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Entwicklungslinien der Erziehungsberatung von den Anfängen bis zu gegenwärtigen Entwicklungen

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung der wissenschaftlichen Arbeit
1.2 Erkenntnisleitendes Interesse

2 Definitionen
2.1 Erziehung
2.2 Beratung
2.3 Erziehungsberatung

3 Geschichte der Erziehungsberatung
3.1 Die Anfängen im Kaiserreich und der Weimarer Republik
3.2 Im Nationalsozialismus
3.3 Von der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre
3.4 Die gegenwärtigen Entwicklungen

4 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemstellung der wissenschaftlichen Arbeit

„Verwöhne mich nicht! Ich weiß sehr wohl, dass ich nicht alles bekommen kann, wonach ich frage, ich will Dich nur auf die Probe stellen.“, „Sei nicht inkonsequent, das macht mich völlig unsicher und läßt mich mein Vertrauen zu Dir verlieren.“

(vgl.URL: http://www.erziehungsberatung-hessen.de/)

Kinder haben Forderungen an ihre Eltern ebenso wie umgekehrt. Jedes Familienmitglied hat seine Rolle, Aufgaben und Funktionen innerhalb der Familiengemeinschaft. Doch wer hilft Kindern, Eltern und Familien, wenn sie diesen Forderungen und Erziehungsaufgaben nicht gerecht werden können? Die Erziehungsberatung bietet, bundesweit und kostenfrei, Eltern und Familien die Möglichkeit sich in (schwierigen) Erziehungsfragen Unterstützung zu holen. Dabei stehen ihnen wissenschaftlich ausgebildete, qualifizierte Fachkräfte zur Seite, die versuchen mittels einer objektiven Einschätzung der Situation, mit der betreffenden Person an unerwünschten Verhaltensweisen und Handlungseffekten, Krisen und Konflikten zu arbeiten. Das vorangestellte Ziel jeder Erziehungsberatung ist die psychische Gesundheit aller Familienmitglieder, „indem sie dazu beiträgt, daß sich junge Menschen ihren Fähigkeiten entsprechend entfalten und aktiv mit den Anforderungen der Umwelt auseinandersetzen können.“ (Abel 1998: 47). Doch wie konnte sich die Erziehungsberatung in unserem gesellschaftlichen System etablieren? Zur Klärung dieser Fragestellung, aus historischer Perspektive, sollen im Verlauf der Arbeit zunächst die Begriffe Erziehung und Beratung definiert werden, um auf den Begriff der Erziehungsberatung schließen zu können und um diesen näher zu bestimmen, so dass die zu betrachtende Kategorie der pädagogischen Beratungsarbeit gegenständlicher wird. Zur Erfassung der historischen Entwicklung der Erziehungsberatung, in ihrer gesamten Komplexität, werden anschließend, im Hauptteil der Arbeit, die Entwicklungslinien der Erziehungsberatung von den Anfängen um die Jahrhundertwende (Kaiserreich/Weimarer Republik) und ihrem Entstehungshintergrund aufgezeigt sowie die Entwicklungen im Nationalsozialismus bis über die Nachkriegszeit hin zu den 1990er Jahren und heutigen Entwicklungen.

Ich möchte darauf hinweisen, dass geschlechtsspezifische Schreibweisen in der vorliegenden Arbeit unsystematisch verwendet werden, da eine allgemein geschlechtsneutrale Schreibweise die Lesbarkeit des Textes eher nachteilig beeinflussen würde. Gemeint sind - sofern nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet - natürlich immer beide Geschlechter.

1.2 Erkenntnisleitendes Interesse

Die Pädagogik hat eine langjährige Geschichte, in der sich verschiedene erziehungswissenschaftliche Bereiche und Ansätze, natürlich auch in Anbetracht der jeweiligen Zeit, entwickelt haben. So entstand auch die Profession der pädagogischen Beratung und im Kontext dieser die Erziehungsberatung.

Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich mir einen Überblick über die Entwicklungslinien der Erziehungsberatung verschaffen, da es sich meiner Ansicht nach hierbei um ein sehr geschichtsträchtiges, komplexes Feld der Erziehungswissenschaft handelt. Meine Anliegen wird es daher sein, mir die grundlegenden Entwicklungen, Intentionen und Leitgedanken der früheren und heutigen Erziehungsberatungsstellen zu vergegenwärtigen. Vor allem möchte ich einen Einblick in die historische Perspektive erlangen, um nachvollziehen zu können, wie sich die Erziehungsberatung in ihren Anfängen über verschiedene Etappen der deutschen Geschichte bis heute entwickelt hat und in unserem gesellschaftlichen System etablieren konnte. Mein Fokus soll dabei besonders auf den differenzierten Arbeitsweisen in den zeitlichen Abschnitten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik sowie der NS-Zeit, der Nachkriegszeit bis hin zu heutigen Entwicklungen liegen.

Ich wünsche mir aus diesen Betrachtungen die Erkenntnis ziehen zu können, wie es der pädagogischen Beratung, insbesondere der Erziehungsberatung, gelungen ist soziale Anerkennung zu gewinnen und welche Höhen und Tiefen sie dabei durchlebte. Denn vor dem Hintergrund dieses Aspekts wird es mir zumindest teilweise möglich sein, die Entwicklungen der heutigen Erziehungsberatung nachvollziehen und verstehen zu können.

2 Definitionen

Im Folgenden werden die Begriffe Erziehung und Beratung näher bestimmt, so dass darauf basierend der Begriff der Erziehungsberatung in den Fokus gerückt werden kann.

2.1 Erziehung

Der Begriff der Erziehung ist im wissenschaftlichen Diskurs durch differenzierte und weit gefasste Auffassungen geprägt, die durch die Betrachtungen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, wie z.B. der Erziehungswissenschaft, Soziologie oder Psychologie, zustande kommen. Aus diesem Grund sollen hier nur die grundlegendsten Aspekte, aus erziehungswissenschaftlicher Sicht, angeführt werden. Erziehung kann als Interaktionsprozess zwischen mindestens zwei Individuen verstanden werden, bei dem eine Person die Profession des Erziehers einnimmt und das Ziel hat, mittels Erziehungsmittel und –maßnahmen „Kenntnisse und Fähigkeiten, Einstellungen und Wertorientierungen, Handlungswillen und Handlungsfähigkeit, also die individuelle Mündigkeit der Kinder oder Jugendlichen und ihre Kompetenz zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben möglichst dauerhaft zu verbessern“ (Schaub, Zenke 2007: 209).Da es sich hierbei um eine zielgerichtete Erziehung handelt, wird diese auch als intentionale Erziehung bezeichnet. Erziehung, die funktional ist, basiert auf dem Sozialisationsaspekt, das heißt, dass sich menschliche Verhaltensweisen in der Interaktion mit anderen Individuen, in alltäglichen Situationen, Institutionen und Instanzen prägen. Folglich bewirkt Erziehung immer auch eine Entwicklung des Zu-Erziehenden.

2.2 Beratung

Wachsende Handlungs- und Entscheidungsspielräume in der Erziehung, dem beruflichen Alltag und lebenspraktischen Bezügen sowie die sich stetig entwickelnde Komplexität in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, haben den Beratungsbedarf in den vergangenen Jahren anwachsen lassen. Vor allem Erziehungs-, Berufs- und Eheberatungen sind vornehmlich gefragt. Die Zielrichtung einer jeden Beratung ist es im Allgemeinen „durch Informationen, klärende Gespräche, Ermutigungen und die gemeinsame Erarbeitung von Entscheidungshilfen den Ratsuchenden zur Selbsthilfe zu befähigen“ (Schaub, Zenke 2007: 78).

2.3 Erziehungsberatung

Um eine Klärung des Begriffes der Erziehungsberatung vornehmen zu können, scheint es durchaus sinnvoll die Definitionen von Erziehung und Beratung in Einklang zu bringen. Eine mögliche Definition für Erziehungsberatung könnte folgendermaßen lauten:

Erziehungsberatung ist das Hinzuziehen einer fachkundigen Person (Pädagoge, Sozialarbeiter, Psychologe) bei problembehafteten Erziehungssituationen eines Kindes oder Jugendlichen. Meist wird die Erziehungsberatung in Anspruch genommen, wenn abzusehen ist, dass die Erreichung des Erziehungsziels, Mündigkeit sowie ausgeprägte Normen- und Wertevorstellungen und Sozialisation, gefährdet sind. Ziel der Erziehungsberatung soll es hierbei sein gemeinsam mit den Klienten Wege und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, mit deren Hilfe die Erziehungsziele aktiv und effektiv verfolgt und umgesetzt werden können. Weiterhin sieht die Erziehungsberatung ihre Aufgabe darin Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten. Delinquenz, familiale Probleme oder Lernschwierigkeiten zu hinterfragen und auch hier in Kooperation dem Betroffenen Lösungsansätze zu erarbeiten (vgl. Schaub, Zenke 2007: 210).

Eine weitere Möglichkeit Erziehungsberatung zu definieren findet sich im Kinder- und Jugendschutzgesetz (SGB VIII § 28). Hier wird Erziehungsberatung über die Aufgaben einer Erziehungsberatungsstelle erklärt:

„Erziehungsberatungsstellen und andere Beratungsdienste und –einrichtungen sollen Kinder, Jugendliche, Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Klärung und Bewältigung individueller und familienbezogener Probleme und der zugrunde liegenden Faktoren, bei der Lösung von Erziehungsfragen sowie bei der Trennung und Scheidung unterstützen. Dabei sollen Fachkräfte verschiedener Fachrichtungen zusammenwirken, die mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen vertraut sind“ (SGB VIII 2000, §28).

Demnach soll Erziehungsberatung Eltern, Kindern, Jugendlichen und anderen Erziehungsberechtigten helfend und unterstützend in Erziehungsfragen zur Seite stehen und dabei stets das Wohl des Kindes sicherstellen. So liegt der Arbeitsschwerpunkt von Erziehungsberatungsstellen nicht nur auf den emotionalen, sozialen und kognitiven Schwierigkeiten von Kindern und Jugendlichen, sondern auch auf den Konflikten und Missständen der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten, wenn sich diese nachteilig auf die kindliche Entwicklung auswirken.

3 Geschichte der Erziehungsberatung

Die nachfolgenden Darstellungen beziehen sich auf die historischen Hintergründe und Entwicklungen der Erziehungsberatung. Dabei werden die Ausführungen in Zeitabschnitte gegliedert, die prägend für die Entwicklungen in der Erziehungsberatung waren. Dementsprechend wird Bezug auf die Anfänge um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert genommen sowie auf die Zeit des Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit nach 1945 bis hin zu den 1990er Jahren und aktuellen Entwicklungen. „Diese Art der Zerteilung der Geschichte orientiert sich nicht einfach nur an der Chronologie der Ereignisse, sondern auch an der gängigen Doktrin, die Zeit des Dritten Reiches als Bruch im Lauf der deutschen Geschichte wahrzunehmen, und nach 1945 einen Neubeginn, eine „Stunde-Null“, zu konstatieren“ (Abel 1998: 19).

3.1 Die Anfängen im Kaiserreich und der Weimarer Republik

Neuerungen und Entwicklungen geschehen immer in der Folge von Veränderungen, so entstand auch die Erziehungsberatung. Denn die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, eine industrielle Revolution die die zunehmende Urbanisierung mit sich brachte, veränderte auch die sozialen Gegebenheiten. Zu dieser Zeit brach eine bis dahin scheinbar funktionierende soziale Ordnung zusammen, in dessen Folge sich eine lohnabhängige Arbeiterklasse herausbildete. Familien waren auf ein geregeltes Einkommen angewiesen, um ihre Versorgung sicher zu stellen. Wohnungsnot und die Betreuung der Kinder, da nun verstärkt auch die Mütter arbeiten gingen, um die Familie versorgen zu können, waren Probleme dieser Zeit. Aus pädagogischer Sicht als besonders problematisch anzusehen, ist nach Hans Peter Klug, die Tatsache, dass die „misshandelnde schwarze Pädagogik immer noch die alltägliche Erziehungspraxis darstellt(e)“ (Gröning 2010: 47). „Es war eine Zeit, in der in einem Kindergarten 50 bis 60 Kinder in einer Gruppe von einer Schwester betreut wurden und diese kommandierte: „Ärmchen verschränken, Kopf in die Höh, gerade sitzen, Schwester ansehen!“ „Als natürliche Orte der Erziehung galten Familie und Schule. Versagten diese und Kinder und Jugendliche wurden auffällig, so wurden sie gesichtet“ (Geib u.a.1924: 24). Mit den Folgen der erzieherischen Missstände dieser Zeit wurden vornehmlich Ärzte psychiatrischer Kliniken konfrontiert. Aufgrund der stetig wachsenden Nachfrage nach wissenschaftlichen Ratschlägen in Erziehungsfragen gründeten sich in der Folge die ersten Beratungsstellen für Erziehungsangelegenheiten. Die Grundzüge der Erziehungsarbeit liegen hierbei in der Jugendfürsorge, Sonder- und Heilpädagogik, Entwicklungsmedizin, Kinder- und Jugendpsychologie und der Psychoanalyse von Freud. Es wird beschrieben, “dass Max Taube, Leiter der Leipziger Ziehanstalt, begann, Pflegemütter unehelicher Kinder in Erziehungsfragen zu beraten“ (Gröning 2010: 48), dies geschah schon 1883. Bereits 1896 wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika die erste Psychologische Klinik „Psychological Clinic Lightner Witmer[1]“, an der Universität in Pennsylvania eröffnet (vgl. Bonin 1983). Zur selbigen Zeit begann J. Sully[2], Professor der Londoner Universität, mit psychologischen Untersuchung von Problemkindern in seinem hiesigen Labor. Jedoch: „Als historisches Gründungsdatum der Erziehungsberatung gilt die Einrichtung einer heilpädagogischen Beratungsstelle durch den Krimimalpsychiater W. Cimbal im Jahre 1903 oder die Eröffnung der ‚Medico-pädagogischen Poliklinik für Kinderforschung, Erziehungsberatung und ärztlich erziehliche Behandlung’ 1906 in Berlin unter der Leitung des Psychiaters Fürstenheim“ (Abel 1998: 23). Aus heutiger Sicht unterscheiden sich Erziehungsberatungsstellen von den damaligen Institutionen dahingehend, dass sie eine weniger stark bis gar keine medizinisch orientierte Konzeption verfolgen und die berufliche Tätigkeit nicht mehr auf ehrenamtlicher Basis erfolgt. In den Anfängen der Erziehungsberatung hatte die Anpassung des Kindes, an die bestehende Ordnung, oberste Priorität in den pädagogischen Absichten. Wie bereits erwähnt, wurde bei der Durchsetzung erzieherischer Maßnahmen auf systematische und gewaltsame Strafen zurückgegriffen. Zur damaligen Zeit bestand für Eltern nicht die Frage nach „der richtigen“ Erziehung. Kinder wuchsen häufig großfamiliär auf, so dass auf vermittelte, tradierte Erziehungsvorbilder und Verhaltensmuster zurückgegriffen wurde. Gesellschaftlich fand dies Akzeptanz, jedoch wurde die Not einiger Kinder in Zeiten sozialer Umbrüche so groß, dass sie delinquent wurden und verwahrlosten. Beratungsstellen sahen ihr Ziel nun darin auffällige gewordene Kinder zu kontrollieren und selegieren.

[...]


[1]Lightner Witmer(* 28. Juni 1867 in Philadelphia; † 19. Juli 1956) ; US-amerikanischer Psychologe und Professor an der University of Pennsylvania. 1896 gründete er die erste psychologische Klinik, die sich mit Beratung, Therapie und Rehabilitation befasste und als Vorbild der späterenChild Guidance Clinicsgalt. 1897 gründete Witmer die ZeitschriftPsychological Clinic.

[2]J.Sullywar englischer Psychologe und veröffentlichte im Jahr 1895 das Buch „Studies of Childhood“. Er unternahm erste systematische Untersuchungen über die Natur der kindlichen Ausdrucksfähigkeit und die Entwicklungen des kindlich zeichnerischen Ausdrucks - “Kind als Künstler“. Die Verbindlichkeit seiner theoretischen Analyse des vorästhetischen Verhaltens des Kindes bleibt bis in die 20er Jahre hinein bestehen (vgl: URL: http://www.sem-kunst.muc.kobis.de/Seminarausbildung/kinderzeichnung.htm).

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640985395
ISBN (Buch)
9783640985470
Dateigröße
5.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177079
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
bestanden
Schlagworte
entwicklungslinien erziehungsberatung anfängen entwicklungen

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