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Die Bedeutung von Vertrauen in Supply Chains

Bachelorarbeit 2010 38 Seiten

BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung

2. Literaturüberblick und Begriffsbestimmungen
2.1 „Supply Chain“ als Kooperationsform
2.2 Der Vertrauensbegriff in der Ökonomik

3. Vertrauen im Rahmen netzwerkgerichteter Supply Chains
3.1 Die Bedeutung von Kooperationen in Supply Chains
3.1.1 Transaktionskostentheorie zur Erklärung von kooperativen Supply Chains
3.1.2 Bestimmungsmerkmale von Kooperationsformen
3.1.3 Zwischenfazit: Vertrauen in den unterschiedlichen Transaktionsformen
3.2 Modellierung einer Vertrauensbeziehungen in Supply Chains
3.2.1 Die Vertrauensbeziehung zwischen Hersteller und Zulieferer
3.2.1.1 Das Verhältnis von Vertrauen zu expliziten Verträgen
3.2.2 Die Vertrauensbeziehung als Prinzipal-Agent-Beziehung
3.2.2.1 Die Prinzipal-Agent-Beziehung zwischen Hersteller und Zulieferer
3.2.2.2 Vertrauen als Steuerungsmechanismus der Prinzipal-Agent-Beziehung
3.3 Wirkungen von Vertrauen in Supply Chains
3.3.1 Die Wirtschaftlichkeit von Vertrauen in Supply Chains
3.3.2 Die Vertrauenswirkung auf die Partialebenen der Supply Chain

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Partialnetze der Supply Chain

Abbildung 2: Organizational Failure Framework

Abbildung 3: Transaktionskosten und Faktorspezifität

Abbildung 4: Vertrauensbeziehung

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Unternehmen stehen heutzutage einer sich ständig verändernden, komplexer werdenden Umwelt gegenüber. Die wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen erweitern sich zunehmend und fördern damit den internationalen Wettbewerb. Dieser ist zum einen geprägt durch die Wandlung vom Verkäufer- zum Käufermarkt. Der Absatz wird damit nicht nur zum Engpass, sondern auch ausdifferenzierter, was die Unternehmen dazu veranlasst, sich kundenorientierter zu positionieren. Andererseits bleibt auch die Angebotsseite von die- sem Internationalisierungsprozess nicht unberührt. Die Auslagerung der Produktion sowie die Beschaffung von Ressourcen von außerhalb ist nahezu grenzenlos möglich und wirkt sich nachhaltig auf die Kostenstruktur der Unternehmen aus. Kosten fallen nicht mehr nur bei internen Wertschöpfungsprozessen, sondern verstärkt auch für Informationsbeschaffung und bei der Suche nach passenden Kooperationspartnern an.[1] Durch die hohe Produktdifferen- ziertheit sind Unternehmen nämlich nicht mehr in der Lage, Innovationen gänzlich alleine umzusetzen, da Neuerungen nicht selten aus mehreren Wissensbereichen resultieren.

Aus der Notwendigkeit heraus, diesem Druck von Angebot- und Nachfrageseite standzuhal- ten, resultiert häufig die Entscheidung von Unternehmen, die eigenen Aktivitäten auf die so- genannten Kernkompetenzen zu beschränken. Es erfolgt damit eine Reduzierung der Ferti- gungstiefe und die Verlagerung von strategisch unwichtigeren Kompetenzen an andere Un- ternehmen.[2] Der Prozess der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit gewinnt daher immer mehr an Bedeutung und zwingt die Unternehmen, ihre Beziehungen entlang der Wertschöpfungskette zu beobachten. Daher werden in der Betriebswirtschaft Fragestellun- gen hinsichtlich der Zusammenarbeit von Unternehmen in Form von Unternehmensnetzwer- ken und Kooperationen zunehmend diskutiert.[3] Ein besonderes Konzept dieser Ausprägun- gen stellt die Supply Chain dar. Die grundsätzliche Idee ist eine Integration der Aktivitäten aller am Wertschöpfungssystem beteiligten Unternehmen auf eine unternehmensübergrei- fende Koordination und Synchronisierung der Informations- und Materialflüsse.[4]

In diesem Zusammenhang wird in der aktuellen Literatur auch die Bedeutung von Vertrauen in unternehmensübergreifende Supply Chains als Einflussgröße verstärkt untersucht. Bei- spielsweise erfordert die Entwicklung von wissensintensiven und innovativen Produkten eine Weitergabe von sensiblen Informationen an Dritte. Die Qualität des Produkts und die Schnel- ligkeit seiner Entwicklung sind letztlich auch davon abhängig, inwiefern die Unternehmen bereit sind, Informationen Dritten zu überlassen. Häufig wird Vertrauen auch als konstitutives Merkmal von „guten“ Netzwerkbeziehungen verstanden.[5]

Trotzdem darf diesbezüglich nicht vergessen werden, dass die Implementierung von Ver- trauen in unternehmensübergreifenden Netzwerken zur Verbesserung der Supply Chain mit Kosten und Risiken verbunden ist. In Austauschbeziehungen besteht jederzeit die Gefahr opportunistischen Verhaltens eines Partners. Weiterhin ist die Pflege der Partnerschaft mit zeitlichem Aufwand verbunden, weil gute Kommunikation, Koordination und hinreichende Unterstützung von beiden Seiten notwendig sind. Daraus folgt, dass Vertrauen sich nicht in jeder zwischenbetrieblichen Beziehung lohnen kann. Lambert und Knemeyer schreiben da- zu: „Partnerships are justified only if they stand to yield substantially better results than the firms could achieve on their own.“[6] Betriebswirtschaftlich gesehen ist dies relevant, weil Un- ternehmen entscheiden müssen, mit welchen Zulieferern sie verstärkt entlang ihrer Supply Chain kooperieren wollen. Sie müssen entscheiden, wann der Faktor der Beziehungsqualität für das effektive Funktionieren der Supply Chain ausschlaggebend wird. Fehlt das Vertrauen, können einfachste Vorgänge zu Kommunikationsproblemen führen und die Umsetzung von Handlungen blockieren beziehungsweise zu Handlungen führen, die eine Misstrauensspirale in Gang setzen und das Risiko in einer Supply Chain erhöhen.[7]

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Bedeutung von Vertrauen in Supply Chains herauszu- arbeiten und daraus abzuleiten, unter welchen Umständen es lohnenswert ist, in eine ver- trauensvolle Partnerschaft zu investieren. Dazu wird es im zweiten Kapitel zu einem Litera- turüberblick und Begriffsbestimmungen kommen, um den Stand der Forschung darzustellen und eine Eingrenzung der Begriffe „Vertrauen“ und „Supply Chain“ vorzunehmen. Im dritten Kapitel erfolgt die Modellierung des Vertrauensbegriffes im Rahmen von ökonomischen Aus- tauschbeziehungen. Dazu wird die Bedeutung von Kooperationen herausgearbeitet und die- se mit Hilfe der Transaktionskostentheorie erklärt. Die nachfolgende Darlegung der Bestim- mungsmerkmale von Kooperationsformen soll verdeutlichen, wann die Beziehungsqualität ein wichtiger Einflussfaktor in Kooperationen wird. Um Vertrauen als Einflussfaktor zu ver- stehen, wird nachstehend eine Vertrauensbeziehung modelliert und das Spannungsfeld zwi- schen den motivationalen Aspekten von Kooperationen und den damit verbundenen Verhal- tensrisiken dargelegt. Daraufhin wird es möglich sein, die Vertrauensbeziehung auch als Prinzipal-Agent-Beziehung zu modellieren, um zu prüfen, wie Vertrauen als Steuerungsme- chanismus eingesetzt werden kann. Im Abschluss sollen die daraus abgeleiteten Erkenntnis- se auf die Supply Chain übertragen werden, um die Bedeutung von Vertrauen herauszuar beiten sowie im Rückgriff zu entscheiden, in welchen Kooperationen Vertrauen Bedeutung hat. Das vierte Kapitel liefert ein Fazit sowie einen kurzen Forschungsausblick.

2. Literaturüberblick und Begriffbestimmungen

2.1 „Supply Chain“ als Kooperationsform

Die einleitenden Überlegungen zu den gestiegenen Wettbewerbsanforderungen des Marktes zeigen auf, dass Unternehmen ihren Fokus zunehmend auf ihre Wertschöpfungsaktivitäten mit anderen Unternehmen legen müssen. In diesem Zusammenhang wird auch häufig von einem Paradigmenwechsel gesprochen, weil die klassische Fragestellung der traditionellen Hersteller-Lieferanten-Beziehung „make or buy“ durch „make or cooperate“ abgelöst wird.[8] Dadurch wird funktionierenden Kooperationen entlang Supply Chains ein strategischer Wett- bewerbsvorteil eingeräumt.

In diesem Kontext soll deswegen der Begriff der Supply Chains dargestellt und seine Rele- vanz für das Thema dieser Bachelorarbeit dargelegt werden. Unter Supply Chains versteht man Versorgungsketten, die im Rahmen des Supply Chain Managements (SCM) gesteuert und gelenkt werden. Es existieren teils überschneidende und abweichende Definitionen die- ses Managementkonzeptes, die aus unterschiedlichen Schwerpunkten und Verständnissen resultieren.[9] Weiterhin ist die Definition des Supply Chain Managements zeitlichen Wandlun- gen unterworfen. In der Literatur werden in diesem Zusammenhang häufig die fünf Denk- schulen des Supply Chain Managements gegenübergestellt.[10] Sie stellen die zunehmende Integration des Supply Chain Managements dar und zeigen auf, dass die Bedeutung von kooperierenden Unternehmen zur Erschließung unternehmensübergreifender Erfolgspoten- tiale immer wichtiger wird. Bezüglich der „genauen“ Definition des Ausdrucks herrscht in der Literatur immer noch Uneinigkeit. Es gibt jedoch spezifische Merkmale von Supply Chains, die in den meisten Definitionen wiederkehrend zu finden sind und folgend dargestellt werden. Als erstes Merkmal wird der Fokus auf die Optimierung des Flusses der physischen Güter einschließlich der darin eingebundenen Informationen gelegt. In diesem Zusammenhang herrscht auch ein einheitliches Verständnis darüber, dass die einzelnen Komponenten nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können. Vielmehr handelt es sich um eine holisti- sche Betrachtungsweise der kompletten Wertschöpfungskette, also um eine Integration aller Unternehmensaktivitäten.[11]

Als weiteres Merkmal wird verstärkt auch die überbetriebliche Kooperation genannt, die laut Wildemann in zukünftigen Entwicklungen zu immer stärker vernetzten Netzwerken führen wird. Schließlich sei der eingangs genannte Internationalisierungsprozess noch nicht abge schlossen und werde noch an Schnelligkeit zunehmen. Langfristig gesehen wird die Koope ration von Unternehmen in Form von Netzwerken weiter ansteigen.[12] Supply Chains sind aus diesem Grund besonders im Hinblick auf die Bedeutung von Vertrauen und auf die Auswirkungen auf die Optimierung von Kooperationsbeziehungen interessante Forschungsobjekte. Als letztes Merkmal wird häufig der Kundennutzen angeführt. Dies ist eine Konsequenz aus dem eingangs beschriebenen Wandel von Verkäufer- zu Käufermärkten. Darüber hinaus schließt die holistische Betrachtungsweise alle Komponenten der Supply Chain mit ein, also im weitesten Sinne die Beschaffung von Rohstoffen wie auch die Integration des Kunden in den Prozess. Wildemann schreibt hierzu: „Innerhalb der Supply Chain sind alle Aktivitäten im Hinblick auf deren Beitrag zur Wertschöpfung zu untersuchen, wobei über den Wertschöpfungscharakter einer Aktivität allein der Kunde entscheidet.“[13] Diese Aussage unterstreicht die herausragende Stellung des Kunden in der Supply Chain.

Je nach der Schwerpunktsetzung des Autors liegt das Augenmerk auf mindestens einem der oben genannten Merkmale. Den Literaturdefinitionen gegenüberstehend gibt es eine Defini- tion von SCM des Council of Supply Chain Management Professionals aus der Praxis: „Sup- ply Chain Management encompasses the planning and management of all activities involved in sourcing and procurement, conversion, and all Logistics Management activities. Important- ly, it also includes coordination and collaboration with channel partners, which can be sup- pliers, intermediaries, third-party service providers, and customers. In essence, Supply Chain Management integrates supply and demand management within and across companies.“[14] In diesem praktischen Ansatz wird besonders die unternehmensübergreifende Integration von Material- und Informationsflüssen über mehrere Fertigungsstufen hinweg bis zum Endver- braucher unterstrichen. Im Hinblick auf das Thema der vorliegenden Arbeit wird der Fokus verstärkt auf dem unternehmensübergreifenden Verständnis von Supply Chains liegen. So- mit werden Supply Chains als eine besondere Kooperationsform im Sinne von netzwerkge- richteten Supply Chains verstanden. Netzwerkgerichtete Supply Chains sollen in diesem Zusammenhang verstanden werden als eine Positionierung auf den externen Schnittstellen einer Unternehmung. Damit entsteht ein Beziehungsgeflecht von Akteuren vom Lieferanten bis zum Endverbraucher.[15] Im Rahmen des Themas werden somit unternehmensinterne Prozesse der SC außer Acht gelassen und nur die externen Prozesse einer SC beachtet.

Um die Wirkung von Vertrauen besser aufzuzeigen, wird die Supply Chain darüber hinaus in Partialnetze eingeteilt. Diese Einteilung wird in der Netzwerktheorie häufig verwendet, um das Verständnis von Netzwerken zu durchdringen und Analysen zu vereinfachen. Damit er geben sich Partialnetzebenen sowohl des sozialen und institutionellen Netzes, als auch Da ten- und Güternetze, wie die untere Abbildung zeigt.[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Partialnetze der Supply Chain

Quelle: Lemke, S. (2008), S.20

Unter dem institutionellen Netz versteht man Austauschbeziehungen zwischen rechtlich selbständigen Unternehmen, die durch Kooperationsverträge oder Kapitalbeteiligungen verbunden sind.[17] Das soziale Netz umfasst die internen und externen Mitarbeiterbeziehungen, die durch eigene Normen, Loyalität oder Sympathien geprägt sind. Das Datennetz wiederum unterstützt den Informationsaustausch durch adäquate Systeme und koordiniert Bedarfsplanungen oder Produktionen.[18] Das letzte Partialnetz besteht aus dem Güternetz, welches die Güter- und Dienstleistungen von einem zum nächsten Ort befördert. Diese Partialnetze zusammenfassend machen den Aspekt der SC als Unternehmensnetzwerk deutlich und zeigen die externen Schnittstellen, an denen sich Kooperationen bilden.

2.2 Der Vertrauensbegriff in der Ökonomik

Vertrauen in der Ökonomik zu untersuchen hat noch keine lange Tradition. Doch in der ein- gangs dargestellten zunehmenden Kooperation von Unternehmen nimmt die Bedeutung auf Grund der steigenden Komplexität der Umwelt immer mehr zu. Die Bedeutung des Vertrau- ens in Supply Chains zu untersuchen setzt zunächst ein Begriffsverständnis voraus. Hierzu werden folgend Definitionen und Ideen aus der Literatur sowie verschiedene Forschungs- ströme vorgestellt, mit denen die Vorteilhaftigkeit von Vertrauen begründet wird.

Der Begriff „Vertrauen“ ist in erster Linie durch seine hohe Multidisziplinarität gekennzeich- net. Da Vertrauen ein Phänomen ist, welches sich in sozialen Beziehungen abspielt, sind Soziologie und Psychologie die hauptsächlichen Einflussquellen. Horst Albach gilt als einer der Ersten, die auf die Bedeutung von Vertrauen in der Ökonomik hinwiesen.[19] Sein Aufsatz

„Vertrauen in der ökonomischen Theorie“ beschreibt eine Vertrauensbeziehung, die sich auf ein aufrichtiges Vertrauensgeben und -nehmen stützt, ohne strategische Vorteile in Bezug auf Reputation zu erlangen.

Niklas Luhmann beschreibt Vertrauen als einen Mechanismus zur Reduktion von sozialer Komplexität.[20] Zwar ist dieses Werk in erster Linie aus der Soziologie bekannt, jedoch spielt sich Vertrauen auch zwischen Menschen ab, die hinter kooperativen Supply Chains stehen. Kurz gesagt dient Vertrauen in diesem Zusammenhang als eine Art kausale Vorhersage, um zukünftige Handlungen auf Grund von Erwartungen und Erfahrungen zu antizipieren, was Komplexität reduziert.

In der Betriebswirtschaft werden hauptsächlich die wirtschaftlichen Vorteile durch das Vor- handensein von Vertrauen beobachtet. So bietet die Neue Institutionenökonomie[21] den häu- figsten Erklärungsbeitrag in den Wirtschaftswissenschaften, da die Prinzipal-Agent-Theorie und die Transaktionskostentheorie institutionelle Arrangements (hauptsächlich durch Verträ- ge) zwischen Unternehmen untersuchen. Beide Theorien werden im Hauptteil dieser Arbeit modelliert werden, da sie gute Einblicke in die Ausprägung von Problemen und Risiken im Rahmen von Austauschbeziehung liefern, wie sie auch Gegenstand in Supply Chains sind. In diesem Zusammenhang analysiert Marcus Groll beispielsweise in seinem Werk den mo- derierenden Einfluss von Vertrauen auf Supply Chains.[22] Die grundlegende Idee ist, dass Vertrauen den Austausch von sensiblen Daten an Dritte innerhalb der SC erleichtert und damit erst den Wissens- und Informationsaustausch ermöglicht. Damit können Transaktions- kosten gesenkt werden. Bei der Modellierung einer Prinzipal-Agent-Beziehung gilt wohl das Buch „Ökonomik des Vertrauens“ von Tanja Ripperger als einflussreichstes Werk über- haupt.[23] Ripperger modelliert dort eine Vertrauensbeziehung, die im Spannungsfeld von Op- portunismus, Kosten-Nutzen-Kalkülen, Sanktionen und Anreizen sowie Risiken steht.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll schlussendlich deutlich werden, in welchen Situationen die Investition in vertrauensvolle Kooperationen lohnenswert ist. An Rippergers Arbeit wird somit häufig angeknüpft werden, was aber auch an der auffallenden Häufigkeit der Rezeption ihres Werkes durch andere Literatur nahe liegt.

Weiterhin wird das Thema Vertrauen auch in aktuellen Zeitschriften diskutiert. Dies beweist die Fülle an Artikeln des Harvard Business Review. Besonders hervorzuheben sind Themen wie zwischen Lieferanten differenziert wird, wie eine vertrauensvolle Partnerschaft entwickelt wird sowie die aus solchen Beziehungen resultierenden Vorteile. Auch hier liegt häufig die Reduktion der Transaktionskosten im Mittelpunkt der Betrachtung. Im Laufe der Arbeit wer den damit auch Aspekte aus aktuellen Diskussionen einfließen, da diese im Hinblick auf das Thema relevant sind.

Die oben angegebenen Literaturüberblicke sind nur ein Teil eines weiten Feldes der Diskus- sion um Vertrauen. Das Augenmerk liegt auf der Bedeutung des Vertrauens in Supply Chains. Somit liegt die Begriffsbestimmung von Vertrauen auch im Rahmen von ökonomi- schen Austauschbeziehungen und schränkt damit die Definition schon stark ein, da ein rein ökonomischer Blickwinkel auf den Vertrauensbegriff eingenommen wird. Grundlage hierfür ist die Theorie von unvollkommenen Märkten. Vertrauen erlangt somit erst im Stadium von Unsicherheit und Risiko an Bedeutung für den Ökonomen.[24] Albach begründet dies, indem er eine Welt von vollkommenen Informationen unterstellt. Die Aufgabe des Vertrauens im Sinne einer erwartungsbildenden Maßnahme gegen unsichere Ereignisse entfällt, da für den nutzenkalkulierenden Menschen alle Teilnehmer am Markt gleich sind und nur der Preis ent- scheidend ist. Eine Welt in dieser Form existiert jedoch nicht und damit sind alle Austausch- beziehungen stets begleitet von Unsicherheiten und unvollkommenen Informationen, die damit Voraussetzung für Vertrauen sind.

Im Spannungsfeld des Vertrauens stehen damit die motivationalen Aspekte von kooperati- ven Supply Chains, sowie die damit verbundenen Verhaltensrisiken des Partners. Mit Hilfe der Transaktionskostentheorie sowie der Prinzipal-Agent-Theorie kann modelliert werden, welche Merkmale auf die Entscheidung für oder gegen eine starke Partnerschaft Einfluss haben. Zu dieser vorgenommen Einschränkung des Vertrauensbegriffes bietet es sich an, die Definition von Tanja Ripperger anzuführen. Somit sei Vertrauen in der Ökonomik definiert als „die freiwillige Erbringung einer riskanten Vorleistung unter Verzicht auf explizite vertrag- liche Sicherungs- und Kontrollmaßnahmen gegen opportunistisches Verhalten in der Erwar- tung, dass der Vertrauensnehmer motiviert ist freiwillig auf opportunistisches Verhalten zu verzichten.“[25] Dies sei die Grundlage, um später eine Vertrauensbeziehung zu modellieren.

3. Vertrauen im Rahmen netzwerkgerichteter Supply Chains

Nachdem oben der Vertrauensbegriff für die Arbeit abgegrenzt und definiert wurde, ist es nun Gegenstand des vorliegenden Abschnittes, diesen im Kontext von Supply Chains zu beleuchten. Ziel soll es sein, die Bedeutung von Vertrauen in diesen netzwerkgerichteten Lieferketten herauszufinden. Dazu werden im ersten Schritt Kooperationen betrachtet, um aufzuzeigen, weshalb sie in der Wirtschaft an Bedeutung gewinnen. In diesem Zusammen- hang wurde schon in den anfangs dargestellten definitorischen Abgrenzungen zu Supply Chains der kooperative Aspekt betont. Die Transaktionskostentheorie wird dabei als Theo riekonstrukt einen Erklärungsbeitrag leisten. Weiterhin werden wichtige Bestimmungsmerk male von Kooperationsformen dargelegt, damit später herausgefunden werden kann, ob es Formen gibt, bei denen die Beziehungsqualität wichtiger und lohnender ist. Eine zentrale Behandlung des Themas stellt die Modellierung einer klassischen Vertrauensbeziehung zwi- schen Hersteller und Zulieferer sowie ihre Beleuchtung im Rahmen der Prinzipal-Agent- Theorie dar. Es soll deutlich werden, in welchem Spannungsfeld Vertrauen steht und welche eventuellen Steuerungswirkungen es entfalten kann. Im Abschluss sollen die Erkenntnisse dieser Modellierung direkt auf die Supply Chain übertragen werden, um die Wirkungen auf- zuzeigen.

3.1 Die Bedeutung von Kooperationen in Supply Chains

Folgend soll nun die Bedeutung von kooperativen Supply Chains gezeigt werden. Durch die Heterogenität des Begriffes „Kooperation“ ist es zweckmäßig, die groben Kooperationsformen darzustellen, um später die Vertrauenswirkung darauf beziehen zu können. Der Diskurs der gängigen Literatur um die verschiedenen Definitions- und Abgrenzungsversuche von Koperationen[26] wird so umgangen, dass lediglich die Einteilung der Neuen Institutionenökonomie beachtet wird. Die Neue Institutionenökonomie befasst sich mit ökonomischen Austauschbeziehungen unter besonderer Berücksichtigung der Wirkung von institutionellen Regelungen wie Verträgen in expliziter und implizierter Form.[27] In der Betriebswirtschaft stellt sich damit die Frage, welche Institutionen den ökonomischen Austausch am effizientesten und am kostengünstigsten zu realisieren in der Lage sind.

Weiterhin wird die Definition von Kooperationen auch als gegeben angesehen, um sich nicht im Diskurs zu verlieren. Gewählt wird die Definition von Fladnitzer, da sie verschiedene Definitionsbestandteile zusammenfügt, die dann lauten: „Die interorganisationale Kooperation stellt die freiwillige, formal geregelte Zusammenarbeit zwischen Unternehmen mit dem Ziel des ökonomischen Nutzenzuwachses für die beteiligten Unternehmen dar. Die Zusammenarbeit kann in unterschiedlicher Weise gestaltet sein, sodass mehr oder weniger starker Einfluss auf einzelne oder mehrere Unternehmensfunktionen und die wirtschaftliche Selbständigkeit ausgeübt wird.“[28] Der Punkt des ökonomischen Nutzenzuwachses für beide Unternehmen lässt damit vermuten, dass die Kooperation in Supply Chains in manchen Situationen Vorteile gegenüber anderen Organisationsformen hat.

3.1.1 Transaktionskostentheorie zur Erklärung kooperativen Supply Chains

Wie oben angedeutet, versucht der Ansatz der Transaktionskosten die Frage zu beantwor- ten, welche vom Wirtschaftssystem gegebenen Institutionen, wie z.B. vertragliche Regelun gen, die Leistungsbeziehung zwischen Unternehmen optimal gestalten können. Der Grund gedanke wurde von Oliver E. Williamson entwickelt und kann folgend zusammengefasst werden: „Effiziente wirtschaftliche Strukturen und Prozesse sind in einer arbeitsteiligen Welt dann gegeben, wenn die Reibungen, die bei der Abstimmung zwischen den diversen Betei- ligten auftreten, möglichst gering sind. Angesichts unterschiedlichen Wissens und Könnens, unterschiedlicher Interessen, begrenzter Erkenntnismöglichkeiten und potentiell opportunisti- scher Verhaltensweisen treten derartige Reibungen beim Leistungsaustausch auf Märkten wie auch bei der innerbetrieblichen Produktion notwendigerweise auf.“[29] In Bezug auf die Supply Chain stellen diese „Reibungen“ Kosten dar, die entstehen, sobald die Teilnehmer sich entschließen in einer Supply Chain zu arbeiten. Ziel ist es, diejenige Kooperationsform zu finden, bei der die gegebenen Produktionskosten und -leistungen die Transaktionskosten minimieren können. In diesem Zusammenhang sind die Transaktionsformen Markt, Hierar- chie und Hybride gemeint. Die Unterschiede zwischen den drei Transaktionsformen werden im nächsten Kapitel genauer erklärt.

Die Transaktionskosten werden bei Williamson in ex-ante Kosten und ex-post Kosten unterteilt. Unter ex-ante Kosten fallen dabei Kosten wie die Informationssuche und -beschaffung sowie Kosten für die Vertragsverhandlungen und Vertragsschluss an.[30] Dabei führt Williamson an, dass Verträge nicht alle Eventualitäten berücksichtigen können, was dazu führt, dass gleichermaßen ex-post Kosten entstehen. Darunter fallen Kosten wie Kontrollkosten und Kosten für Nachverhandlungen, wenn Rahmenbedingungen sich verändern.[31] Die Determinanten dieser Kosten stellt Marcus Groll in Anlehnung an Williamson anhand des Organizational Failure Frameworks anschaulich dar.[32]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Organizational Failure Framework

Determinanten sind damit grundsätzliche Verhaltensannahmen, die Transaktionsatmosphäre und -häufigkeit, sowie die gegebenen Umweltfaktoren.

In der Transaktionskostentheorie werden zwei Verhaltensannahmen vorausgesetzt: Die er- ste Eigenschaft ist der Opportunismus. Darunter versteht man das nutzenmaximierende Verhalten einer Partei oder eines Individuums ohne Rücksicht auf andere Akteure.

[...]


[1] Vgl. Fladnitzer, M. (2006), S.1

[2] Vgl. Klaus, P., & Winfried, K. (2004), Stichwort: Kernkompetenz, S.239

[3] Vgl. z.B. Steinheuser, S. (2006), Gilbert, U. D. (2003), Sydow, J. (2006), Aderhold, J. et al (2005)

[4] Vgl. Wildemann, H. (2003), S.22

[5] Vgl. z.B. Ripperger, T. (1998), S.2; Lambert, D. M., & Knemeyer, M. A. (2006), S.2; Fladnitzer, M. (2006), S.18; Lemke, S. (2008), S.8

[6] Vgl. Lambert, D. M., & Knemeyer, M. A. (2006), S.2

[7] Vgl. Ripperger, T. (1998), S.70

[8] Vgl. Fladnitzer, M. (2006), S.57 ff.

[9] Vgl. Werner, H. (2008), S. 28 f.

[10] Vgl. z.B. Bechtel, C., & Jajaram, J. (1997), S.19; Müller, M. (2005), S.16 ff., Groll, M. (2004), S.21 ff.

[11] Vgl. Werner, H. (2008), S.5

[12] Vgl. Wildemann, H. (2003), S.38

[13] Wildemann, H. (2003), S.19

[14] Council of Supply Chain Management Professionals. Abgerufen am 24. Juli 2010 von http://cscmp.org/aboutcscmp/definitions.asp

[15] Vgl. Werner, H. (2008), S.7

[16] Vgl. Otto, A. (2002), S.248

[17] Vgl. Otto, A. (2002), S.249

[18] Vgl. Otto, A. (2002), S.253

[19] Vgl. Albach, H. (1980)

[20] Vgl. Luhmann, N. (1989)

[21] Vgl. Kapitel xx

[22] Vgl. Groll, M. (2004)

[23] Vgl. Ripperger, T. (1998)

[24] Vgl. Albach, H. (1980), S.3

[25] Vgl. Ripperger, T. (1998), S.45

[26] Vgl. Aderhold, J. (2005), S.116

[27] Vgl. Lemke, S. (2008), S.43

[28] Fladnitzer, M. (2006), S.68

[29] Williamson, O. E. (1990), S. XIII

[30] Vgl. Williamson, O. E. (1990), S.22

[31] Vgl. Williamson, O. E. (1990), S.24

[32] Vgl. Groll, M. (2004), S.38

Details

Seiten
38
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640982134
ISBN (Buch)
9783656948513
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176785
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,3
Schlagworte
Supply Chain Vertrauen Supply Chains

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Titel: Die Bedeutung von Vertrauen in Supply Chains