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Die augusteische Germanienpolitik bis zur Statthalterschaft des Varus

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Germanienpolitik von Cäsar bis zur Clades Lolliana

3. Die Feldzüge des Drusus

4. Die Rheinarmee unter dem Oberbefehl des Tiberius

5. Zur Diskussion um die Zielsetzung der augusteischen Germanienpolitik

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Als Publius Quinctilius Varus um 7 n. Chr. als Legat der Rheinarmee und Germaniens an die Stelle seines Vorgängers Sentius Saturninus trat, waren die Römer bereits mehr als ein halbes Jahrhundert am Rhein präsent. Um 31 v. Chr. hatte Augustus seine Machtstellung an der Spitze des römischen Staates stabilisiert. Über 50 Jahre lang stand der Rhein im Jahre 7 n. Chr. unter der Herrschaft Roms, 37 Jahre unter der Herrschaft des Augustus. Ein langer Zeitraum indem sich im Hinblick auf das römische Engagement in Germanien viel verändert hatte. Zu Beginn der römischen Herrschaft am Rhein um 55, als Julius Cäsar Gallien erobert hatte, war der Fluss nichts weiter als eine relativ pragmatisch gewählte Grenzmarke gewesen.1 Ein Randbezirk, dem man keine größere Aufmerksamkeit als unbedingt notwendig zollte. Andere Dinge standen zunächst im Zentrum der römischen Aufmerksamkeit. Beispielsweise die Konsolidierung Galliens, das definitiv romanisiert werden sollte oder der Krieg in Spanien. Und schließlich hatte der Bürgerkrieg Jahre lang das Imperium in Atem gehalten. Es folgte eine, entweder bis 17/16 v. Chr. oder 12 v. Chr. gehende Phase, in der Rom nicht agierte aber gelegentlich reagieren musste, um sporadische Einfälle rechtsrheinischer Stämme zu vergelten oder die Rheingrenze mit diplomatischen Mitteln einigermaßen zu befrieden2. Vor 19 Jahren, um 12 v. Chr., hatte man damit begonnen sich intensiver mit dem Rhein und den Gebieten dahinter zu beschäftigen. Der Phase verhältnismäßiger Passivität folgte eine Phase starken militärischen Engagements. Feldherren führten Armeen über den Rhein, Lager wurden eingerichtet und die germanischen Stämme, zumindest ging Rom wohl davon aus, unterworfen. Bis man schließlich Publius Quintilius Varus, einem ehemaligen Statthalter, der kein Militär war, sondern ein Mann mit administrativen Fähigkeiten, um 7 n. Chr. des Kommando überließ. Zweifellos hatte sich in der römischen Germanienpolitik einiges verändert. Die Frage ist weshalb? Aus welchem Grund begann Augustus seine Germanienpolitik zu ändern? Welche Konzeption, welches Ziel stand dahinter? Gab es dieses Ziel überhaupt? War die augusteische Germanienpolitik möglicherweise ziellos? Oder war das Ziel um 7 n. Chr. eventuell ein ganz Anderes als das, welches zu Beginn bestanden hatte? Eng damit zusammen hängt die Frage wie in Germanien im konkreten Fall operiert wurde. Welche unterschiedlichen Phasen, in denen mit konkret fassbaren unterschiedlichen Mitteln operiert wurde, können festgestellt werden?

Auf den Punkt gebracht bedeutet dies: Welche Strategien hat Rom, vertreten durch seine Feldherren, in Germanien unter Augustus aber auch vor ihm verfolgt? Damit verbunden ist die Frage welches übergeordnete Fernziel möglicherweise den Rahmen für die jeweiligen Strategien oder auch nur die eine Strategie bildete und ob es dieses konkrete oder diffuse Fernziel überhaupt gab.

2. Die Germanienpolitik von Cäsar bis zur Clades Lolliana.

Nachdem Rom Italien, sowie große Teile des Mittelmeerraumes, erobert hatte, ging Cäsar daran die Okkupation eines größeren zusammenhängenden Territoriums nördlich der Alpen durchzuführen. Die Eroberung Galliens von 58 bis 51 v. Chr. diente in hohem Maße der Festigung der innenpolitischen Macht Cäsars.3 Um diese Eroberung sinnvoll durchführen zu können, musste man frühzeitig eine Begrenzung ihrer Ausdehnung festlegen. Im Westen und Norden war das nicht schwierig, begrenzte doch der Atlantik das Festland. Im Westen bot sich der Rhein als ideale Grenze an. Nicht zuletzt verwand Cäsar in seinen Commentarii viel Mühe darauf den Rhein als natürliche Grenze Galliens darzustellen.4 Somit hatte er einen geopolitisch geschlossenen Raum geschaffen, der nun erschlossen, verwaltet und provinzialisiert werden konnte. Die ersten Jahre nach dem Abzug Cäsars aus Galliens um 51 v. Chr. sind dann auch von den römischen Bemühungen gekennzeichnet gallische Aufstände nieder zu drücken, um den gallischen Raum zu befrieden und ihn dem römischen Reich einzuverleiben.5

Dabei erwies es sich, dass die Benennung des Rheins als ethnische Grenze der Realität nicht standhalten konnte. Für die ansässigen Völker war der Rhein zuvor keine Grenze gewesen.6 Aus diesem Grund kam es auch während und nach der Eroberung Galliens durch Cäsar zu Rheinüberquerungen der germanischen Bevölkerung. An sich war das nicht sehr bedrohlich. Die Bedrohung lag darin, dass die rechtsrheinischen Germanen nicht selten von aufständischen Galliern zur Hilfe gerufen wurden.7 Eine Verbindung von Germanen und Galliern barg durchaus Gefahren.

In den Jahren 55 und 53 v. Chr. führte Cäsar aus diesem Grund zwei Strafexpeditionen in das Gebiet rechts des Rheins durch. Sie sollten die Macht Roms wirkungsvoll demonstrieren und so der Abschreckung dienen.8 Die Stabilisierung Galliens hatte oberste Priorität. Germanien war ein Randgebiet, das an sich keine Bedeutung hatte aber zum Schutz Galliens überwacht werden musste, denn germanische Einfälle wirkten destabilisierend.

Ein anderer Versuch der Abwehr germanischer Einfälle war Cäsars Bündnispolitik. Im Zusammenhang mit dem Feldzug von 53 v. Chr. waren die Ubier unter römischen Schutz gestellt worden. Vorrangiges Motiv der Ubier sich mit Rom zu verbünden, war vermutlich erhöhter Druck der von den im nördlichen Hessen lebenden Sueben ausging.9

Die Germanen ergriffen jedoch keines Falls einseitig zugunsten der Gallier Partei. 53 v. Chr. setze Cäsar 2000 sugambrische Reiter ein, die für ihn gegen die Eburonen kämpfen sollten. Zwar erwiesen sich die angeheuerten Truppen als illoyal und wanden sich schließlich gegen die Römer, doch noch im selben Jahr wird von 400 weiteren germanischen Reitern im Dienste Roms berichtet. Jene blieben offenbar loyal.10

Die hier dargelegte Germanienpolitik folgte im Wesentlichen drei Handlungsweisen. Die Germanen wurden zuweilen bekämpft, mit ihnen wurden Bündnisse geschlossen und sie wurden auf römischer Seite eingesetzt. Alle Maßnahmen dienten pragmatisch dem Schutz Galliens.11 Eine ideologisch orientierte Feind- oder Freundschaft im Hinblick auf die Stämme rechts des Rheins gab es nicht. Die Fortsetzung dieses Politikstils ist im Wesentlichen bis ins Jahr 16 v. Chr., dem Zeitpunkt der Clades Lolliana, zu beobachten. Bis zu diesem Zeitpunkt sind zahlreiche weitere Maßnahmen römischer Feldherren überliefert, die im Wesentlichen dem bisher skizzierten Politikstil entsprechen. So sah sich Marcus Vipsanius Agrippa, ein Weggefährte Octavians, während seiner Statthalterschaft in Gallien von 39 bis 38 v. Chr. zu einer Strafexpedition ins Rechtsrheinische gezwungen.12 Neben dem Ausbau des gallischen Straßensystems, führte er offenbar auch Maßnahmen durch, welche nicht in das bisher gezeichnete Bild der Germanienpolitik passen. Unter dem Kommando Agrippas wurden offenbar die Bataver im Rheindelta angesiedelt. Möglicherweise erhielten auch die Ubier die Erlaubnis rechts des Rheins zu siedeln. Die Umsiedlung der Ubier könnte aber auch während seiner zweiten Statthalterschaft 20 bis 18 v. Chr. erfolgt sein.13

Um 30/29 v. Chr. sah sich der Prokonsul Gaius Carrinas dazu gezwungen aufständische Trever zu bekämpfen und ihre germanischen Hilfstruppen, sowie eine Schar Sueben, über den Rhein zurück zu drängen.14 Im Jahr 25 v. Chr. führte der Statthalter der Provinz Gallien, Marcus Vinicius eine Strafexpedition über den Rhein aus, um die Ermordung von römischen Händlern durch Sugambrer zu bestrafen.15

Die kriegerischen Auseinandersetzungen wurden aber auch von friedlicheren Beziehungen flankiert. Es ist anzunehmen, dass das Zusammenleben am Rhein in dieser Frühphase weitestgehend ohne größere Auseinandersetzungen verlief. Beispielsweise müssen wechselseitige Handelsbeziehungen existiert haben. Schon allein die Ermordung der römischen Händler weist darauf hin. Daneben wurden germanische Truppen sowohl im römischen Bürgerkrieg eingesetzt, wo sie ohne feste Bindung, sowohl auf der Seite des Triumvirats, als auch der Anhänger der Republik kämpften.16 Die spätere Prätorianergarde, die Leibwache des Kaisers, bestand zum Teil aus Germanen und der Klientelkönig Herodes erhielt von Augustus 400 Germanische Krieger als Leibwache.17

Um 20 v. Chr. trat Agrippa seine zweite Statthalterschaft in Gallien an. In der Forschung ist die Frage diskutiert worden, ob die Ansiedlung der Ubier rechts des Rheins, im Gebiet des heutigen Köln, in diesen Zeitraum fällt oder bereits früher, vor 36 v. Chr., erfolgte. Würde man von einer Ubier Ansiedlung um 20 v. Chr. ausgehen und dieses Ereignis mit der Ansiedlung weitere Stämme rechts des Rheins, wie den Channefaten oder den Batavern (ca. 12 v. Chr.), im selben Zeitraum oder danach in Verbindung setzen, ergäbe sich ein sichtbarer Einschnitt in der römischen Germanienpolitik.18 Nicht mehr allein sporadische Kriegszüge und Söldneranwerbungen bestimmten das Bild. Vielmehr stände der Versuch dahinter die Rheingrenze durch die bewusste Ansiedlung verbündeter Germanenstämme zu befrieden.

Fakt ist, dass bereits um 36 eine batavische Leibwache Octavians nachgewiesen ist.19 Möglicherweise würde damit die Bataver Ansiedlung vorher erfolgt sein müssen. Durch eine Landzuweisung von Rom wäre ein besonderes Treueverhältnis entstanden, das die Abstellung von batavischen Kriegern als Leibwache des principes rechtfertigen würde. Geht man von einer Bataver Umsiedlung bereits vor 36 v. Chr. aus, hätte die Ubier Ansiedlung um 20 v. Chr. nichts innovatives. Eine Veränderung der Germanienpolitik könnte damit nicht angenommen werden.20

In der neueren Forschung wird eher letzteres angenommen. Dabei muss auch mit einbezogen werden, dass bereits Cäsar germanische Ansiedlungen auf gallischem Boden duldete.21 Zwar wurde das Militärlager Novaesium möglicherwiese um 20 v. Chr. am Rhein angelegt, was auf eine bewusste Truppenverlegung hindeuten könnte. Doch Dieter Timpe selbst zweifelte an einem Zusammenhang mit den Umsiedlungsaktionen.22 Die römische Germanienpolitik von 55 bis 16 v. Chr. wäre damit als eine pragmatische Kombination aus vereinzelten Strafexpeditionen über den Rhein und Bündnispolitik, verbunden mit der Ansiedlung verbündeter Germanenstämme im Rechtsrheinischen zu beschreiben. Ein Einschnitt um 20 v. Chr. unter Agrippa wäre nicht feststellbar. Folglich eine Politik des Treibenlassens, ohne festen Plan.23

Für einen deutlichen Einschnitt sorgte erst die Clades Lolliana um 17 oder 16 v. Chr. Eine Gruppe Sugambrer war über den Rhein eingefallen, hatte eine römische Reiterabteilung geschlagen und schließlich den Legaten M. Lollius, der mit einer Legion gegen sie vorrückte, besiegt.24 Nicht zuletzt wurde ein römisches Feldzeichen entwendet. Augustus war über diesen Einfall offenbar so entsetzt, dass er persönlich an den Rhein reiste.25 Ob die Clades Lolliana tatsächlich der Auslöser für den nun folgenden Politikwechsel war, ist wohl nicht feststellbar.

[...]


1 Reinhard Wolters: Römische Eroberung und Herrschaftsorganisation in Gallien und Germanien. Zur Bedeutung und Entstehung der Klientel Randstaaten. Bochum: Brockmeyer, 1990, S. 134.

2 Dieter Timpe: Römisch Germanische Begegnungen in der späten Republik und frühen Kaiserzeit. Voraussetzungen-Konfrontationen-Wirkungen, gesammelte Studien. München: Saur, 2006, S. 151.

3 Jochen Bleicken. Augustus. Eine Biographie. Berlin: Alexander Fest Verlag, 1998, S. 569.

4 Caesar Gall. 6, 21-33.

5 Wolters: Römische Eroberung S. 140.

6 Ebenda S. 135.

7 Ebenda S. 137.

8 Dietwulf Bartz/ Fritz-Rudolf Herrman (Hrsg.): Die Römer in Hessen. Stuttgart: Konrad Theiss Verlag, 1982, S.38.

9 Timpe: Römisch-Germanische Begegnungen S. 149.

10 Wolters: Römische Eroberung S. 138 f..

11 Timpe: Römisch-Germanische Begegnungen S. 151.

12 Cassius Dio 53, 26, 4.

13 Vgl. Timpe, Römisch-Germanische Begegnungen S. 155, S. 160 f.; Wolters, Römische Eroberung S. 143f, S. 147 f..

14 Cassius Dio 51, 21, 5-6.

15 Ebenda S. 135.

16 Ebenda S. 134.

17 Josephus Flavius: Bellum Iudaicum 1, 33, 9 (§§ 198-199).

18 Timpe: Römisch-Germanische Begegnungen S. 163.

19 Appianus: Die Bürgerkriege. Stuttgart: Hiersemann, 1989, a. 420 f..

20 Reinhard Wolters: Römische Eroberung S. 143 ff..

21 Diershaus: Das swebische Gräberfeld von Diersheim : Studien zur Geschichte der Germanen am Oberrhein vom gallischen Krieg bis zur alamannischen Landnahme. Berlin: de Gruyter, 1966, S. 194 f..

22 Timpe: Römisch-Germanische Begegnungen S. 161.

23 Timpe: Römisch-Germanische Begegnungen S. 156.

24 Vgl. Velleius Paterculus 2, 97; Cassius Dio 54, 20, 4-6.

25 Bleicken: Augustus. S. 571.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640981403
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176730
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Schlagworte
Kaiser Augustus Varus Drusus Germanien Germanienpolitik Außenpolitik des römischen Reiches römisches Reich

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