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Aspekte der Postmoderne in Carl Einsteins „Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders“

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ihab Hassans parataktische Liste

3. Intertextualität
3.1. Hybridisierung
3.2. Auflösung des Kanons
3.3. Das Nicht-Zeigbare, das Nicht-Darstellbare
3.4. Immanenz

4. Selbstreflexivität
4.1. Konstruktcharakter
4.2. Ironie

5. Offenheit
5.1. Verlust von Ich und Tiefe
5.2. Fragmentarisierung
5.3. Unbestimmtheit
5.4. Das Ende des Romans
5.5. Performanz, Teilnahme

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Carl Einsteins „Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders“1 enthält zahlreiche Rezeptionshinweise, logozentrische Schlussfolgerungen respektive vereinheitlichende Interpretationsansätze fallen zu lassen. Wie sich im Fortgang der Arbeit zeigen wird, werden in dem Werk traditionelle Muster, die Einheit an sich, sowie Vernunft und Logik, generell abgelehnt. In Anbetracht dessen erweisen sich logozentrische Deutungen als einschränkende Mittel, die den erkennbar gewollt offenen Zugang zum Text verschließen. Vielmehr ist eine Kritik an eindeutigen Sinneszuweisungen ein augenscheinliches Motiv des Textes. Obendrein wird der Rezipient durch eine Fülle an Widersprüchen, auch unter Verwendung von Ironie und phantastischen Elementen, bei dem Versuch, eine einheitliche Bedeutung herauszuarbeiten, geradezu verschaukelt. Das Werk bietet somit vielmehr eine Multiperspektivität an, als bisher in der Forschung angenommen.2 Die Darstellungsweise des Textes und die im Text enthaltenen Proklamationen erinnern offenkundig an die Postmoderne-Diskussion, obgleich der Text schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasst wurde.3 Diese Feststellung ist zugleich die Grundlage der vorliegenden Arbeit. Es soll gezeigt werden, dass sich der erste Eindruck der Lektüre hinsichtlich der Postmoderne bestätigt. Infolgedessen setzt sich vorliegende Arbeit zum Ziel, die postmodernen Strukturmerkmale, das postmoderne Potenzial des Textes, näher zu bestimmen. Zu diesem Zweck wird der Text unter Bezugnahme der parataktischen Liste postmoderner Literaturproduktion und reflexion von Ihab Hassan4 analysiert. Zudem werden auch weitere theoretische Äußerungen der Postmoderne-Diskussion von Francoise Lyotard, Roland Barthes und Jacques Derrida herangezogen.

2. Ihab Hassans parataktische Liste

Ihab Hassan arbeitet in seinem Essay „Postmoderne heute“ eine Vielzahl an Merkmalen postmoderner Literaturproduktion und -reflexion heraus. Insgesamt lässt sich die sogenannte parataktische Liste in drei übergeordnete Kategorien aufteilen: Intertextualität, Selbstreflexion und Offenheit. Im Folgenden wird jeder Teilaspekt der eben genannten Überbegrifflichkeiten der parataktischen Liste aufgegriffen und auf den Text von Carl Einstein angewendet werden. Dabei lassen sich die aufgearbeiteten Textstellen und Charakteristika im „Bebuquin“, in Hinblick auf die Kategorisierungen der parataktischen Liste, nicht immer in eindeutiger Abgrenzung einem Merkmal zuordnen. Vielmehr überschneiden sich die Merkmale der parataktischen Liste zum Teil auf inhaltlicher Ebene und bedingen einander.

3. Intertextualität

Zu dem Bereich der Intertextualität zählen die Hybridisierung, die Auflösung des Kanons, die Immanenz und das Nicht-Zeigbare oder Nicht-Darstellbare. Nach Ihab Hassan ist die Hybridisierung die Verbindung heterogener Texte miteinander. Hassan benennt die intertextuell ausgerichteten Schreibweisen der Parodie, des Pastiche und der Travestie als Exempel. Die Folgen dieser Schreibweisen sind die „Entdefinierung“ und Deformation von kulturellen Genres. Daran knüpft die Auflösung des Kanons, was bedeutet, dass tradierte Legitimations- und Deutungsmodelle im Text abgelehnt werden. Das Nicht-Zeigbare, das Nicht-Darstellbare definiert Hassan als einen Grenzbereich, welcher außerhalb traditioneller Sinneszusammenhänge und Sinnesstiftungen liegt. Dieser Grenzbereich wird in postmoderner Literatur, zugleich auf selbstreflexiver Ebene, thematisiert. Der letzte Aspekt der Intertextualität ist die Immanenz. Sie bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich Texte nicht auf die Wirklichkeit beziehen, sondern nur auf andere Texte. Die Mimesis unterliegt einer Negation. Die Immanenz geht einher mit Derridas theoretischer Annahme: „Il n`y a pas de hors-texte“ - es gibt nichts außerhalb des Textes.5

3.1. Hybridisierung

Bei der Lektüre des Textes fällt von Beginn an eine Fülle an direkten Zitaten oder indirekten Verweisen auf, die auf andere Texte anspielen. Die philosophischen Systeme und Annahmen von Nietzsche (S.5), Schopenhauer (S.7), Kant (S.13) und Platon (S.20) werden im Text rezitiert und zum Teil ironisch eingebettet. Ferner spielt der Text auf weitere Größen aus den Bereichen der Literatur, der Kultur, sowie Religion und Kunsttheorie und der Wissenschaft an. Mit Phytagoras (S.16), Robert Mayer (S.19), Dante (S.20), Georg Büchmann (S.23), Max Rheinhardt (S.24) und Gabriel D’Annunzio (S.25) seien hier nur einige wenige erwähnt, die im Text explizit genannt werden. Der Text des „Bebuquin“ erhält dadurch einen besonderen Charakter, der an die Parodie oder den Pastiche erinnert.

Weiterhin weist der Text auch eine Intermedialität auf, die nicht ungenannt bleiben soll. Es Bilder werden deskriptiv nachgezeichnet. So erscheint die Beschreibung Euphemias im ersten Kapitel als eine Anspielung auf Zeichnungen und Radierungen von Félicien Rops. An anderer Stelle wird auf den Malstil des Pointillismus angespielt (S.19). Generell erinnern die Beschreibungen im „Bebuquin“ von grell ausgeleuchteten Straßenszenen und Interieurs an expressionistische Gemälde.6

Durch die intertextuellen Verweise und Zitate werden heterogene Texte, die verschiedenen philosophischen und kunsttheoretischen Systeme, in teils parodistischer Diskursentfaltung miteinander verbunden. Das kulturelle Genre des traditionellen Romans unterliegt einer Deformation und wird durch die Vielzahl der Verweise auf andere Texte entdefiniert.7

3.2. Auflösung des Kanons

In diesem Zusammenhang sei zu Beginn auf Roland Barthes verwiesen, der von einem Text sagt, er sei ein „vieldimensionaler Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen […] vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe aus Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.“8 Daraus folgt für Barthes die Abkehr von autorbezogenen Interpretationen. Hinsichtlich des „Bebuquin“ kann diese Folgerung verallgemeinert werden und zwar auf die Ablehnung von traditionellen Interpretationsmodellen. Die implizierte Multiperspektivität, der Pluralismus, der durch die programmatisch geführten Diskurse der Figuren offenbart wird, einschließlich der geforderten Abkehr von Logik (z.B. S.7, 10, 11-12, 36, 40) und Vernunft (z.B. S.18-19,39), führt zur Auflösung eines Kanons. Die Einheitlichkeit wird subvertiert. Der Text kann beispielsweise nicht auf eine bestimmte philosophische Sichtweise reduziert und dahingehend einheitlich interpretiert werden. Durch die intertextuelle und interpretatorische Vielfältigkeit, sowie durch die sich ständig wiederholende Reflexion, distanziert sich der Text von traditionellen Legitimations- und Deutungsmodellen.

Auf formaler Ebene wird die traditionelle Funktion des Erzählers gebrochen und Bebuquin übernimmt die Funktion des Erzählers, indem er den Text eigenmächtig abschließt.9

Einher mit dieser Ablehnung geht die Verweigerung der Tradition auf Inhaltsebene. Auffälligste Sinnbilder der Tradition im Text sind der Jahrmarkt, das Museum, der Zirkus und das Theater. Diese Örtlichkeiten bzw. Attraktionen bieten die Besichtigung der kulturellen Tradition, werden von Bebuquin jedoch gemieden. Demzufolge lehnt es der Protagonist ab, den Geist seiner Mutter (S.1), das Geschichtliche seiner Existenz und die allgemeine Zusammensetzungen seines Seins zu sehen und zu reflektieren.10

3.3. Das Nicht-Zeigbare, das Nicht-Darstellbare

Analog zu Ihab Hassan sei auf Francoise Lyotard verwiesen, welcher von der Kunst, bzw. der Literatur fordert, von dem Versuch die Wirklichkeit darzustellen, Abstand zu nehmen und dem Ganzen im Namen der Postmoderne den Krieg erklärt.11 Nach Lyotard soll das Nicht-Darstellbare Gegenstand postmoderner Kunst sein:

„Es sollte endlich Klarheit darüber bestehen, daß es uns nicht zukommt, Wirklichkeit zu liefern, sondern Anspielungen auf ein Denkbares zu erfinden, das nicht dargestellt werden kann. […] Krieg dem Ganzen, zeugen wir für das Nicht-Darstellbare […].“12

Dieser Forderung scheint „Bebuquin“ in weiser Voraussicht entgegen gekommen zu sein, denn im Text ist das Nicht-Zeigbare, das Nicht-Darstellbare ein zentrales Thema. Das überdeterminierte Motiv des Wunders, respektive dessen Suche, fungiert als die Anspielung auf etwas Denkbares, das jedoch im Fortgang des Textes nicht erreicht oder erfahren werden kann. Das Wunder liegt außerhalb des Vorstellungsvermögens der Figuren und kann infolge dessen von den Figuren auch nicht ausreichend definitorisch erfasst werden. Die Phantastik, das rauschhafte Erleben von Sexualität, die Spiritualität, die Religion und der Alkoholrausch sind zunächst praktizierte, schließlich aber ungenügende Ersatzhandlungen auf dem Weg ein Wunder zu erfahren. Diese Ersatzhandlungen werden zunächst als Wunder dargestellt, entpuppen sich aber als Illusionen.13 Folglich scheitert diese Suche nach einem Wunder und einher, auf Ebene der Darstellung des Textes, die Darstellung des Wunders. Das Wunder ist auf Handlungsebene nicht erfahrbar und für den Rezipienten nicht darstellbar. Was zurück bleibt, ist der menschliche Dilettantismus und eben dieser steht bezeichnend für die Unmöglichkeit einer angemessenen Erfassung und Darstellung Die Vernunft erweist sich beispielsweise explizit als unzureichendes Mittel der Darstellung der Wirklichkeit und das durch Vernunft verursachte Verharren auf Einheit wird kritisiert:

„Die Vernunft macht zu viel Großes, Erhabenes zum Grotesken, Unmöglichen. An der Vernunft ruinierten wir Gott die umfassende Idiosynkrasie./ Welches Recht hat die Vernunft dazu. Sie sitzt./ Auf der Einheit./ Da sitzt die Gemeinheit.“ (S.18)

[...]


1 Carl Einstein: Bebuquin. Hrsg. von Erich Kleinschmidt. Stuttgart 1985.

Alle in dieser Arbeit eingebundenen Zitate aus dem Primärtext beziehen sich auf diese Ausgabe. Die entsprechenden Seitenzahlen werden in Klammern angegeben.

2 In der Forschung wurde der Aspekt der Mehrdeutigkeit zwar schon teilweise abgehandelt, diese wurde jedoch meist nicht als entscheidender Bedeutungsträger empfunden. Vergleiche dazu: Thomas Krämer: Carl Einsteins „Bebuquin“: Romantheorie und Textkonstitution. Würzburg 1991. S. 79f. Auf zwei Arbeiten, welche die Mehrfachdeutungsmöglichkeiten des „Bebuquin“ insbesondere herausstellen, wird später unter dem Thema der Offenheit Bezug genommen.

3 Die Erstausgabe der ersten vier Kapitel erfolgte 1907 in der Zeitschrift „Die Opale“, die komplette Fassung wurde 1912 erstmalig veröffentlicht. Zu Entstehung siehe: Klaus H. Kiefer: Äternalistisches Finale oder Bebuquins Aus-Sage. Carl Einsteins Beitrag zu Postmoderne. In: Neohelicon, Volume 21. (1994), S.13-46. S. 13-19.

4 Ihab Hassan: Postmoderne heute. In: Welsch, Wolfgang (Hrsg.): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Weinheim 1988. S. 47-56.

5 Jacques Derrida: Grammatologie. 1. Aufl. Frankfurt am Main 1974.

6 Kiefer: Carl Einsteins Beitrag zu Postmoderne. S. 23.

7 An dieser Stelle soll nicht weiter auf die inhaltlichen Bedeutungen der Verweise eingegangen werden, sondern nur das Phänomen des hohen Grades an Intertextualität als solches genannt sein. Für weitere Ausführungen zu den Auswirkungen der eingebrachten Intertextualität siehe: Andreas Kramer: Die „verfluchte Heredität loswerden“. Studie zu Carl Einsteins „Bebuquin“. Münster 1990. S. 97 f.

8 Barthes, Roland: Der Tod des Autors. In: Jannidis, Fotis / Lauer, Gerad / Martinez, Matias / Winko, Simone (Hrsg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart 2000, S. 190.

9 Vgl. dazu: Kiefer: Carl Einsteins Beitrag zur Postmoderne, S. 28.

10 Vgl. dazu: Krämer: Romantheorie und Textkonstitution, S. 84-85.

11 Francoise Lyotard: Beantwortung der Frage: Was ist postmodern. In: Wege aus der Moderne: Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Hrsg. von Wolfgang Welsch. Weinheim 1988. S. 193-203. S. 203.

12 Lyotard, Francoise: Beantwortung der Frage: Was ist postmodern. In: Wege aus der Moderne: Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Hrsg. von Wolfgang Welsch. Weinheim 1988. S. 203. Zur weiteren Bezugnahme Lyotards hinsichtlich Einsteins genereller Kunsttheorie siehe: Jochen Schulte-Sasse: Carl Einstein or the postmodern transformation of modernism. In: Modernity and the Text. Revisions of German Modernism. Hrsg. von Andreas Huyssen / David Bathrick. New York 1989. S. 36-59.

13 Eine übersichtliche Darstellung der Wundersuche, bzw. des Wunders und dessen Paraphrasierungen siehe: Fota, Laura: „Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders“. Kritik einer Welt, in der das Wunder unmöglich geworden ist. In: Germanistische Beiträge 17-18, 2003-2004, S. 29-54.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640981199
ISBN (Buch)
9783640981212
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v176721
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Neuere Deutsche Literatur- und Medienwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Carl Einstein Bebuquin Postmoderne Avantgarde

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