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Die Funktion des Spuks in Theodor Fontanes "Effi Briest" unter Berücksichtigung des mediengeschichtlichen Hintergrundes

von Silja Geertz (Autor)

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mediengeschichtlicher Hintergrund
2.1 Die Deutsche Rundschau
2.2 Fontanes Zusammenarbeit mit der Deutschen Rundschau
2.3 Fontanes Frauenromane in der Deutschen Rundschau

3 Die Funktion des Spuks in „Effi Briest“

4 Spuk als Unterhaltungsmoment?

5 Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Theodor Fontanes Frauenroman „Effi Briest“ (1895) gehört zu seinen erfolgreichsten Werken. Vorabgedruckt wird der Roman von November 1894 bis März 1895 in der Zeitschrift Deutsche Rundschau.[1] 1895 erscheint die erste Buchfassung.

Erstlich ist dieser Spuk, so bilde ich mir wenigstens ein, an und für sich interessant und zweitens […] steht die Sache nicht zum Spaß da, sondern ist ein Drehpunkt für die ganze Geschichte.“[2]

… schreibt Theodor Fontane am 19. November 1895 an Josef Viktor Widmann. Dies bleibt seine einzige Anmerkung zu dem bekannten Spukmotiv des Chinesen.[3] An Fontanes Aussage wird deutlich, dass der Chinese als „Drehpunkt für die ganze Geschichte“ von großer Bedeutung für die Interpretation des Werkes ist. Der Chinese taucht in 24 der insgesamt 36 Kapitel des Romans auf (UR, ebd.). Die Wichtigkeit seiner Präsenz darf deshalb nicht unterschätzt werden.

Die folgende Hausarbeit widmet sich der Funktion des Spuks und berücksichtigt dabei den mediengeschichtlichen Hintergrund des Romans. Dazu sollen zunächst allgemeine Informationen über die Zeitschrift Deutsche Rundschau vermittelt werden, um dann gesondert auf die Beziehung Theodor Fontanes zu Julius Rodenberg, dem Herausgeber, eingehen zu können. Der darauf folgende Abschnitt gibt einen kurzen Überblick über Fontanes Frauenromane in der Deutschen Rundschau. Die anschließende Analyse des Chinesenmotivs versucht, Fontanes poetologische Absichten bei der Verwendung des Motivs deutlich zu machen, die für die Interpretation des Werks von Bedeutung sind. Abschließend wird die Frage behandelt, ob der Spuk wegen des mediengeschichtlichen Hintergrundes als Unterhaltungsmoment begriffen werden kann. Die Ergebnisse der Arbeit werden zuletzt noch einmal zusammengefasst.

2 Mediengeschichtlicher Hintergrund

2.1 Die Deutsche Rundschau

Im Oktober 1874 erscheint das erste Heft der Deutschen Rundschau beim Verlag der Gebrüder Paetel. Ihr Herausgeber ist Julius Rodenberg, der zuvor der Verleger des „Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft“ war.[4] Wie Rodenberg selbst im Gründungsprospekt der Deutschen Rundschau festhält, fehlt es Deutschland seiner Meinung nach an einem „repräsentativen Organ“[5]. Die neue Zeitschrift soll keine Weiterführung des Salon werden, sondern eine Kulturzeitschrift, die gebildete Rezipienten anspricht und diesen Unterhaltung in „edelster Form“ bietet. Das Programm der Deutschen Rundschau gestaltet sich nach Rodenbergs Auffassung

[dem deutschen Leser] fehl[(e) eine Zeitschrift, welche dadurch, daß sie jene mannigfachen Elemente der heutigen Bildung zusammen in sich begreift, einen Ueberblick über den ganzen Umfang derselben ermöglicht und einem Bedürfnisse der hochgebildeten Kreise unserer Nation entgegenkommt, welches bisher noch nicht vollständig befriedigt worden ist.[6]

Die Deutsche Rundschau bietet demnach ein umfangreiches Programm, das Rubriken wie Novellen/ kleinere Romane und wissenschaftliche Essays aus den Gebieten der Kultur- und Rechtsgeschichte, der Literatur- und Kunstgeschichte, der Musik- und Sprachwissenschaft, der Archäologie, der Naturwissenschaft, der Technologie, der Kriegswissenschaft, der Politik, Statistik und der Nationalökonomie, Geographie, Reisen und Völkerkunde beinhaltet. Darüber hinaus gibt es eine literarische Monatsübersicht über Neuheiten des deutschen Buchhandels, eine Berliner und Wiener Monatschronik und einen monatlichen Bericht über den Stand der politischen Angelegenheiten (vgl. RB, 224). Als Vorbild der Deutschen Rundschau fungieren die englischen Zeitschriften „Quarterly Review“ und „Contemporary Review“. Ebenso die französische Zeitschrift „Revue des deuxmondes“.[7] Bei der Namensgebung der Deutschen Rundschau, denkt man zuerst an „Berlin – Wien“, dann an „Deutsche Revue“. Kurzfristig entscheiden sich die Herausgeber Rodenberg, Berthold Auerbach, Gustav von Putlitz und die Gebrüder Paetel für die Änderung des französischen Wortes „revue“ zum deutschen Wort „Rundschau“ (vgl. RB, 224). Von da an erscheint die Deutsche Rundschau monatlich mit je zehn Bogen im Großoktavformat. Während eine einzelne Ausgabe zwei Mark und fünfzig Pfennig kostet, bezahlt man für ein Quartal sechs Mark. Die Preise können bis zum Jahr 1920 gehalten werden.[8] 1878 beträgt die Auflagenzahl bereits 10 000 und 1890 zählt man bereits 46 internationale Vertriebsorte, die sich mit der Zeit auf über 60 vermehren.[9]

Die Zusammensetzung der Beiträger war exklusiv, es handelte sich um Gelehrtenpublizistik, ca. 45% der Autoren schmückte ein Professorentitel. […] Anspruchsvolle wissenschaftliche Ergebnisse sollten in der Rundschau in einen kulturellen Zusammenhang der Gegenwart gestellt werden, so daß […] die Rundschau -Beiträge als Vehikel kulturbezogener Meinungsbildung fungierten. […] Bei der Annahme von literarischen Beiträgen bevorzugte der an der deutschen Klassik geschulte und orientierte Rodenberg Autoren, die eng mit den ästhetischen Auffassungen des poetischen Realismus verbunden waren (Storm, Keller, C. F. Meyer, Auerbach u.a.). (RB, 224/5)

So wird in der ersten Ausgabe der Deutschen Rundschau Theodor Storms Novelle „Im Waldwinkel“, sowie Berthold Auerbachs Novelle „Auf Wache“, die „Berliner Chronik“ von Karl Frenzel, eine Abhandlung über die erste Polnische Teilung von Heinrich von Sybel und Friedrich Kreyßigs „Literarische Rundschau“ abgedruckt. Weitere wichtige Autoren sind unter anderen Marie Ebner-Eschenbach, Emanuel Geibel, Friedrich Spielhagen, Paul Heyse, Gottfried Keller, C. F. Meyer und Adolf Wilbrandt.[10]

Durch die gezielte Abstimmung von expliziten und impliziten Wertungshandlungen wie Werbung und Betreuung von AutorInnen, Anforderung von Texten, Präsentationsweise in der Zeitschrift sowie die literaturkritische Beurteilung in Rezensionen und Porträts […], schuf die Deutsche Rundschau eine differenzierte Hierarchie der zeitgenössischen Literatur, die der Struktur eines literarischen Kanons ähnelte.[11]

1899 zelebriert die Deutsche Rundschau mit ihrem hundertsten Band ihr 25-jähriges Bestehen, doch mit den zunehmenden Todesfällen ihrer Autorschaft und der nicht gewollten Zusammenarbeit mit modernen Schriftstellern, verliert sie zunehmend an Bedeutung und wird von der Neuen Rundschau des S. Fischer Verlages ersetzt. Nach dem Tod Rodenbergs 1914 übernehmen Wilhelm Paetow und Rudolf Pechel die Deutsche Rundschau. Während des Zweiten Weltkriegs erscheint die Zeitschrift nicht. Pechel wagt nach 1945 einen Neuanfang.[12]

2.2 Fontanes Zusammenarbeit mit der Deutschen Rundschau

Fontanes Zusammenarbeit mit dem Herausgeber der Deutschen Rundschau,Julius Rodenberg, ist von Differenzen und persönlichen Antipathien geprägt.

Fontane spielte […] in der Einschätzung Rodenbergs keine herausragende Rolle in der zeitgenössischen Literatur. […] So sehr er sich auch bemühte, an der Aura der Rundschau zu partizipieren – er schaffte es bis zum Lebensende nicht, in den Genuss von Rodenbergs Wertschätzung zu gelangen. (MG, 225)

Öffentlich wird die Beziehung Fontanes und Rodenbergs nie diskutiert. Sie behandeln einander höflich und respektvoll. Lediglich den Tagebüchern der beiden Männer kann man zum einen Fontanes verletzte Eitelkeit und zum anderen Rodenbergs Skepsis gegenüber dem Können Fontanes entnehmen. Gerade Fontanes Liebe zum Detail, die typisch für seine Werke ist, kritisiert Rodenberg. Besonders in das Manuskript zu Meine Kinderjahre greift Rodenberg stark ein, sodass Fontane sich schließlich gezwungen sieht, es zurückzuziehen (vgl. RB, 230). Die Geschäftsbeziehung ist demzufolge ständigen Schwankungen unterworfen. Fontane veröffentlicht drei seiner größten Romane in der Deutschen Rundschau: Unwiederbringlich (Februar – Juni 1891), Frau Jenny Treibel (Februar – April 1892) und Effi Briest (November 1894 – März 1895). Außerdem werden kleinere Aufsätze und Buchbesprechungen Fontanes in der Zeitschrift vorabgedruckt. Des Weiteren erscheinen Fontanes Irrungen, Wirrungen, Schach von Wuthenow und Von Zwanzig bis Dreißig in der Deutschen Rundschau (RB, 226). 1879 wird die bedeutende Rezension über Vor dem Sturm, die Rodenberg selbst geschrieben hat, abgedruckt. Ein exemplarisches Beispiel für die Missgunst Rodenbergs gegenüber Fontane, stellt einer seiner Tagebucheinträge über Vor dem Sturm dar, indem er sich abfällig über das Werk äußert und es als albern bezeichnet. In seiner Buchbesprechung hingegen, bezeichnet er den Gesamteindruck des Buches als wohltuend und als mehr als nur einen Roman. Zudem hebt er die Kunstfertigkeit Fontanes hervor. Fontane beschreibt Rodenbergs Rezension als die beste, die je über Vor dem Sturm geschrieben wurde (vgl. RB, 227).

Die ersten Unannehmlichkeiten zwischen Fontane und Rodenberg treten 1880 auf, als Rodenberg Ellernklipp ablehnt.

Fontane, von dem Ton, in dem es geschah, unangenehm berührt, nahm die Absage grundsätzlicher, als sie gemeint war. Mit Bedauern registrierte er, daß es zu ʻkeinem lebendigeren Zusammenwirkenʼ käme, dabei sei er schließlich der ʻverlierendeTeilʼ. ʻEs ist nicht gleichgültig für mich, ob ich die Rundschau habe, aber es ist absolut gleichgültig für die Rundschau, ob sie mich hatʼ (an J. Rodenberg, 12. Februar 1880 […]). (RB, 228)

Der Kontakt bricht daraufhin erst einmal ab. 1891 widmet Rodenberg das Januarheft Fontanes 70. Geburtstag und überreicht es ihm persönlich „mit Widmungsversen, in denen er sich dessen ʻFreundʼ nannte“ (vgl. RB, 229). Die Zusammenarbeit erlebt einen letzten Höhepunkt als Fontane mit 450 Mark pro Bogen von der Rundschau besser bezahlt wird als von Nord und Süd. Er erlebt dies als eine Befriedigung und ein großes Glück wie aus seinen Briefen hervorgeht. Er schreibt, sogar in der Zeitschrift sesshaft geworden zu sein (RB, ebd.).

Über Fontanes Erinnerungen an den Tunnel über der Spree, die er Rodenberg 1895 angeboten hatte, kam es endlich zum Dissens, vornehm-dezent ausgetragen, aber in der Sache und am Ende irreparabel. Rodenberg zerstückelte die eingesandten Manuskripte in immer mehr Teile, bis er dem Abdruck […] einen Text von Ludwig Friedländer […] vorzog und Fontane jene Manuskriptseiten zurückschickte. (RB, 230)

Fontane zieht sich von da an zurück. Er hat nie die gewünschte Anerkennung Rodenbergs erhalten. In seinem Tagebuch beklagt er den Bruch mit der Deutschen Rundschau, bemerkt aber gleichzeitig, dass er zu ihm gezwungen worden sei. Fontane wendet sich an andere Zeitschriften und so wird der Stechlin in Über Land und Meer vorabgedruckt (vgl. RB, 231). Rodenberg ist darüber verärgert. Seinem Tagebuch ist zu entnehmen, dass er über Fontanes Motiv - sei es ein materielles oder verletzte Eitelkeit - im Unklaren ist. In ein persönliches Verhältnis zu ihm sei er nie gekommen (vgl. RB, 232).

[...]


[1] Berbig, Theodor Fontane, S.223. Künftig zitiert mit Sigle RB und Seitenzahl.

[2] Theodor Fontane an Josef Viktor Widmann, 19.11.1985. Zitiert nach: Sittig, Gieshüblers Kohlenprovisor, S. 548.

[3] Vgl. Rainer, Motiv des Chinesen, S. 546. Künftig zitiert mit Sigle UR und Seitenzahl.

[4] Vgl. Drude, Fontane und sein Berlin, S.50.

[5] Rodenberg, Die Begründung, S.5. Zitiert nach: Berbig, S.223.

[6] Rodenberg. Zitiert nach: Drude, S.50.

[7] Vgl. Drude, S.50.

[8] Vgl. Drude, S. 50.

[9] Vgl. Berbig, S.224. Drude, S.51.

[10] Vgl. Drude, S.51.

[11] Günter, Vorhof der Kunst, S. 225. Künftig zitiert mit Sigle MG und Seitenzahl.

[12] Vgl. Drude, S.52.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640981885
ISBN (Buch)
9783640981724
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176756
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
funktion spuks theodor fontanes effi briest berücksichtigung hintergrundes

Autor

  • Silja Geertz (Autor)

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Titel: Die Funktion des Spuks in Theodor Fontanes "Effi Briest" unter Berücksichtigung des mediengeschichtlichen Hintergrundes