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Zwischen caritas und Ausgrenzung?

Lepröse in der mittelalterlichen Stadtgesellschaft

Bachelorarbeit 2007 44 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Krankheit im Mittelalter
1.1. Sichtweisen von Krankheit im Mittelalter
1.2. Das Fürsorgewesen im mittelalterlichen Abendland

2. Der Umgang mit Lepra im Spiegel der Quellen
2.1. Religiöse Argumentation des Mittelalters
2.2. Medizinische Sicht und Therapie der Lepra
2.3. Reglementierungen
2.3.1. Die Lepraschau
2.3.2. Orte der Absonderung: Die Leprosorien

3. Fazit: Der Lepröse - ausgegrenzt oder umsorgt?

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Lepra war der Schrecken des Mittelalters, denn sie entstellte den Infizierten auf grausame Weise und bedeutete ein langsames Dahinsiechen. Lange Zeit galt sie als hochinfektiös, was sie in den Augen der Menschen noch schrecklicher erscheinen ließ. Die mittelalterliche Medizin war mit ihr überfordert. Lediglich allgemeine Therapievorschläge nach diätischen Gesichtspunkten wurden unterbreitet, wie etwa bestimmte Nahrungsmittel oder Unkeuschheit zu meiden. Die einzige Möglichkeit, die Ausbreitung der Lepra zu verhindern und die Gesunden zu schützen, schien die Ausgrenzung der Erkrankten zu sein. Zum Vorbild nahm man sich das Alte Testament, in dem Aussätzige von der Gemeinschaft abgesondert leben mussten, da sie die Siedlungen nicht mit ihrer „Unreinheit“ verunreinigen sollten.

Lepra ist eine chronische, durch Tröpfchen und Schmutz übertragbare Krankheit, die nicht direkt zum Tode führt. An ihr leiden heute, Schätzungen der WHO zufolge, noch immer ca. 15 Millionen Menschen, vor allem in tropischen Gebieten wie Afrika, Indien und Mittel- und Südamerika.1 Lepra war und ist vor allem eine Krankheit der Armen und ihrer unhygienischen Lebensverhältnisse. Obwohl jährlich etwa 600.000 Neuerkrankungen gemeldet werden, erfüllt Lepra nach den heutigen medizinischen Maßstäben jedoch keine Seuchenkriterien2. Inzwischen ist die Krankheit zwar heilbar, doch ist es immer noch nicht möglich den Erreger, das Mycobacterium leprae, in vitro zu kultivieren. Dadurch ergeben sich einige Probleme bei der Arzneimittelforschung, vor allem auch, da der vom Norweger Gerhard Henrik Armauer Hansen 1873 entdeckte Erreger nur für den Menschen pathogen ist.3 Die Inkubationszeit ist eine weitere Besonderheit, sie kann von wenigen Monaten bis zu 40 Jahren reichen.4

Ein gesundes Immunsystem kann den Erreger meist abwehren. Versagt allerdings die Immunabwehr, kommt es zu einer Erkrankung; die Lepra tritt in ihrer tuberkuloiden Form auf und befällt das Haut- und Nervengewebe. De- und hyperpigmentierte, meist gerötete und gefühllose Flecken entstehen. An Nacken und Gliedern bilden sich Knoten durch Aufreibungen der Nervenstränge. Geschwüre und Nekrosen können aufgrund mangelnder Versorgung des Gewebes zum Verlust von Fingern und Zehen führen. Die Lähmung ganzer Muskelgruppen kann eine Klauen- oder Krallenhand hervorrufen. Die Gefühlsempfindlichkeit für Schmerz und Temperatur nimmt stetig ab, bis der Erkrankte schließlich keinerlei Temperatur- und Schmerzempfinden mehr besitzt. Wenn das Immunsystem kaum oder gar nicht auf den Erreger reagiert, kommt es zur lepromatösen Form der Erkrankung. Der Bazillus kann sich ungehemmt im ganzen Körper verbreiten. Es entstehen knotige Einlagerungen und braunrote, gefühllose Flecken, zu Beginn insbesondere im Gesicht. Wenn die Knoten aufbrechen, bilden sich Geschwüre, die unter Narbenbildung nur langsam abheilen und so das Gesicht verzerren. Zusammen mit der geschwollenen Nase, den aufgedunsenen Lippen und dem Haarausfall, besonders an den Augenbrauen, kommt es zu einem völligen Verlust jeglicher Mimik. Der Erkrankte erhält starre maskenhafte, mitunter lüsterne Züge. Der Zerfall spielt sich auch im Innern, in Mund und Nase ab. Blutiger Schnupfen, Zahnausfall und eine raue, heisere Stimme sind die Folge. Durch den Zusammenfall der Nase erhält der Kranke eine Sattelnase, welche ihm zusammen mit den fehlenden Augenbrauen ein Löwengesicht (Facies leontina) verleiht.5 All diese Symptome machen die Reaktionen der Menschen gegenüber Leprösen verständlich. Der Erkrankte bot nach einiger Zeit einen grausigen Anblick.

Forschungsstand

Nicht viele Werke beschäftigen sich ausschließlich mit Lepra. Meist ist das Thema eingebettet in den Kontext von Krankheit und Medizin im Mittelalter, Seuchengeschichte und Gesundheits- und Fürsorgewesen von Städten. Lepra: Schon 1860 befasste sich der Mediziner und Begründer der Zellularpathologie6 Rudolf Virchow mit der Geschichte des Aussatzes, vermutlich um den Zusammenhang zwischen der Krankheit und den hygienischen Verhältnissen zu erforschen.7 Ebenfalls eines der älteren bekannten Werke ist die Dissertation von Johannes Asen über das Leprosorium Melaten bei Köln (1908).8 In den Dreißigern erschienen Wilhelm Frohns Untersuchungen der Siechenhäuser (1932), des Aussatzes im Rheinland (1933) und der Lepradarstellungen in der Kunst des Rheinlandes (1936)9. Das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt zeigte 1982 eine Ausstellung mit dem Titel „Aussatz - Lepra - Hansen- Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel“, die das komplexe Thema von allen Seiten zu beleuchten versuchte. Dazu wurden unter gleichnamigem Titel ein Katalog- und ein Essayband herausgegeben (1982/1986)10. Letzterer enthält Aufsätze, die alle Felder des Themas berühren. Kay Peter Jankrift widmete sich 1996 dem Thema des Leprosen als „Streiter Gottes“ und dem Lazarusorden zu Jerusalem, dem ersten Leprosenorden11. In einem Beiheft zum geschichtlichen Atlas der Rheinlande beschäftigt sich Martin Uhrmacher mit den Leprosorien der Rheinlande im Mittelalter und der frühen Neuzeit (2000).12

Fürsorgewesen/Spitalwesen: Ein bekanntes Werk aus den 1930er Jahren zu diesem Thema ist die zweibändige Studie Siegfried Reickes über das deutsche Spitalrecht im Mittelalter (1931/32)13. In den sechziger und siebziger Jahren erschienen vermehrt Werke zum Entstehen und Wirken des Hospitalwesens im Mittelalter, wie die Ausführungen zum Medizinalwesen des Deutschen Ordens von Christian Probst (1969)14 und das Standardwerk von Adalbert Mischlewski über die Geschichte des Antoniterordens (1976)15. Auch in den achtziger Jahren widmete man sich dem Gesundheits- und Fürsorgewesen von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten und analysierte dies an Einzelstudien. Ulrich Knefelkamp untersuchte das Gesundheits- und Fürsorgewesen der Stadt Freiburg im Breisgau (1981)16, gefolgt vom Heilig-Geist-Spital Nürnberg (1989)17. Eines der neueren Werke ist der Aufsatzsammelband von Peter Johanek, der sich mit dem städtischen Fürsorgewesen vor 1800 beschäftigt (2000).18

Seuchengeschichte: Wie in der gesamten medizinhistorischen Forschung, befassten sich Martin Dinges: Neue Wege der Seuchengeschichte (1995)19 und Stefan Winkle: Geißeln der Menschheit (1997)20 mit dem Thema der Seuchengeschichte vor allem unter sozialgeschichtlichen Aspekten. Medizin/Krankheit: In den Sechzigern erforschte man zu diesem Thema unter anderem den Einfluss der arabischen Medizinalliteratur auf das lateinische Mittelalter, wie etwa die Werke von Heinrich Schipperges (1964)21 und Gotthart Strohmaier (1969)22. Die medizinhistorische Forschung wandte sich in den neunziger Jahren den Kranken und der Krankheit im Mittelalter unter vermehrt sozialgeschichtlichen Aspekten zu, so wie Heinrich Schipperges: Die Kranken im Mittelalter (1993)23. Im 2001 erschienenen Sammelband zum Thema Randgruppen im Mittelalter24 umreißt Jürgen Belker in seinem Aufsatz kurz und prägnant, wie der Leprakranke zwischen positiven und negativen Zuschreibungen des Mittelalters hin und her gerissen wurde. In jüngster Zeit sind vermehrt Aufsatzsammelbände und kompakte Überblickswerke sozialgeschichtlicher Sicht zu den Themen Medizin, Heilkunde, Krankheit, Tod, Fürsorgewesen und Stadt erschienen, in denen sich immer auch Abschnitte zum Thema Lepra finden. Man konzentriert sich nicht mehr nur auf die Geschichte von Institutionen, sondern es geht viel mehr um den damaligen Menschen, seine Lebensumstände und Motive, um den Versuch, ihn durch die überlieferten Quellen hindurch zu betrachten. Allen voran ist hier Kay Peter Jankrift zu nennen, dessen Bücher über Krankheit (2003)25 und Medizin (2005)26 im Mittelalter ausführlich und dennoch für den interessierten Laien leicht zu verstehen sind.

Quellenlage

Es sind kaum Selbstzeugnisse von Leprakranken überliefert. Von den Kranken des Mittelalters existieren generell nur wenige persönliche Niederschriften, es sei denn über die Pest, und auch erst mit Beginn der Verschriftlichung des Städtewesens im ausgehenden 14. Jahrhundert. Etwas mehr taucht das Thema Lepra dafür in erzählenden Quellen wie Annalen, Chroniken und Heiligen- und Wunderberichten auf. Sehr viele Viten enthalten mindestens eine Wunderheilung eines Leprösen. Solche Quellen sind allerdings aufgrund ihrer vorgegebenen Schemata und Stilelemente mit Vorsicht zu genießen, es sind eben keine objektiven Berichte. Aus ihnen kann man jedoch ersehen, welchen positiven und negativen Zuschreibungen die Leprösen ausgesetzt waren. Die mittelalterliche Dichtung bedient sich ebenfalls solcher Sichtweisen, wie etwa Hartmann von Aue in seinem „Armen Heinrich“27. In dieser Prosalegende wird der wohlhabende Heinrich von Gott mit Aussatz gestraft; Heinrich nimmt die Krankheit schließlich an, verzichtet auf eine Heilung durch Jungfrauenblut und erweist sich dadurch würdig, von Gott geheilt zu werden. Woran es kaum mangelt, sind etwa Bildquellen mit religiösen Themen wie der vom Aussatz geschlagene Hiob, der arme Lazarus oder Jesus, der Aussätzige heilt, ebenso wie Darstellungen von Heiligen wie Elisabeth von Thüringen oder Martin von Tours, welche sich um Aussätzige gekümmert haben sollen. Diese passen zu den zahlreichen Bibelstellen, von denen wohl die Gesetze über Feststellung und Reinigung vom Aussatz im Alten Testament28, das Buch Hiob29 und die Geschichte vom armen Lazarus30 (Lk 16,19-31) sind. Allerdings ist hier zu beachten, dass nicht unbedingt Lepra gemeint sein muss, wenn von Aussatz die Rede ist; schließlich handelt Lev 15 von Aussatz an Häusern. Es sind auch einige medizinische Traktate überliefert, die sich unter anderem mit dem Thema Aussatz befassen31. Konzilbeschlüsse32 und Leprosenordnungen sind sehr viele erhalten, sie sollten unter anderem das Leben der Leprösen regeln. Letztere Quellen lassen sich aufteilen in Landesordnungen, Ordnungen einzelner Leprosorien und Ordnungen, welche die Lepraschau betreffen.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der Lepröse in der mittelalterlichen Stadtgesellschaft. Ich werde mich deshalb auf die Städte konzentrieren, weil es hier Leprosorien und Lepraschauen gab, und somit auch ausreichend Quellen; auf dem Land wohnten die Leprösen meist in Feldhütten oder zogen als Wanderbettler umher. Zeitlich grenze ich das Thema auf das Hoch- und Spätmittelalter ein, da sich mit dem Aufblühen des Städtewesens ab dem 12. und 13. Jahrhundert vermehrt Quellen zu Leprösen und deren Reglementierung finden lassen. Ich kann aufgrund der Quellenlage nur von den obrigkeitlichen Maßnahmen und den medizinischen Sichtweisen auf das Leben der Leprösen schließen, folglich ist es ein Blick von außen. Ich hoffe dabei aber, von diesen auf die Lebensumstände des Leprösen schließen zu können. Meine Hauptfragen sind dabei: Wurde er in der mittelalterlichen Stadt ausgegrenzt oder eher umsorgt? Wie stark verhielt es sich mit der Ausgrenzung? War die Lepra etwas Besonderes für die Menschen im Mittelalter oder etwas Alltägliches?

Im ersten Kapitel werde ich mich mit Krankheit im Mittelalter allgemein auseinandersetzen, um dies später mit Lepra vergleichen zu können. Welche Sichtweisen von Krankheit gab es? Wie war das Fürsorgewesen beschaffen, insbesondere das bürgerliche Spitalwesen und die medizinische Versorgung? Und welche Motive gaben Anlass zur Fürsorge? Ökonomische? Religiöse?

Das zweite Kapitel behandelt den Umgang mit Lepra im Mittelalter. Anhand von Quellen versuche ich die folgenden Fragen zu beantworten: Wie sah die medizinische Sichtweise aus? Welche religiösen Argumente wurden vorgebracht?

Welche Reglementierungen gab es? Wie wurde das Leben der Leprösen reglementiert? Welchen Einfluss hatten hier medizinische und religiöse Sichtweisen? Weshalb gab es Ordnungen? Sind Unterschiede zu den allgemeinen Spitälern vorhanden? Ich werde mich, aufgrund der schon genannten Quellenlage, vornehmlich mit Leprosenordnungen beschäftigen, um meine Hauptfragen zu beantworten.

Im dritten Kapitel, welches gleichzeitig das Fazit bildet, trage ich die Ergebnisse aus den vorigen Kapiteln zusammen und versuche daraus die oben genannten Hauptfragen zu klären. Außerdem: Welchen rechtlichen Stand hatte der Lepröse? Welchen sozialen? Wurde er eingereiht in die allgemeine Fürsorgepflicht? Oder gab es Unterschiede zu den normalen Kranken? Sind Unterschiede zu allgemeinen Sichtweisen von Krankheit auszumachen?

1. Krankheit im Mittelalter

Krankheit und Tod gehörten unmittelbar zum Alltag der Menschen des Mittelalters und nahmen eine zentrale Rolle in der Gesellschaft ein. Der Mönch Notker im Kloster St. Gallen schrieb um das 9. Jahrhundert herum: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.“ Man war überzeugt, das Leben sei kurz und voller Krankheit und Leiden.33 Etwas, dass im Spätmittelalter nicht unbedingt mehr negativ betrachtet wurde.

1.1. Sichtweisen von Krankheit

Im Mittelalter mischten sich abergläubische, medizinische und religiöse Vorstellungen über die Entstehung von Krankheiten. Zum einen galt Krankheit als von Gott gesandt, zum anderen konnte sie von bösen Kräften stammen oder, aus medizinischer Sicht, durch ein Ungleichgewicht der Säfte hervorgerufen werden. Oft traten diese Ansichten in gemischter Form auf, was im Mittelalter keinen Widerspruch darstellte.

a) Krankheit als Strafe für Sünden oder als Geschenk Gottes

Die Krankheit als von Gott gesandte Sündenstrafe war fest integrierter Bestandteil der Glaubens- und Vorstellungswelt des Mittelalters: Gott strafte den Menschen mit Krankheit und nur durch Gottes Willen war Heilung möglich. Deshalb hatte der Kranke seit dem Laterankonzil von 1215 vor einer Behandlung die Beichte abzulegen. Ärzte durften erst nach der Beichte behandeln.

Ebenso wie Gott, konnten auch gekränkte und erzürnte Heilige einen Menschen erkranken lassen, und zwar meist mit der Krankheit, für deren Heilung sie ‚zuständig’ waren. Heilige wurden um Heilung angefleht, wenn die Heilkundigen versagten. Vom 9. Jahrhundert an ist ein Kult um vierzehn heilige Nothelfer belegt.34

Allerdings schien sich im Hoch- und Spätmittelalter ebenfalls die Auffassung durchzusetzen, dass Gott den Menschen nicht bestrafe, sondern ihm seine Liebe zeige, wenn er ihn leiden lasse. Denn Jesus, sein Sohn, habe ebenso leiden müssen.35 Armut und Krankheit erschienen als Geschenk Gottes, als eine Auszeichnung, als Nachfolge Christi. Durch die „väterliche“ Züchtigung wurde der Kranke von seinen Sünden gereinigt und vor neuen bewahrt. Krankheit als „geistliche Arznei“ zeigte die Schwächen des Körpers und machte die Seele stark.36

b) Krankheit aufgrund böser Kräfte

Trotz religiöser Frömmigkeit konnte eine Krankheit in der mittelalterlichen Vorstellung auch die Folge eines bösen Zaubers sein. Man glaubte daran, dass Hexen und Zauberer durch die Magie sowohl Krankheiten herbeirufen wie auch verschwinden lassen konnten. Dadurch ergab sich aber auch für Herrscher die Möglichkeit, Erkrankungen oder gar plötzliche Todesfälle auf den Einfluss böser Kräfte zurückzuführen und eben nicht als Zeichen göttlicher Strafe anzusehen.

Ärzte, Kleriker und Juristen beschäftigten sich über mehrere Jahrhunderte hinweg mit dem Thema „Krankheit und Hexerei“. Mönche und Heilkundige ersonnen komplizierte Rituale, welche mit zauberspruchähnlichen Gebeten und heilsamen Wirkstoffen dem bösen Zauber ein Ende bereiten sollten.

Den Körperüberresten von Hingerichteten sagte man besondere Heilkräfte nach. Aus den so genannten „Mumien“ fertigte man wundersame Medikamente und schützende Amulette.37

c) Krankheit durch Ungleichgewicht im Säftehaushalt

Die Grundlage der mittelalterlichen medizinischen Lehrmeinungen bildete die von Hippokrates (460 -370 v. Chr.) entwickelte Säftelehre (Humoralpathologie). Krankheit wurde demnach zurückgeführt auf ein Ungleichgewicht in den vier Körpersäften: Blut, Schleim, schwarze38 und gelbe Galle. Diese Säfte entstammen, nach der Vorstellung des Menschen als verkleinertes Bild des Kosmos, je einem der vier Elemente Luft, Wasser, Erde und Feuer, und jedem von ihnen werden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben: Blut ist feucht und warm, Schleim feucht und kalt, schwarze Galle trocken und kalt, und gelbe Galle trocken und warm. Der griechisch-römische Arzt Galen (129-199) entwickelte die hippokratische Lehre im 2. Jahrhundert durch Hinzufügen der vier Kardinalorgane, der Lebensalter und Tages- und Jahreszeiten weiter. Daraus entstand die Theorie von den vier Temperamenten, wonach jeder Mensch einen vorherrschenden Saft in sich trägt. Der Sanguiniker (Blut) hat ein heiteres Gemüt, der Phlegmatiker (Schleim) ist ein eher träger Zeitgenosse, der Melancholiker (schwarze Galle) ein trotziger und übellauniger Mensch und der Choleriker (gelbe Galle) kühn und leicht in Rage zu bringen. Mit den Säften wurden bestimmte Erkrankungen in Verbindung gebracht; nahm ein Saft überhand, führte er zu einer mit ihm verbundenen Krankheit. So wurde Lepra nach galenischer Vorstellung durch ein Übermaß an schwarzer Galle hervorgerufen, und daher konnte vor allem der Melancholiker an ihr erkranken. Für das Überhandnehmen eines Saftes wurden vor allem äußere Einflüsse wie falsche Ernährung, schlechte Luft und widernatürlicher Geschlechtsverkehr verantwortlich gemacht.39

Hiernach richten sich dann auch die Therapievorschläge, die das Gleichgewicht der Säfte wiederherstellen sollten, wobei hier zeitliche und regionale Unterschiede auszumachen sind. Es wurden einerseits nach galenischer Empfehlung, gegensätzliche Mittel verwendet, also solche, die der Natur der Krankheit gegenüberstehen. Diese Ansicht vertraten vor allem die orientalischen Ärzte. Andererseits gab es die Signaturenlehre, wobei man der Natur der Krankheit ähnelnde Mittel für Therapien verwendete.40

Therapiert wurde mittels Diätik (Änderung der Ernährung), Aderlass, Sitzbädern und allerlei Heilmitteln. Für den richtigen Zeitpunkt der Behandlung wurden die Sterne gedeutet.

Doch mit der Säftlehre ließ sich nicht das Entstehen von Seuchen erklären. Deshalb zog man hier die antike Miasmentheorie als Erklärung heran. Schädliche Ausdünstungen (Miasmen) aus dem Boden oder von Leichen Erkrankter wurden für massenhafte Erkrankungen verantwortlich gemacht.41

1.2. Das Fürsorgewesen im mittelalterlichen Abendland

Aus der christlichen caritas entwickelte sich allmählich das mittelalterliche Fürsorgewesen in den Städten.

Sie war eine Art der christlichen Nächstenliebe, welche sich auf die Werke der Barmherzigkeit aus dem Neuen Testament konzentrierte, von denen die edelste die Krankenpflege war.42 Ein wichtiges religiöses Motiv für die Fürsorge war also, dass Arme und Kranke als Christus liebste Brüder angesehen wurden; ihnen zu dienen, bedeutete Christus zu dienen.43

Im Sinne der caritas bemühte sich die Kirche schon im Frühmittelalter um einen Ausbau des Fürsorgewesens, um Armen und Kranken eine grundlegende Versorgung in Armenspeisung und Hospitälern bieten zu können.44 Mit dem Wachsen der Städte im 12. und 13. Jahrhundert gingen Bevölkerungswachstum und Landflucht einher, wodurch ein zunehmendes Bedürfnis nach Fürsorgeeinrichtungen entstand. Ulrich Knefelkamp meint, dass die kirchlichen Institutionen dem Andrang wohl nicht mehr gewachsen gewesen seien.45 Allerdings kann hier kaum von einer durch die Stadt organisierten Fürsorge die Rede sein. Insgesamt hatten Sozialleistungen nur eine sehr geringe Bedeutung in den Ausgaben der Städte, da das Fürsorgewesen völlig anders organisiert und finanziert wurde. Die Armen und mittellosen Kranken mussten sich mit Almosen meist selbst versorgen und konnten auf die Einrichtungen unter hauptsächlich kirchlicher Verwaltung zurückgreifen, welche sich hauptsächlich aus den zahlreichen Stiftungen finanzierten.46

a) Die Entwicklung des Spitalwesens

„Das“ Hospital hat es nie gegeben; zu unterschiedlich sind die Formen und Veränderungen nach Ort und Zeit.47

In den Klöstern gab schon seit dem Frühmittelalter Herbergen für Pilger und ein Krankenhaus (Infirmarium) für Brüder und auswärtige Mönche. Große Klöster wie St. Gallen hatten sogar mehrere Herbergen, eine für Arme und Pilger (Hospitale pauperum), eine für die reicheren Pilger (Hospitium) und gesonderte Räume für Schwerkranke. Man handelte nach der „Regula Benedicti“, der Ordensregel des Benedikt von Nursia, in der es unter anderem heißt, die größte Sorge habe den kranken Brüdern und den Notdürftigen zu gelten.48

[...]


1 Winkle, Stefan: Geisseln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen, 3., verbesserte Aufl., Düsseldorf 2005, S. 1.

2 Jankrift, Kay Peter: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, Darmstadt 2003, S. 114. Definition Seuche: Eine Seuche ist nach medizinischer Definition eine plötzliche Erkrankung vieler Menschen an einer Infektionskrankheit. Es wird je nach zeitlicher und geographischer Ausdehnung in Endemie, Epidemie und Pandemie unterschieden. Nach: Jankrift, Heilkunde, S. 79.

3 Jankrift, Kay Peter: Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter, Darmstadt 2005, S. 119.

4 Jankrift, Heilkunde, S. 115.

5 Winkle, Geißeln, S. 1/2. Jankrift, Medizin, S. 119.

6 Krankheitserklärung aus Zellveränderungen, nach: Der Brockhaus auf CD-ROM, Mannheim 2002.

7 Virchow, Rudolf: Zur Geschichte des Aussatzes, besonders in Deutschland, in: Virchows Archiv path. Anat. 18, 19, 20, 1860/61.

8 Siehe Literaturverzeichnis.

9 Siehe Literaturverzeichnis.

10 Aussatz-Lepra-Hansen-Krankheit, siehe Literaturverzeichnis.

11 Jankrift, K. P.: Der Leprose als Streiter Gottes, siehe Literaturverzeichnis.

12 Siehe Literaturverzeichnis.

13 Siehe Literaturverzeichnis.

14 Probst, C.: Der Deutsche Orden und sein Medizinalwesen in Preußen, siehe Literaturverzeichnis.

15 Siehe Literaturverzeichnis.

16 Siehe Literaturverzeichnis.

17 Siehe Literaturverzeichnis.

18 Siehe Literaturverzeichnis.

19 Siehe Literaturverzeichnis.

20 Siehe Literaturverzeichnis.

21 Schipperges, H.: Die Assimilation der arabischen Medizin durch das lateinische Mittelalter, siehe Literaturverzeichnis.

22 Strohmaier, G.: Arabisch als Sprache der Wissenschaft in den frühen medizinischen Übersetzungen, siehe Literaturverzeichnis.

23 Siehe Literaturverzeichnis.

24 Hergemöller, Bernd-Ulrich: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, siehe Literaturverzeichnis.

25 Jankrift, K. P.: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, siehe Literaturverzeichnis.

26 Jankrift, K. P.: Medizin im Mittelalter, siehe Literaturverzeichnis.

27 Siehe Literaturverzeichnis, gedruckte Quellen.

28 Lev 13 und 14.

29 Besonders Hiob 2, 1-7.

30 Lk 16, 19-31.

31 Wie beispielsweise ‚Das Feldbuch der Wundarznei’ von Hans von Gerstdorff (1517) oder ‚Heilkunde’ von Hildegard von Bingen (12. Jh.).

32 So zum Beispiel über die eherechtliche Stellung der Leprösen.

33 Jankrift, Medizin, S. 9-11

34 Jankrift, Medizin, S. 15-20.

35 Johanek, Peter (Hg.): Städtisches Gesundheits- und Fürsorgewesen vor 1800, Köln/Weimar/Wien 2000, S. XI. Probst, Christian: Das Hospitalwesen im hohen und späten Mittelalter und die geistliche und gesellschaftliche Stellung des Kranken, in: Baader, Gerhard/Keil, Gundolf: Medizin im mittelalterlichen Abendland, Darmstadt 1982, S. 270/271.

37 Jankrift, Medizin, S. 20-23.

38 Den heutigen Medizinern ist unklar, was mit ‚schwarzer Galle’ gemeint sein sollte.

39 Jankrift, Medizin, S. 23-37.

40 Jankrift, Heilkunde, S. 29.

41 Jankrift, Medizin, S. 23-37.

42 Schipperges, Heinrich: Die Kranken im Mittelalter, 3. Aufl., München 1993, S. 181.

43 Probst, Hospitalwesen, S. 260.

44 Johanek, Einleitung, S. XI.

45 Knefelkamp, Ulrich: Stadt und Spital im späten Mittelalter. Ein struktureller Überblick zu Bürgerspitälern süddeutscher Städte, in: Johanek, Peter (Hg.): Städtisches Gesundheits- und Fürsorgewesen vor 1800, Köln/Weimar/Wien 2000, S. 21.

46 Bingener, Andreas/Fouquet, Gerhard/Fuhrmann, Bernd: Almosen und Sozialleistungen im

Haushalt deutscher Städte des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit, in: Johanek, Peter (Hg.): Städtisches Gesundheits- und Fürsorgewesen vor 1800, Köln/Weimar/Wien 2000, S. 42/43.

47 Jankrift, Heilkunde, S. 58.

48 Schipperges, Kranken im Mittelalter, S. 175-178.

Details

Seiten
44
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640989072
ISBN (Buch)
9783640989560
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177204
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Geschichte
Note
1,8
Schlagworte
caritas Lepra Lepraschau Leprosorien Mittelalter Stadtgesellschaft Ausgrenzung Randgruppen Medizin Aussatz Spitalwesen Fürsorgewesen Krankheit 12. Jahrhundert 13. Jahrhundert

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