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Die islamistische Bewegung in der Türkei – Ist die türkische Republik von Islamisten gefährdet?

Hausarbeit 2010 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffserläuterung

3. Historische Entwicklung des Islamismus und Nationalismus im Nahen und Mittleren Osten

4. Islam in der frühen Republik

5. Der politische Islam

6. Post-Islamisten oder Islamisten? Die Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP)

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Ende des 19. Jahrhunderts formte sich im Nahen und Mittleren Osten eine Welle von verschiedenen Bewegungen, die sich gegen den imperialistischen Westen auflehnten und nach Unabhängigkeit strebten. Diese Bewegungen waren der säkulare Nationalismus, der panarabische Nationalismus und letztlich der Panislamismus. Unter der osmanischen Herrschaft waren diese Begriffe für viele Menschen fremd. Es handelte sich hierbei um einen Vielvölkerstaat, in dem die Herkunft und die Kultur gar keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielte. Doch nach und nach wurde das Reich instabiler. Noch vor dem ersten Weltkrieg formierte sich eine nationalistische Reformbewegung mit dem Namen „Jungtürken“ (bpb Jungtürken). Das Reich wurde von den Autonomieforderungen der verschiedenen Nationalitäten bedroht aus denen es sich zusammensetzte. Infolge dessen stürzten die Jungtürken den damaligen Sultan Abdülhamid II. und führten eine Nationalisierungspolitik (bpb, Jungtürken). Als das Osmanische Reich 1918 unter der Kontrolle der Alliierten stand, organisierte Mustafa Kemal Pascha von Zentralanatolien aus den „türkischen Befreiungskampf“. Am 29.Oktober 1923 wurde letztendlich die türkische Republik gegründet. Es war ein historisches Ereignis, da Mustafa Kemal Atatürk aus der Türkei das erste republikanische und laizistische muslimische Land gemacht hat (bpb, Atatürk). Die frühen Reformen des ersten türkischen Präsidenten stellten einen großen Umbruch des politischen und gesellschaftlichen Systems dar. Atatürk wollte die Türkei in der Moderne verankern und war deshalb stark für eine Westorientierung.

Aus diesem Grund sah er im Islam ein Hindernis in diesem Vorhaben. Die Religion wurde zurückgedrängt und unter staatlicher Kontrolle gestellt. Diese Maßnahmen wurden gegen den Willen der Bevölkerung durchgeführt und sollten die national-türkische Identität schaffen und stärken. Dies blieb nicht ohne Folgen. Es bildete sich eine islamische Gegenbewegung, die sich gegen die kemalistische Elite und deren Reformen auflehnte. Bis heute sehen die Kemalisten in den islamischen Gruppen den größten Feind für das Projekt der modernen Türkei. Doch seit 2002 ist die religiös-konservative Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) an der Macht, die trotz der andauernden Kritik und Vorwürfe seitens der Kemalisten den bis dato größten Schritt Richtung Europa gemacht hat. Der strikte Demokratisierungskurs und die starke Reformkraft der AKP haben das Land in mehreren Bereichen modernisiert und die EU-Beitrittsverhandlungen positiv beeinflusst. Doch ist es nicht gerade das kemalistische Erbe, in dessen Namen die Türkei heute an die Tür der europäischen Union klopft? Paradoxerweise ist es eine religiös-konservative Partei, die sich stark für den EU-Beitritt einsetzt und diesbezüglich Erfolge aufweisen kann. Ist also der Vorwurf der „islamistischen Gefahr“ seitens der kemalistischen Elite unbegründet?

Diese Frage soll in der folgenden Arbeit beantwortet werden. Doch zuerst erfolgt eine Begriffserläuterung und die Analyse der historischen Entwicklung der Begriffe Islamismus und Nationalismus im Nahen und Mittleren Osten.

2. Begriffserläuterung

In diesem Kapitel werden nun die für das Thema zentralen Begriffe erläutert. Der Gründer der Türkei ist auch gleichzeitig der Begründer des Kemalismus, der Ideologie, welche die türkische Gesellschaft über Jahre geprägt hat (Agai, 2004, 18). Die Ideologie wird in den „sechs Pfeilern“ des Kemalismus zusammengefasst. Diese wurden im Mai 1931 in das Parteiprogramm der CHP, Atatürks republikanische Volkspartei, eingeführt und bilden seit dem das Logo dieser Partei (Agai, 2004, 18). Jeder Pfeil stellt dabei eines der sechs Attribute dar.

Diese sind der Republikanismus, Nationalismus, Populismus, Etatismus, Laizismus und Revolutionismus/Reformismus. Der Republikanismus bedeutet, dass die Türkei auf dem Prinzip der Volkssouveränität basiert. Aus diesem Grund schaffte Mustafa Kemal Atatürk die Monarchie der Sultane ab um die Politik in die Öffentlichkeit zu tragen (Karakas, 2007, 6). Der Nationalismus ist einer der wichtigsten Attribute des Kemalismus. Da das Osmanische Reich ein Vielvölkerstaat war, in dem verschiedene Ethnien lebten, musste Atatürk das türkische Nationalbewusstsein stärken, um das Land zu einer Nation zu einigen. Dieses Nationalbewusstsein bezieht sich auf die gemeinsame Sprache und Geschichte. Alle Bürger wurden zu türkischen Staatsbürgern, egal welcher Nationalität sie auch angehörten. Unter Populismus versteht man die Beteiligung des Volkes beim Aufbau des Staates. Etatismus bedeutet, dass die Wirtschaft unter der Kontrolle des Staates steht. Der Staat dirigiert die Volkswirtschaft und lenkt die Investitionen. Mit Laizismus ist die institutionelle Trennung von Staat und Religion gemeint. Unter Revolutionismus/ Reformismus ist die Annäherung an den Westen durch die Anpassungsfähigkeit der Türkei gemeint. Nur durch Reformen und ständigem Fortschritt sei dies zu erreichen (Karakas, 2007, 6). Der nächste Begriff ist der Islamismus. Der Islamismus ist eine politische Ideologie, in welcher sich die Anhänger auf den islamischen Glauben berufen. Hierbei fungiert der Islam als öffentliche Norm bzw. Verfassung (Karakas, 2007, 7). Die Politik muss sich der Religion gemäß dem Dogma „ Der Islam ist Religion und Staat“ unterordnen. Die Religion bestimmt nicht nur die Politik, sondern das gesamte öffentliche Leben. Die ideologischen Wegbereiter des Islamismus sind der iranisch-afghanische Philosoph Jamal al-Din al-Afghani (1839-1897) und der ägyptische Lehrer Hasan al-Bana (1906-1949). Der Panislamismus, zu dessen Hauptvertretern Jamal al-Din al Afghani gehört, hat als Ziel die Einheit aller Muslime. Eine solche islamistische Vereinigung stellt die Muslimbruderschaft dar, die 1928 von al-Bana in Ägypten gegründet wurde (Karakas, 2007, 4). Diese Vereinigung stellte eine Protestbewegung gegen die damaligen Kolonialmächte dar. Als nächstes werden der Laizismus und der Säkularismus näher erläutert, vor allem im Hinblick auf die Türkei. Unter Säkularismus versteht man die Marginalisierung der religiösen Sinndeutung aus dem Diesseits, also die Ablösung und Emanzipation weltlicher Bereiche von religiösen Einrichtungen und Normen. Im Säkularismus kommt es zu einer Ausdifferenzierung religiöser und nicht-religiöser, die einander nicht ausschließen müssen (Karakas, 2007, 7). Der Laizismus ist eine antiklerikale Weltanschauung und Ideologie, die auf säkularen Prozessen basiert. Desweiteren liegt eine strikte institutionelle Trennung von Staat und Religion vor.

Ein laizistischer Staat hält sich im Gegensatz zum Säkularismus komplett aus religiösen Angelegenheiten heraus. Desweiteren wird im Laizismus eine staatliche Förderung der religiösen Gemeinschaften wie im Säkularismus nicht vorgesehen (Karakas, 2007, 8). Die einzigen verfassungsrechtlich-laizistischen Staaten Europas sind Frankreich und Portugal. Die Türkei sieht sich als laizistischer Staat, doch hält sich der Staat nicht aus religiösen Bereichen fern. Realpolitisch wird eine Säkularisierung bezweckt und zwar nicht dadurch, dass der türkische Laizismus die Religion neben den Staat stellt und das Verhältnis beider zueinander regelt, sondern dadurch, dass er dem Staat das Interpretationsmonopol über die Religion einräumt (Agai, 2004, 20). Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen hat man 1924 das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi) gegründet (Karakas, 2007, 10).

3. Historische Entwicklung des Islamismus und Nationalismus im Nahen und Mittleren Osten

In diesem Kapitel soll die historische Entwicklung des Islamismus und des Nationalismus im Nahen und Mittleren Osten aufgezeigt werden. Dies soll zu einem besseren Verständnis über die Entwicklung dieser Ideologien beitragen und gleichzeitig als Einführung für die türkisch-spezifische Entwicklung dienen. Es gibt drei verschiedene Ebenen, mit denen man die politische Einheit im Nahen und Mittleren Osten definiert. Erstens der säkulare Nationalismus, zweitens der panarabische Nationalismus und drittens der Panislamismus (Zubaida, 2004, 407). Zur Zeit des Osmanischen Reiches war für viele Araber der Begriff „nationale Einheit“ am Anfang des 19. Jahrhunderts ein Fremdwort. Der Islam vereinte alle Menschen im Reich, daher spielten unter der osmanischen Herrschaft die Herkunft und die Kultur eine untergeordnete Rolle. Doch in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts entwickelte sich bei der Bevölkerung der Drang nach Schutz vor dem imperialistischen Westen, der sich immer weiter ausbreitete. Für viele war der einzige Weg der Islam, der die muslimischen Länder vereinen und so ein Gegengewicht zum Westen bilden sollte (Naseer, 1977, 266). Dies sollte durch den Panislamismus geschehen. Der Panislamismus, welcher unter der Leitung von Jamal al-Din al-Afghani wuchs, stellte eine Art Revolution dar, da dieser die traditionelle Funktion des Islams als ein System des Glaubens und reiner Praktiken ersetzte und den Islam zur politischen Kraft werden ließ (Naseer, 1977, 267).

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Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640986491
ISBN (Buch)
9783640986514
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v177048
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
11
Schlagworte
bewegung türkei republik islamisten

Autor

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