanagement als Methode
2.5 Ästhetik der Existenz bei Michel Foucault
2.6 Ästhetik der Existenz als andere Methode des Selbstmanagement?

3. Schluss

4. Literaturliste

1. Einleitung

„Ich habe mich nie gehen lassen.“ Diesen Satz habe ich neulich im Fitness-Studio aufgeschnappt. Das Fitness-Studio ist eine jener Stätten, die das Individuum ver-meintlich wieder in Form bringen, es wieder verwertbar machen oder erhalten für den Arbeitsmarkt und das Leben überhaupt. „Sich nie gehen lassen“ zeugt von strenger Selbstdisziplin und ordnet das Selbst einer Verwertungslogik unter. Eine Aussage, die Teil von strengen Selbstmanagementprogrammen ist, deren Quintessenz lautet: Funktioniere!

Selbstmanagement als Begriff ist heutzutage allgegenwärtig. Der Mensch richtet sein Leben und seine Arbeit immer stärker nach ökonomischen Kriterien aus. Wurde vorher das Leben mehr oder weniger durch geregelte Arbeitszeiten vorstrukturiert, so wird es nun[1] immer häufiger organisiert und geplant, in Listen und in Raster gepackt. Zeit-management ist hier ein zentraler Begriff. Der Tag wird in Zeitabschnitte eingeteilt, in denen eine Liste von Aufgaben, zu denen sowohl Arbeit als auch Freizeit gehören, erledigt wird.

Diese Hausarbeit geht der Frage nach, was Selbstmanagement für den Einzelnen[2] bedeutet: Ist es die Ökonomisierung des Lebens oder die Regierung seiner selbst? Soll heißen: Wird das Leben durch Fremdstrukturen bestimmt oder hat das Individuum doch noch die Möglichkeit zu bestehen, wenn es sein Leben nicht vollkommen durch-ökonomisiert? Es wird geklärt, ob Selbstmanagement wie eingangs beschrieben, bedeutet, das Leben nach der Logik der Ökonomie auszurichten und sich selbst an Hand eines Businessplans zu managen, um das eigene Leben bzw. die zur Verfügung stehende Zeit möglichst effizient und effektiv zu gestalten. Andererseits kann Selbstmanagement auch bedeuten, sich selbst zu regieren, was dem Selbst eine gewisse Autonomie zuspricht. Damit beziehe ich mich auf Michel Foucaults Begriff der Regierung bzw. Gouvernementalität, den er in sein Konzept der Subjektivierungsweisen und der Technologien des Selbst integriert.[3] Ich werde beide Seiten aufzeigen, um dann mit Hilfe von Michel Foucaults Konzept der Ästhetik der Existenz herauszuarbeiten, ob dadurch ein anderer Blick auf die Methode des Selbstmanagement möglich ist.

Dazu werde ich zunächst die Begriffe des Selbstmanagement, des Neoliberalismus und der Gouvernementalität klären. Selbstmanagement werde ich einerseits in seinen Facetten der Lebensgestaltung durch Ratgeberliteratur erläutern und andererseits die Rolle des Selbstmanagement im Arbeitsleben beleuchten. Der Begriff „Neolibera-lismus“ scheint mir in diesem Zusammenhang zentral zu sein, da er die theoretische, gesellschaftspolitische Grundlage des Selbstmanagement und des gegenwärtigen Denk-systems bildet. Der Begriff „Gouvernementalität“ geht auf Michel Foucault zurück, der damit Regierungsweisen meint, soll heißen, das Wissen darüber, wie man Menschen führt.

Wie im Titel der Hausarbeit schon angedeutet, geht es um eine kritische Auseinander-setzung mit der Methode des Selbstmanagement. Es geht darum, herauszufinden, inwieweit Selbstmanagement normativ ist und den Menschen nur im Sinne der Verwer-tungslogik betrachtet, indem es ihm immer weitere Leistungs- und Effizienzsteigerung abverlangt.

In einem nächsten Schritt wird Michel Foucaults Konzept der Ästhetik der Existenz vorgestellt, in deren Zentrum das Subjekt[4] steht. Allerdings nicht in Form von Subjekt-konstitution, sondern viel mehr als Subjektivierungsweisen. Der Begriff Subjektivie-rungsweisen ermöglicht es aufzuzeigen, wie sich Existenzweisen herausbilden. Somit ist die Möglichkeit einer sich stetig ändernden Identitätsbildung gegeben und keine Festschreibung von Subjektstrukturen. Die Ästhetik der Existenz stellt ein Konzept zur Verfügung, mit dem man qua Lebenskunst aus dem Leben ein Kunstwerk machen kann. Geprägt von einer Sorge um sich sind Selbsttechnologien und Subjektivierungsweisen Hilfsmittel für die Arbeit am Selbst.

Zum Abschluss werde ich die Frage beantworten, ob und inwieweit die Foucaultsche Ästhetik der Existenz, einen anderen Blick, genauer einen möglicherweise tatsächlich selbstbestimmten Umgang mit Selbstmanagement ermöglicht oder inwieweit dadurch die Konnotationen des Selbstmanagement eine andere Bedeutung bekommen.

2. Hauptteil

2.1 Selbstmanagement, Neoliberalismus, Gouvernementalität

Betrachtet man das Leben oder die Biografie eines Individuums, so muss man die Art und Weise, wie es mit sich selbst umgeht, immer in einen (historischen) Kontext setzen. Selbstmanagement ist die Organisation des eigenen Lebens nach den Kriterien der Ökonomie. Folglich ist Selbstmanagement nicht ohne die gegenwärtige neoliberale Prägung der Gesellschaft zu denken. Gleichzeitig ist Selbstmanagement auch eine Art sich selbst zu regieren, so dass auch die definitorische Klärung des Begriffs der Gouvernementalität nach Foucault unerlässlich ist.

2.1.1 Selbstmanagement

Selbstmanagement ist eine Methode, Leben und Arbeit zu organisieren. Häufig wird insbesondere in der Ratgeberliteratur auf das Management von Zeit verwiesen, da in der nicht effizienten Einteilung von Zeit das Hauptproblem der Selbstorganisation gesehen wird.[5]

Der Begriff des Selbstmanagement ist auch in anderen Bereichen von Bedeutung, die ich der Vollständigkeit wegen aufzählen werde, die aber in der Hausarbeit keinen weiteren Raum einnehmen werden. Im englischsprachigen Raum versteht man in den Fachdiskursen Wirtschaft, Erziehung und Psychologie unter Selbstmanagement Fähig-keiten, Methoden und Strategien, die Individuen dabei helfen, durch Aktivitäten ihre Ziele effektiv zu erreichen. Methoden und Instrumente sind hier: allgemeine Planungen, Zielsetzungen, Zeitplanungen, Selbstevaluierungen und Selbstentwicklung.

Die Computerwissenschaft kennt Selbstmanagement als einen Prozess, der es dem Computersystem ermöglicht, seine Operationen ohne menschliche Hilfe durchzuführen. In der Medizin werden Techniken und Fertigkeiten von chronisch Kranken oder behin-derten Menschen, ihre Krankheit im Alltag zu meistern, als self-management be-zeichnet.

Unter Selbstmanagement versteht man Organisationstechniken des eigenen Selbst, die als Schlüsselqualifikation für Selbstständige zentral, aber inzwischen auch auf die nicht selbstständige Arbeit übertragen werden. Selbstmanagement setzt sich aus Zeit-management und Selbstorganisation zusammen und erfordert eine hohe Kommuni-kationsfähigkeit. Zeitmanagement bedeutet, seine Zeit effektiv zu nutzen, die Work-Life-Balance zu halten und die wichtigen von den unwichtigen Aufgaben zu trennen. Dabei gilt es ähnlich einem klassischen Managementprozess folgende Bereiche zu beachten: Selbstanalyse, Zielformulierung, Prioritätensetzung, Planung/Ordnung und Erfolgskontrolle. Die Selbstanalyse in Form einer Stärken-/Schwächen-Analyse des Selbst hilft herauszufinden, wo die bisherige Zeiteinteilung Mängel aufweist, also z.B. Stress hervorruft, aber auch, ob das eigene Arbeitsverhalten produktiv oder eher unproduktiv ist. Auf der Grundlage dieser Selbstanalyse lassen sich Zielvorstellungen formulieren, die nach Prioritäten sortiert werden, um so eine größere Effektivität zu erlangen. Daraus folgt die Planung (der Arbeit), die man im besten Fall in Zeitfenster einteilt. Je sorgfältiger die Planung ist, umso leichter lässt sich der Erfolg kontrollieren.

2.1.2 Neoliberalismus

Der Neoliberalismus[6] ist ein politisches bzw. wirtschaftspolitisches Programm, das sich vom klassischen Liberalismus abgrenzt. Der Neoliberalismus bildet sich aus einem „Zuviel an Regierung“ heraus. Der Markt strukturiert die Gesellschaft und wird wiederum selbst vom Wettbewerb bestimmt. Der Neoliberalismus zeichnet sich durch die Verschränkung von Ökonomie und Recht aus. Während vorher der Staat das maß-gebliche Kriterium für die Regierung war, gewinnen im Neoliberalismus der Markt bzw. der Wettbewerb an Bedeutung und nehmen eine zentrale Funktion ein. Der Staat tritt im Neoliberalismus nur noch als regulierende Institution auf, seine bisherigen Aufgaben und Befugnisse, seine Regierung, werden von der neoliberalen Theorie in Frage gestellt. Der Staat verfügt über Interventionsmöglichkeiten auf dem Markt, aber nur im Rahmen der rechtlichen Grenzen, die er sich selbst gegeben hat. Die Freiheit wird hier zum konstitutiven Merkmal der Regierungspraxis.[7]

Das Aufkommen des Neoliberalismus stellt einen epistemologischen Bruch dar, also einen Bruch in den Denksystemen, da sich die Ökonomie seitdem in sämtliche gesellschaftliche Bereiche ausgedehnt hat und die Politische Ökonomie sich neue Untersuchungsbereiche erschließt. Der Markt wird zum zentralen Parameter für die Beurteilung von Gesellschaft, um ihn sorgt man sich. Der Markt wird zum Ort gesell-schaftlicher Wahrheit und verfügt gleichzeitig über eine künstliche, kulturell vermittelte Eigengesetzlichkeit. Er wird zur Entscheidungsinstanz. Der Neoliberalismus bleibt nicht auf die Ökonomie beschränkt, sondern durchdringt alle gesellschaftlichen Bereiche mit dem Analyseraster der Ökonomie. Somit ist der Neoliberalismus eher als ein Modell der Ordnungs- und Gesellschaftspolitik zu begreifen, denn als eine rein ökonomische Theorie. Die Theorie des Neoliberalismus eröffnet also der Ökonomie den Zugriff auf sämtliche Bereiche des Sozialen, des menschlichen Lebens, inklusive seiner selbst.

„Dabei kommt es zu einer Neubeschreibung des Sozialen als ökonomische Form: Das Vertrauen in die Steuerungskapazität des Marktmechanismus' ist so groß, dass es zum Ziel wird, ihn auf Lebensbereiche auszuweiten, die ursprünglich nicht als ökonomisch betrachtet wurden.“[8]

Das Wirtschaftssubjekt wird im Neoliberalismus zu einem Unternehmer des Selbst, das im permanenten Wettbewerb mit anderen (Wirtschafts-)Subjekten steht. Foucault spricht in diesem Zusammenhang vom Homo oeconomicus, der bis dato als Tausch-partner definiert wurde und im Neoliberalismus eben als Unternehmer seiner selbst wieder auftaucht.

„Und das ist so wahr, daß es praktisch der Einsatz aller Analysen der Neoliberalen sein wird, nämlich den Homo oeconomicus als Tauschpartner immer durch einen Homo oeconomicus als Unternehmer seiner selbst zu ersetzen, der für sich selbst sein eigenes Kapital ist sein eigener Produzent, seine eigene Einkommensquelle.“[9]

2.1.3 Gouvernementalität

Der Begriff der Gouvernementalität ist ein Neologismus der auf Michel Foucault zurückgeht. Seine Begriffsbildung hat zwei Lesarten. Lars Gertenbach[10] leitet den Be-griff vom Wort „gouvernemental“ ab, was übersetzt bedeutet: die Regierung betreffend. Weit verbreiteter ist die Lesart, dass sich Gouvernementalität aus den beiden Wörtern „gouverner“, zu deutsch regieren, steuern und „mentalité“, was eine Denkweise bezeichnet, zusammensetzt, sodass der Begriff zusammengefasst bedeutet: die Art und Weise wie Regierung des Selbst oder des Anderen gedacht wird.[11] Die Gouverne-mentalität beschreibt also eine bestimmte Form der Regierung, nämlich die Führung von sich selbst und von anderen in einem Machtverhältnis.[12] Regierung bezieht sich einerseits auf die Lenkung, Kontrolle und Leitung von Individuen und Kollektiven und andererseits auf Formen der Selbst- und der Fremdführung.

[...]


[1] Etwa seit den 1980er Jahren findet Zeitmanagement seinen Einzug auch in den Alltag, beeinflusst durch die Alternativbewegung der 1970er Jahre, deren Postulat das Zusammendenken von Arbeit und Leben war.

[2] Der besseren Lesbarkeit wegen wird nur die männliche Form verwendet, aber die weibliche ist immer auch mitgemeint.

[3] Dies beschreibt Foucault insbesondere im dritten Band von „Sexualität und Wahrheit III. Die Sorge um sich“: Foucault, Michel, Sexualität und Wahrheit III: Die Sorge um sich, Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 1986

[4] Wenn im Folgenden von einem Subjekt die Rede ist, so ist damit die Subjektivierungsweise gemeint, das heißt, ein flexibles, nicht identifizierbares, endgültiges Subjekt, das im Übrigen in der heutigen Zeit auf dem Arbeitsmarkt viel stärker nachgefragt wird

[5] Ich beziehe mich in meiner Beschreibung auf Reither, Saskia, Selbstmanagement und Unternehmensgründung, Studienbrief im Rahmen des Fernstudiengangs Management für Kultur- und Non-Profit-Organisationen TU Kaiserslautern, Kaiserslautern: 2010

[6] Foucault bezieht sich in seiner Analyse des Neoliberalismus auf die deutschen Ordoliberalen der Freiburger Schule und die amerikanische Chicago School. Vgl. Foucault, Michel, Geschichte der Gouvernementalität II: Die Geburt der Biopolitik, hg. von Michel Sennelart, Frankfurt: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2006

[7] Vgl. Gertenbach, Lars, Die Kultivierung des Marktes. Foucault und die Gouvernementalität des Neoliberalismus, Berlin: Parodos Verlag, 2007, S. 81

[8] Opitz, Sven, Gouvernementalität im Postfordismus. Macht, Wissen und Techniken des Selbst im Feld unternehmerischer Rationalität, Hamburg: Argument Verlag, 2004, S. 59

[9] Foucault, Michel, Geschichte der Gouvernementalität II: Die Geburt der Biopolitik, hg. von Michel Sennelart, Frankfurt: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2006, S. 314

[10] Vgl. Gertenbach (2007), a.a.O., S. 11

[11] Siehe Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hgs), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2000, S. 8

[12] Vgl. auch Dreyfus, Hubert L./Rabinow, Paul, Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Weinheim: Beltz Athenäum Verlag, 1994, S. 255

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640987207
ISBN (Buch)
9783640987214
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177210
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
1,0
Schlagworte
selbstmanagement lebens regierung existenz michel foucault blick methode

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