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Gote und Got in Heinrich von Veldekes 'Eneasroman'

Hausarbeit 2011 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Göttervorstellungen
2.1. Die antike Göttervorstellung
2.2. Das christliche Gottesverständnis im Mittelalter

3. Problematik bei der Übernahme antiker Stoffe vor dem christlichen Hintergrund im Mittelalter

4. Gote in Heinrich von Veldekes „Eneasroman“
4.1. Über die erwähnten Götter
4.2. DieGötterbefehle
4.3. Die Göttergespräche

5. Gotin Heinrich von Veldekes „Eneasroman“

6. Das zweite Geschlechterregister

7.Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es wäre zu fragen, inwieweit Veldeke die antiken Götter christianisiert oder das Mittelalter antikisiert, inwieweit er Gott und die Götter hervorhebt — in welcher Weise er also den antiken Göttervorstellungen im christlichen Mittelalter Raum gibt.“[1]

Diese und einige anderen Fragen lassen sich an Heinrich von Veldekes ,Eneasroman’ stellen. Da der mittelalterliche Autor für seinen Antikenroman den altfranzösischen anonymen ,Roman d’Eneas’, welcher wiederum als Quelle das lateinische Werk ,Aeneis’ von Vergil, als Vorlage nutzte, stellt sich die Frage, wie Heinrich, angesichts seines christlichen Hintergrundes, die polytheistische Weltanschauung der Antike darstellt, ohne dabei seine Glaubwürdigkeit zu verlieren und gleichzeitig dem Roman seinen Sinn nicht zu entrauben. Im Folgenden wird versucht zu erörtern, wie Hein­rich die römische Mythologie im christlichen Mittelalter darstellt und ob sich Unter­schiede oder Berührungspunkte zu Vergil bei ihm finden. Zunächst wird allgemein auf die antike und die christliche Gottesvorstellung im Mittelalter eingegangen, wobei dies nur ein Aufriss sein kann, weil es sonst den Umfang der Arbeit überschreiten würde. Anschließend wird das Problem, vor dem Heinrich von Veldeke bei seinem Roman steht, genauer erläutert. Es wird auf die gote eingegangen, zusammenhängend mit ihren Befehlen für die Menschen und den Gesprächen untereinander. Zusätzlich wird das Phänomen beleuchtet, dass im ,Eneasroman’ an manchen Stellen nur ein got angerufen wird. Abschließend wird das zweite Geschlechterregister behandelt, wel­ches sich nicht bei Vergil findet, ausgehend von seiner Funktion im Roman.

2. Göttervorstellungen

2.1. Die antike Göttervorstellung

Es ist keine Schrift aus der Antike vorhanden, die primär die antike Göttervor­stellung reflektiert. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Menschen dieser Zeit ei­ne „innere Sperre“[2] haben und sich somit nicht über ihre Religion äußern. Nur in der Literatur von Dichtern wird die römische Mythologie behandelt, indem die Götter personalisiert werden. Vor allem der Dichter Homer bedient sich dieser Thematik.[3] Es ist offenkundig, dass in der Antike der Polytheismus verbreitet ist. Im Gegensatz zum Monotheismus sieht der polytheistische Glauben die Autoritäten auf mehreren hierarchisch geordneten Gottheiten verteilt.[4] Es werden nicht alle Gottheiten gleich von den Menschen verehrt, sondern gelegentlich nur Einzelne. Unter den Göttern gibt es ein „Oberhaupt“[5],Jupiter, der über allen steht.[6] Jede Gottheit besitzt nur eine Teilkraft und einen Bereich, für den sie zuständig ist. Deswegen kann von keinem der Götter ausgesagt werden, „daß er das All umfasse“.[7] Stattdessen solle es eine „Ideenwelt [geben], die alles umfaßt.“[8] Idee bedeutet im dem Falle „selbstständiges ursprüngliches Sein“.[9] Sie ist unveränderlich, immer seiend und ermöglicht erst das Denken.[10] Die göttliche Idee ist „in der unendlichen Vollkommenheit und unbe­grenzten Nachahmbarkeit des göttlichen Wesens“[11] verhaftet.[12] Es bleibt zu sagen, dass der Erlösungsglaube des Polytheismus in der „Legitimation der eigenen Gegen­wart im göttlichen Ursprung“[13] liegt.[14]

2.2. Das christliche Gottesverständnis im Mittelalter

Im Gegensatz zur polytheistischen Antike glauben die Christen des Mittelalters an den einen allmächtigen und allwissenden Gott, der die Welt und die Menschen er­schaffen hat (vgl. Gen 1,1 - 31). Anselm von Canteburry[15] ist der Ansicht, dass Gott „das Wesen [ist], das von nichts Größerem überragt werden kann, über den hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“[16]: „id quo maius cogitari nequit“.[17] Folglich sei Gott das Vollkommenste aller Wesen. Dementsprechend kann es auch nur einen Gott geben und nicht mehrere.[18] „Jahwe ist einzig“ (Dtn 6,4 b). Das Christentum glaubt an die Trinität Gottes. Er bestehe aus drei Hypostasen, aus dem Vater, dem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist. Der Sohn besteht sowohl aus einer menschlichen, als auch aus einer göttlichen Natur, welche „unvermischt, unver- wandelt, unzerteilt“[19] vorliegen.[20] Aus diesem Grund können die zwei Naturen in ihm bestehen. Das Christentum gilt nicht als Polytheismus, weil Gott trotz der Bestehung aus drei Hypostasen ein Wesen bleibt. Die Christen können analog über Gott reden. Das bedeutet, dass über Gott nur vergleichend geredet werden kann. Er bleibt für die Menschen unvorstellbar, weil er sein Sein von sich aus hat. Gott kann nicht mit völlig identischen oder völlig unterschiedlichen menschlichen Eigenschaften verglichen werden, sondern nur mit ähnlichen Attributen. Aussagen über Gott sind „weder ,äquivok’ (mehrdeutig) [...] [als ob etwas ganz anderes damit gemeint wäre], noch [...] ,univok’ (eindeutig)“,[21] weil er nicht mit menschlichen Begriffen vergleichbar ist.[22]

3. Problematik bei der Übernahme antiker Stoffe vor dem christlichen Hintergrund im Mittelalter

Im 12.Jahrhundert zeigt sich in der höfischen Epik eine ,,erneute[...] Hinwendung zu und Begegnung mit der Antike“.[23] Dabei bildet sie für das christliche Mittelalter in mehreren Hinsichten ein Vorbild. Sie ist formbildend für das Bildungswesen des Mittelalters[24], die Wissenschaften und auch für die Literatur, weil viele antike Sagen und Mythen aufgegriffen werden. Beispielsweise wird oft das Thema des trojanischen Krieges in der Literatur behandelt, wie es auch bei Heinrich von Veldekes ,Eneas- roman’ der Fall ist. Die antiken Stoffe bilden „einen unablösbaren Bestandteil de[r] sprachlichen und literarischen“[25] Themen. Jedoch bleibt bei jeder antiken Stoffüber­nahme durch die mittelalterlichen Verfasser das Problem der Darstellung der Götter, da sich der polytheistische Glauben der Antike „nur mühsam mit dem Christengott und der kirchlichen Lehre in Einklang bringen“[26] lässt. Die mittelalterlichen Verfasser sind an ihrer christlichen „Frömmigkeitshaltung [gebunden]“.[27] Prinzipiell wird die Vorstellung von mehreren Göttern, über dessen Wissen jeder mittelalterliche Ver­fasser verfügte,[28] im mittelalterlichen Christentum nicht akzeptiert und als heidnisch angesehen. Ihnen wird in der christlichen Literatur ihre religiöse Handlungsfähigkeit entzogen.[29] Allerdings gilt das antike Götterverständnis im Mittelalter als eine gegen­wärtige „geistige Unterströmung“[30] und nicht als abwesend. Heinrich von Veldeke sieht sich in seinem ,Eneasroman’ vor das Problem gestellt, wie er als Christ die an­tike Götterwelt authentisch wiedergeben kann, ohne seine Religion zu verraten, und trotz allem den Sinn und die Geschichte des Mythos nicht zu verändern. Er nutzt nämlich für seinen Roman das altfranzösische Werk ,Roman d’Eneas’ als Vorlage, welches wiederum Vergils ,Aeneis’ als Quelle angibt. Teilweise schreibt Heinrich so­gar direkt von Vergils Vorlage ab.[31] Generell hat er folgende Möglichkeiten sein Pro­blem zu lösen: „Allegorisierung oder Dämonisierung“[32] oder den „Euhemerismus“.[33] Mithilfe der Allegorie wird ein Sachverhalt bildlich dargestellt.[34] Durch das Dämoni- sieren der antiken Götter werden ihnen negative Eigenschaften zugesprochen. Der Weg der „Verteufelung“[35] gilt im Mittelalter als „ein weit kürzerer und allgemein zu­gänglicher Weg“[36] die antiken Götter in der Literatur darzustellen, wodurch ihnen ihre Macht entzogen wird. Euhemerismus ist eine „rationalistische Deutung von My­then und Religionen“,[37] in dem die Mythen auf reale historische Ereignisse zurückge­hen. Es bleibt noch zu erwähnen, dass auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325[38] der als heidnisch geltende Dichter Vergil „christianisiert“[39] wird, wodurch ein „wichtig- e[r] Schritt zum Ausgleich zwischen Christentum und Römischen Reich“[40] getätigt und die Relation zwischen Literatur und Religion beeinflusst wird.[41] Dadurch ist es Heinrich überhaupt erst ermöglicht worden, dass er Vergils Werk interpretieren konnte.

4. Gote in Heinrich von Yeldekes „Eneasroman“

4.1. Uber die erwähnten Götter

Heinrich erwähnt in seinem Antikenroman viele Götter: „Juno, Diana, Mars, Nep­tun, Pallas Athene, Aeolus, Phoebus, Fortuna, Proserpina und Rhadamanthus.“[42] Vênûs diu gotinne, diu from is uber due minne (Eneasroman 18,15 - 16[43] ), ist die Mutter von Eneas und, Cupido [und Amor] sin[e] bruder (ER 18, 18). Daran lässt sich erkennen, dass er von der gote gesiebte geboren (ER 18,13).

[...]


[1] Kottmann, Carsten: Gott und die Götter, S. 71.

[2] Dörrie, Heinrich: Gottesvorstellung, S. 82.

[3] Vgl. ebd., S. 81 - 84.

[4] Vgl. Lanczkowski, Günter: Gott, S. 601 - 607.

[5] Henninger,Joseph: Polytheismus, S. 599.

[6] Ebd., S. 598 - 600.

[7] Dörrie, Heinrich: Gottesvorstellung, S. 151.

[8] Ebd.

[9] Möller,Joseph: Idee, S. 602.

[10] Vgl. ebd., S. 602 - 603.

[11] Scheffczyk, Leo: Göttliche Idee, 603.

[12] Vgl. ebd., 603 - 604.

[13] Kottmann, Carsten: Gott und die Götter, S.71.

[14] Vgl. ebd.

[15] Anselm von Canteburry gilt als „Vater der Scholastik“. Er lebte zwischen den Jahren 1033 und 1109 (vgl. Bautz, Friedrich Wilhelm: Anselm von Canteburry).

[16] Schäfer, Joachim: Anselm von Canteburry.

[17] Scheffcyzk, L., und Schenk, R.: Gott, S. 1582.

[18] Vgl. ebd., S. 1581 - 1583.

[19] Dembowski, Hermann: Einführung in die Christologie, S. 109.

[20] Vgl. Scheffcyzk, L., und Schenk, R.: Gott, S. 1581 - 1583.

[21] Coreth, Emerich: Analogia entis, S. 468.

[22] Vgl. ebd., S. 468 - 470.

[23] Quint,Josef: Der ,Roman d’Eneas’ und Veldekes ,Eneit’, S. 245.

[24] Die „septem artes liberales“, die sieben freien Künste, werden im Mittelalter aus der Antike über­nommen. Sie beinhalten sowohl das Trivium, bestehend aus den Bereichen Grammatik, Rhetorik und Dialektik, als auch das Quadrivium mit den Teilgebieten Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Mu­sik (vgl. Miehe, Ulrich: Artes).

[25] Von Bezold, Friedrich: Das Fortleben der antiken Götter, S. 2.

[26] Kottmann, Carsten: Gott und die Götter, S.71.

[27] Dittrich, Marie- Luise: ,Gote’ und ,got’, S. 85.

[28] Vgl. Von Bezold, Friedrich: Das Fortleben der antiken Götter, S.1-2.

[29] Vgl. Kottmann, Carsten: Gott und die Götter, S.71.

[30] Von Bezold, Friedrich: Das Fortleben der antiken Götter, S. 1.

[31] Vgl. Kern, Peter: Beobachtungen zum Adoptionsprozeß, S. 109.

[32] Fromm, Hans: Der Eneasroman Heinrichs von Veldeke, S. 90.

[33] Von Bezold, Friedrich: Das Fortleben der antiken Götter, S. 2.

[34] Vgl. Wahrig. Deutsches Wörterbuch, S. 149, 2. Spalte.

[35] Von Bezold, Friedrich: Das Fortleben der antiken Götter, S. 3.

[36] Ebd.

[37] Duden — Das Fremdwörterbuch, S. 230.

[38] Das Konzil von Nicäa bildet das erste ökumenische Konzil. Es wird von dem römischen Kaiser Konstantin I. einberufen, um den Streit über die Wesenheit von Jesus Christus zu klären (vgl. Schäfer, Joachim: Konzile von Nicäa).

[39] Kemper, Dirk: Literatur und Religion, S. 47.

[40] Ebd.

[41] Vgl. ebd., S. 47-51.

[42] Fromm, Hans: Der Eneasroman Heinrichs von Veldeke, S. 90 - 91.

[43] Im weiteren Verlauf wird für einen Textbeleg aus Heinrich von Veldekes ,Eneasroman’ die Abkür­zung „ER“ gewählt aufgrund einer besseren Leseweise.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640981915
ISBN (Buch)
9783640982288
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176759
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Deutsche Sprache und Literatur I
Note
2,0
Schlagworte
Heinrich Heinrich von Veldeke Eneasroman Gottesverständnis Antike zweites Geschlechterregister Götterbefehl römische Mythologie Got Gote Problematik bei der Übernahme antiker Stoffe vor dem christlichen Hintergrund im Mittelalter Zweiquellentheorie

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